Was an Hochschulen alles gesagt werden kann - Von wegen Meinungsfreiheit in Gefahr

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek schlägt Alarm: Es drohe eine Einschränkung der Meinungsfreiheit an Hochschulen. Grund: die von Protesten verhinderten Vorlesungen des Wirtschaftsprofessors und einstigen AfD-Gründers Bernd Lucke in Hamburg. Ist die Lage wirklich so dramatisch? Eine Recherche in deutschen Hochschulen zeichnet ein anderes Bild: Da verbreitet ein Professor in seinen Vorlesungen esoterisches Gedankengut. Ein Anderer fordert eine Mauer um ganz Deutschland, um das deutsche Volk vor "Überfremdung" zu schützen. Und ein Dritter warnt davor, afrikanische Männer nach Deutschland kommen zu lassen, da diese genetisch nicht geeignet seien, sich unserer Gesellschaft anzupassen.

Anmoderation: Kommen wir zu dem Wort, das gerade viele beschäftigt: Meinungsfreiheit. Also: was man noch sagen darf - und was eben nicht. Dabei ist es eigentlich klar: Man DARF erstmal alles sagen in diesem Land. Aber man muss dann mit den Folgen leben. Und möglicherweise mit heftiger Gegenwehr. Gabs gerade an der Hamburger Uni …

… gegen die Vorlesungen des AfD-Gründers und Wirtschaftsprofessors Bernd Lucke. So laut und so heftig, dass er kein Wort an seine Studierenden richten konnte. Das geht erstens gar nicht und zweitens schon in Richtung Zensur, empört sich unsere Bundes-  bildungsministerin im Kontraste-Interview.

Anmoderation: Ist das so? Leben wir in einem Land, in dem die schlausten Köpfe einen Maulkorb tragen? Sich nur ja nicht von der Mehrheitsmeinung wegbewegen dürfen? Wer sich in deutschen Vorlesungen umhört - so wie unsere Reporter Silvio Duwe und Markus Pohl - der bekommt viel Mumpitz zu hören. Man könnte sagen:  Im Land der Dichter und Denker sind offenbar einige Denker nicht mehr ganz dicht - und trotzdem laut und deutlich zu hören.

Die Technische Universität Hamburg. Hier lehrt und forscht der Abwasserexperte Ralf Otterpohl. Spezialgebiet des Institutsleiters: ökologische Toiletten. Eigentlich ein unverfängliches Thema. Doch der Professor hat einen Hang zu Verschwörungslegenden.

Zum Beispiel Chemtrails: Angeblich sprühen Flugzeuge im Auftrag dunkler Mächte giftige Chemikalien.

Prof. Ralf Otterpohl, Institut für Abwasserwirtschaft, Technische Universität Hamburg

"Aus Flugzeugen kommen Sachen raus, die da eigentlich nicht sein sollten. Nanoverbindungen mit Aluminium, Barium, Strontium, Titanat, und solche Sachen. Dann gibt es das halt den Menschen mit Aluminium aufzufüllen. Dann ist man extrem sensibel auf den Mobilfunk und so weiter."

Diesen Irrsinn verbreitet Professor Otterpohl auf einer Esoterikmesse in Eckernförde.

Doch auch an seiner Universität klagen Studierende über die Inhalte von Otterpohls Vorlesungen. Einer seiner Studenten ist bereit, anonym mit uns zu sprechen

Student

"Das Auffälligste war, als er Chemtrails erwähnt hat. Er hat definitiv von einer Besprühung gesprochen, von Kondensstreifen. Dass es nachgewiesen sei, dass es eben eine Besprühung gibt, und das uns Menschen oder die Erde auch verändert."

Ein weiteres Steckenpferd von Otterpohl ist die Geomantie, der Glaube an Energiefelder und "Elementarwesen" wie Elfen, Feen und Gnome. In diesem Sammelband erklärt er dazu:

"Auf einem Handy sitzt zum Beispiel ein stacheliges Wesen drauf. Das kann man harmonisieren, wenn man es wahrnimmt und darum bittet, dass wir mit ihm gut arbeiten können."

