Holocaust-Überlebende - Wunsch nach Beisetzung in ehemaligen Konzentrationslagern

75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz äußern immer wieder Überlebende des Holocaust den Wunsch, dass ihre Asche im KZ beigesetzt wird. Doch der letzte Wille dieser Menschen stößt auf Widerstand. Religiöse Juden wenden sich prinzipiell gegen die Verbrennung von Verstorbenen, auch politisch verfolgte KZ-Überlebende haben Bedenken. Sie meinen, in den Gedenkstätten sollten nur die dort Ermordeten ruhen. Zudem ist die Beisetzung der sterblichen Überreste auf dem Gelände von KZ-Gedenkstätten teils durch Friedhofsordnungen nicht gestattet. Kontraste hat gemeinsam mit dem Politikmagazin FAKT mit Überlebenden und Angehörigen gesprochen sowie den einzigen Krematoriumsbetreiber Israels interviewt. In Deutschland haben die Reporter Gedenkstellenleiter getroffen, die die Bestattungen trotz aller Widerstände erlauben.  

In fast zwei Wochen wird es im Bundestag um das Gedenken an den Holocaust gehen, um die Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz vor genau 75 Jahren. Bundespräsident Steinmeier wird sprechen. Dann wird geschwiegen. Und wohl ganz nah herangezoomt an die Abgeordneten, die ja gern betonen, wie übertrieben oft ausgerechnet dieser kleine Teil der deutschen Geschichte behandelt wird. Was für ein Irrtum, denn wie nah das alles liegt, zeigt auch die folgende Geschichte: Es gibt Überlebende des Holocaust, die wünschen sich, in den ehemaligen Lagern bestattet zu werden. Sie wollen ihre letzte Ruhe also ausgerechnet an dem grauenhaftesten Ort finden, den ein Leben zu bieten haben kann. Und: Wenn man den Überlebenden zuhört, versteht man das sehr gut. Wir haben es getan - gemeinsam mit den Kollegen vom ARD-Politmagazin FAKT. Christian Bergmann und Marcus Weller.

Christina Carmi denkt über ihren Tod nach. Die Holocaust-Überlebende ist 87 Jahre alt und lebt bei Tel Aviv.  Vor kurzem  hat sie sich entschieden, wo sie beerdigt werden will. Dort, wo ihre Familie ermordet wurde. Voller Emotionen zeigt sie uns Fotos von damals. Christina Carmi überlebte als kleines Mädchen das Massaker im ukrainischen Obertyn.  Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges lebte sie als gut behütetes Kind in einer glücklichen Familie mit ihren Eltern und ihren beiden großen Schwestern. Danach wurden sie enteignet, hungerten, und wurden verprügelt. 1943 dann Massaker der deutschen Besatzer - bei denen ihre Familie getötet wurde.

Christina Carmi, Holocaust-Überlebende

"Es kam dann zu einer sogenannten Aktion,  alle Juden wurden von den Straßen eingesammelt, Kinder, Frauen,  alle wurden auf den Platz gebracht. Da wurden sie dann einfach erschossen. Es wurden Häuser angezündet, in denen die Leute lebendig verbrannten. Ich war neun und sah ich ausgehungerte Menschen auf der Straße einfach sterben. Ich erinnere mich an einen Zugwaggon. Da waren alle Toten wie auf einem Haufen darauf. Und ich sah wie auf dem Waggon die Hände heraus hingen und die offenem Münder. Das war ein Schock. Das verfolgt mich mein ganzes Leben."

Sie war die einzige Jüdin des Ortes, die all die Massaker überlebte. Bis zum Endes des Krieges wurde sie von Bauern versteckt. Doch warum will Christina Karmi trotz all der Schrecken die sie erlebt hat, an dem Ort des Massakers ihrer Familie beerdigt werden?

Christina Carmi, Holocaust-Überlebende

Ich habe das Gefühl, ich habe meine Eltern dort gelassen, ich habe es nicht geschafft sie zu retten und ich möchte nun einfach bei Ihnen sein. Der Grund warum ich dort begraben sein will, ist das dies ein Mahnmal und eine Mahnung sein soll. Einmal für die, die dort begraben sind und zum anderen damit so etwas es nie wieder passiert.

Mit ihrem Wunsch als Jüdin an einem Ort jüdischer Vernichtung bestattet zu werden, ist sie nicht allein. Vor knapp 10 Jahren begleiten wir bereits Alexander Werber zusammen mit seiner Schwester und seinem Sohn nach Treblinka. Dort wollte seine Mutter nach ihrem Tod in Israel bestattet werden.

Es musste alles schnell und improvisiert ablaufen, denn das Verstreuen der Asche von Toten ist in Gedenkstätten ist in der Regel nicht erlaubt. Alexander Werber war trotz allem froh den Wunsch seiner Mutter erfüllt zu haben.

