Carina S. im Gespräch. Quelle: Kontraste
Kontraste
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Betäubt und vergewaltigt - Skandal an Vorzeige-Klinik

Über Monate konnte ein Assistenzarzt an der Bielefelder Uni-Klinik Frauen betäuben und sexuell missbrauchen. Mehrere Opfer haben nun unter anderem den Chefarzt der Klinik wegen Beihilfe durch Unterlassen angezeigt. Sie erheben schwere Vorwürfe gegenüber der Klinik: Diese habe ihre Hinweise nicht ernst genommen. Und auch Kontraste-Recherchen zeigen große Versäumnisse der Klinik. Hätte die Klinik den Assistenzarzt früher aus dem Verkehr ziehen müssen? Und hätte das mache Taten gar verhindert?

Anmoderation: Nachts im Krankenhaus, Maschinen piepen, die Schwestern huschen über den Flur – so richtig wohl fühlt man sich da nicht. Vielleicht liegen sie also sowieso schon wach, als der Arzt reinkommt und ihnen einen Tropf legt. Nur was zur Entspannung. Monate später erfahren sie dann, was dieser Arzt in dieser Nacht mit ihnen gemacht hat – während sie bewusstlos waren … aber sie erfahren es nicht, weil die Polizei sie kontaktiert. Sie erfahren es, weil sie bei der Polizei anrufen, um mal nachzufragen. Wie eine Klinik, die Polizei und Staatsanwaltschaft mit vereinten Kräften den Opfern das Leben schwermachten erzählen Simone Brannahl und Lisa Wandt.

Anwältin

„Hätten Sie meine Mandantin ernst genommen, hätten sie weitere Vergewaltigung verhindern können.“ 

Kontraste trifft eine Frau, die zweimal von einem Assistenzarzt vergewaltigt wurde. 

Carina S. (Stimme nachgesprochen)

„In erster Linie gebe ich das Interview, damit die Sache nicht totgeschwiegen wird und da nichts vertuscht wird.“ 

Im evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld sucht Carina S. im Juli 2019 Hilfe. Die junge Mutter ist öfter umgekippt, kommt in die Neurologie. Gegen Mitternacht reißt ein Assistenzarzt die Tür auf und sagt, er müsse ihr einen Zugang legen. Als er ihr etwas in die Vene spritzt, verliert Carina S. das Bewusstsein. Nachts um drei Uhr wird sie wach, hat Schüttelfrost und Gliederschmerzen. 

Carina S.

„Dann habe ich gesehen, dass der Zugang, den der Arzt mir gelegt hat, dass der halt am Boden lag, da waren auch Blutspuren im Bett.“ 

Am nächsten Morgen bemerkt sie in ihrem Bett eine Medikamentenflasche. Davon existiert ein Foto. Propofol, ein Narkosemittel. Es schaltet das Gedächtnis aus. Doch das weiß Carina S. noch nicht. Sie meldet den Fund einer Schwester. 

Carina S.

„Dann war für mich ganz klar, wenn jetzt irgendwas an dieser Situation ungewöhnlich ist oder es irgendwie was passiert ist, was nicht hätte passieren dürfen, dann wird die Schwester wohl mit einem Arzt sprechen und mich darauf hinweisen.“ 

August 2019. Eine andere Patientin - nennen wir sie Nicole T. liegt in der Neurologie. Sie möchte nicht vor die Kamera, schreibt das Erlebte aber auf.

Nicole T., Stimme nachgesprochen

„Ich wachte nachts auf, als Herr G. ins Zimmer kam. Er fing an meinen Zugang zu öffnen. Ab diesem Moment setzt meine Erinnerung aus. 

Nicole T. wurde vom Assistenzarzt narkotisiert, um sie oral zu vergewaltigen. Er filmt seine Tat.

Nicole T.

„Als ich aufgewacht bin hatte ich zwar Halsschmerzen, dachte mir jedoch, dass ich mich etwas erkältet hatte. Dann kamen der Chefarzt, der Oberarzt und auch eine Assistenzärztin ins Zimmer. 

Nach dem kurzen Gespräch beschließt der Chefarzt, Nicole T. zu entlassen. 

Nicole T.

„Ich sprach an, dass ich in der Nacht eine Infusion bekommen habe, und dass ich wissen möchte, was das war. Der Chef-Arzt schaute in seine Akte und sagte, dass darin nichts vermerkt sei.“

Damit war die Visite beendet. 

Daniel Farrokh, der Anwalt von Nicole T. findet, der Chefarzt hätte sofort handeln müssen. 

Daniel Farrokh, Rechtsanwalt

„Man hätte also nachrecherchieren müssen, warum ein Assistenzarzt zu nachtschlafender Zeit Patientinnen Infusionen gibt. Was war das für ein Medikament? Möglicherweise hätte man noch anhand von Blutuntersuchungen oder ähnliches Ergebnisse festhalten können. All das ist nicht geschehen.“ 

Ein Interview mit uns lehnt die Klinik ab und teilt schriftlich mit: Klinikleitung und Chefarzt wüssten erst seit September 2019 von möglichen Vorfällen falscher Medikamentengabe. Seltsam. Die Hinweise von Nicole T. aus August 2019 nennen sie nicht. 

Im September 2019 begeht der Arzt weitere Vergewaltigungen. Carina S. muss noch einmal in diese Klinik. Wieder behauptet der Assistenzarzt, er müsse ihr und ihrer Zimmernachbarin einen Zugang legen. Er vergewaltigt Carina S. ein zweites Mal. Ebenso die andere Patientin. Wieder filmt er seine Taten. Morgens wird den Frauen klar: Hier stimmt etwas nicht. Sie informieren eine Schwester und die den Oberarzt. Der erscheint mit dem Täter. Und begründet die Bewusstlosigkeit so:

Carina S.

