- Asbestgefahr: Wie Mieter alleingelassen werden

Millionen Mieter leben in asbestbelasteten Wohnungen – häufig ohne davon zu wissen. Die EU will bis 2032 ein asbestfreies Europa, viele Staaten haben bereits konkrete Maßnahmen eingeleitet. In Deutschland, wo nach Schätzungen der Bundesregierung 25% aller Wohngebäude von Asbest belastet sind, hinkt man aber bei der Sanierung hinterher. 27 Jahre nach dem Asbestverbot sollen hier zu Lande erst demnächst Handlungsempfehlungen erstellt werden, wie man das Land und seine Mieter vom Asbest befreit. Es fehlt an Informationen, Geld und Willen, die Ziele zu erreichen. Und das, obwohl Asbest ein tödlich wirkender Gefahrenstoff ist.
 

Kontraste heute exklusiv im Netz – aber kein bisschen weniger wichtig als sonst. Es geht auch direkt los mit dem wahrscheinlich größten Arbeitsunfall der Industriegeschichte: Millionen Menschen weltweit sind schon daran zugrunde gegangen, dass sie mit Asbest zu tun hatten. Noch immer sterben Jahr für Jahr Tausende an den Folgen. Und: es gefährdet längst nicht nur die, die damit arbeiten. Bis heute steckt es Schätzungen zufolge in einem Viertel der Wohngebäude in Deutschland - wenn sie also zuhause rumwerkeln, setzen sie damit vielleicht Asbest frei - ohne es zu wissen. Und vorallem: ohne gewarnt zu werden. Über den erstaunlich entspannten Umgang mit einem gefährlich langlebigen Stoff: Chris Humbs und Kaveh Kooroshy

Wie es ist in Angst zu leben, berichtet uns dieser Mann: Mario Kelek hat tagelang völlig ahnungslos Asbeststaub eingeatmet - beim Renovieren seiner Wohnung in Berlin.

Dafür hatte er eine Erlaubnis vom Vermieter – aber mit dem Hinweis, dass er den neuen Boden schwimmend verlegen sollte, auf dem vorhandenen Belag. Denn schon damals gab es einen Asbestverdacht, doch der wurde ihm nicht mitgeteilt.

Mario Kelek scheute keine Kosten, er wollte den neuen Bodenbelag sauber und eben verlegen - dafür musste das alte Zeug herausgerissen und der Kleber abgeschliffen werden. Eine staubige Angelegenheit.

Kontraste

"Und welche Schutzmaßnahmen haben sie ergriffen?"

Mario Kelek

"Wir haben überhaupt keine, wir haben ja nicht gewusst, wir haben überhaupt keine Schutzmaßnahmen ergriffen. Wir wussten das ja nicht."

Vom Hauseigentümer, der landeseigenen Wohnungsgesellschaft DEGEWO erfuhr er erst 2018, dass die Renovierung höchstgefährlich war – nämlich als er die Wohnung kündigen wollte und einen Nachmieter vorstellte.

Mario Kelek

"Dann hat die, die DEGEWO geantwortet. Die Wohnung ist schadstoffbelastet, die Weitergabe der Wohnung ist deshalb nicht möglich."

Dass es sich um Asbest handelt, erklärte ihm die DEGEWO erst auf Nachfrage. Aus Sicht des Unternehmens, reichen Hinweise an die Mieter, dass der alte Boden schwimmend verlegt werden sollte.

Paul Lichtenthäler, Sprecher DEGEWO

"Das ist – bei Asbest denke ich immer so, dass ist so eine, so eine Frage der Balance zwischen Hysterie oder Panik oder Unruhe auslösen, nennen wir es Unruhe oder sinnvolle Informationen. Wenn ich den Menschen sage Lasst den Fußboden in Ruhe, bohr keine Löcher in die Wand, halte dich bitte dran, weil, also, dann wenn du das einhältst, dann kannst du da gut drin wohnen. Dann finde ich das ausreichend ehrlich gestanden."

Dass Asbest ein tödlicher Gefahrenstoff ist, weiß man hier in der Lungenklinik Berlin-Buch.

