Alt und vergessen - Einsamkeit als neue "Volkskrankheit"

Die Kinder - weggezogen, der Ehemann tot. Freunde, Bekannte, nur schwer zu erreichen, seit der Bus nicht mehr fährt. Vor allem alte Menschen leiden zunehmend unter Einsamkeit. Selbst wenn sie wollen, sie können kaum noch aus ihrer nicht-selbstgewählten Isolation ausbrechen. Die gesundheitlichen Folgen: zunehmende Immobilität und Depression. In Großbritannien gibt es inzwischen ein Ministerium für "Einsamkeit". In Deutschland steht die Politik noch ganz am Anfang.

Anmoderation: Silver Surfer oder Best Ager – so werden ältere Menschen in Werbung und Medien oft dargestellt: scheinbar ewig jung, fit und gepflegt, stets lächelnd. Doch die Realität sieht oft anders aus: Im Alter leiden viele unter Krankheit, Pflegebedürftigkeit und zunehmend auch - unter Einsamkeit. Ein Problem, das mit unserer rapide alternden Gesellschaft zunimmt - und dennoch kaum thematisiert wird. Axel Svehla hat mit Menschen gesprochen, mit denen sonst kaum jemand noch spricht.

Jeder Dritte über 60 fühlt sich vereinsamt.

Rosemarie K.

"Das ist kein schönes Leben. Echt. Ne. Und das Einzigste, was ich mir immer gewünscht habe, Kopf ein bisschen in Ordnung, Beine und Hände. Na ja, es ist aber fast gar nicht mehr in Ordnung. Für mich ist das Leben zu Ende, ich kann nicht mehr außer Hause. Ich geh nur noch bis zum Tor und mehr nicht."

Kein schöner Lebensabend für die 79-jährige Rosemarie. Ihr Mann ist gestorben, die Töchter sind aus dem Haus. Seit 14 Jahren wohnt sie allein in einem verlassenen Winkel unweit Wolfenbüttel. Ehemaliges Zonenrandgebiet.

Rosemarie K.

"Ich persönlich habe zu niemandem Kontakt hier im Dorf. Was hier so passiert im Dorf, das erfährt man nicht. Hier ist kein Geschäft, kein gar nichts mehr, das ist auch traurig. Sie können sich  ja noch nicht mal mehr ein Brötchen kaufen, Schützenverein tot, DLRG kenn ich niemanden mehr, die sind auch alle verstorben, die ganzen Freunde aus dieser Periode sind alle schon tot. Wie schlage ich meine Zeit tot? Meistens gehe ich dann manchmal noch raus, mach die Tür auf, da kommt der Nachbars Kater, da hab ich dann ein Gespräch mit ihm, mit dem Kater, mit dem kann man reden, dann kriegt er was zu fressen, Streicheleinheiten, oder ich sitze hier, hast Du noch 'ne Zeitung, hast noch kein Kreuzworträtsel gemacht, ob Du noch eins findest? Wenn einer immer fragt, wie geht es Dir denn, dann sag ich: beschissen ist noch geprahlt. Ja, Ja. Seitdem mein Hund tot ist, ist mein Tagesablauf ganz anders. Ich schlafe bis in die Puppen rein, steh um 11 auf, bin um 12 noch nicht mal geduscht, sitze hier im Nachtzeug, alles schon passiert. Ich lasse mich gehen. Ich habe keine Aufgabe mehr."

Um Rosemarie müsste man sich kümmern. Früher kam wenigstens noch der Landarzt regelmäßig vorbei.

Dr. Hinrik-M. Thiemann, Samtgemeinde Elm-Asse

"Als ich hier anfing, das ist jetzt 20 Jahre her, da war es noch üblich, dass wir die Patienten regelmäßig besucht haben, alle sechs, alle vier, mitunter alle zwei Wochen. Das waren Routinebesuche. Für diese alten Leute hatte das einen ganz hohen Stellenwert, als man sich vorstellen mag. Das ist für die sowas wie ein Highlight gewesen. Und leider ist es so, dass aufgrund der abnehmenden Ärztezahl auf dem Land diese Routinebesuche nicht mehr in der bisherigen Form weitergeführt werden können."

Einsamkeit macht krank.

