Topf wird auf einem Gasherd erhitzt, Foto: imago images / Rainer Weisflog
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Strom, Sprit und Gas - Droht uns eine Energiepreiskrise?

Fünf Euro kostete eine Megawattstunde Erdgas vor einem Jahr im Großhandel – inzwischen liegt der Preis bei rund 80 Euro. Ein Fass Erdöl kostet so viel wie seit sieben Jahren nicht mehr und der Strompreis dürfte schon bald von 32 auf 37 Cent pro Kilowattstunde steigen. Klar ist: Verbraucher und Wirtschaft müssen sich auf stark steigende Kosten im Winter einstellen. Doch warum ist das so? Und ist in ein paar Monaten schon wieder alles vorbei oder steht uns eine Epoche der hohen Energiepreise bevor? Und was bedeuten die hohen Preise für unser Land? Kontraste-Reporter haben sich auf Spurensuche begeben, sie haben mit Experten gesprochen, Verbraucherinnen getroffen und sich von einem Insolvenzverwalter einen Industriebetrieb zeigen lassen, der vor den Gaspreisen kapitulieren musste.

Anmoderation: Gas, Strom, Öl brauchen wir immer. Und: immer noch zum Heizen und Kochen. Und auch die Wirtschaft hat einen gewaltigen Energie-Hunger. Düngemittelherstellung beispielsweise geht nur schwer ohne Gas. Und wird so fast unerschwinglich teuer: Die Energiepreiskrise macht Alltäglichkeiten bald Luxusgüter. Könnte also sein, dass wir uns demnächst dreimal überlegen müssen, ob es nicht reicht, nur ein Zimmer einzuheizen. Oder ob es den eigenen Job morgen noch gibt. Warum das so ist, wer am meisten darunter leidet – und auch: Was jetzt passieren müsste, zeigen Simone Brannahl, Chris Humbs und Marcus Weller. 

Berlin-Marzahn. Sven Schoß, Mitarbeiter der Caritas hilft den Mietern im Kiez beim Energiesparen. Wegen der gestiegenen Energiepreise bleiben hier inzwischen manche Wohnungen kalt und dunkel. Heute besucht er Steffanie Dobberstein. Die alleinerziehende Mutter stand in den letzten Monaten häufiger kurz vor der Stromsperre.

Steffanie Dobberstein:

"Echt grausam. Die Angst, mit dem Gedanken zu spielen, der Strom wird abgestellt, ich habe keinen Strom mehr, ich muss hier mit Kerzen sitzen. Was bin ich für ein Vorbild? Ja, ich kann es nicht wuppen. Ja…"

Der Vater hat die Familie verlassen. Nun fehlt Geld und die Kinder müssen sich stark einschränken.

Kerry-Lyn:

"Deswegen musste man die meiste Zeit eigentlich hier im Wohnzimmer sein, damit halt nicht so viel Strom verbraucht wird."

Ricardo:

"Ich find es auch doof, dass wir uns auch immer wegen dem Strom streiten."

Gernsbach, Baden-Württemberg. Auch hier sorgen die Energiepreise für existenzielle Probleme. Diese Fabrik steht kurz vor dem Aus. Obwohl die Auftragslage hervorragend ist. Der Pappe-Produzent kann die unerwartet hohen Gaspreise nicht mehr bezahlen.
Jetzt droht Arbeitslosigkeit. Harald Kast hat fast sein ganzes Leben hier im Unternehmen verbracht.

Harald Kast, Mitarbeiter Baden-Board:

"Ich arbeite über 40 Jahre hier. Mir gefällt es hier. Es ist eigentlich ein guter Job und wir haben sowieso nicht viel Industrie hier."

Die Firma hat wegen der Gaspreisexplosion jetzt jeden Tag 40.000 € an zusätzlichen Kosten. Der neue Chef ist nun der Insolvenzverwalter:

Marc Schmidt-Thieme, Insolvenzverwalter:

"Wir haben alles, was ein guter Betrieb braucht. Wir haben einfach nur diesen unglaublich hohen Gaspreis, den ich einfach nicht abfedern kann auf Dauer."

Die hohen Gaspreise sofort an die Kunden weiterzureichen - das gehen hier nicht. Viele Lieferverträgen laufen für ein Jahr und die Preise sind fix vereinbart.

Diese Firma ist kein Einzelfall. 40 bis 50 Prozent des gesamten Gases geht in die Wirtschaft – zu Firmen, die in ihrer Produktion mit großer Hitze arbeiten müssen. Ökologische oder günstigere Alternativen zum Erdgas gibt es noch nicht, so Christian Otto vom Bundesverband für Energie-Abnehmer.

