People visit the unofficial thermometer reading 133 degrees Fahrenheit/56 degrees Celsius at Furnace Creek Visitor Center on July 11, 2021 in Death Valley National Park, California. An excessive heat warning was issued for much of the Southwest United States through Monday. Climate models almost unanimously predict that heat waves will become more intense and frequent as the planet continues to warm. Bild: David Becker/Getty Images/AFP (Photo by David Becker / GETTY IMAGES NORTH AMERICA / Getty Images via AFP)
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- Klimawandel, Hitze und Hungersnot

Die Kinder essen Reste von Ledersandalen oder geriebene Kaktusblüten. Viele von ihnen sterben, weil auf den ausgetrockneten Feldern einfach nichts mehr wächst. Madagaskar erlebt derzeit die schlimmste Dürre seit 40 Jahren, hinzu kommen heftige Sandstürme. Der Klimawandel habe den Inselstaat vor der Küste Afrikas hart getroffen, sagen Klimaforscher. Und sie warnen: dieser mache lebensbedrohliche Hitzewellen wahrscheinlicher und häufiger. Es sind zukünftige Generationen und Menschen in besonders armen Ländern, die den Preis für die globale Erderwärmung als erstes bezahlen.

Anmoderation: Und auch heute wird es die geben die sagen: Starkregen, Waldbrände, Überschwemmungen - das gab es schon immer. Stimmt ja auch. Nur eben seltener. Können Sie noch zählen wie oft es in diesem Jahr Überschwemmungen gab? Oder noch sagen, wo auf der Welt momentan überall Waldbrände toben? Eben. Und natürlich war es auch hier im Death Valley immer schon heiß – aber jetzt kratzen sie dort in Kalifornien Jahr für Jahr an der weltweiten Höchstmarke. Und viele feiern das. Als Extremwetter-Sport - ein Selfie mit 54 Grad Celsius ohne Schatten. Easy, wenn man danach im klimatisierten SUV weiterfahren kann. Puneh Djalilevand zeigt die, die der Hitze völlig ausgeliefert sind. In einem der Hunger-Brandherde der Welt – Madagaskar.

Mehr hat ihre Mutter heute nicht für sie gefunden. Die Reste von Ledersandalen.

“Wir legen es erst ins Feuer. Dann kratzen wir es etwas ab und kochen es dann in Wasser”

Es ist der Müll, der beim Schuster übrig geblieben ist.

Wir sind im äußersten Süden Madagaskars. Eine Gegend, zu der nur wenige Reporterinnen Zugang haben. Gaelle Borgia ist eine von ihnen. Seit zehn Jahren begleitet sie die Menschen dort mit ihrer Kamera.

Gaëlle Borgia

“Ich war schockiert. Ich wusste, dass Menschen Aschereste oder Kaktusblätter essen. Ich habe dramatische Szenen im Süden Madagaskars gesehen. Aber dieses Jahr ist es anders.

Ich habe hunderte Klimaflüchtlinge gesehen, die ihre Dörfer verlassen mussten, um in den größeren Dörfern irgendwie zu überleben. Sie schlafen auf den Straßen, suchen im Müll nach Essen.”

“Wir leiden hier sehr. Es ist schlichtweg keine Nahrung vorhanden. Auch kein Wasser. Ich habe kein Geld dafür.”

Madagaskar erlebt derzeit die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten. Für die Klimaforschung ist klar: Ein Grund für die extremen Hitzewellen ist der Klimawandel.

Mojib Latif

“Madagaskar oder auch das südliche Afrika liegen ja genau in dem breiten Kreis Gürtel, der besonders vom Klimawandel betroffen ist. Und da gibt es sozusagen diese unsichtbare Hand und das ist die globale Erwärmung, die gerade in diesen Regionen zu deutlich höheren Temperaturen und auch zu deutlich mehr Trockenheit führt.”

Die Dürre trifft eine der ärmsten Regionen der Welt. Die Menschen leiden unter einer korrupten Regierung. Wertvolle Wälder wurden gerodet, was das Ökosystem zusätzlich beschädigt hat.

Mehr als eine Million Menschen sind von der Hungersnot betroffen, warnt die Welternährungsorganisation. Vor allem die Kinder. Es fehlt nicht nur an Essen, sondern auch an sauberem Wasser. In einigen Dörfern im Süden des Landes ist jedes dritte Kind akut unterernährt.

Oft müssen die Familien stundenlang zu Fuß gehen, um zu den mobilen Kliniken von Ärzte ohne Grenzen zu kommen. Nicht allen können die Ärzte sofort helfen. Es sind einfach zu viele Kinder.

Szenen, die in Zukunft häufiger auftreten können, warnt Kira Vinke, Expertin für Klimafolgenforschung. Für das südliche Afrika gibt es eine besonders düstere Prognose.

