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Wie eine kriminelle Bande Krebsmedikamente nach Deutschland schmuggelte - Gefahr für Patienten

Jahrelang schmuggelte eine organisierte Bande sensible Krebsmedikamente aus Griechenland und exportierte sie nach Deutschland. Dabei wurden die teuren Arzneien abenteuerlich gelagert und transportiert - Kühlketten sollen unterbrochen worden sein. Die Folge: Bei diesen Medikamenten war die Qualität und Wirksamkeit nicht mehr gesichert. Trotzdem wurden sie durch einen deutschen Pharmahändler vertrieben. Die zuständige Aufsichtsbehörde hat erst viel zu spät das kriminelle Geschäft bemerkt und auch dann nicht gehandelt. Während der Skandal in Griechenland längst öffentlich ist, wurde hierzulande niemand informiert - es gab weder eine Warnung noch einen Rückruf der Krebsmedikamente. Der Import von solch sensiblen Arzneimitteln stellt ein Risiko für Patienten dar.

Anmoderation: Eine Krebsdiagnose ist für Patienten und ihre Angehörigen ein schwerer Schlag. Umso mehr hoffen Betroffene auf Therapien und Medikamente. Doch was, wenn sich rausstellt, dass es sich bei den Medikamenten um Diebesgut handelt oder sie vielleicht gar nicht mehr wirksam sind? Meine Kollegen Kaveh Kooroshy und Caroline Walter zeigen in einer exklusiven Recherche, wie Kriminelle gestohlene Krebsmedikamente quer durch Europa schmuggeln und damit die Gesundheit von Patienten aufs Spiel setzen.

Wir sind in Athen - es ist der Ausgangspunkt eines unglaublichen Pharmaskandals, von dem auch deutsche Patienten betroffen sind. Ohne es zu wissen - bis heute.

In Griechenland gab es zahlreiche Verhaftungen von Mitgliedern einer kriminellen Bande, die Krebsmedikamente nach Deutschland schmuggelte.

Theodoros Chronopoulos, Polizei Griechenland:
"Diese kriminelle Organisation hat mit ihren illegalen Taten großen Profit gemacht und erheblichen Schaden für den griechischen Staat angerichtet."

Wir sind an einer großen staatlichen Klinik Athens. Hier aus der Klinikapotheke wurden über mehrere Jahre teure Krebsmedikamente gestohlen. Mit verwickelt auch Ärzte und Krankenschwestern. Es war nicht die einzige Klinik, in der Krebsarzneien abhandenkamen. Wie es genau ablief, ist noch unklar. Aber viele griechische Patienten befürchten jetzt, dass ihnen Krebsmedikamente vorenthalten oder nicht voll verabreicht wurden.

Patientin:
"Eine Schande! Was die Täter angerichtet haben. Sie haben kranken Menschen die Hoffnung genommen, gesund zu werden."

Frage Kontraste:
"Haben Sie Angst?"

Patientin:
"Sehr, ich bin Krebspatientin und fühle mich sehr schlecht."

Patient:
"Das sind Mörder - alle, vom Kleinsten bis zum Größten."

Wir begeben uns auf die Spur der Kriminellen: Dreh- und Angelpunkt des illegalen Geschäfts war diese unscheinbare Apotheke in Athen. Dahinter steckt ein Deutscher: Mohammed Deyab Hussein. Er soll von hier aus den illegalen Export der Medikamente nach Deutschland organisiert haben. Mittlerweile sitzt er in Griechenland in Haft.

Im griechischen Gesundheitsministerium sorgt man sich auch um die Patienten in Deutschland - wegen der Qualität der gestohlenen Medikamente.

Pavlos Polakis, Stellvertretender Minister für Gesundheit:
"Wir wissen, dass der Transport von diesen Medikamenten nicht ordnungsgemäß verlaufen ist und die Bedingungen für diese hochsensiblen Mittel, wie entsprechende Kühlung, nicht gegeben waren. Wir sprechen hier von einer illegalen Bande, die sich offensichtlich nicht um medizinische Anforderungen gekümmert hat."

