IS-Rückkehrer - Warum der Staat auf radikalisierte Kinder und Jugendliche unvorbereitet ist

Hunderte Menschen in Flüchtlingslagern in Syrien und Irak warten auf Rückkehr nach Deutschland. Einige in der Türkei. Es sind deutsche Staatsbürger, die zum Teil beim IS aktiv waren, sowie deren Kinder. Wie ist der Staat auf möglicherweise radikalisierte Kinder und Jugendliche vorbereitet, wenn diese zurückkehren? Kontraste-Recherchen zeigen: Nicht gut genug.

Anmoderation: Die Maaßen-Affäre beschädigt den Verfassungschutz - dabei hat der jede Menge zu tun: So müssen die Verfassungsschützer rund 100 Familien im Blick haben, in denen mindestens ein Mitglied aus den Dschihadisten-Gebieten in Syrien und im Irak zurückgekehrt ist. Und bald dürften es noch mehr werden, denn in Lagern in Syrien warten viele deutsche Frauen mit ihren Kindern auf die Rückkehr. Oft sind diese Kinder traumatisiert, manche  ideologisiert und an der Waffe ausgebildet. Doch wie sollen die Behörden hierzulande mit ihnen umgehen? Georg Heil, Diana Kulozik und Nico Schmolke über die deutschen Kinder des Dschihad.

Ein Propagandavideo des sogenannten Islamischen Staates. Es ist nicht gestellt, in diesem Video werden Kinder tatsächlich zu Mördern. Die Botschaft ist klar: Neue Generationen von Dschihadisten stehen bereit. Schon die Kleinsten werden indoktriniert.

IS-Propagandavideo

"Ich gelobe Sheikh Abu Bakr Al-Baghdadi die Treue. Ich gelobe mit ihm auszuwandern und den Dschihad zu führen."

Takbir - Allahu Akbar

Rund 300 deutsche Kinder und Jugendliche sind mit ihren Eltern in die dschihadistischen Kampfgebiete in Syrien und im Irak gezogen oder dort geboren worden, schätzen deutsche Sicherheitsbehörden. Inzwischen sind viele Mütter mit ihren Kindern in Lagern wie diesem in Nord-Syrien und hoffen, von hier aus zurück nach Deutschland zu kommen.

Auf Kontraste-Anfrage teilt rund die Hälfte aller Bundesländer mit, dass sie insgesamt mit mehr als 100 minderjährigen Rückkehrern rechnen. Schon jetzt seien rund 40 zurück in Deutschland.

Geht von diesen Kindern eine Gefahr aus?

Julia Berczyk von der Beratungsstelle Hayat arbeitet mit Rückkehrerfamilien. Sie hält es für wichtig, jedes Kind individuell zu betrachten.

Julia Berczyk, Beratungsstelle Hayat       

"Generell ist davon auszugehen dass ein Großteil der deutschen Kinder die sich noch in Syrien, dem Irak befinden unter drei Jahre alt sind. Und von daher gehend die Wahrscheinlichkeit dass sie ideologisiert und radikalisiert sind sehr gering ist. Dass man mit ihnen auch gut arbeiten kann wenn sie zurückkommen. Kinder ab neun Jahren haben häufig eine ideologische Schulung erhalten. Teilweise die Jungen auch ein militärisches Training. Das dürfte aber eben nur einen geringen Teil der Kinder die wir zurück erwarten betreffen."

Wir sprechen mit einer Frau, die selbst im IS war: 2015 ging sie nach Syrien. Damals hielt sie es für ihre religiöse Pflicht, im selbsternannten Kalifat zu leben.

Doch schon nach einem Jahr flüchtete sie. Seitdem hat sie sich immer wieder klar vom IS distanziert und vor der Organisation gewarnt.

In Syrien lebte sie nach eigener Aussage die meiste Zeit in sogenannten Frauenhäusern. Den ganzen Tag wurden hier Gewaltvideos gezeigt – auch kleinen Kindern.

"Es ist so schlimm, ich kann es gar nicht aussprechen. Das Menschen sich so was antun. Das Video mit dem jordanischen Piloten. Die haben dem im Käfig verbrannt, lebendig. Die haben, die Frauen gefeiert auf dem Sofa da, die kleinen Kinder. Da hab ich gesagt 'Macht den kleinen Kindern die Augen zu, die werden traumatisiert.' 'Nein, die müssen das sehen!' Und die Kinder haben dann gefeiert."

Dass auch von in Deutschland radikalisierten Jugendlichen und sogar Kindern eine Gefahr ausgehen kann, zeigen Anschläge aus der Vergangenheit: Im Februar 2015 sticht eine 15-jährige einem Bundespolizisten am Hauptbahnhof in Hannover in den Hals und verletzt ihn lebensgefährlich. Im April 2016 zünden 16-jährige einen Sprengsatz an einem Sikh-Tempel in Essen. Im gleichen Jahr versucht ein Junge in Ludwigshafen Bomben zu legen an einem Weihnachtsmarkt und am Rathausplatz. Er war gerade einmal 12 Jahre alt und der bislang jüngste islamistische Täter in Deutschland.  

Der Salafismusexperte Ahmad Mansour appelliert an die deutschen Behörden, sich um Rückkehrer-Kinder zu kümmern und Konzepte zu entwickeln. Sonst könnten selbst die Kleinsten zur Gefahr werden.

Ahmad Mansour, Psychologe

"Diese Kinder kommen mit der Ideologie zurück. Und es ist unsere pädagogische Aufgabe diesen Kindern Alternativen zu zeigen, diesen Kindern zu zeigen dass es auch anders geht. Denn wenn sie ungestört weiter mit der Ideologie in Deutschland leben, dann spätestens wenn sie 12 oder 13 oder 14 Jahre alt sind, werden sie ein gewisses Risiko ausmachen in Deutschland. Und da müssen und dürfen wir nicht warten bis es dahin kommt."

