30 Jahre nach dem Mauerfall - Wie denkt die Generation der Wendekinder heute über Deutschland?

Der Dokumentarfilm "Die Clique" von 1991 zeichnete ein beklemmendes Stimmungsbild der Wendekinder. Die Heimat im Umbruch, die Lebensleistung der Eltern abgewertet, die Zukunft unsicher – all das prägte die Jugendlichen, die in der sogenannten "Planschi-Clique" in Berlin-Mitte Halt fanden. 30 Jahre nach dem Mauerfall treffen die Reporter von Kontraste die Protagonisten des Films von damals wieder und wollen wissen: wie schauen sie heute auf ihr Leben, den Mauerfall und 30 Jahre Einheit?

Anmoderation: 30 Jahre Mauerfall - das bedeutet auch: Seit dreißig Jahren versuchen wir uns gegenseitig irgendwie zu erklären, wie das war. Damals bei uns. Und wir sind noch lange nicht fertig. Hier in Berlin läuft diese Endlosunterhaltung sogar innerhalb einer Stadt ab. Und eine Generation ging da bisher fast unter: Die Mauerfall-Teenies. Damals noch zu klein, um durch die Wende ihren Job zu verlieren - aber schon groß genug, um zu verstehen, dass da gerade alles um sie herum zusammenkrachte. Eine dieser Cliquen wurde damals von einem Fernsehteam begleitet - wir haben sie wiedergefunden. Fast 30 Jahre später.

Dieser Ort bedeutet Saskia Liebreich viel. Hier an der "Plansche", einem Becken zum Baden mitten in Ostberlin, traf sich früher ihre Jugendclique. Tag für Tag. Als Wendekinder hielten sie damals zusammen. Ein Gefühl, nach dem sich Saskia Liebreich heute sehnt.

Saskia Liebreich

"Weil man irgendwie doch manchmal so ein bisschen einsam fühlt. Irgendwie fehlt das, diese Freundschaft hier drum rum."

Im Film "die Clique" – hält sich Saskia Liebreich damals schüchtern im Hintergrund. Die Clique ist für sie in der Zeit nach dem Mauerfall ein Zufluchtsort, ein Stabilitätsanker in einer Welt, in der sich alles verändert hat und die Eltern vor allem mit sich selbst beschäftigt sind.

Kontraste

"Was ist wichtig an der Clique, an der Gruppe hier?"

Dass wir alle zusammenhalten eigentlich. So ähnlich wie die Musketiere. "

Viele von ihnen zogen irgendwann weg. Saskia Liebreich lebt noch im alten Viertel. Alles erinnert sie an die "gute alte Zeit", an das Gefühl der Geborgenheit in einem Staat, der sich um alles kümmerte. Mit Veränderungen hadert sie.

Saskia Liebreich

"N Stück Kindheit geht weg. Damals war das eine Kaufhalle, und da war Obst, Gemüse, und man wusste ganz genau, wie die kleinen Flaschen Cola oder was es bei uns damals gab, diese Club Cola oder orangen Limonade. Das hat man irgendwie noch im Kopf. Und das war für mich echt schwierig, wo sie das weggerissen haben. Da war ich echt traurig."

1991: Nicht nur der Staat befindet sich im Umbruch. Sie alle sind in der Pubertät. Jugendkultur im Osten bedeutet in dieser Phase: Position beziehen. Man ist links oder rechts. Und sei es nur, um dazuzugehören. In der Planschi-Clique gab es beide Haltungen.

Ausschnitt alter Film

"Frage: Wie war das, wart ihr vorher verfeindet, oder wie lief das ab?

Pamela: Na, ich würde eher sagen, das war so gewesen, weil manche links waren, manche rechts. Wir mussten erst lernen damit umzugehen.

Frage: Das heißt ihr habt euch gejagt?

Im Prinzip fast so. Unsere Cliquen waren einige 100 Meter auseinander, also die Cliquen-Standorte. Und dann wurde uns gesagt, dahinten sind Rechte und dann sind wir hin. Also gedroschen haben wir uns nie, die sind immer abgehauen."

Irgendwann wurden aus Linken und Rechten eine Clique. Und die hat Kontraste dieses Wochenende zum 30. Jahrestag des Mauerfalls wieder zusammengebracht. Ein Wiedersehen nach Jahrzehnten.

Anders als früher will sich aus der Planschi-Clique kaum einer mehr öffentlich politisch positionieren. Dass heute mit der AfD eine rechte Partei besonders im Osten punktet, beschäftigt sie trotzdem.

O-Töne

"Politik ist nicht mein Thema, da halten wir uns mal ein bisschen raus….

"Dieses Ostdeutsche sind alle Afd-Wähler, find ich auch merkwürdig. Das sind sie nicht.

"Dieses alles über einen Kamm scheren finde ich beunruhigend, was da gerade passiert, in Thüringen, Sachsen, so die Ecke, das beunruhigt. mich, aber es ist auch nicht so, dass es bei mir nicht sonderlich präsent ist. Politik spielt nicht mehr die Rolle. Für mein Leben.