Alexander Werber, Sohn einer Holocaust-Überlebenden

(Archiv)

Für sie ist es als ob der Kreis geschlossen wird. Alle ihre Angehörigen, ihr Bruder, ihre Mutter sind hier in Treblinka geblieben. Sie wollte hier eins mit ihren Liebsten werden.

Fast 10 Jahre später treffen wir Alexander Werber in Tel Aviv. Er bedauert, dass die Situation sich nicht verbessert hat – Die Verstreuung von Asche in den Gedenkstätten sei noch immer rechtliche Grauzone – ein unhaltbarer Zustand.

Alexander Werber, Sohn einer Holocaust-Überlebenden

"Wenn du so einen letzten Willen ausführst, sollte man nicht gestresst sein oder sogar verängstigt, weil man etwas Illegales tut. Als wir in Treblinka waren, wussten wir nicht ob wir dies tun dürfen. Und in diesem Moment denkst du nicht über die Bestattung nach, du bist nur froh wenn du damit durchkommst. Ich denke wenn man offen mit vielen Menschen Abschied nimmt wäre dies viel besser und auch würdevoller."

Alex Werber suchte in Israel lange nach einem Bestatter, der seine Mutter einäschern sollte. Er fand Alon Nativ. Nativ war der erste Bestatter der Kremierungen in Israel möglich machte, dies nun bereits seit über 15 Jahren. Etwa 20 Prozent seiner Kunden sind Holocaust-Überlebende, einige ließen ihre Asche sogar in Auschwitz verstreuen. Zweimal wurde Alon Nativs Krematorium, wohl von orthodox- jüdischen Gruppen, angezündet. Denn Einäscherung ist ein Frevel in Israel. Nur auf ausgewiesenen Friedhöfen, so wie hier auf dem größten Friedhofs Jerusalems, darf man laut dem jüdischen Ritus als Körper beerdigt werden. Ansonsten wird man, laut jüdischem Glauben nicht von Gott erlöst. Daher lehnen orthodoxe Juden Einäscherungen und besonders die von Holocaust-Überlebenden strikt ab. Alon Nativs Verbrennungen finden nun an einem geheimen Ort irgendwo in Israel statt.

Alon Nativ, Krematoriumsbesitzer

"Ich glaube nicht dass eine religiöse Gruppe das Recht hat in Namen einer ganzen Gruppe von Leuten zu sprechen. Die Überlebenden mit diesem Wunsch tun doch niemandem weh. Sie verletzen doch niemanden damit. Aber sie erhalten für sich einen echten Abschluss und das tut Ihnen gut. Warum sollte man es dann nicht erlauben."

Offiziell genehmigte und würdevolle Abschiede von ehemaligen KZ-Häftlingen in Gedenkstätten gab es bisher erst zwei. 2009 schuf der holländische Widerstandskämpfer Herman van Hasselt einen Präzedenzfall und erreichte als Erster eine Ausnahmegenehmigung für die Beerdigung im ehemaligen Buchenwald Außenlager Laura. 2015 wurde dann der französische Resistance-Kämpfer Luis Bertrand in der Buchenwald Gedenkstätte Langenstein offiziell beigesetzt. Eine solche Ausnahmegenehmigung zu bekommen ist aufgrund der bürokratischen Hürden in Deutschland extrem schwierig und langwierig. Eine einfache Lösung für die Angehörigen gibt es nicht. Legale Bestattungen gab es bisher nur auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald. Der Direktor der Gedenkstätte Volkhard Knigge hat mit vielen Überlebenden gesprochen und setzt sich für ihren Wunsch ein.

Volkhard Knigge, Direktor Gedenkstätte Buchenwald

"Das habe ich von Häftlingen in den vergangenen 25 Jahren gelernt, die mir immer wieder gesagt haben, das Lager, in dem wir befreit worden sind, ist eine zweite Heimat, das ist der Ort des Überlebens, das ist ein zweites Art wiedergeboren zu werden, das ist vielleicht zu viel gesagt, aber so etwas wie eine zweite Geburt haben mir viele gesagt, und das wird man im ganzen Leben nicht los. Das, dass das Herz, besetzt, das Denken. Dort sind wir eigentlich immer, mit einem Teil unserer Seele und eines Teils unserer Gefühle und eines Teils unseres Nachdenkens."

Ganz anders  wurde bisher in der brandenburgischen Gedenkstätte Sachsenhausen entschieden. Hier wurden auch tausende Häftlinge in der Nazizeit ermordet. In den letzten Jahren gab es fünf offizielle Anfragen von Überlebenden nach einer Beerdigung in der Gedenkstätte. Alle wurden abgelehnt. Die Begründung war, das andere Überlebende dies nicht wünschten und die schwierigen Bestattungsgesetze in Deutschland. Das Resultat: die Angehörigen verstreuten in improvisierten, schnellen Abschieden die Asche auf dem Gedenkstätten-Gelände. Ein Zustand, der für den jetzigen Gedenkstättenleiter Axel Drecoll nun nicht mehr tragbar ist.   

