The valley of the Shavla river between the Shavlinsky lakes and the confluence of the river Eshtykol. August. Altai Mountains, Siberia, Russia. Bild: Zoonar.com/Sergey Rybin
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- IKEA-Kindermöbel aus Urwäldern?

Der schwedische Möbel-Konzern ist der größte Holzverbraucher der Welt. Ganze Wälder gehen jedes Jahr als Pax, Mäla oder Sundvik über den IKEA-Tresen. Mit Möbeln aus Holz macht das Möbelhaus Milliarden – und das Thema Nachhaltigkeit zum großen Werbeversprechen. Die britische Umweltschutzorganisation Earthsight wirft IKEA jedoch vor, nicht nachhaltiges Holz zu verwenden. KONTRASTE-Reporter sind diesem Verdacht nachgegangen und auf gerodete Urwälder in Sibirien, einen russischen Holzbaron und ein leicht zu täuschendes Zertifizierungssystem gestoßen. Wirkliche Nachhaltigkeit sieht anders aus.

Anmoderation: Gut, dass sie da sind…und die, die gegen diese Wetterextreme wirklich anarbeiten, stehen hier: in der Taiga im Norden Russlands. Ein gewaltiger Waldgürtel aus Nadelbäumen. Eine Welt-Klimaanlage. Ebenso groß wie der Amazonas-Urwald und ein fast genauso wichtiger Sauerstoff-Produzent. Aber auch diese nördlichsten Wälder der Erde sind - sonst wäre das wohl kein Thema für uns – in Gefahr. Das Holz wird dort in rauen Mengen geschlagen. Mit Ökosiegel. Und davon profitiert ausgerechnet eine Firma, die sich so gern Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt. Alexander Bühler und Marcus Weller.

IKEA – das schwedische Möbelhaus ist der größte Holzverbraucher der Welt. Ganze Wälder gehen jedes Jahr als Pax, Mäla oder Sundvik über den IKEA-Tresen. der Konzern macht Milliarden mit Möbeln aus Holz. Seit 2020 gibt er seinen Kunden ein umfassendes Versprechen – Alles Holz ist entweder zertifiziert oder recycelt. Der oberste Holzmanager im Imagefilm:

Mikhail Tarasov

„Forstwirtschaft ist keine Raketenwissenschaft, sie ist viel komplizierter. Deswegen ist es wichtiger denn je, dass Umweltschutzorganisationen, Sozialpartner, Regierungen und die Wirtschaft gemeinsam für die Zukunft der Wälder arbeiten.“

Doch Wissenschaftler und Umweltschutzorganisationen werfen Ikea umfangreichen Raubbau unwiederbringlicher Urwälder vor. Seit Jahren recherchiert die englische Umweltschutzorganisation EARTHSIGHT zu IKEA und macht dem Konzern nun erneut schwere Vorwürfe:

Sam Lawson, Direktor EARTHSIGHT

„Wir zeigen, dass es einen massiven Skandal um illegalen Holzeinschlag in Russland gibt und eine starke Verbindung zu IKEA. Es handelt sich um einen riesigen Abholzungsskandal, der anscheinend unter dem Radar der größten Öko-Kennzeichnungsstelle der Welt, des FSC, abgelaufen ist.“

KONTRASTE ist diesem schweren Verdacht nachgegangen. In Indonesien, wo Millionen IKEA-Möbel produziert werden. Und in Sibirien - denn von dort stammt viel Holz, das IKEA verbraucht

Prof. Pierre Ibisch, Professor für „Nature Conservation“ an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

„Da wird Holz abgeschöpft und zwar auf großen Flächen. Das sind Kahlschläge, die angelegt werden, nachdem vorher in unberührte Wälder Straßen getrieben werden. Diese Art von von Holzernte ist definitiv nicht als nachhaltig zu bezeichnen.“

Der Reihe nach: Ikea-Produkte werden auf der ganzen Welt hergestellt. Anhand der Nummer der Verpackung lässt sich der Hersteller identifizieren - Diese Mäla Kinder-Tafel zum Beispiel wird am anderen Ende der Welt, nämlich auf der indonesischen Insel Java produziert.