Jörg-Uwe Förster hat Lungenkrebs, verursacht durch Asbest, das bestätigte auch die Berufsgenossenschaft. Während der Arbeit hatte er viel mit dem gefährlichen Stoff zu tun:

Jörg-Uwe Förster, Patient

"Da mussten wir alte Rohre sozusagen entfernen und entsorgen und da ist viel Asbest beigewesen."

Wird der Staub von asbesthaltigen Baustoffen eingeatmet, landen die feinen Fasern  in der Lunge. Dort können sie zu Entzündungen führen und oft nach vielen Jahren letztlich schwerste Krankheiten auslösen.

Prof. Christian Grohé, Ev. Lungenklinik Berlin-Buch

"Bösartige Folgeerkrankungen, durch Asbest verursacht, treten doch noch relativ regelmäßig auf mit einer sehr stabilen Fallzahl. Und wir schätzen, das wird auch bis Ende des Jahrzehnts der Falls ein."

10.000 neue Verdachtsfälle gibt es jedes Jahr. 1571 Menschen starben 2018 durch Asbest. Die Dunkelziffer ist hoch.
Asbest - 40 Jahre lang wurde der vielseitige Stoff verbaut.

SFB-Abendschau, 1968

"Die Mineralfaser Asbest war den Bergleuten schon vor Generationen bekannt als Bergflachs oder Bergleder. Aus den wichtigsten Abbaugebieten Kanada, Russland und Süd Afrika wandern heute täglich Tausende von Tonnen in eines der bedeutendsten Asbestzementwerke der Welt, in Berlin-Rudow."

Auch in der DDR setzte man im großen Stil auf diesen Wunderstoff. Die Gefährlichkeit von Asbest war früh bekannt. Aber man tat sich schwer mit einem Verbot. Selbst die Gewerkschaften stellten sich quer:

Jürgen Wingefeld, IG Chemie, 1981

"Letztlich halten wir ein totales Verbot von Asbest für absolut irreal."

Man hatte Angst um die Arbeitsplätze. Erst 1993 wurde der Einsatz des natürlichen Minerals in Deutschland grundsätzlich verboten – 20 Jahre später als in Skandinavien.

Das Bundesministerium für Bau bestätigt uns gegenüber Schätzungen, dass noch heute etwa ein Viertel aller Häuser in Deutschland mit Asbest belastet ist.

Asbest ist fast überall zu finden - es wurde vielfach beigemischt, wie hier in solchen schwarzen Dichtungen oder in Fensterkitt. Und der Gefahrenstoff wird noch heute völlig unterschätzt.

Mario Kelek hat nun Angst, schwer zu erkranken.  

Mario Kelek

 "Ich dachte unsere, meine ganzen Sachen sind kontaminiert und das Sofa – 'tschuldigung (weint). Das macht man nicht mit Menschen. Das macht man nicht."

Er will nun gerichtlich gegen die DEGEWO vorgehen.

Mario Kelek ist inzwischen ausgezogen, aber er hält den Kontakt zu seinen ehemaligen Nachbarn - Familie Klawitter. Inzwischen wurden die Hausbewohner von der DEGEWO per Broschüre informiert, dass es auch bei Ihnen ein Asbestproblem geben könnte. Die Familie soll nun selbst einschätzen, ob es Handlungsbedarf gibt. Aber Herr Klawitter ist kein Fachmann.

Carsten Klawitter, Mieter

"Wir haben die Wohnung 2009 so übernommen, von unseren Vormietern"

"Ach so übernommen?"

"Also ob jetzt was hier drunter ist, weiß ich nicht. Wir kennen die Wohnung nur in diesem Zustand, also quasi  Laminat, aber was jetzt da drunter ist, weiß ich nicht. Keine Ahnung"

Verunsicherung. Niemand war seit dem Einzug hier und hat die Wohnung begutachtet, es wurden keinerlei Proben genommen.

Wir holen das nach und testen die Wohnung auf Asbestfasern. Im Abluftschacht der Küche und direkt an den Platten, dort wo sie zugänglich sind. Eigentlich sind Asbestfasern, wenn sie fest gebunden sind, ungefährlich. Aber nach all den Jahren werden Baustoffe brüchig. Es ist also unklar, ob Asbestfasern entweichen. Die Proben senden wir in ein spezielles Labor.

