Putins WM - Willkommen im Land der Pressefreiheit

Den besten besten Fußballern der Welt hat Russland den roten Teppich ausgerollt. Weniger gern gesehen: Journalisten wie der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt. Eigentlich sollte auch er von vor Ort berichten. Doch erst entzog Russland dem Investigativ-Journalisten das Visum, als das zu Protesten führte, mehrten sich die offenen und verdeckten Drohungen. Nach einer Gefahrenanalyse deutscher Sicherheitsbehören hat die ARD entschieden: Seppelt bleibt hier.

Anmoderation: Das erste Tor der WM. Russland schießt das 1:0. gegen Saudi Arabien. Am Ende steht es 5:0. Putin gibt den großen Gastgeber für die weltbesten Fußballer... Und damit guten Abend meine Damen und Herren. Kritische Journalisten dagegen sind in Russland immer weniger willkommen, mehr noch, sie sind zunehmend gefährdet, so wie jetzt der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt. Das zeigen Gefährdungsanalysen von Bundessicherheitsbehörden, die Kontraste exklusiv vorliegen. Caroline Walter.  

Eigentlich sollte er jetzt in Russland  sein und die Weltmeisterschaft begleiten – der investigative Journalist und ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt. Doch er muss hier bleiben – die Gefahr ist zu groß.

Hajo Seppelt, ARD-Dopingexperte

"Es ist ein schwarzer Tag für den Journalismus schlechthin, wenn es noch nicht mal möglich ist, ohne große Risiken, ohne dass es Sicherheitsbedenken gibt von einer Fußballweltmeisterschaft als Journalist zu berichten. Was sagt uns das über den Zustand der Pressefreiheit in Russland? Nicht nur übrigens für Journalisten aus dem Ausland, sondern auch für diejenigen, die in diesem Land leben."

Der Druck fing vor Wochen an – erst wurde sein Visum für die Einreise für ungültig erklärt. Danach lenkte Russland zwar ein, aber die nächste Drohung folgte:

Hajo Seppelt, ARD-Dopingexperte

"Ein staatliches Untersuchungskomitee hat  angekündigt, mich zu befragen und hat auch erklärt, Maßnahmen ergreifen zu wollen, damit ich diese Befragung auch dann durchführen muss in Russland und es ist nicht gesagt worden, was dann mit mir nach dieser Vernehmung passiert."

Die deutschen Sicherheitsbehörden haben vor seiner Reise eine Gefährdungsanalyse gemacht, die Kontraste vorliegt. Man befürchtet eine "Festsetzung Seppelts durch russische Behörden" und dass eine "Ausreiseverweigerung gegen ihn möglich sei".

Hajo Seppelt gilt als Staatsfeind in Russland. Seine investigativen Berichte deckten das systematische Doping im russischen Sport auf – staatlich unterstützt mit Spuren bis hinauf zu Präsident Putin.

Der Journalist konnte belegen, wie immer wieder sportliche Leistungen manipuliert und Auflagen einfach umgangen werden. Seine Enthüllungen hatten weitreichende Konsequenzen: Trainer wurden gesperrt und russische Athleten von den letzten Olympischen Spielen ausgeschlossen. Russland durfte nur unter neutraler Flagge teilnehmen.

Mit seinen neuesten Recherchen zum Doping im Fußball legt sich Seppelt erneut mit den Mächtigen im Hintergrund an.

In dem Gefährdungsbericht vom Landeskriminalamt heißt es:

Es sei auch zu erwarten, dass Seppelt "bei einem Besuch in RUS dauerhaft … durch Vertreter von RUS Sicherheitsbehörden begleitet und beobachtet werde."

Auch bestehe die "Gefahr von spontanen Gewalttaten".

In den Fall Seppelt hat sich sogar das Auswärtige Amt eingeschaltet. Nach einem Treffen mit Außenminister Maas entschied die ARD schließlich, die Reise des Doping-Experten abzusagen.

Patricia Schlesinger, Intendantin Rundfunk Berlin-Brandenburg

"Das Auswärtige Amt hat ganz deutlich gemacht, dass der Bericht des LKA so eindeutig ist, dass nicht von einer Empfehlung für eine Ausreise gesprochen werden kann. Wir haben uns dem angeschlossen."

Dem Journalisten wurde gerade erst das Bundesverdienstkreuz verliehen - für die mutigen und jahrelangen Recherchen in Sachen Doping im Sport. Bei der Absage seiner Reise geht es um mehr als den Einzelfall. Das zeigt heute auch die Debatte zur Menschenrechtslage im Bundestag.

Roderich Kiesewetter (CDU), Bundestagsabgeordneter

"Die CDU/CSU Bundestagsfraktion bedauert außerordentlich, dass Hajo Seppelt und viele andere nicht frei aus Russland berichten dürfen."

Manuel Sarrazin (Bü‘90/Die Grünen), Bundestagsabgeordneter

"Ein solcher hahnebüchener Vorgang muss uns doch die Augen dafür öffnen, in was für einem politischen System diese Spiele vergeben worden sind."

Die Realität in Russland: Dutzende kritische Journalisten wurden inhaftiert oder getötet. Die Pressefreiheit – angeblich die Bedingung für den WM Ausrichter – sie gibt es nur auf dem Papier. 

Abmoderation: Ein Armutszeugnis für Russland und für die FIFA, die sich für Presse- und Meinungsfreiheit bisher kaum stark gemacht hat.

Beitrag von Caroline Walter

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