Die Firma PT Karya Sutarindo ist einer der größten Hersteller von Kindermöbeln für IKEA. Zwei Millionen allein im Jahr 2020 - Darunter das "Latt"-Set mit Tisch und zwei Stühlen, sowie die meisten Artikel der Sundvik-Kinderserie, darunter Stühle, Tische, Betten und Kleiderschränke aus Kiefernholz.

Doch Kiefernholz wächst in Indonesien gar nicht und muss importiert werden. In Fracht-Datenbanken lassen sich die Lieferwege nachvollziehen. Es zeigt sich, dass etwa ein Viertel der Kiefern, die von Karya Sutarindo vor allem zu Ikea-Produkten verarbeitet werden, aus - Russland, genauer aus sibirischen Urwäldern stammt.

Pierre Ibisch ist Biologe und Professor für Nachhaltigkeitsforschung in Eberswalde. Er hat ausgiebig zu den riesigen zusammenhängenden Urwaldgebieten in Sibirien geforscht

Prof. Pierre Ibisch, Professor für „Nature Conservation“ an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

„Diese borealen Nadelwälder haben erst einmal eine immense Bedeutung, tatsächlich auf globaler Ebene mutmaßlich für das Klima. Das ist lange Zeit so ein bisschen vielleicht vernachlässigt worden, weil man sehr stark auf die tropischen Wälder geschaut hat. Aber dieses große Waldgebiet hat eine wichtige Bedeutung für die Stabilisierung gegebenenfalls des Klimas.“

Diese Urwälder werden im großen Stil abgeholzt. Liefer-Datenbanken zeigen, dass die sibirische Firma Uspekh einer der größten Hoflieferanten des Ikea-Produzenten auf Java ist. Uspekh liefert im Schnitt zweihundert Tonnen Kiefernholz an die indonesische Firma - pro Monat.

Die Firma hat ihren Sitz in der sibirischen Stadt Bratsk. Über einem Supermarkt in der Innenstadt hat sie ihren eigetragenen Hauptsitz. Keiner da. Dort sei selten jemand, sagt der Hausbesitzer aus dem Büro gegenüber, wir sollen es am besten auf dem Firmengelände am Waldrand probieren. Wir fahren hin.

Kontraste

„Wir kommen vom deutschen Fernsehen von der ARD. Gestern haben wir eine Anfrage an geschickt wegen einiger Fragen zu Ihren Geschäften mit IKEA.“

Ein Mann an der Gegensprechanlage fragt im Haus nach und erklärt dann, die Direktorin gäbe keine Interviews und beantworte auch keine Fragen.

Kontraste

„Dankeschön. Auf Wiedersehen“

Der Holzhändler Uspekh kauft die Stämme von örtlichen Anbietern. Online lässt sich nachvollziehen, dass der wichtigste Lieferant eine Firma mit dem Namen Vilis ist. Und die gehört einem Mann namens Jewgeni Bakurov. In einem Werbefilm zeigt sich der 44-jährige Multimillionär als weitsichtiger Unternehmer, dem unerschöpfliche Wälder zur Verfügung stehen, die er mit Liebe zur Natur bewirtschaftet.

Sam Lawson, Direktor EARTHSIGHT

„Nun, Bakurov ist fast wie ein Mini-Putin. Wir haben herausgefunden, dass er innerhalb seines Waldes in den letzten 10 Jahren mindestens eine Fläche doppelt so groß wie Manhattan illegal abgeholzt hat - während er gleichzeitig Lieferant von IKEA war. Wir schätzen, dass er etwa vier Millionen Bäume illegal gefällt hat.“

In Russland gehören alle Wälder dem Staat. Lokale Behörden vergeben Lizenzen zur Bewirtschaftung.