Christian Otto, Bundesverband der Energie-Abnehmer e.V.:

"Durch die extremen Energiepreisanstiege, die wir in den letzten Monaten gehabt haben im Gasbereich, das ist einfach so extrem, dass gewisse energieintensive Mittelständler langfristig ihre Produktion hier in Deutschland nicht mehr aufrechterhalten können. Das ist so."

Doch was macht das Gas so teuer? Die Zusammensetzung des Preises ist dabei wichtig – da galt bis vor kurzem: 50% Einkauf, 25% Netzentgelte, 25% Steuern und Abgaben
Dieser Teil hat sich in Deutschland seit Januar deutlich erhöht - wegen der neuen CO2-Abgabe.

Wesentlich ist aber nun der exorbitante Anstieg auf der Einkaufsseite. Die Börsenpreise explodierten: Vor einem Jahr gab es Gas im Handel noch für fünf Euro pro MWh, heute liegt der Preis bei 85, zwischenzeitlich waren es sogar über 100 Euro.

Das Gas wird nachgefragt wie nie - auf allen Kontinenten, egal ob das Gas aus der Pipeline oder per Tanker kommt.

Ludwig Möhring, Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie:

"Ich bin in diesem Geschäft seit annähernd 30 Jahren. Wir erleben gerade Preise an den Großhandelsmärkten, die ich in dieser Form noch nichtgesehen habe. Die gesamte Entwicklung, die wir hier gerade sehen, ist keine deutsche Entwicklung, was die Preise angeht, es eine globale. Fundamental geht es bei Weltmärkten, so simpel es jetzt klingen mag, um Angebot und Nachfrage."

Nachdem sich die Coronakrise beruhigte, sprang das Wachstum unerwartet rasant an und damit der Energiehunger. Russland ist mit 50% unser Hauptlieferant für Erdgas. Die Lieferverträge wurden erfüllt, aber die Bitte, deutlich mehr zu schicken als vereinbart, wurde verweigert.

Oliver Krischer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen:

"Herr Putin liefert zu wenig Gas nach Deutschland. Das hat zu einer erheblichen Kostensteigerung an den Gas-Märkten geführt. Und deshalb muss man einfach davon ausgehen, er nutzt dieses Gas als politisches Druckmittel, um Nord-Stream 2 in Betrieb zu nehmen. Das ist ja der Zankapfel zwischen der Europäischen Union und Russland."

Der Vorwurf, der Kreml würde das Gas als politische Waffe einsetzen, kommt auch aus den USA und Großbritannien.

Denn es fehlen noch Genehmigungen für die Inbetriebnahme der umstrittenen Gaspipeline Nord-Stream 2. Um die zu erhalten, so die Vermutung, wurde nicht die Menge Gas geliefert, die möglich gewesen wäre.

Auf die Vorwürfe reagiert der Kreml mit einer Konferenz. Der russische Energieminister erklärte, man müsse zunächst die eigenen, die nationalen Gasspeicher auffüllen. Dann aber appelliert Wladimir Putin halbherzig an seine Minister, so schnell wie möglich mehr Gas gen Westen zu pumpen.

Zitat:

"Es wäre wirklich möglich, die Lieferungen über das ukrainische Gastransportsystem zu erhöhen […] Lassen Sie uns daher über eine mögliche Angebotserhöhung auf dem Markt nachdenken."

Daraufhin fielen die Preise an der Börse deutlich.

Wir sind in Berlin-Moabit. Unterwegs mit Rene Böttiger, Stromberater für Unternehmen. Möglichst günstige Lieferverträge für seine Kunden zu organisieren, ist sein Auftrag. Und das ist gerade großes Thema, denn auch beim Strom steigen die Preise deutlich.

Rene Böttiger, Energieberater:

"Bei Gewerbetreibenden und Großhandel reden wir hier mal ganz schnell mal von 3000 oder 5000 Euro im Jahr."

Eine seiner Kundinnen ist Emine Özenen. Sie besitzt einen kleinen Kiosk. Ihr monatlicher Strom-Abschlag wurde schon wieder erhöht.

Emine Özenen:

"Zum 01.04. habe ich 851 Euro bezahlt und fünf Monate später bin ich jetzt bei 1.125 Euro."

Der Berater soll nun günstigere Anbieter finden. Stromsparen ist hier nicht so einfach.