Wir erfahren, dass die Krebsarzneien auch in diesem Fischmarkt zwischengelagert wurden. In Koffern habe man sie hierher gebracht. Wir müssen vorsichtig sein - griechische Kollegen wurden von den Fischhändlern schon bedroht. Kuriere sollen dann die heiße Ware per Flugzeug nach Deutschland geschmuggelt haben.

Apotheker Franz Stadler zweifelt schon lange an importierten Arzneimitteln. Wir zeigen ihm unsere Liste der Medikamente, die illegal nach Deutschland eingeführt wurden. Er befürchtet, dass mehrere Krebsarzneien auf dem Weg Schaden genommen haben.

Dr. Franz Stadler, Apotheker:
"Das sind sehr sensible Wirkstoffe, und die müssen zwischen zwei und acht Grad gelagert werden, in aller Regel. Wenn das nicht gewährleistet ist und längere Zeit unterbrochen ist, dann fangen diese Proteine an zu klumpen, sich zu verändern und es geht Wirkung verloren. Und das ist für den Patienten eine total schlechte Nachricht."

Die gestohlenen Krebsmedikamente sind also ein Risiko für Patienten in Deutschland - ihre Wirkung nicht mehr sicher.

Kontraste liegen die Akten griechischer Ermittler vor. Sie zeigen, wer in das kriminelle Geschäft verwickelt war. Es lief mehrere Jahre bis Anfang 2017. Geliefert wurde an einen Pharmahändler in Brandenburg namens Lunapharm: Krebsarzneien für Millionen von Euro, das geht aus Rechnungen hervor. Lunapharm wiederum verkaufte den Import in ganz Deutschland.

Laut Akten bekamen die griechischen Behörden im Herbst 2016 einen anonymen Hinweis. Darin wurde Lunapharm explizit in Bezug auf illegalen Pharmahandel genannt.

Die griechische Arzneimittelbehörde informierte daraufhin die Aufsichtsbehörde in Deutschland. Zuständig für den Pharmahändler ist das Gesundheitsministerium in Brandenburg.

Kontraste liegt der Email-Verkehr zwischen den Behörden vor. Die Griechen bestätigen sofort und mehrmals, dass ein gefährlicher Handel stattgefunden hat. Aber die Brandenburger Kontrolleure wollen nicht durchgreifen.

So heißt es in einer E-Mail nach Athen:
"Der Fall ist, würden wir einen Rückruf aller Medikamente verhängen, könnte dies im Bankrott der Firma enden."

Der Schutz der Patienten war offenbar zweitrangig. Es gab keine Warnung vor den geschmuggelten, womöglich unwirksamen Krebsmedikamenten.

Wir wollen von Prof. Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft wissen, wie er das Vorgehen der Aufsichtsbehörde bewertet.

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft:
"Ich finde es verantwortungslos. Ich denke, die Behörden hätten gerade angesichts der Tatsache, dass diese Krebsmedikamente sehr, sehr wichtig für die Patienten sind, auch für die Verbesserung der Prognose möglicherweise ihrer Erkrankungen, sofort informieren müssen und hätten dafür sorgen müssen, dass diese Medikamente so rasch wie möglich aus dem deutschen Markt verschwinden."

Doch die Behörde in Brandenburg wirkte völlig überfordert mit diesem Fall. So schrieb sie an die griechischen Kollegen:

Zitat:
"Lunapharm bereitet im Moment großen Ärger. Ich hatte gerade Kontakt zum LKA, die überlegen Interpol einzuschalten - vielleicht bringt das Licht ins Dunkel."

Dabei war der Kopf des Netzwerkes hier bereits aktenkundig. Es ist der Deutsche, der die griechische Apotheke managte.

Zitat:
"Herr Deyab Hussein ist den Behörden in Brandenburg gut bekannt. Vor sieben Jahren haben wir seiner Firma Rheingold Pharma Medical die Lizenz als Pharmahändler entzogen wegen schwerer Verstöße gegen deutsche Gesetze."