Wir fragen Professor Otterpohl, wieso er unwissenschaftlichen Unsinn verbreitet:

Prof. Ralf Otterpohl, Institut für Abwasserwirtschaft, Technische Universität Hamburg

"Das hat nichts mit meiner Forschung zu tun, das ist ein Privatinteresse …"

Ein "Privatinteresse", dem er aber auch in seinen Vorlesungen nachgeht. Das belegen uns zugespielte heimliche Aufnahmen.

Gedächtnis-Protokoll

"Wir sollten auch die sogenannte Geomantie beachten. Also wo sind Störungen, wo fließen gute Energien. Ich habe mich seit mehr als 20 Jahren mit Geomantie beschäftigt. Ich weiß, dass es das gibt."

Die Universitätsleitung gibt sich auf unsere Anfrage hin ahnungslos. Es habe bisher keine Beschwerden über die Lehrtätigkeit Otterpohls gegeben, heißt es.

Wie schwer der Umgang mit irrlichternden Professoren sein kann, zeigt sich in Kassel.

Hier lehrt der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera. Sein Spezialgebiet: niedere Lebewesen wie diese Plattegel. Der Biologe äußert sich aber auch gerne gesellschaftspolitisch. Dann wettert er gegen die "Homo-Lobby" und die Gleichheit von Mann und Frau.

Prof. Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe, Universität Kassel

"Mann und Frau unterscheiden sich als wären sie verschiedene Arten, wie Schimpanse und Mensch, das kann ich ausführlich begründen, genetisch sind das 1,5 Prozent. Frauen allgemein haben wesentlich mehr Einfühlungsvermögen, Empathie, sind großzügiger. Männer setzen Grenzen."

Kontraste

"Und das würden sie alles auf biologische Faktoren zurückführen?"

Prof. Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe, Universität Kassel

"Ja was denn sonst?"

Kontraste

"Kulturelle Prägung"

Prof. Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe, Universität Kassel

"Kulturelle Prägung, da lach ich mich tot!"

Berüchtigt ist Kutschera seit diesem Interview. Anlässlich der Einführung der Ehe für Homosexuelle warnte er:

"Sollte das Adoptionsrecht für Mann-Mann- bzw. Frau-Frau-Erotikvereinigungen kommen, sehe ich staatlich geförderte Pädophilie und schwersten Kindesmissbrauch auf uns zukommen."

Prof. Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe, Universität Kassel

"Vater-Mutter-Entbehrung führt bei Kindern, das ist durch hunderte Studien belegt, gezeigt durch Berichte von Kindern, die bei schwulen Männern, lesbischen Frauen, Paaren groß geworden sind, zu Selbstmordversuchen, Horror! Wenn sich Mädchen mit einer Rasierklinge ritzen und bluten, gucken sie sich die Bilder im Internet an!"

Tatsächlich spricht der überwältigende Teil der Studien zum Thema eine andere Sprache: Kindern von homosexuellen Paaren geht es demnach genauso gut wie denen von Hetero-Eltern.

Die Staatsanwaltschaft in Kassel hat deshalb Anklage gegen Kutschera erhoben. Der Vorwurf: Volksverhetzung und Verleumdung Homosexueller.

Die Studierendenvertretung der Uni Kassel hofft auf eine Verurteilung. Kutschera sei als Professor nicht länger tragbar.

Sophie Eltzner, Vorsitzende Allgemeiner Studierendenausschuss Universität Kassel

"Er bringt solche Sprüche auch zum Teil in seinen Vorlesungen, und das muss Konsequenzen nach sich ziehen. So etwas kann nicht unter Wissenschaftsfreiheit fallen, wenn man so aggressiv gegen Minderheiten vorgeht."

Die Leitung der Uni Kassel hat sich inhaltlich von Kutschera distanziert. Sie bietet eine Ersatzvorlesung für Evolutionsbiologie an, damit niemand gezwungen ist, bei ihm zu studieren.

