Rendite statt Pflegepersonal - Wie internationale Finanzinvestoren mit deutschen Altenheimen Kasse machen

Der deutsche Pflegemarkt verspricht stabile Renditen - dank der Pflegeversicherung. Die Unternehmensgewinne liegen bei drei bis fünf Prozent. Eine sichere Anlage - auch für internationale Finanzinvestoren. Doch die wollen nicht langfristig investieren, sondern setzen auf kurz- bis mittelfristige Gewinne von zehn Prozent und mehr. Um das zu erreichen, sparen sie an Personal und Service und streichen notwendige Investitionen. Für die Heimaufsichten bundesweit ein Problem, sie kommen mit den Kontrollen kaum hinterher.

Anmoderation: Dass die Pflege in Deutschland unterversorgt und schlecht bezahlt ist, ist ein Missstand, der bekannt ist. Dass aber Finanzinvestoren tausende Kilometer entfernt versuchen, mit dem knappen Geld der deutschen Pflegeversicherung maximale Rendite zu machen, ist bislang untergegangen. Sascha Adamek und Tina Friedrich zeigen erstmals, wie mit der Pflege alter Menschen kühl kalkuliert cash gemacht wird.

Oaktree Capital. Ein US-Finanzinvestor mit Sitz in Los Angeles. Er verwaltet 100 Milliarden Dollar für Anleger, um ihre Vermögen zu vermehren. Jetzt hat der Investor die Pflegeheimbranche in Deutschland entdeckt. Vor einem Jahr kaufte Oaktree eine der größten deutschen Pflegeheimketten – die Vitanas-Gruppe mit rund 8.000 Betten.

Auch andere Finanzinvestoren kaufen sich mit Milliarden in die deutsche Pflegebranche ein. Dort lagen die Renditen bislang bei 3 bis 4 Prozent. Sie kaufen, steigern den Wert und verkaufen nach kurzer Zeit. Und hoffen auf Gewinne von mehr als 10 Prozent. Das hat Folgen:

Prof. Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte Hochschule Koblenz

"Einen Teil der hohen Renditen also beispielsweise hohen, man rechnet mit über 13 Prozent Bruttogewinn, können sie nur realisieren, wenn sie ihre Investition in ein paar Jahren an einen anderen Investor abstoßen mit hohem Gewinn, und das führt natürlich dazu, dass wir ständige Fluktuation in den Besitzverhältnissen haben.  Das ist wie ein fliegenstall, die gehen rein und raus und das wirkt sich natürlich massiv negativ auf die Pflegekräfte aus."

Das erlebt auch Gerd Kretschmer. Seine Mutter und Schwiegermutter sind in einem Berliner Vitanas Heim untergebracht. Er dokumentierte, was er seit dem Einstieg des Finanzinvestors beobachtete: Wagen mit Essensresten standen lange im Flur. Reparaturen unterblieben wochenlang. Am Muttertag fotografierte Kretschmer sogar Kot-Reste, die über Nacht liegen geblieben waren - offenbar, weil es an Personal mangelte:

Gerd Kretschmer, Angehöriger

"Da sagte meine Mutter: nu stell dir doch mal vor, gestern, also am Samstag, hat eine Bewohnerin des Hauses oben in die Bibliothek gekotet, da habe ich gesehen, die Unterwäsche und Socken verteilt in Bücherregalen in der Bibliothek und dieses Türklinke von innen, wo immer noch Schiete dran war – angetrocknet, richtig angetrocknet."

Vitanas wollte dazu keine Stellung nehmen. Der Gesamtbetriebsrat übt derweil scharfe Kritik am neuen Management:

Harald Hahne, Vorsitzender Vitanas-Gesamtbetriebsrat

"Die Anforderungen sind viel höher. Der Personaleinsatz ist arg reduziert und die Folgen davon sind massive Überlastungsanzeigen, und die Qualität in der Arbeit hat sich massiv verschlechtert."

Oaktree selbst verweigert ausdrücklich jegliche Stellungnahme. Das Tochterunternehmen Vitanas widerspricht dem Betriebsrat und gibt an,

"...dass Vitanas - seit Übernahme durch die Oaktree Fonds - Pflegepersonal aufgebaut und nicht abgebaut hat."

Das Unternehmen bestätigt, aktuell umzustrukturieren: Teure Leasingkräfte sollen durch günstigeres Stammpersonal ersetzt werden.

Im Übrigen seien

"..in einer kürzlich durchgeführten externen Prüfung keine Beanstandungen gemacht"

worden.

Nicht nur Vitanas steht unter Renditedruck. Deutschlands zweitgrößte Pflegekette Alloheim ist wie kein anderes Unternehmen im Visier von Finanzinvestoren. Die Kette wuchs auf 15.000 Betten und wechselte schon dreimal den Investor. 2008 kaufte sich die britische Investmentfirma Star Capital ein. 2013 der nächste Verkauf. Jetzt an den US-Finanzinvestor Carlyle-Group.

In diesem Heim in Ludwigsburg, Baden-Württemberg, begannen exakt zwei Jahre später die Probleme. Beschwerden erreichten die für die Kontrolle zuständige Heimaufsicht.