Jewgeni Bakurov hat viele Lizenzen und deswegen auch viel Wald - offiziell kontrollieren Behörden, ob die Schonzeiten eingehalten werden, wo und wie die Bäume geschlagen werden - doch ganz so einfach ist es nicht.

In öffentlich einsehbaren Datenbanken sind Gerichtsurteile aufgelistet, die zeigen, dass Firmen von Bakurov ihre Lizenzen missbraucht haben, um geschützte Waldflächen kahl zu schlagen. Der Trick: der sogenannte Sanitärholzeinschlag. Man behauptete einfach, die Bäume seinen krank und holzte sie ab. Die Urteile zeigen, dass Bakurovs Firmen zum Teil zehnmal mehr Bäume gefällt haben, als erlaubt war.

Das Holz ist international eigentlich unverkäuflich, es sein denn, man macht aus illegalem legales Holz.

Sam Lawson – Direktor EARTHSIGHT

„Nun, er hat eine Reihe von Firmen, die verschiedene Aufgaben erfüllen, so ist eine seiner Firma die die Waldpachten hält. Das ist also die Firmen, die die Rechte hat, den Wald zu fällen. Er nutzt eine andere seiner Firmen, um den Holzeinschlag durchzuführen. Er beauftragt sich also selbst und dann verkauft er das Holz von dieser Firma an eine weitere Firma, die mit ihm verbunden ist. Und von dort geht es zu Uspekh, nach Indonesien und dann um die Welt.“

Legal und illegal geschlagenes Holz wird zwischen den Firmen verschoben und die Herkunft so verschleiert. Und wenn das Holz dann noch ein Öko-Siegel trägt, umso besser. In seinem Werbevideo erklärt Bakurov stolz, dass er für einige seiner Firmen FSC-Zertifikate vorweisen kann - und tatsächlich - die Zertifikate sind echt. Sie sind für mehrere Jahre gültig und weisen die Ware als legal, nachhaltig und korruptionsfrei aus.

FSC ist der weltweit größte Holzzertifizierer und steht schon seit Jahren in der Kritik:

Prof. Pierre Ibisch, Professor für „Nature Conservation“ an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

„Ein wichtiges Kriterium ist immer, dass legal gewirtschaftet werden muss. Insofern ist das meines Erachtens nicht verträglich mit einer Zertifizierung. Wenn illegal gearbeitet wird und das nachgewiesen ist, muss es sofort zu einer Überprüfung kommen oder zum Aussetzen der Zertifizierung.“

Wir konfrontieren FSC mit unseren Recherchen, denn der Großkunde Ikea wirbt schließlich offensiv mit diesem Siegel.

IKEA-Spot - Mikhail Tarasov

„Today our wood is FSC-certified or recycled“

FSC schreibt, man wolle den Vorwürfen nachgehen und:

Zitat

„Mit dem neuen verbesserten FSC-Waldbewirtschaftungsstandard für Russland, der im März 2021 in Kraft getreten ist, werden alle FSC-zertifizierten Wälder strengeren Kontrollen unterzogen.“

Kontraste hat IKEA um eine Stellungnahme gebeten. Der Konzern räumt eine Zusammenarbeit mit Bakurov ein und schreibt:

Zitat

„Es kann nirgendwo auf der Welt Raum für den Missbrauch des Sanitärholzeinschlags geben und deshalb haben wir im März 2021 die Entscheidung getroffen, als vorsorgliche Sicherheitsmaßnahme kein Holz mehr von einer Reihe von Unternehmen anzunehmen, die mit Evgeny Bakurov verbunden sind.“

Von welchen Unternehmen genau, teilt IKEA nicht mit. besteht aber darauf, dass das Holz legal erworben worden sei. Die Urteile jedenfalls zur illegalen Urwaldrodung waren und sind öffentlich einsehbar - auch für IKEA.

Natürlich haben wir auch Jewgeni Bakurov mit all den Fragen und Vorwürfen konfrontiert - geantwortet hat er bis heute nicht.

Beitrag von Alexander Bühler und Marcus Weller

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