Doch solange Kutschera nicht verurteilt ist, hat die Uni kaum eine Handhabe gegen ihn. Denn das Grundgesetz räumt Professoren besondere Privilegien ein.

Prof. Ulrich Battis, Verwaltungsrechtler

"Professoren können sich auf die Wissenschaftsfreiheit berufen, das ist ein besonders geschützter Raum, der von dem ständigen Dialog und auch Streit lebt. Das hat auch das Bundesverfassungsgericht gesagt, hier soll der Staat und auch die Gesellschaft soll hier nicht regelnd eingreifen."

So lehrt Kutschera unbeeinträchtigt weiter – und plant schon den nächsten Aufreger: ein Buch über Migranten-Kriminalität aus biologischer Sicht.

Prof. Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe, Universität Kassel

"Es gibt toll integrierte einzelne Afrikaner. Aber in der Masse kann ich die Phänomene, die wir haben, die Verzweiflungstaten, die hohe Kriminalität, die Tatsache, dass diese Männer dauernd dann in die Psychiatrie kommen, liest man ja dauernd – das lässt sich alles auf komplexe biologische Sachverhalte, belegt durch hunderte Veröffentlichungen, erklären.

Die Sorge vor kriminellen Migranten treibt auch diesen Politikwissenschaftler um. Martin Wagener lehrt am Zentrum für nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung der Hochschule des Bundes. Seine Studenten: BND-Mitarbeiter und Verfassungsschützer.

Wagener hat eine Art politisches Manifest veröffentlicht. Darin greift er die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung scharf an. Und er fordert die Abriegelung Deutschlands durch eine massive Grenzanlage.

Prof. Martin Wagener, Politikwissenschaftler, Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung

"Ich schlage vor, ein dreistufiges System zu schaffen. Im ersten Bereich nach außen hätten wir einen Sicherheitszaun, in der Mitte Annäherungshindernisse, damit Eindringlinge nicht so schnell zum letzten Hindernis kommen. Das wäre eine vier Meter hohe Betonwand, die man dort aufbauen könnte. Und diese Mauer müsste man in der Tat einmal komplett um Deutschland herumziehen, um es dann auch wirklich abzuschotten."

Ein Bauwerk, ähnlich dem ehemaligen deutsch-deutschen Grenzstreifen. Nur dieses Mal nach außen gerichtet.

Wagener will so das deutsche Volk vor - Zitat - "Überfremdung" schützen. Flüchtlinge sollen dauerhaft in großen Lagern an der Grenze festgehalten werden – selbst dann, wenn sie als asylberechtigt anerkannt werden.

Im Buch heißt es dazu: "Es gibt keinen Anspruch auf Integration in die bundesrepublikanische Gesellschaft."

Kontraste

"Das hört sich für viele unmenschlich an. Warum schlagen sie so etwas vor?"

Prof. Martin Wagener, Politikwissenschaftler, Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung

"Es ist ja nicht unmenschlich. Wenn wir den Menschen signalisieren würden, ganz grundsätzlich, wenn ihr Asylanten seid und ihr habt sozusagen den Bescheid, dass ihr tatsächlich politisch verfolgt seid, ihr dürft aus asylrechtlichen Gründen hierbleiben, dann bekommt ihr auf jeden Fall eine Integration in das Land, das wäre der völlig falsche Anreiz."

Lager um Flüchtlinge abzuschrecken. Ist jemand mit diesen Ansichten der Richtige, um Verfassungsschützer und Geheimdienstler auszubilden?

Daran zweifelt auch der BND, er ließ Wageners Buch juristisch prüfen. Ausreichende Belege für eine verfassungsfeindliche Einstellung fanden sich aber nicht. Also darf Wagener weiter lehren.

Das Gerede von der fehlenden Meinungsfreiheit an den Hochschulen – es ist ein Mythos.

Beitrag von Silvio Duwe und Markus Pohl

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