„Meine Reaktion war angeblich, weil die Temperatur der Kochsalzlösung wohl nicht die richtige Temperatur war. Also es wäre wohl zu warm gewesen das Medikament. Und hab dann auch gleich gesagt, was ich gedacht hab, nämlich dass das totaler Blödsinn ist. Und dass wir zu zweit sind und das beim ersten Mal auch schon sowas gewesen ist.

Hierzu teilt die Klinik Kontraste mit, es seien „alle erforderlichen Maßnahmen eingeleitet (worden), um dem Vorwurf der nicht-sachgemäßen Medikamentengabe nachzugehen.“ Der Oberarzt habe noch am selben Tag medizinisch-labortechnische Untersuchungen angewiesen. Der Vorwurf sei ernst genommen worden, (…). Zusätzlich sei der Betäubungsmittelverbrauch der gesamten Klinik kontrolliert worden. Beides habe keine Auffälligkeiten ergeben.

Stefanie Höke, Anwältin von Carina S. findet, dass ihre Mandantin den Ärzten genug Hinweise zum Handeln gab. 

Stefanie Höke, Rechtsanwältin

„Dafür sind es Ärzte, worüber Sie Kenntnis haben … Spätestens da hätte man ihn eigentlich schon suspendieren müssen, den Arzt.“ 

Carina S. entlässt sich selbst aus der Klinik und erstattet Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung gegen den Assistenzarzt. Von der zweifachen, schweren Vergewaltigung ahnt sie nichts. 

Januar 2020. Eine weitere Patientin macht Meldung über den Assistenzarzt. Daraufhin wird ihm nach Kontraste Recherchen vom Chefarzt untersagt, das Betäubungsmittel Propofol zu benutzen. Und er soll keine nicht indizierten Zugänge legen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die zeigt, dass die Klinik dem Arzt wohl nicht traute. Dazu aber äußert sich die Klinik nicht. 

April 2020. Sieben Monate sind seit der Anzeige von Carina S. vergangen. Jetzt durchsuchen die Beamten die Wohnung von Philipp G. Sie finden Drogen und Medikamente, auch Propofol. Außerdem Festplatten mit rund 80 Dateien, die Vergewaltigungen zeigen. Philipp G. wird festgenommen, kurz danach erhängt er sich.

Deshalb stellt die Staatsanwaltschaft Bielefeld die Ermittlungen ein. 

Januar 2021. Nicole T. weiß seit anderthalb Jahren nichts von ihrer Vergewaltigung. Sie erfährt von den Vorgängen aus der Presse. Und geht zur Polizei.

Nicole T.

„Die Kommissarin sagte mir direkt, dass sie mir leider mitteilen muss, dass ich eine der betroffenen Frauen bin. Wie von einem Bus überfahren erzählte ich alles was ich wusste. Ich kann es bis heute nicht nachvollziehen, dass ich von der Polizei nicht informiert worden bin.“ 

Was es bedeutet, mit einer unbewussten Vergewaltigung zu leben, hat die Traumapsychologin Michaela Huber erforscht. Studien belegen, wie verheerend es sein kann, wenn Opfer in solchen Fällen nicht informiert werden.

Michaela Huber, Psychologin

„Das ist keine Kleinigkeit, nach dem Motto Wenn du es bewusst nicht mehr weißt, sei froh, vergiss es. Der Körper erinnert sich, die Emotionen erinnern sich. Das kann hingehen zu psychosenahen Zuständen. Oder Suizidversuchen“ 

Laut Expertin hätten die Frauen gefragt werden müssen: Es gibt ein Video von Ihnen, Sie sind mutmaßlich Opfer einer Straftat geworden – wollen Sie mehr wissen?

Wie viele Frauen Opfer wurden und möglicherweise nicht informiert, teilt uns die Staatsanwaltschaft nicht mit – wegen des Persönlichkeitsrechts des Täters - über den Tod hinaus. Sie stellt aber klar, “ … dass dem Opferschutz Genüge getan wurde.“

Anwalt Daniel Farrokh findet das skandalös. Er meint, alle Frauen müssten zwingend informiert werden. 

Daniel Farrokh, Rechtsanwalt

„Solange sie nicht wissen, dass sie missbraucht worden sind, können sie keine Ansprüche stellen. Und ein weiterer Aspekt ist dann können die auch nicht als Zeuginnen vernommen werden. Denn wenn es so sein sollte, dass viele Frauen vorher Bescheid gegeben haben, dann hätte natürlich die Klinikleitung, aber auch der Chef und Oberarzt Maßnahmen treffen müssen, um diesen Assistenzarzt aus dem Verkehr zu ziehen.“ 

Die Klinikleitung teilt sich im vergangenen September der Presse mit. 

“Wir hoffen insofern auf eine umfassende und schnelle Aufklärung”

Für die Opfer ein Hohn. In der schriftlichen Stellungnahme an Kontraste heißt es weiter: Es hätten sich „keine Beweise für ein Fehlverhalten des AA (Assistenzarztes) (ergeben), die Anlass dazu gegeben hätten, die Behörden einzuschalten.“

Nach Einschätzung der Bielefelder Staatsanwaltschaft besteht ein Anfangsverdacht auf Beihilfe zur Vergewaltigung durch Unterlassen gegen den Chefarzt, einen Oberarzt und die Leitung der Bethel gGmbH. Die Ermittlungen laufen. 

Carina S. hofft auf Gerechtigkeit, zweieinhalb Jahre nach den schweren Vergewaltigungen im evangelischen Klinikum Bethel.

Beitrag von Simone Brannahl und Lisa Wandt

 

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