Die Gefahr lauert fast überall in Deutschland. Ein Mieter lebt in diesem Haus in Frankfurt am Main.  Er will unerkannt bleiben. Wegen gesundheitlicher Probleme machte er sich schlau über mögliche Giftstoffe in Wohnungen. So entdeckte er den asbesthaltigen Bodenbelag. Sein Vermieter informierte ihn nicht, sagt er. Aus Protest veröffentlichte er ein Youtube-Video:

Youtube-Video

"Das sind Asbestplatten aus 70er Jahren, seit mittlerweile 90ern ist das verboten worden. Der Asbestkleber selbst ist natürlich auch giftig. Alles wieder gebrochene Platten, schauen sie sich das mal an. Ich habe auf dieser Fläche geschlafen."

Sein Vermieter ist die Deutsche Annington, heute Vonovia, Deutschlands größter Vermieter mit etwa 350.000 Wohnungen.

Wir besuchen die Vonovia und erfahren, dass der Konzern offenbar nichts vom Asbest wusste, keinen Überblick über seine Wohnungen hat:

Kontraste

"Wie viele Wohnungen sind denn bei ihnen betroffen, könne sie das sagen?"

Matthias Wulff, Sprecher Vonovia

"Nein, diese Zahl können wir nicht sagen, denn in der Wohnungswirtschaft in Deutschland ist es überall so, dass es offensichtlich Asbest gibt in den Wohnungen, aber niemand weiß es nicht so genau wie viel es ist, wir wissen es auch nicht ganz genau?"

Kontraste

"Warum wissen sie das nicht?"

Matthias Wulff, Sprecher Vonovia

"Naja, Sie müssen sich vorstellen, was man dafür tun muss, um rauszufinden, dass oder ob in einer Wohnung tatsächlich Asbest ist. Manchmal ist das relativ einfach, aber meistens bedeutet das halt bauliche Maßnahmen, dass man irgendwo hingeht und Stoffe untersucht und Teppich rausmacht und darunter guckt, das könne wir nicht einfach so machen."

Um zu wissen, müsste Vonovia Geld in die Hand nehmen. Und Unwissenheit schützt vor Verantwortung.

Seit 27 Jahren ist Bauen mit Asbest verboten. Seit 27 Jahren scheut  der größte Wohnungsanbieter in Deutschland eine Bestandsaufnahme. Dabei wäre diese generell dringend erforderlich, um die in der EU angestrebte Asbest-Freiheit bis 2032 zu erreichen.

In Deutschland gibt es seit 2016 den Nationalen Asbestdialog. Federführung: Hubertus Heil, Minister für Arbeit. Mit an Bord: Horst Seehofer, Minister für Bau.

Die Hoffnungen waren groß, denn Mieter im Ausland sind bereits deutlich besser geschützt, wie ein Blick ins Internet zeigt.

 In Frankreich ist längst ein Gefahrenstoff-Zertifikat für jedes Haus verpflichtend. So wissen interessierte Mieter und Käufer, ob das Gebäude mit Asbest belastet ist.

In Polen muss Asbest im Haus angezeigt werden – bei der Kommune. Die katalogisiert die Gebäude und online kann jedermann sehen, welches wie belastet ist. Eigentümer, die die Informationen nicht weiterleiten, machen sich strafbar. Zudem gibt es Fördertöpfe für die Asbestsanierung.

In Deutschland wird dagegen nur geredet, meint der Präsident vom Zentralverband der Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer. Er nahm selbst am Asbestdialog teil – und spricht von bewusster Verschleppung:

Kai Warnecke, Präsident "Haus und Grund"

"Seit ungefähr zwei Jahren gibt es den nationalen Asbestdialog. Dieser ist bisher vollkommen ergebnislos. Man kann also nur sagen, es nichts geschehen und das ist schlicht mangelhaft."

Hinter der Kritik steckt ein zäher Kampf ums Geld. Momentan bleiben die Kosten für Asbest-Sanierungen ausschließlich bei Immobilienbesitzern hängen. Verantwortlich für die Nutzung des Asbests ist aber auch die Bauindustrie, die viel Geld mit diesen Produkten verdiente. Hinzu kommt der Staat, der den Einsatz von Asbest trotz aller Alarmzeichen genehmigte.