Markus Klohr, Landratsamt Ludwigsburg

Wir haben dann festgestellt es ging so 2015 los, dass damals zwei Stellen zu wenig an Personal da waren, insbesondere der Fachkräfteschlüssel von 50 Prozent,  der war unterschritten und das war natürlich ein Zustand dem konnten wir nicht zuschauen. Da mussten wir was tun.

Es fanden über ein Dutzend Kontrollen statt, am Ende verfügte die Heimaufsicht die Schließung.

Markus Klohr, Landratsamt Ludwigsburg

"weil es eben erhebliche pflegerische und hygienische Mängel gab und das über einen bestimmten Zeitraum hinaus also über mehrere Jahre hinweg. Das ging vom wundgelegenen Patienten, also Dekubitus, bis hin zu Patienten, die zu wenig gegessen hatten, insbesondere zu wenig getrunken hatten. Das ist natürlich eine sehr gefährliche Geschichte."

Alloheim teilt dazu mit, es habe kein "gerechtfertigter Grund" für die Schließungsverfügung bestanden. Trotzdem habe man das Heim an einen anderen Betreiber abgegeben.

Derweil wechselte die gesamte Alloheim-Kette wieder den Besitzer – und ging an den schwedischen Finanzinvestor Nordic Capital.

Wie aber werden die Pflegeheimkonzerne so attraktiv für die Finanzhaie?

Wir beauftragen den Unternehmensberater Reiner Rang mit einer Analyse der Alloheim-Geschäftsberichte aus acht Jahren. Sein Ergebnis: Alloheim sei durch Unternehmenszukäufe von 900 auf 12.000 Beschäftigte gewachsen, im gleichen Zeitraum seien aber die Personalkosten pro Kopf  (Anmerkung der Redaktion: Bei dieser Berechnung handelt es sich um Vollzeitäquivalente, nicht um die Personalkosten eines jeden Beschäftigten/"Kopfes" also.)um satte 20 Prozent gesunken.

Reiner Rang, Unternehmensberater

"Das hat mich doch sehr verwundert. Erklären kann ich mir es nur, dass man geringer qualifizierte Mitarbeiter nimmt, oder man zahlt einzelnen weniger."

Alloheim bestreitet beides ausdrücklich. In der stationären Pflege seien die Pro-Kopf-Ausgaben seit 2008 nicht gesunken. Dafür sei unter anderem das betreute Wohnen ausgebaut worden –  mit  anderen Personalkosten.

Überdies stellt unser Analyst fest: Die Personalkosten gemessen am Umsatzerlös waren   gleichbleibend niedrig, meist um die 50 Prozent, teils darunter. Und damit rund zehn Prozentpunkte weniger als bei vergleichbaren Mitbewerbern.

Prof. Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte Hochschule Koblenz

So geringe Personalaufwandsanteile von 50 Prozent oder weniger sind skandalös. Das ist das, was die Pflegekräfte in ihrem Alltag als wirklich üblen Pflegenotstand erleben, dass sie viel zu wenig Personal auf den Stationen haben.

Alloheim bestreitet auch das entschieden und schreibt:

"Aus gruppenweiten Pro-Kopf-Personalausgaben bzw. Personalaufwandsquote und deren Veränderungen über die Zeit können keine Rückschlüsse auf angebliche Personaleinsparungen bei Alloheim getroffen werden."

Auch würden Renditen stets wieder in den Betrieb investiert. Erst durch den gestiegenen Unternehmenswert nach einem Weiterverkauf entstünden die Gewinne für die Finanzinvestoren.

Diese nutzen es aus, dass die deutsche Pflegeversicherung zuverlässig für die Versorgung im Alter zahlt. Die Große Koalition hätte längst die Möglichkeit gehabt, der ausufernden Renditejagd entgegenzutreten.

Stattdessen ergänzte die Bundesregierung 2016 die Pflegegesetzgebung um eine vage Formulierung:

"Die Pflegesätze müssen einem Pflegeheim bei wirtschaftlicher Betriebsführung ermöglichen, seine Aufwendungen zu finanzieren (...) unter Berücksichtigung einer angemessenen Vergütung ihres Unternehmerrisikos."

Arbeitsmarktexperte Sell fordert dagegen:

Prof. Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte Hochschule Koblenz

"Der Staat muss hingehen und die notwendige angemessene Vergütung des Unternehmensrisikos klar definieren und zwar 1. Muss es eine klare Zahlenvorgabe geben, ob nun 2 oder 3 Prozent. Es muss begrenzt sein nach oben und die kosten müssen klar definiert werden damit kein Missbrauch betrieben werden kann. Da ist der Gesetzgeber gezwungen zu sagen, wir wollen das nicht, dass ihr das nutzt, um in Wirklichkeit gewinne, übermäßige Gewinne zu realisieren."

Geändert:

"Wir haben Pflegepolitiker der großen Koalition gefragt, was sie von einer bundeseinheitlichen Deckelung der Renditen in der Pflege halten. Die SPD-Gesundheitspolitikerin Heike Baehrens will prüfen lassen, ob und wie eine Deckelung der Renditen im Pflegebereich gesetzlich zu verankern ist. Der CDU-Gesundheitsexperte Roy Kühne lehnt dies hingegen ab, da man gar nicht wisse, welche Renditen in diesem Bereich angemessen seien."

18.06.2018

Beitrag von Sascha Adamek und Tina Friedrich

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