- Treblinka: Täter und Opfer erzählen

Das Vernichtungslager Treblinka: In nur 13 Monaten sind hier mindestens 870.000 Menschen von den Nazis ermordet worden. Nur rund 80 Opfer haben Treblinka überlebt. Kontraste zeigt zum Teil noch nie im Fernsehen gesendete Interviewsequenzen aus der Shoa Collection, die der französische Dokumentarfilmer Claude Lanzmann in den 70er Jahren gedreht hat. Darin beschreibt der Überlebende Richard Glazar seine Erlebnisse in Treblinka. Mit versteckter Kamera interviewte Lanzmann auch einen Täter: der SS-Mann Franz Suchomel gibt Einblicke in die Organisation des Massenmordes, den systematischen Raub der Besitztümer der ermordeten Juden und den Aufstand der rund 100 Juden, die als Zwangsarbeiter in der Todesfabrik eingesetzt wurden.

Es gibt neben Auschwitz auch die Orte, die bei allem Erinnern fast vergessen werden. Weil fast nichts von ihnen übrig ist. Treblinka ist so einer, vom Lager dort ist heute nichts mehr zu sehen. Dafür hatten die Nationalsozialisten noch selbst gesorgt: Eilig die Gaskammern abgerissen und das Gelände planiert. Aber: Treblinka ist eben auch deshalb so unbekannt, weil so wenige überlebten, um davon zu erzählen: Gerade einmal 82 Menschen schafften es, zu entkommen. 870.000 wurden ermordet - in nur knapp 13 Monaten. Wie konnte all das so schrecklich schnell geschehen? Marcus Weller hat in Archiven zwei Stimmen aufgetan, die in Treblinka dabei waren. Die eine Opfer. Die andere Täter.

