Naildesignerin bei der Arbeit. Foto ALEXANDRA WEY/KEYSTONE
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Menschenhandel leicht gemacht - Wie vietnamesische Kinder ausgebeutet werden

Seit Jahren agieren professionelle vietnamesische Menschenhändler-Netzwerke fast unbehelligt in Deutschland. Sie bringen ihre Landsleute hierher und beuten sie aus: In Nagelstudios oder Massagesalons, zunehmend aber auch in der Zwangsprostitution oder bei der Drogenproduktion. Doch dieses Verbrechen bleibt in den meisten Fällen unerkannt. Nach offiziellen Angaben gibt es in der Bundesrepublik kaum vietnamesische Opfer von Menschenhandel. Die wahre Dimension des Problems bleibt der breiten Öffentlichkeit verborgen. Das liegt auch daran, dass die Bundesrepublik ihren internationalen Verpflichtungen bis heute nicht nachgeht. In Zusammenarbeit mit rbb24 Recherche

Anmoderation: Arbeitssklaven - erwartet man vielleicht in den Nähereien am anderen Ende der Welt - aber sicher nicht direkt gegenüber. Genau dort aber, in den Nagelstudios in deutschen Einkaufsstraßen zum Beispiel, schuften sie, müssen immense Summen erarbeiten - die vermeintlichen Kosten ihrer Schleuser nämlich. Und gelten trotz dieser Notlage vor dem Staat nicht als Opfer, sondern als illegale Einwanderer. Weil sie sich ja irgendwann einmal auf diesen Weg nach Europa eingelassen haben - selbst, wenn sie da noch halbe Kinder waren. Über den vietnamesischen Menschenhandel auf deutschem Boden, den die Behörden seit Jahren so nicht wahrhaben wollen, berichten Adrian Bartocha und Jan Wiese.

Hier wurde ein Mensch eingesperrt:  dutzende Stunden – In einem für Menschenschmuggel präparierten Heiz-Ofen – geladen auf einen LKW – auf dem Weg über Polen nach Deutschland – dabei atmend durch eine Sauerstoffmaske. 

Einer von vielen Versuchen vietnamesischer Menschenhändler – trotz Corona – ihre Landsleute über Ost nach Westeuropa zu bringen.  Tausende kamen so in den letzten Jahren nach Deutschland. Angelockt mit falschen Versprechen.    

Chung, der – wie er sagt - nach dem Tod seiner Eltern in ärmlichen Verhältnissen mit seiner Oma in Vietnam lebte – hat sich darauf eingelassen.  

Chung (Name geändert) 

„Ich war 15 - da mich ein Mann aufgesucht und gefragt, ob ich Arbeit und viel Geld haben möchte. Das war nur ein kurzes Gespräch. Der Mann war zwischen 30 und 40, ziemlich groß. Er sprach sehr angenehm, sehr freundlich. Ich war noch ein Kind. Ich wusste von nichts. Also habe ich gemacht, was man mir sagte. Man hat mir nicht gesagt, welche Arbeit und wie lange. Nur, dass es nach Deutschland geht.“ 

Monatelang dauert ein solche Reise über Moskau zuerst nach Polen: in Kleintransportern, LKWs, zu Fuß: Unterwegs wurde Chung geschlagen, in Lagerhallen festgehalten und zur Arbeit gezwungen. In Polen ist er geflohen. Und hat dort – als einer der wenigen Vietnamesen in Europa – vor Gericht gegen seine Peiniger ausgesagt. 

Nach monatelanger Recherche treffen wir Andrzej in Warschau.  Er und seine Leute haben im Auftrag der vietnamesischen Mafia hunderte Vietnamesen zuerst von Litauen nach Warschau gebracht. Und hier „zwischengelagert“ - bis die Zielorte in Westeuropa feststehen. 

Andrzej (Name geändert) 

„Hier hielten sie sie dann erstmal fest. Hier hat man dann den Bus geparkt, und schon, Zack, SMS, bin vor Ort. Oder einer meiner Fahrer. Und dort nach ein paar Minuten kamen sie raus – aus dem Eingang hier.“   

Kontraste

„Und wie viele Menschen kamen heraus?“ 

Andrzej

„Verschieden, verschieden.  Zwei, fünf, sieben. Mädchen, Frauen auch.“  

Bis zu 20.000 Dollar zahlen die Geschleusten und ihre Familien für eine solche Reise. 

Die Schulden dafür müssen dann im Westen abgearbeitet werden, erzählt Markus Pfau von der Bundespolizei, zuständig für die Kriminalitätsbekämpfung in Mitteldeutschland. Und Experte für Schleusungen. Dahinter stecken hochprofessionelle Netzwerke aus Vietnam. Dabei geht es aber um mehr als um illegale Einwanderung. 

Markus Pfau, Leiter Kriminalitätsbekämpfung Halle, Bundespolizei 

„Gemessen an den Erfahrungen, die wir in unseren Verfahren machen, kann man sagen, dass Schleusung von Vietnamesen nach Deutschland oder auch durch Deutschland in den meisten Fällen mit Menschenhandel in Verbindung steht. Das ist so!“

Warschau gilt als eine der Drehscheiben dieses vietnamesischen Menschenhandels. Doch Polen ist nur Transitland. Von hier aus geht es dann weiter – in Kleintransportern – Richtung Westen – meistens nach Berlin. 