Kira Vinke

„Und da sieht man eben, dass eigentlich Ereignisse, die in einem normalen Klima nur alle 740 Jahre ungefähr auftreten würden, dass die perspektivisch also gegen Ende des Jahrhunderts je nach Emissions-Szenario stark zunehmen werden.“

Ändert sich nichts am globalen CO2-Ausstoß werden Extremereignisse zum neuen Normalzustand.

Lanja und ihre Familie lebten wie die meisten Menschen im äußersten Süden der Insel von der Landwirtschaft. Nach zwei Jahren Trockenheit wächst auf den Feldern gar nichts mehr. Zehn Menschen sind in ihrem Dorf bereits verhungert. Lehm, Blätter, Wurzeln – die Mutter gibt ihren Kindern alles, was sie finden kann.

"Für die Kinder suche ich nach Wurzelknollen, damit ich ihnen irgendwas zu essen geben kann. Es ist ein Kampf. Manchmal klappt‘s und manchmal nicht."

Heute hat Lanjas Schwägerin nicht mal Wurzelknollen gefunden. Also bleiben der Familie nur Kaktusfrüchte.

"Es schmeckt nicht. Es ist stechend scharf und schleimig im Mund. Auch, wenn wir's kochen, schmeckt‘s immer noch schlecht."

Ob auf ihren vertrockneten Feldern bald wieder etwas wachsen wird, wissen sie nicht. Sie müssen weiter hoffen, dass es endlich wieder regnet.

Kira Vinke

„Sie haben keine finanziellen Ressourcen, um sich anzupassen. Und zum zweiten ist es eben so, dass ihre landwirtschaftlichen Praxis eigentlich auf einer sehr traditionellen Kenntnis der Umwelt beruhen. Und diese lässt sich nun nicht mehr anwenden.“

Schon heute zerstört der Klimawandel die Lebensgrundlage vieler Menschen. Doch während im globalen Norden jeder Hitzetote gezählt wird, passiert das südlich der Sahara kaum.

Friederike Otto leitet das Environmental Change Institute der University of Oxford. Ihre Studie zeigt:

Friederike Otto

"dass zum Beispiel Hitzewellen überhaupt nicht registriert werden. Das heißt also wenn man sich die Beobachtungsdaten anschaut, dann sieht man zwar, es gibt sie und man sieht auch, dass die Intensität und Wahrscheinlichkeit deutlich zunimmt mit steigendem globalen Mitteltemperatur. Es gibt keine Frühwarnsysteme, es werden keine Todeszahlen erfasst. Das heißt ja, also man die Auswirkungen oder die Opfer dieser Hitzewellen bleiben eben vollkommen unsichtbar.”

Was bleibt ist ein unsichtbarer globaler Süden, der die Effekte eines Klimawandels spürt, den er kaum verursacht hat.

Nicht einmal drei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen werden auf dem gesamten Kontinent Afrika ausgestoßen.

Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen gab es 2009 ein großes Versprechen der Industrieländer. Ein grüner Klimafonds. 100 Milliarden Euro jährlich als Beweis, dass die Armen der Welt nicht mit der Klimakrise alleingelassen werden.

Das klingt nach viel Geld. Doch Expert:innen kritisieren, dass diese Zahl künstlich hochgerechnet wird. Etwa durch einfache Kredite und Bauprojekte.

Mojib Latif

“Die Gelder, die bisher zur Verfügung gestellt werden für die Entwicklungsländer. Einerseits um sich anzupassen an den unvermeidbaren Klimawandel, andererseits für die nachhaltige Entwicklung. Die reichen vorne und hinten nicht aus. Das sind gewissermaßen Almosen. Und es ist doch völlig selbstverständlich, dass die Industrieländer, die sich auf Kosten der Umwelt bereichert haben, sich entwickelt haben auf Kosten der Umwelt jetzt etwas von ihrem Reichtum abgeben müssen.”

Passiert das nicht, könnte der Klimawandel dazu führen, dass im Jahr 2050 120 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen, schätzt der Weltklimarat. Darunter auch Madagaskar.

Friederike Otto

„Die Auswirkungen des Klimawandels sind nicht so, dass die Welt plötzlich untergeht, sondern es ist halt so, dass in den sozialen Systemen und gerade eben in den sehr fragilen sozialen Systemen, wie wir sie in Madagaskar haben, kleine Änderungen zu katastrophalen Folgen führen können.“

Folgen, die Leben kosten und die in Madagaskar gerade vor allem von Hilfsorganisationen aufgefangen werden.

Mojib Latif

„Die Welt kann es sich gar nicht mehr leisten, nicht sofort zu reagieren. Und insofern kann die Welt jetzt gerade vielleicht die letzte Ausfahrt nehmen. Wenn Sie jetzt in den nächsten Jahren nicht wirklich ihre Klimaschutz Anstrengungen deutlich verschärft, dann muss man einfach sagen, werden vermutlich die Folgen kaum noch beherrschbar sein.“

Beitrag von Pune Djalilevand

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