Pamela Möller war damals fünfzehn, gehörte zu denen, die sich als links bezeichneten:

Ausschnitt alter Film

"Frage: Wart ihr am Anfang das ausgleichende Moment ihr als Mädchen zwischen Rechten oder linken?

Kannst du so nicht sagen: Da hatten auch manche Mädchen ihre – also rechts waren oder links.

"Jeder muss jeder seine eigene Überzeugung haben, weil ich meinen Standpunkt haben. Weeß ick nich. Ja und ja dit is geil, Nazi ist geil, da lass ich mich doch nicht überzeugen. Weil ich schon meinen eigenen Standpunkt habe."

Pamela Möller lebt heute fern ihrer Heimat. Sie arbeitet als Vorstandsassistentin und wohnt in Hessen mit ihrem Mann und den Kindern.

"Piep piep piep…guten Appetit."

Pamela

"Ich fühl mich nicht ostdeutsch, obwohl ich mich meiner Herkunft nicht schäme. Ich hab da kein Problem mit. Aber wenn mich jemand fragt: Wo kommst du her? Sage ich aus Berlin."

Pamela Möller hat die Chancen des Mauerfalls genutzt. Dabei bedeutete die Zeit danach auch für sie zunächst vor allem Unsicherheit. Wie viele aus der Clique erlebte sie, wie das Leben ihrer Eltern außer Kontrolle geriet.

Pamela

"Als mein Vater dann arbeitslos wurde. Das so mitzuerleben, wenn man eigentlich als Kind auch immer gewöhnt ist, dass der Vater von zu Hause weg ist und seiner Arbeit nachgeht und auch sehr zufrieden ist mit dem, was er tut. Und ja auch zufrieden ist mit sich, mit seinem Leben. Und dann kommt diese Unzufriedenheit. Da waren einige Einschnitte, mit denen man erst mal umgehen musste und die natürlich in der Familie dann auch ein bisschen zu Traurigkeit geführt haben.

In diesen Zeiten war die Clique auch für Pamela Möller besonders wichtig.

Pamela

"Die war halt Lebensmittelpunkt. Das war wie eine zweite Familie."

Die Wendekinder der Planschi-Clique: 30 Jahre später sehen die meisten den Mauerfall als Glücksfall, andere, so scheint es, eher als Schicksalsschlag.

Gruppe O-Töne

"Mir hat dieser Mauerfall, diese Wende einfach unfassbar viele Chancen eröffnet. Wäre alles so geblieben … wäre nicht klar gewesen, hättest du zur Uni gehen können oder wärst Du einem anderen Job zugeteilt worden."

"Ich finde, jeder hat auf seine Weise von der Wende profitiert. Ich würde jetzt nicht sagen, dass das irgendwie ein negatives Ereignis war."

Saskia

"Das finde ich aber nicht. Weil dieser Zusammenhalt irgendwie fehlt in der heutigen Zeit. Man merkt eben immer wieder, dass es heute anders ist. Jeder ist sich selbst der Nächste. Du kannst nich zu dem nächsten rennen und sagen Hier, hier war es halt immer unbeschwerter. Weil: Du bist hierhergekommen und es war immer jemand da zum Reden, wenn du Probleme hattest, wen du reden wolltest. Irgendwie fehlt das halt."

Mit dem Deutschland von heute scheint Saskia Liebreich nie wirklich warm geworden zu sein. Dass das Land von morgen ein ganz anderes sein könnte, ängstigt sie nicht.

Saskia Liebreich

"Ich habe einen sehr, sehr, sehr lieben Menschen, der sehr rechts eingestellt ist, kennengelernt, habe, der ja nicht mir gegenüber so ist bzw. wir akzeptieren uns, wir helfen uns gegenwärtig trotzdem. Warum soll ich mich jetzt von Ihnen distanzieren?

Kontraste

"Haben Sie Angst davor, dass irgendwann mein System wiederkommt, was rechts ist?"

Saskia Liebreich

"Angst habe ich davor nicht, muss ich ganz ehrlich sagen. Wie gesagt, man lernt ja, man lernt ja trotzdem sein ganzes Leben lang, und man würde auch lernen, damit umzugehen. Trotzdem, und man würde versuchen bzw. ich denke, dass ich so ein Typ bin, dass ich auch da reinwachsen würde in dieses System dann."

Aber was ist mit den Kindern der Wendekinder? In Zeiten von Pegida und AfD, von Hass und Spaltung?

Wir begleiten die Clique in ihren ehemaligen Jugendclub. Streetworker holten sie von der Plansche hierher.

Es ist das zweite Wiedersehen an diesem historischen Tag. Denn sie treffen einige ihrer ehemaligen Sozialarbeiter. Steffen Knospe ist einer von ihnen. Er findet, die Jugendlichen von heute könnten einiges von der Planschi-Clique lernen.

Steffen Knospe, Sozialarbeiter

Die große Herausforderung, wo wir von diesen Jugendlichen lernen können, sich auch einfach miteinander ins Gespräch kommen. Und dann festzustellen. So verschieden sind wir doch nicht. Unsere Ideen zu bestimmten Sachen sind sehr verschieden, aber die Kiddies haben es uns sehr gut vorgemacht. Es geht."

Beitrag von Georg Heil, Kaveh Kooroshy und Bettina Malter

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