Axel Drecoll, Direktor Gedenkstätte Sachsenhausen

"Weil wir natürlich auch aufpassen müssen, dass wir mit einer simplen Ablehnung einfach nicht zu einer ganz unwürdigen Situation beitragen, die zu heimlichen oder Verborgenheit durchgeführten Bestattungen oder dem Verstreuen von Asche für die Angehörigen nicht würdig ist, die für uns nicht würdig ist. Doch das, was wir tun, auch tun, um das Andenken der Überlebenden zu wahren und um darauf aufmerksam zu machen, welche Menschheitsverbrechen hier begangen worden sind.

Auch für den Wunsch der Überlebenden selbst, hat Axel Drecoll Verständnis.

Axel Drecoll, Direktor Gedenkstätte Sachsenhausen

"Welche Bedeutung solche Orte für die Überlebenden haben. Welchen wichtigen Stellenwert diese Vergangenheit für sie aktuell noch hat. Dass sie sich sogar dafür entscheiden, an diesen Orten des Grauens beerdigt zu werden. Es zeigt ja auch im familiären Umfeld wie für die Familien der Betroffenen, wie aktuell das Thema für diese Familien ist, für die Betroffenen selber. Aber damit ist das ganze familiäre Umfeld natürlich erheblich mitbetroffen. Es zeigt die Aktualität des Themas auch aus dieser Perspektive. Und wie wichtig es ist, sich so intensiv damit auseinanderzusetzen."

Die familiäre Belastung zeigt sich letzten Sonntag in Tel Aviv. Hier wird Shaul Sadan ein Auschwitz-Überlebender zu seiner letzten Ruhe getragen. Er wollte nicht zurück nach Auschwitz sondern im Meer verstreut werden, das war sein letzter Wille.

Auch er wollte mit der Einäscherung seiner in Auschwitz gebliebenen Familie verbunden sein. Für die jüdische Familie eine enorme Belastung.

Yael Sadan, Tochter von Shaul Sadan

Es ist eine Auseinandersetzung in unserer Familie. Mein Bruder ist heute nicht hier. Er  glaubt fest daran, dass Beerdigung und ein Grab eine Bedeutung haben. Mein Bruder wollte unbedingt ein Begräbnis da er fest gläubig ist und er konnte mit dieser Entscheidung unseres Vaters nicht leben.

Da das Verstreuen der Asche ein gesellschaftlicher Frevel ist, verläuft die Bestattung auch hier: schnell und improvisiert.

Und dennoch wollen sie auch dem Willen von Shaul Sadan gerecht werden. Ein Enkel liest die Gedichte vor, die sein Großvater in Auschwitz als Jugendlicher schrieb:

Birkenau 1942, Schornsteine, Jeden Tag sehe ich sie stark, groß alles überragend. Ich fange an zu zittern. Jeden Tag sehe ich sie wie sie Feuer und Rauch ausspucken und nach mir lustvoll schauen.

Nun hat das Feuer auch ihn verschlungen. So wie es Shaul Sadan gewollt hat. Sein letzter Wille war stärker als alle Widerstände.

Beitrag von Marcus Weller und Christian Bergmann

weitere Themen der Sendung

Asbestgefahr: Wie Mieter alleingelassen werden

Millionen Mieter leben in asbestbelasteten Wohnungen – häufig ohne davon zu wissen. Die EU will bis 2032 ein asbestfreies Europa, viele Staaten haben bereits konkrete Maßnahmen eingeleitet. In Deutschland, wo nach Schätzungen der Bundesregierung 25% aller Wohngebäude von Asbest belastet sind, hinkt man aber bei der Sanierung hinterher. 27 Jahre nach dem Asbestverbot sollen hier zu Lande erst demnächst Handlungsempfehlungen erstellt werden, wie man das Land und seine Mieter vom Asbest befreit. Es fehlt an Informationen, Geld und Willen, die Ziele zu erreichen. Und das, obwohl Asbest ein tödlich wirkender Gefahrenstoff ist.

Treblinka: Täter und Opfer erzählen

Das Vernichtungslager Treblinka: In nur 13 Monaten sind hier mindestens 870.000 Menschen von den Nazis ermordet worden. Nur rund 80 Opfer haben Treblinka überlebt. Kontraste zeigt zum Teil noch nie im Fernsehen gesendete Interviewsequenzen aus der Shoa Collection, die der französische Dokumentarfilmer Claude Lanzmann in den 70er Jahren gedreht hat. Darin beschreibt der Überlebende Richard Glazar seine Erlebnisse in Treblinka. Mit versteckter Kamera interviewte Lanzmann auch einen Täter: der SS-Mann Franz Suchomel gibt Einblicke in die Organisation des Massenmordes, den systematischen Raub der Besitztümer der ermordeten Juden und den Aufstand der rund 100 Juden, die als Zwangsarbeiter in der Todesfabrik eingesetzt wurden.