Ein Arzt untersucht den Bauch eines Patienten mit einem Ultraschallgerät. Foto: Jörg Loeffke/imago stock&people
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Ein oft verkanntes Problem - Sexueller Missbrauch in der Medizin

Nach Recherchen des ARD-Magazins Kontraste und der Lausitzer Rundschau werfen drei Patientinnen einem Arzt am Elbe-Elster Klinikum sexuelle Belästigung vor. Der Mediziner soll sie bei Ultraschall-Untersuchungen in seinem Behandlungszimmer im Schambereich und an den Brüsten massiert haben. In einem Fall ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft Cottbus wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses. Dokumente belegen, dass sowohl der Klinikum-Geschäftsführer als auch der zuständige Landrat bereits seit über einem Jahr von Vorwürfen gegen den Arzt wissen. Der Arzt lässt die Vorwürfe durch seinen Anwalt zurückweisen. Das Gesundheitswesen ist für das Problem schlecht aufgestellt: nur in Hessen gibt es einen Ombudsmann für solche Fälle.

Anmoderation: Kaum jemand kommt uns so nah, von ihm lassen wir uns einiges gefallen: Was aber, wenn der Arzt unseres Vertrauens das dann ausnutzt? Wenn er plötzlich nicht mehr nur abtastet sondern zulangt? Sexuell übergriffig wird ... traut man sich dann wirklich, allein im Behandlungszimmer, laut und deutlich „Stop“ zu sagen? Ihn anzuzeigen? Schwierig ... So ist dann auch nicht klar, wie oft Ärzte überhaupt zu weit gehen. Unsere gemeinsame Recherche mit der Lausitzer Rundschau zeigt wie schwer es für Betroffene ist: Selbst wenn sich Patientinnen über einen Arzt beschweren, passiert nicht unbedingt was. Silvio Duwe und Lisa Wandt.

Als Susann M. 2015 wegen Magenschmerzen ins Krankenhaus musste, wurde sie Opfer eines sexuellen Übergriffs, erzählt sie. Ein Arzt im Brandenburgischen Elbe-Elster Klinikum habe sie erst am Magen untersucht und ihr dann eine „Entspannungsmassage“ empfohlen.

Susann M., Name geändert

„Was für ein netter Arzt, dachte ich erst. Aber es war direkt komisch. Er hat mich erst an meinen Ohren gestreichelt und dann den Rücken massiert. Auf einmal ist seine Hand in meine Hose gewandert.“

Als sie darum bat, habe der Arzt aufgehört, sagt sie. Doch während einer Nach-Untersuchung sei es wieder passiert.

Susann M., Name geändert

„Ich sollte mich für den Ultraschall auf die Liege legen. Er wollte meinen BH aufmachen. Sein steifes Glied habe ich an mir gespürt. Ich weiß nicht, warum ich das zugelassen habe. Irgendwie hatte ich Panik, dass er mich sonst nicht mehr gehen lässt.“ 

Erst im vergangenen Jahr, also fünf Jahre später, zeigt sie den Arzt an - als ihr eine Arbeitskollegin von weiteren Frauen erzählt, die diesem Arzt ähnliche Handlungen vorwerfen.

Die Patientinnen hatten ihrer Hausärztin Stefanie Frank - unabhängig voneinander – von sexuellen Übergriffen durch diesen Arzt erzählt, als Stefanie Frank sie in diese Klinik überweisen wollte.

Stefanie Frank, Allgemeinmedizinerin

„Laut den Schilderungen ist es dazu gekommen, dass während der Ultraschall-Untersuchung die Patientinnen im Genitalbereich berührt wurden, an der Brust berührt wurden.“

Eine damals 30-jährige Patientin schilderte, der Arzt habe ihr die Brustwarzen massiert und sich bei einer Ultraschall-Untersuchung mit einem abgespreizten kleinen Finger im Schambereich unmittelbar an der Klitoris abgestützt.

Stefanie Frank, Allgemeinärztin

„Ich führe ja selber jede Woche fast täglich Ultraschall-Untersuchungen durch. Und dabei musste ich noch nie bei einer Bauch-Ultraschall-Untersuchung eine Brustwarze berühren oder die Klitoris berühren.“

Die Vorwürfe von Stefanie Franks Patientinnen wurden wegen Verjährung nicht weiterverfolgt. Im Fall von Susann M. aber hat die Staatsanwaltschaft Cottbus ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses.

Missbrauch in der Medizin – ein Tabuthema. Viele Betroffene trauen sich nicht zur Polizei.

Auch deshalb hat die Hessische Landesärztekammer 2013 die bundesweit einzige Beratungsstelle für Opfer und deren Angehörige eingerichtet. Der Bedarf ist groß. 

Dr. Meinhard Korte, Psychotherapeut, Ombudsstelle Landesärztekammer Hessen

„Die Widerstände, die Ängste, die Sorgen, nicht ernst genommen zu werden, kein Gehör zu finden, vielleicht Schwierigkeiten zu bekommen. Die sind leider sehr ausgeprägt, sodass das dazu führt, dass viele Ratsuchende lange warten oder eben sich gar nicht melden.“

Susann M. hat sich getraut und den Arzt angezeigt.

Der lässt auf Anfrage über seinen Anwalt mitteilen, dass ihm die Vorwürfe bekannt seien. Diese seien alle falsch und von einem persönlichen Interesse einer Person geleitet, mit der alle Frauen in Kontakt stünden. 

Zu den konkreten Behandlungen könne er sich erst nach Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht der vermeintlich Belästigten erklären.

Der Geschäftsführer der Klinik, Michael Neugebauer, antwortet, es gebe bislang „keinen einzigen Fall, in dem ein derartiges Fehlverhalten eines Mitarbeiters festzustellen war.“ 

Die kommunale Klinik gehört dem Landkreis. Auch der verantwortliche Landrat Christian Heinrich-Jaschinski teilt mit, er habe ein derartiges Fehlverhalten nicht feststellen können.

Sollte es aber doch zu einem Fehlverhalten gekommen sein, würden „die geeigneten arbeits- und strafrechtlichen Maßnahmen ergriffen.“

Kontraste und der Lausitzer Rundschau liegen Dokumente vor, die belegen, dass Klinik-Leitung und Landrat bereits seit über einem Jahr von Vorwürfen wissen.

 

Beitrag von Silvio Duwe und Lisa Wandt

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