Profit geht vor Kindeswohl - Kindermedizin unter Druck

In Deutschland gibt es über 2 Millionen chronisch kranke Kinder. Immer öfter werden sie nicht mehr so versorgt, wie sie es eigentlich bräuchten – mit fatalen Folgen für die kleinen Patienten. Die Behandlung, die aufwändig und teuer is, lohnt sich für die Kliniken oftmals nicht. Das zeigt eine aktuelle Studie der Uni Köln. Defizitäre Abteilungen werden abgebaut oder gleich ganz dicht gemacht  - es kommt zu Unterversorgung in ganzen Regionen.
 

Anmoderation: Unser Beitrag über die völlig überlasteten Kinderkliniken hat ordentlich Wellen geschlagen, viele empört. Und: Es geht weiter. Jetzt verhängte die größte Uni-Klinik des Landes, die Charité hier in Berlin, einen Aufnahmestopp auf ihrer Kinderkrebsstation. Heißt: Schwerkranke Kinder werden dort abgewiesen - weil niemand sie behandeln kann. Personalmangel, der wird oft angeführt, wenn Kinderstationen auf Sparflamme gefahren werden. Das ist aber eben nur ein Posten in einer großen Rechnerei zulasten der Kinder. Andrea Everwien und Lisa Wandt.

Vergangenen Freitag im mecklenburgischen Parchim. Claudia Schmidt hat gerade erfahren, dass die Kinderklinik endgültig dichtgemacht wird. Die junge Mutter ist verzweifelt. Mit ihren zwei Frühchen ist sie auf ein Kinderkrankenhaus vor Ort angewiesen.

Claudia Schmidt

"Das ist furchtbar, das ist eine Katastrophe, gerade weil man dann so weit fahren muss, Schwerin, weiß auch Rostock, gerade so kinderchirurgisch oder so und von Parchim aus ist das natürlich ein ganz schönes Stück."

Betreiber ist der private Klinik-Konzern Asklepios. Statt der Kinderklinik mit rund 16 Betten soll es künftig nur noch 4 Betten geben – und nur einen Kinderarzt, der nur tagsüber da ist.

Nachts sollen die Kinder mit dem Hubschrauber nach Schwerin geflogen werden. Einen Landeplatz dafür gibt es aber noch nicht.

Gesundheitsminister Harry Glawe von der CDU war am Freitag nach Parchim gereist, um diese Tagesklinik-Lösung als Erfolg zu verkaufen, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Asklepios. Als Minister ist er dafür verantwortlich, die Versorgung der Kinder Tag und Nacht sicherzustellen.

Kontraste

"Everwien, ARD-Magazin Kontraste. Ich hätte noch eine Frage an Sie Herr Minister, der Sicherstellungsauftrag, wie können Sie den gewährleisten? In der Nacht ist die Tagesklinik geschlossen, wie wird die dann denn gewährleistet?"

Harry Glawe (CDU), Gesundheitsminister

"Wenn Sie richtig zugehört hätten, dann habe ich gesagt, dass die Versorgung durch den Maximalversorger Schwerin über 24 Stunden sichergestellt wird."

Nach Schwerin fährt man rund 50 Minuten – zu lange, wenn es um ein krankes Kind geht, sagt die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin schon seit Jahren. Und mit dieser Notlösung müssen die betroffenen Eltern schon seit Anfang Juni klarkommen – die Kinderklinik war seitdem vorübergehend stillgelegt. Wegen Ärztemangels, sagt der Klinik-Betreiber Asklepios.

Guido Lenz, Asklepios, Regionalgeschäftsführer Nord-Ost II

"Eine Pädiatrie zu schließen ist niemals eine wirtschaftliche Entscheidung und war es auch in diesem Fall ganz besonders nicht. Es ist der reine Ärztemangel, der uns dazu zwingt, das Versorgungsangebot einzustellen."

Nach unseren Recherchen kann man das bezweifeln. Immerhin wurde dem einstigen Chefarzt gekündigt. Über die Kündigung wurde Ende Juli dieses Jahres sogar vor dem Arbeitsgericht Schwerin verhandelt.

Erstaunlich: Auf Kontraste-Anfrage bestreitet Asklepios die Kündigung jedoch und erklärt, dass sie:

"gegenüber dem Chefarzt der Pädiatrie keine Kündigung ausgesprochen haben."

Kleinere Kinderkliniken sind eher ein Verlust-Geschäft: Um die 24-Stunden-Versorgung sicherzustellen, bedarf es spezialisierter Ärzte und Pflegekräfte. Dieses Personal muss vorgehalten und bezahlt werden, obwohl es auf dem Land meist nicht genug Patienten gibt - also Fälle, die Geld einbringen.

Protest-Demo am Dienstag vor der Staatskanzlei in Schwerin: Viele Menschen in Parchim und Umgebung sind sauer auf Gesundheitsminister Glawe. Auch der SPD-Landrat ist empört und vermutet hinter der Schließung finanzielle Gründe.

Stefan Sternberg (SPD), Landrat Ludwigslust-Parchim

"Am Ende sind es Konzerne, die diese Krankenhauslandschaft prägen und die dann auch mal ganz schnell gucken zwischen Daumen und Zeigefinger, ob sich das noch rechnet und ich glaube einfach, dass Parchim ein Opfer der Daumen- und Zeigefingerpolitik so eines Konzerns ist."

Vielerorts werden Kliniken geschlossen. Bundesweit ist die Zahl der Kinderbetten seit 1991 von fast 32.000 auf gut 18.000 zurückgegangen. Während es insgesamt mehr kleine Patienten gibt, darunter immer mehr chronisch kranke Kinder.

