Absurde Obergrenze - Warum der Mindestabstand für Windkraftanlagen ungerecht ist

Ab 2020 wird für Windkraftanlagen ein Mindestabstand von 1000 Metern zu Siedlungen vorgeschrieben – so hat es die Groko vereinbart. Damit knickt die Regierung vor den lautstarken Protesten von Bürgern ein – mit fatalen Folgen für den Klimaschutz und die Windkraftbranche. Bei anderen Anlagen ist die Politik weniger zimperlich: Ein Großmastbetrieb mit mehr als 70.000 Hühnern darf in weniger als 300 Metern Abstand zu Wohnhäusern entstehen, trotz Gestank, Lärm und Keimen. In Datteln darf ein neues Kohlekraftwerk, das giftiges Quecksilber, Ruß und Lärm emittiert, nur wenige hundert Meter von Häusern entfernt in Betrieb gehen – eine ebenfalls geplante Windkraftanlage jedoch offenbar nicht. Kontraste zeigt, wie die Politik mit zweierlei Maß misst.

 

Anmoderation: Windenergie - gut, sauber, richtig, da sind sich fast alle einig - bis auf die, die direkt nebenan wohnen. Mehr als tausend Bürgeriniativen haben sich hierzulande schon gegen die Anlagen in Stellung gebracht. Und ER will ihnen Entgegenkommen. Peter Altmaier, Bundeswirtschaftsminister, will einen Mindestabstand für Windkraftanlagen durchsetzen. 1.000 Meter zu den nächsten Wohnhäusern. Blöd nur, dass dann viele Flächen nicht mehr infrage kommen, weniger Anlagen gebaut werden können. Der Wirtschaftsminister schwächt also einen ganzen Wirtschaftszweig und macht stattdessen einen auf Verbraucherschutz. Noch dazu von der hohlen Sorte: In anderen Bereichen ist man in Sachen Mindestabstand ... großzügiger. Chris Humbs hätte da mal ein paar Beispiele.

Wir sind in Golzow, einem Dorf ganz im Osten der Republik. Hier in den ehemaligen Kuhställen entsteht gerade eine Hühnermastanlage für etwa 72.000 Tiere. Da fällt viel Kot an. Dennoch darf der Investor die Belüftungsanlagen ohne die modernen Keimfilter betreiben - das erlaubt die Genehmigungsbehörde.

Und von 1.000 Meter Abstand ist hier nirgends die Rede. Lediglich 260 Meter entfernt steht das nächste Wohnhaus. Frisch renoviert. Golzower Bürger sind sauer auf den Großunternehmer - gleich gegenüber - und auf die Behörden.

Peter Tiedke, Anwohner

"Wesentlich ist das, dass diese Stallanlage viel zu dicht am Ort liegt, Sie produziert viele viel mehr Keime darunter auch resistente Keime als ein Kuhstall das jemals gekonnt hat."

Silvana Scharnow

"Und dieser Krach, dieser Lärm."

Behörden und Politiker sagen: der Abstand reicht. Da sei alles rechtens. Gewerbeansiedlung hat Vorrang. Und das bei gerade mal 1,5 erwarteten Arbeitsplätzen.

Baden-Württemberg. Bölgental heißt das Dorf und Probleme mit dem Abstand gibt es auch hier. Die Bürger protestieren gegen einen Steinbruch. Direkt vor dem Dorf soll er entstehen. Täglich wird dann gesprengt.

Stephanie Rein-Häberlen, Bürgerinitiative "Steinbruch Bölgental – Nein danke!"

"Die Nähe zur Wohnbebauung geht nicht…250 – 300 Meter. Das ist unzumutbar. Da muss was getan werden. Es ist traurig, dass niemand auf uns hört."

Was so ein Steinbruch in der Nachbarschaft bedeutet, wissen sie nur zu gut.

Keine zwei Kilometer entfernt ist einer - vom selben Betreiber, der nun in Bölgental die nächste Lagerstätte ausbeuten will.

Das Nachbardorf von Bölgental ist etwa 300 Meter von der Steinbruchkante entfernt – hier gibt es schon lange Proteste. Vor ein paar Jahren wurden die Sprengungen heftiger, sagen die Anwohner. An den Mauern bildeten sich Risse, der Putz platzte ab:

Margarete Kirchherr, Anwohnerin

"Das kommt wirklich hier an als wäre es ein kleines Erdbeben. Sie müssen sich des wirklich vorstellen: alles bebt, alles wackelt, die Schränke, es ist also wirklich furchtbar, es ist eine Zumutung."

Der Betreiber streitet ab, das alles habe nichts mit dem Steinbruch zu tun. Und überhaupt ginge es hier um wichtige Rohstoffe.

Nordrhein-Westfalen. Das Steinkohlekraftwerk Datteln 4 im 30.000 Einwohner-Städtchen Datteln. Das Werk ist neu und soll in ein paar Monaten ans Netz gehen. Die ersten vorsichtigen Tests laufen bereits. Die Kohle kommt aus Kolumbien oder Russland. Billig halt.

Eine Riesensauerei sei das alles, meint der Chef von der Bürgerinitiative gegen das Kraftwerk. 509 Meter sind es von seinem Haus bis zum Werksgelände, das hat er genau ausgemessen. Andere Häuser sind nur etwa 400 Meter entfernt.

Rainer Köster, Interessensgemeinschaft Meistersiedlung

"Das Teil hat einen Abdampfschwaden, der also laut Gutachten bis zu 4.000 Meter hochgeht. Und Gutachter haben festgestellt, dass es also bis zu 10 Prozent weniger Sonne in unserer Siedlung geben wird."

Lärm, Schwefeldioxid, Schwermetalle und Ammoniak kommen hinzu. Aber auch hier drückten Behörden und Politiker alle Augen zu. Schließlich geht es um die Stromversorgung, da sei der Schutz der Bürger zu vernachlässigen.

Übrigens: Neben dem Kraftwerk soll ein Windrad aufgestellt werden. Nach den Plänen der Bundesregierung wird das wohl nicht genehmigt. Es sind bis zum nächsten Wohnhaus nämlich nur 800 Meter.

Beitrag von Chris Humbs

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