Die Firma Rheingold - sie ist offenbar wieder Drahtzieher. In den Akten entdecken wir: Lunapharm sollte für die Medikamente nicht an die Apotheke in Griechenland zahlen, sondern auch direkt an Rheingold. Stecken etwa Lunapharm und Deyab Hussein unter einer Decke? Beide streiten ab, illegal gehandelt zu haben.

Wir versuchen, mit der Geschäftsführerin von Lunapharm zu sprechen. Sie gibt sich ahnungslos.

Frage Kontraste:
"Welche Verbindung haben Sie zu Rheingold Pharma?"

Susanne Krautz-Zeitel, Geschäftsführerin Lunapharm:
"Rheingold Pharma hatten wir vor vielen, vielen Jahren mal eine Geschäftsbeziehung gehabt."

Frage Kontraste:
"Aber Sie hatten keine Geschäftsbeziehung mehr?"

Susanne Krautz-Zeitel, Geschäftsführerin Lunapharm:
"Das ist jetzt auch bestimmt fast zehn Jahre her, würde ich mal denken."

Von wegen. Die letzte Rechnung, die an Rheingold bezahlt wurde, ist von Ende 2016.
Mehr will sie dazu nicht sagen.

Die Staatsanwaltschaft hat die Firma jedenfalls schon durchsucht. Das Verfahren läuft.

Dorina Dubrau, Staatsanwaltschaft Potsdam:
"Es geht vorrangig um den Tatvorwurf der Hehlerei. Es wird aber auch das Arzneimittelgesetz, jedenfalls Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, geprüft."

Trotz dieser Ermittlungen spielt das Gesundheitsministerium in Brandenburg den Fall Lunapharm herunter.

Zitat:
Es "...liegen keine Hinweise vor, dass mit Arzneimitteln, die Gegenstand von Straftaten geworden sind oder die in ihrer Qualität beeinträchtigt sind, gehandelt wurde."

Kein Hinweis, obwohl die Justiz ermittelt? Wir haken bei der Gesundheitsministerin Diana Golze persönlich nach.

Frage Kontraste:
"Frau Golze, nochmal die Frage, möchten Sie nicht darauf antworten?"

Diana Golze, Gesundheitsministerin Brandenburg:
"Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, als Sie schriftlich haben, daran ändert auch ein Überfall nichts."

Frage Kontraste:
"Aber es geht um Medikamentenhandel, wo Patienten gefährdet sind?!"

Selbst die oberste griechische Arzneimittelbehörde wundert sich über das Vorgehen der Deutschen.

Ioannis Malemis, Griechische Arzneimittelaufsicht EOF:
"In dem Moment, als die Information aus Griechenland kam, dass hier etwas nicht stimmt und in Deutschland illegale Medikamente in Umlauf sind, hätte man die Öffentlichkeit informieren können."

Doch bis heute ist Lunapharm weiter als Pharmahändler gelistet. Apotheker Stadler testet für uns, ob er noch Krebsmedikamente über die Firma bestellen kann. Das Mittel kommt an, dieses Mal ist es aus der Slowakei. Dass dem Händler die Erlaubnis nicht entzogen wurde - für den Apotheker unverständlich.

Dr. Franz Stadler, Apotheker:
"Muss ich sagen, ist ein Skandal, verstehe ich nicht. Weil da funktioniert unser System nicht mehr. Wir können die Wirkung nicht kontrollieren."

Kriminelle, die unkontrolliert Medikamente hierher schmuggeln. Behörden, die versagen und schwerkranke Patienten, die von alldem nichts erfahren.

Beitrag von Kaveh Kooroshy & Caroline Walter

Abmoderation:  Noch ein Hinweis: Wenn Sie sich nach diesem Beitrag jetzt möglicherweise Sorgen machen, dann unternehmen Sie besser nichts - ohne Rücksprache mit ihrem Arzt zu halten.

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