Kontraste:

"Was sind denn Ihre Stromfresser hier?"

Emine Özenen:

"Meine Stromfresser sind z.B. die Kühltruhe hier, meine Klimaanlage, meine, meine Kühlschränke, vor allem der ganz Große, der Sechstürer, der zieht am meisten Strom."

Für dieses Jahr würde die Erhöhung 3.000 € Mehrkosten bedeuten.

Kontraste:

"Haben Sie denn Bedenken, was die Zukunft betrifft und die Energiekosten?"

Emine Özenen:

"Ja, große Bedenken. Also ich habe sogar schon mehrmals überlegt einfach zu verkaufen."

Beim Strom machen Beschaffung und Vertrieb 24% des Endpreises aus. Mit 25% schlagen die regulierte Netzentgelte zu Buche. Steuern und Gebühren machen den Löwenanteil aus – mit 51%.

Das heißt, der Staat macht den Strom künstlich teuer - die Verteuerung der Energie ist politisch gewollt, auch aus Gründen des Klimaschutzes.

Doch wie soll die Gesellschaft solch hohe Preise bewältigen? Es wird ja alles teurer. Auch die Spritpreise ziehen deutlich an. Super kostet inzwischen bis zu 2,00 Euro.

Zurück bei Familie Dobberstein in Berlin-Marzahn.

Sven Schoß, Mitarbeiter der Caritas:

"So jetzt machen wir die Alten hier raus, das ist eine Energiesparlampe der ersten Genration."

Neue Leuchtmittel sollen unter anderem dabei helfen, dass die Familie mehr als 400 Euro im Jahr einsparen kann. Das hat Sven Schoß ausgerechnet. Erst seit Kurzem bekommt die Familie Hartz IV. Teile der Stromkosten übernimmt nun das Jobcenter – wegen der Kinder und einer Erkrankung der alleinerziehenden Mutter.

Sven Schoß, Mitarbeiter der Caritas:

"Das ist aber nicht der Regelfall. Die Haushalte, die wir ihm normalerweise im Bestand haben, sage ich mal, die müssen ihre Stromkosten selber tragen. Und das heißt, das geht dann von ihrem Hartz-4-Satz ab."

Der wurde kürzlich erhöht, einstimmig im Bundesrat. Schlappe 3 Euro monatlich gibt es jetzt mehr. Für den deutschen Sozialverband ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Verena Bentele, Präsidentin Sozialverband:

"Diese Hilfe zu geben, muss ein ganz wichtiger Auftrag der nächsten Bundesregierung sein, der auch nicht ewig Aufschub erduldet. Die Menschen haben jetzt Ende des Jahres ihre große und dicke Strom- und Gasrechnung oder ihre Ölrechnung und dafür muss jetzt auch eine Lösung gefunden werden."

Im Ausland reagiert man längst. Nach ersten Protesten, wie hier in Frankreich, schickten fünf Staaten einen Appell an die EU-Kommission, doch endlich gegen die Preisspirale vorzugehen. National übernahmen nun Staaten anteilig die Gasrechnungen oder schütteten Sonderzahlungen aus.

Ab wann sollte man in Deutschland eingreifen? Hierzu habe sich die Bundesregierung keine Gedanken gemacht, kritisiert der Bundesrechnungshof:

Kay Scheller, Präsident Bundesrechnungshof:

"Ungeklärt ist die Frage, bis zu welchem Niveau Strom und Energie noch bezahlbar ist, noch preisgünstig ist. Und hier hat die Bundesregierung keine Zielwerte bestimmt, keine Schwellenwerte bestimmt, ab denen man dann aufgefordet ist, dann einzugreifen."

Der Druck steigt, auf die, die gerade eine neue Regierung bilden wollen, aber auch auf die noch Amtierenden. Das Bundeswirtschaftsministerium unter Peter Altmaier überlegt nun, doch auf die hohen Preise zu reagieren.

Auf unsere Anfrage heißt es, dass der Minister zumindest beim Strom für die Abschaffung der EEG-Umlage sei. Für eine Druchschnittsfamilie, so das Ministerium zu Kontraste, wären es Einsparungen in diesem Jahr von "[...] 228 Euro für die EEG-Umlage. Diese 228 Euro an Kostenbelastung fiele dann weg."

Ein erster Schritt in dieser Hochpreisphase, die staatlichen Verteuerungen der Energie wegen des Klimaschutzes zu reduzieren.

Bericht von Simone Brannahl, Chris Humbs und Marcus Weller

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dpa/Matthias Tödt

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