Kontraste

„Wo genau gings hin in Berlin?“  

Andrzej (Name geändert) 

„Herb. Hetz… - Herz...Herz..straße - so was. 128 – das weiß ich genau.“ 

Kontraste

„Und was war da? Irgendwelche Häuser oder was gibt es dort?“

Andrzej (Name geändert) 

„Da sind so Hallen.“

Kontraste

„Vietnamesisches Zentrum?“

Andrzej (Name geändert) 

„Ja - und wenn man da reinfuhr – durch das erste Tor, da fuhren Straßenbahnen davor – weiß ich noch. Ja genau - Straßenbahnen. Da kam man rein – so – an so durch das Tor an so einem alten Haus vorbei.“

Berlin ist ein weiterer Dreh- und Angelpunkt des vietnamesischen Menschenhandels. 

Hier – in einem vietnamesischen Handelszentrum - kommen die meisten an, von hier aus werden sie weiterverteilt. In die gesamte Bundesrepublik. Die Geschäftsführung des Centers bestätigt auf Nachfrage, dass es in der Vergangenheit Fälle von Menschenhandel gegeben hat. Daraufhin habe man die Polizei informiert und die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Die Polizei in Berlin aber - sieht keinen Anlass, um von Menschenhandel zu sprechen. 

Sebastian Laudan, Chefermittler organisierte Kriminalität, LKA Berlin 

„Die Kriterien für Menschenhandel im Kontext Schleusung sind im Regelfall nach unseren Erfahrungen nicht erfüllt. Derjenige, der sich in einem Schleusungsnetzwerk anvertraut, der weiß vorher, dass er natürlich in irgendeiner Form Geld erbringen muss, was er vielleicht zum Zeitpunkt der Beginn der Schleusung noch nicht zur Verfügung hat. Er geht davon aus, dass das Schleusungsnetzwerk ihm die Möglichkeit eröffnen wird, zwischendurch zu arbeiten, um Geld zu erwirtschaften, was dann wiederum in die Fortsetzung der Schleusung fließt. Das kann ausbeuterisch sein. Muss es aber nicht.“  

Keine Ausbeutung? Kein Menschenhandel also - so sieht es das LKA in Berlin. Derweil tauchen in ganz Deutschland Menschen aus Vietnam in Restaurants, Massagesalons, vor allem in Nagelstudios, auf. Als illegale, billige Arbeitskräfte: Dortmund, Münster, Köln, Fulda, Berlin, Immer öfter treffen Polizei und Zoll bei Razzien auf Vietnamesen, die zur Arbeit gezwungen werden.

Dabei arbeiten die international agierenden Menschenhändler Hand in Hand mit potenziellen Arbeitgebern in Deutschland. Das bestätigt ein Ermittler, der nicht erkannt werden will. 

Verdeckter Ermittler

„Die werden dann abgeholt von Arbeitgebern. Restaurantbesitzer X braucht Arbeitskräfte oder eine Arbeitskraft, dann fährt er schon mal nach Berlin und holt den entsprechenden unerlaubt Eingereisten von Berlin ab.“

Kontraste

„Das heißt, potenzielle Arbeitskräfte werden bestellt bei den Schleusern?“

Ermittler 

„Beziehungsweise weitervermittelt durch die Schleusung. Ja, korrekt. Und sie sind natürlich hundertprozentig abhängig.“

Markus Pfau, Leiter Kriminalitätsbekämpfung Halle, Bundespolizei 

„Diese Abhängigkeit wird bisweilen, so die Erfahrung der letzten Jahre, auch durch Gewaltausübung gegenüber der Betroffenen beziehungsweise den Betroffenen unterstützt. Die Schleuser Organisation hat den Betroffenen in der Hand, und wenn der doch nicht nach der Pfeife tanzt, dann ist die Sache schnell aus für ihn.

Kontraste

„Alles Fälle von Menschenhandel?“

Markus Pfau, Leiter Kriminalitätsbekämpfung Halle, Bundespolizei

„Alles Fälle von Menschenhandel, ja!“ 

In Deutschland aber scheint es den Menschenhandel mit Vietnamesen gar nicht zu geben. 

In offiziellen Kriminal-Statistiken tauchen sie als Opfer gar nicht auf. Das kritisiert Franziska Brantner von den Grünen.  

Franziska Brantner (Bündnis90/Grüne), Bundestagsabgeordnete 

„In Deutschland haben wir gar keinen Überblick darüber, wie viele Menschen jetzt durch Menschenhandel bei uns sind. Ich habe vor kurzem sogar nochmal wieder die Bundesregierung abgefragt. Sie hat diese Zahlen nicht. Wir erfassen die nicht in Deutschland systematisch. Das ist zum gewissen Grad ganz praktisch, weil dann weiß man nie, wie groß das Problem ist. Und dann hat man auch einen wesentlich schwächeren Handlungsdruck. 

Markus Pfau von der Bundespolizei wünscht sich, diese Menschen nicht nur als Kriminelle, sondern als Opfer von Menschenhandel wahrzunehmen.   

Markus Pfau, Leiter Kriminalitätsbekämpfung Halle, Bundespolizei  

„Es ist eine Frage wie begegne ich dem Betroffenen? Begegne ich ihm als illegal Einreisenden, als Geschleusten? Aber das ist eine Frage, die muss der Gesetzgeber beantworten. Nicht ich als Polizist. Und ich denke, da haben wir schon in Deutschland ein Stück weit einige Hausaufgaben zu tun!“

In Polen jedenfalls sind Chungs Peiniger wegen Menschenhandels zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Hätte man sie in Berlin gefasst - würde das Wort „Menschenhandel“ in der Anklageschrift vermutlich gar nicht vorkommen. 

 

Beitrag von Adrian Bartocha und Jan Wiese

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