Im April 1976 steht vor einem Haus in Hitlers Geburtsstadt Braunau am Inn ein rot-weißer VW-Bus. Im Inneren nehmen Kamera- und Tontechniker einen Fernsehmonitor auf. Der Bildschirm zeigt Livebilder eines Gespräches, das im Haus nebenan geführt wird. Der Dokumentarfilmer Claude Lanzmann hat sich als Historiker ausgegeben. Sein Gegenüber ist der ehemalige SS-Unterscharführer Franz Suchomel - der ist bereit für die Geschichtsbücher zu berichten, was er als SS-Mann im Vernichtungslager Treblinka gesehen und getan hat. Heimlich wird das Gespräch in den VW-Bus übertragen.
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Ich weiß es nicht mehr genau, um den 20. August herum"
Claude Lanzmann
"Ja"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Bin ich angekommen, mit noch sieben Anderen. Und als wir hinaufkamen gingen gerade die Türen auf von der Gaskammer und die Menschen fielen heraus wie Kartoffeln."
Claude Lanzmann
"Wie Kartoffeln."
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Genau."
Treblinka war kein Konzentrationslager. Treblinka war eine extrem effiziente Tötungsfabrik. In nur dreizehn Monaten, zwischen Juli 1942 und August 1943, töteten deutsche SS-Männer auf einem Gelände von der Größe eines Ferienlagers mindestens 870.000 Juden aus ganz Europa - Für diese Menschen gab es keine Zukunft, keine Hoffnung, nur die Hölle und den Tod.
Richard Glazar - Treblinka-Überlebender
"Bei den Gaskammern hat man einen großen Rost errichtet aus Schienen und auf diesem Rost konnte man bis 2.000 Leute auf einmal verbrennen, auf einem riesigen Scheiterhaufen."
Richard Glazar ist einer von nur etwa achtzig Überlebenden von Treblinka. Im Frühsommer 1979 spricht er mit Claude Lanzmann sieben Stunden lang über sein Überleben in der Todesfabrik. Anfang Oktober 1942 wurde der damals 21jährige Tscheche aus Theresienstadt nach Treblinka deportiert.
Richard Glazar - Treblinka-Überlebender
"Ich hab gesehen, die anderen ziehen sich aus und hab gehört ausziehen, man soll sich ausziehen. Wir gehen in ein Desinfektionsbad."
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
" Dann bekommt jeder zwei Hemden, zwei Paar Socken, einen Anzug und ein Paar Schuhe und zu essen. Und dann hat man …"
Claude Lanzmann
"Aber das war eine Lüge?"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Ja, selbstverständlich"
Richard Glazar - Treblinka-Überlebender
"Und als ich da so nackt stand, hab ich gesehen auf einmal, dass die SS-Männer einige zur Seite gestellt haben und die mussten sich wieder anziehen. Und da kam ein SS Mann an mir vorbei, hat sich so umgedreht, hat mich so gemustert und hat gesagt ja ja ja du auch, komm, komm schnell du auch. Du wirst da arbeiten und wenn du dich bewährst kannst du Vorarbeiter werden oder ein Kapo."
Alle Insassen seines Transportes werden ermordet. Nur Richard Glazar und 18 weitere dürfen vorerst weiterleben. Glazar soll die Habseligkeiten der Ermordeten sortieren. Schuhe, Koffer, Mäntel … vor allem aber soll er das Geld und Gold finden, das die Deportierten mit in die Todesfabrik gebracht haben.
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Die Leute haben Dollars gebracht, Dollars und Pfunde, aber meistens Dollars. Die polnischen Juden hatten alle Dollars und Goldstücke - große Vermögen, das geht in die Hunderttausende."
Richard Glazar - Treblinka-Überlebender
"Wenn ein Transport angekommen ist, hat man gesagt, die alten, die gebrechlichen Leute, überhaupt diejenigen, die nicht gut laufen können, sollen sich zur Untersuchung ins Lazarett begeben."
Claude Lanzmann
"Was war die Funktion von diesem Lazarett?"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Im Lazarett, da mussten sich die Leute ausziehen, Frauen, Kinder Greise, mussten sich auf einen Sandwall setzen, dann wurden sie durch Genickschuss getötet."
Claude Lanzmann
"Genickschuss?"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Genickschuss getötet und fielen in die Grube."
Claude Lanzmann
"Ja, aber warum das? Warum, diese Leute waren …"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Weil sie die Abwicklung in den Gaskammern gestört hätten. Das hätte zu lange gedauert mit den alten Leuten."
Richard Glazar - Treblinka-Überlebender
"Und so habe ich erlebt, dass Miete in Treblinka eine schwangere Frau erschossen hat, die gerade in Geburtswehen lag. Damals habe ich mir gedacht, also In Treblinka endet das Leben noch bevor der begonnen hat."
Zug um Zug bringt Nachschub für die Mörder. Mal 5.000 Menschen, mal 3.000, mal nur ein paar hundert. Die Hilflosen werden beraubt, entkleidet, geschoren und durch den sogenannten Schlauch zu den Gaskammern getrieben. Immer zuerst die Männer und dann die Frauen und die Kinder. Vor den Gaskammern stehen zwei Ukrainer: Iwan und Nicolai
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Iwan. Einen Meter neunzig groß."
Claude Lanzmann
"Einen Meter neunzig…"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Stämmig, ein Eisenrohr. Da haben sie die Leute hineingeschlichtet die Zwei. Einen nach dem anderen. wer nicht pariert hat, hat ein paar auf den Kopf gekriegt, gell."
Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder werden in den Gaskammern ermordet. Von Monat zu Monat stellen die Deutschen ihre Mordmaschine immer besser ein. Am Ende dauert ein Leben in Treblinka nach der Ankunft an der Rampe nur noch 90 Minuten.
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Zuerst hat man die Leichen zu den Gruben gebracht und dann ist von Berlin der Befehl gekommen die Leichen müssen ausgegraben werden und verbrannt."
Claude Lanzmann
"Das war um die Spuren zu verwischen?"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Zu verwischen, ja. Und dann hat man begonnen die Leichen zu verbrennen. Menschen brennen sehr gut."
Claude Lanzmann
"Ja, sehr gut?"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Ja"
Claude Lanzmann
"Was brennt besser, Männer oder Frauen?"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Die mehr Fett haben Die Frauen sind besser verbrannt."
Claude Lanzmann
"Frauen besser"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Ja"
Claude Lanzmann
"Fetter?"
Franz Suchomel – SS- Mann in Treblinka
"Ja"
Richard Glazar - Treblinka-Überlebender
"Man hat sich gewünscht, dass irgendwas geschehe und jemand, wenigstens einer überlebt, der aussagen kann, was in Treblinka geschieht. Weil, wir haben alle Angst gehabt, die Welt wird eigentlich nie erfahren über Treblinka und eben dieser Gedanke, dass die Welt über Treblinka erfahren muss, hat uns zu dem Aufstand geführt."
Am 2. August 1943 erheben sich die jüdischen Häftlinge. Es gelingt ihnen das Lager in Brand zu setzen. 200 können fliehen. Die meisten aber werden gejagt und ermordet.
Mit dem Vorrücken der roten Armee gibt die SS das Lager auf. Zurück bleibt eine Wüste aus Sand, Asche und Knochenresten.
Unterscharführer Franz Suchomel überlebt den Krieg und wird 1964 vor Gericht gestellt. Für Beihilfe zum Mord erhält er sechs Jahre Zuchthaus.
Richard Glazar sagt vor Gericht gegen die Täter aus. Er heiratet und hat zwei Kinder. Nach dem Krebstod seiner Frau nimmt er sich Im Dezember 1997 in Prag das Leben.

Beitrag von Marcus Weller

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