Eines davon ist die siebenjährige Nika. Regelmäßig muss sie zur Ergotherapie, denn sie hat eine rheumatische Erkrankung. Hier lernt sie, sich selbst zu helfen: Mit diesem Ring kann sie die Finger massieren, wenn die Gelenke schmerzen.

Mutter und Kind

"Deine Finger sind zu dick. Ja genau, zu dick."

Mirja Blömer

"Die Hoffnung besteht dann, wenn es am Anfang erkannt wird und gleich richtig therapiert wird, dass es dann aufgehalten wird.

Noch ist Nika beweglich, doch Rheuma kann langfristig zur schmerzhaften Versteifung der Gelenke führen.

Regelmäßig muss sie deshalb zum Arzt. Weil es für chronisch kranke Kinder nur wenige niedergelassene Spezialisten gibt, bleibt oft nur der Gang in die Ambulanz der Uniklinik Gießen, wie heute.

Mirja Blömer

"Nika ist in einem Rheuma-Schub. Und wir brauchen jetzt eine neues Medikament und es müssen nochmal vorher Untersuchungen gemacht werden wie Kopf-MRT und so weiter und das zieht sich halt alles hin."

Doch auch in der Ambulanz der Uni-Klinik Gießen kommt Nika heute nicht dran. Kinder wie sie sind für Krankenhäuser meist ein Verlust-Geschäft: Sie müssen aufwändig ambulant behandelt werden, wofür die Kliniken oft nicht ausreichend vergütet werden.

Zufällig treffen Mutter und Kind vor der Klinik den Kinder-Rheumatologen. Der Arzt stellt der Familie immerhin einen baldigen Termin in Aussicht.

Mutter und Arzt

"Wir sehen uns nächste Woche. Alles klar, danke schön."

Professor Klaus-Peter Zimmer leitet die Kinderklinik der Uni Gießen. Er weiß: Immer wieder behandeln Ärzte chronisch kranke Kinder auch auf der Station - obwohl sie das mit den Kassen oft nur zum Teil abrechnen können.

Daher sind diese Kinder von so manchem Geschäftsführer ungern gesehen. Ein früherer Arbeitgeber gab das Prof. Zimmer sogar einmal schriftlich.

Prof. Klaus-Peter Zimmer, Leiter Pädiatrie Universitätsklinikum Gießen

"Wenn ich weiter so viele chronisch kranke Kinder behandle, dann wird man mir die Schwestern-Stellen und die Arzt-Stellen streichen, damit ich nicht mehr auf die Idee komme, sie zu behandeln. Das heißt, man hat mit solchen Mitteln natürlich indirekt versucht, zu vermitteln, das lohnt sich für uns nicht, hier wird nur ein negatives Budget kreiert, was andere im Klinikum bezahlen müssen, also man ist quasi so ein Schmarotzer in diesem System."

So offen wie Zimmer äußern sich nur sehr wenige Kinderärzte. Doch auch er hat von seinem Arbeitgeber die Auflage, nur über die allgemeine Entwicklung in der Kinderheilkunde zu sprechen.

Prof. Klaus-Peter Zimmer, Leiter Pädiatrie Universitätsklinikum Gießen

"Jeder Chefarzt in Deutschland kriegt mindestens einmal im Monat eine Bilanz von dem, was er erwirtschaftet. Und man wird ihn immer fragen, ob er sie nicht noch verbessern kann."

Bundesweit gibt es über zwei Millionen chronisch kranke Kinder. Sie leiden unter Diabetes, Asthma oder einer seltenen Erkrankung. Wie schwer es diese Kinder haben, zeigt eine Studie der Uni Köln, die derzeit für Furore sorgt. Sie belegt die zum Teil dramatischen Auswirkungen der Ökonomisierung in der Pädiatrie.

Grundlage sind zahlreiche Interviews mit Pflegekräften, Ärzten und Chefärzten an öffentlichen und privaten Kinderkliniken. Die Ärztin Annic Weyersberg spricht von einer zum Teil eklatanten Unterversorgung.

Dr. Annic Weyersberg, Ärztin, Ceres, Universität Köln

"Im Bereich der Versorgung von chronisch kranken Kindern scheint es im Einzelfall tatsächlich dazu zu kommen, dass Ärzte Krankheitsverläufe sehen, die sie seit Jahren bei Kindern nicht mehr gesehen haben, weil eben eine verspätete Diagnostik oder vielleicht auch eine verspätete Therapie erfolgt ist aufgrund dieser Unterversorgung."

Nika hatte kürzlich Kopfschmerzen, konnte ihre rechte Seite kaum mehr bewegen. Doch eine Frankfurter Klinik nahm die Mutter offenbar nicht ernst. Heute kam eine erste Diagnose: Verdacht auf Schädigung und Funktionsstörung des Gehirns.

Moderation: Jetzt ist was seltenes passiert: Kurz nachdem der Landesgesundheitsminister uns gegenüber behauptet hat, es sei alles in schönster Ordnung in Parchim – auch ohne rund um die Uhr besetzte Kindernotstation – hat ihn die Landesherrin zurückgepfiffen ...

Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommern

"Hier muss es zu einer anderen Lösung kommen. Wir sehen es sehr kritisch, dass die Träger offenbar Gewinne machen, viel Personal haben, aber an Stellen, wo sie nicht so viel Geld machen, sagen 'und das soll geschlossen werden', und das geht auf Kosten der Kinder in unserem Land und da machen wir nicht mit."

Beitrag von Andrea Everwien und Lisa Wandt

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