Dieser Junge bräuchte dringend Hilfe. Wir nennen ihn Yussuf. Seine Mutter ist 2015 mit ihm zum IS ausgereist. Schon in Deutschland besuchte sie mit dem heute 12-jährigen salafistische Veranstaltungen, wo er auch den islamistischen Prediger Pierre Vogel traf.

Seine Mutter, wir nennen sie Merve, war in der salafistischen Frauenszene in Deutschland eine bekannte Person, hatte rund 5.000 Kontakte bei Facebook. Auch mit der späteren Aussteigerin chattete sie. Merve soll sie darin bestärkt haben, nach Syrien zu gehen.

"Ich hab ihr vertraut, ich hab ihr absolut vertraut, weil ich auch mit dem Gedanken ja gespielt habe dort runter zu gehen, habe ich mir gedacht, wenn da was nicht koscher ist, würde sie mir das schon sagen. Ich hab ihr vertraut."

Im Interview mit Kontraste sagt sich Merve vom IS los.

Kontraste

"Wie stehen Sie denn heute zum IS?"

Merve

"Ich habe mich schon früh vom IS losgesagt. Ich habe eingesehen, dass ich einen großen Fehler gemacht habe. Leider leben wir jetzt mit den Konsequenzen, die sehr schlimm sind."

Im Oktober 2016 fliehen Merve und Yussuf nach anderthalb Jahren aus dem IS. In diesem Video dankt Merve den Rebellen der Freien Syrischen Armee für die Hilfe bei der Flucht.

Seit rund zwei Jahren leben die beiden nun in der Türkei. Merve darf nicht ausreisen, denn sie wurde wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu einer Haftstrafe von mehr als sechs Jahren verurteilt – momentan läuft das Berufungsverfahren.

Sie erzählt uns, sie sei krank und ohne Einkommen, der 12-Jährige besuche seit vier Jahren keine Schule mehr. Von der deutschen Botschaft in Ankara, an die sie sich hilfesuchend gewendet hat, fühlt Merve sich im Stich gelassen.

Merve

 "Also das macht ihn richtig fix und fertig. Hier sind wir seit zwei Jahren und er kriegt jetzt alles immer mit. Er hat keine sozialen Kontakte."

In Köln treffen wir Yussufs Vater. Er lebt schon lange von seiner Ex-Frau getrennt. In den letzten Jahren hat er nur selten etwas von seinem Sohn gehört. Doch was er in den wenigen Gesprächen erfährt, macht ihm große Sorgen. Angeblich hat Yussuf ein Waffentraining beim IS erhalten.

Mohammed S.        

"Er hat das selbst bestätigt, dass er das was in die Richtung besucht hat. Und hab ich ihn auch nicht geglaubt und gesagt, schick mir Bilder, dann hat er auch ein Bild geschickt, wo auch mit einer Waffe steht. Und das war so ein Art wie eine kleine Kalaschnikow und hat gesagt, das gehört mir. Ja, und da, das war für mich das größte Schock."

Kinder wie Yussuf brauchen Hilfe, wenn sie nach Deutschland kommen. Die Mütter gehen bei der Rückkehr meist straffrei aus, auch gegen Merve liegt in Deutschland - im Gegensatz zur Türkei -  nichts vor. Bundesweite Anfragen von Kontraste zeigen: Es gibt kein einheitliches Vorgehen, die meisten Bundesländer haben keine Konzepte für den Umgang mit minderjährigen Rückkehrern. In kaum einem Land tauschen sich Sicherheits- und Sozialbehörden automatisch aus.

In Bremen hat man sich rechtzeitig vorbereitet – vier minderjährige Rückkehrer gibt es hier bereits. Die zuständigen Behörden sitzen alle an einem Tisch und stimmen sich ab. Innenbehörde und Verfassungsschutz teilen ihre Erkenntnisse mit den Sozialbehörden, die veranlassen eine engmaschige Betreuung der Familien.

Hazim Fouad, Landesamt für Verfassungsschutz Bremen        

"Natürlich haben wir eine gewisse Besorgnis, wenn entsprechende traumatisierende Erfahrungen gemacht worden sind, wir sehen es aber nicht als Aufgabe der Sicherheitsbehörden, hier mit den Methoden der Repression gegen die Kinder vorzugehen, sondern sehen hier die Jugendhilfe in der Verantwortung."

Sandra Schütz, Senatorische Behörde für Soziales Bremen     

"So schafft man denke ich auch Handlungssicherheit, indem man Dinge nicht verharmlost, aber auch keiner Hysterie anheimfällt. Weil beides sozusagen den professionellen Blick von dem ablenkt, was wirklich wichtig ist, nämlich aufmerksam und detailgenau zu gucken wie geht es Kindern und Jugendlichen in ihren Familien."

Gegen die Propaganda in den Kinderköpfen hilft keine Polizei. Doch betreuende Sozialarbeit kann ihnen Alternativen aufzeigen und so auch für Sicherheit sorgen.

Julia Berczyk, Beratungsstelle Hayat

"Die Kinder sind immer Opfer. Wenn wir ihnen nicht helfen ein normales stabiles Leben hier in Deutschland zu ermöglichen, laufen wir die Gefahr dass sie sich eine Alternative suchen. Von daher ist es im Interesse von unserer gesamten Gesellschaft dass wir uns gut um diese Menschen kümmern."

Beitrag von Georg Heil, Diana Kulozik und Nico Schmolke

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