"Dass man schneller alt wird, wenn man einsam und isoliert ist, das ist sicherlich zu beobachten. So dass Isolation und Einsamkeit ein Risikofaktor ist für andere Krankheiten. Ich, von der praktischen Seite, kann feststellen, dass depressive Symptome deutlicher werden im Gespräch mit dem Patienten, Freudlosigkeit, Appetitlosigkeit, Antriebsmangel, Kräftelosigkeit, das kann man schon spüren."

41 Prozent aller Deutschen leben in einem Einpersonenhaushalt.

Rolf W.

"Ich rede morgens und abends mit den Blumen und das ist meine Freude. Die können zwar nicht antworten, aber dafür blühen die für mich schön."

Rolf ist Rentner. Er lebt in Bremen – Vahr. Nach dem Tod seiner Frau verliert der 90-jährige jede Lebenslust.

Rolf W.

"Ich will ganz ehrlich sein. Man liest heute in der Zeitung, dass in vier Tagen der Mann und die Frau verstorben sind. Und ich hatte damals auch die Gedanken, mach das – Du willst auch nicht mehr."

35 Prozent der Suizide werden von Menschen über 65 Jahren verübt.

Einsamkeit ist Leere, Alleinsein in einer leeren Wohnung, in einer leeren Umgebung, wenn man nach Hause kommt, da ist niemand mehr da, der mit einem spricht oder auch mal schimpft, der in der Küche hilft oder sie macht. Mit einem Mal ist alles anders.

Ins Heim mag er nicht, wie viele Alte. Rolf will nicht aufgeben. Ihm helfen die "Vahrer Löwen", Ehrenamtliche, die einsame Alte gezielt aufsuchen. Von ihnen erfuhr Rolf aus der Zeitung. Ein glücklicher Zufall.

Ilka Kusen, Vahrer Löwen Bremen

"Wir besuchen den Menschen, den wir ansprechen möchten zu Hause und wir leiten ihn, wenn er das möchte, auch zu den Veranstaltungen. Das bedeutet für Menschen, dass sie sich Anregungen von außen holen können, sich nicht im eigenen Gedankenkarussell drehen, aktiver mobiler, fröhlicher werden.

Rolf W.

"Heute bin ich wieder eine Frohnatur, ob das anders gewesen wäre, wenn ich die nicht getroffen hätte, das weiß ich nicht mehr."

Rosemarie ist bislang wegen ihrer Behinderung ans Haus gefesselt.

Geht’s noch weiter?

Rosemarie K.

"Nein, weiter kann ich nicht mehr. Es geht nicht mehr."

Wer Rosemarie helfen will, muss zu ihr kommen. Wie das SozioMedMobil. Das DRK  bietet diesen Dienst in dem abgelegenen Landkreis an. Fahrdienste zum Arzt und Lebensberatung. Nur für kurze Zeit, ein Pilotprojekt.

Gespräch mit Passantin

"Der hilft Ihnen beim Weg zum Arzt und wir bieten Ihnen auch die Möglichkeit, unsere Beratungsleistung anzunehmen. Darf ich Ihnen einen Flyer mitgeben?"

"Klar, Danke. Einen schönen Tag noch."

"Danke gleichfalls."

Andreas Ring, DRK Kreisverband Wolfenbüttel e.V.

"In der gesamten Samtgemeinde gibt es keinen einzigen Facharzt, das heißt Sie müssen nach Wolfenbüttel oder Braunschweig fahren. Das ist bei der Struktur des öffentlichen Nahverkehrs vor Ort hier eine Katastrophe. Das führt praktisch dazu, dass die Leute, die in der Regel alt und chronisch krank sind, ganz einfach gar nicht mehr zum Arzt fahren. Der demographische Wandel ist seit  mehr als 15 Jahren schleichend wirksam. Ich befürchte ganz einfach, dass wir uns heute noch gar keine Vorstellung darüber machen, wie schlimm es in 10 Jahren sein wird. Aber die Maßnahmen der Politik, hier Veränderungen herbeizuführen, sind vollkommen unzulänglich. Wollen wir die Leute mehr oder weniger vereinsamt vor sich hinsiechen lassen oder wollen wir auf die Menschen zugehen und Angebote machen?"

Beitrag von Axel Svehla

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