Der Verband "Haus und Grund" fordert deshalb Gelder vor allem von dieser Seite:  

Kai Warnecke, Präsident "Haus und Grund"

"Ich denke, dass angesichts der Steuermehreinnahmen, die wir haben, und sicherlich auch der Situation der Bauindustrie, der es ja nicht schlecht geht, gut die Möglichkeit besteht, dass hier ein Fonds eingerichtet wird und damit auch diejenigen zur Haftung herangezogen werden, die die Situation verursacht haben, indem sie eben Produkte in den Umlauf gebracht haben, die für Menschen schädlich sind."

Ein solcher Sanierungsfonds wäre auch zum Wohle der Mieter, die übrigens noch nicht einmal zum Dialog eingeladen wurden.

Mieter-Anwalt und Asbest-Experte Sven Leistikow schrieb gleich zu Beginn einen Brief mit Vorschlägen. Eine Antwort bekam er bis heute nicht.

Sven Leistikow, Rechtsanwalt

"Eigentlich hätten dort die Betroffenen sitzen müssen und betroffen sind nicht nur die Berufsgenossenschaften, die Versicherung, die Arbeitnehmerverbände, sondern Betroffene sind vor allem Dingen auch Käufer und Verkäufer von Asbestimmobilien und die Mieter."

Wir fragen nach beim Bundessozialminister. Wollen wissen, wie in seinem Haus mit der Kritik umgegangen wird. Man lässt uns wissen:

Zitat

"Dass ein solches Zusammenwirken…aller Akteure auch unterschiedliche Sichtweisen…hervorbringt, liegt in der Natur der Sache. Es ist aber keinesfalls ein Beleg für ein Scheitern des Dialogs."

Das nach 2 Jahren Diskussion. Inzwischen liegt der Laborbefund vor. Wir bringen ihn der Familie Klawitter vorbei:

Carsten Klawitter, Mieter

"Nicht nachgewiesen, nicht nachgewiesen, nicht nachgewiesen, ja, kling doch gut. Erleichterung. Definitiv Erleichterung, weil wir hatten uns schon Horrorszenarien ausgemalt. Ausziehen."

Anders als bei seinem Nachbarn wurde hier keine einzige Asbestfaser entdeckt. Von Wohnung zu Wohnung ein anderes Bild. Auch das ist ein Teil der Wahrheit. Erst Proben bringen Gewissheit, die eigentlich alle Mieter verdient hätten.

Beitrag von Chris Humbs und Kaveh Kooroshy

weitere Themen der Sendung

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75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz äußern immer wieder Überlebende des Holocaust den Wunsch, dass ihre Asche im KZ beigesetzt wird. Doch der letzte Wille dieser Menschen stößt auf Widerstand. Religiöse Juden wenden sich prinzipiell gegen die Verbrennung von Verstorbenen, auch politisch verfolgte KZ-Überlebende haben Bedenken. Sie meinen, in den Gedenkstätten sollten nur die dort Ermordeten ruhen. Zudem ist die Beisetzung der sterblichen Überreste auf dem Gelände von KZ-Gedenkstätten teils durch Friedhofsordnungen nicht gestattet. Kontraste hat gemeinsam mit dem Politikmagazin FAKT mit Überlebenden und Angehörigen gesprochen sowie den einzigen Krematoriumsbetreiber Israels interviewt. In Deutschland haben die Reporter Gedenkstellenleiter getroffen, die die Bestattungen trotz aller Widerstände erlauben.  

Treblinka: Täter und Opfer erzählen

Das Vernichtungslager Treblinka: In nur 13 Monaten sind hier mindestens 870.000 Menschen von den Nazis ermordet worden. Nur rund 80 Opfer haben Treblinka überlebt. Kontraste zeigt zum Teil noch nie im Fernsehen gesendete Interviewsequenzen aus der Shoa Collection, die der französische Dokumentarfilmer Claude Lanzmann in den 70er Jahren gedreht hat. Darin beschreibt der Überlebende Richard Glazar seine Erlebnisse in Treblinka. Mit versteckter Kamera interviewte Lanzmann auch einen Täter: der SS-Mann Franz Suchomel gibt Einblicke in die Organisation des Massenmordes, den systematischen Raub der Besitztümer der ermordeten Juden und den Aufstand der rund 100 Juden, die als Zwangsarbeiter in der Todesfabrik eingesetzt wurden.