Polizeikontrolle. Quelle: Jan Huebner/imago images
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Corona-Deutschland? - Keine Reisen, keine Demonstrationen, keine Partys - oder doch?

Deutschland bleibt im Lockdown, doch der Bewegungsdrang der Bürger nimmt messbar zu. Kontraste trifft auf Reisende, die an Einreisesperren im eignen Land scheitern, auf uneinsichtige Partygäste und auf Demonstranten, deren Versammlung die Polizei gewaltsam beendet, obwohl sie alle Abstandsregeln einhalten. Unterdessen fahnden nicht nur Polizeibeamte nach Corona-Verstößen, sondern immer mehr Bürger, die Zahl der Anzeigen steigt.  Gleichzeitig können Jugendhelfer und Kinderschutz-Experten wegen der Kontaktsperre Fällen mutmaßlicher Kindesmisshandlung nicht persönlich nachgehen: der Infektionsschutz geht hier zulasten des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit.

Anmoderation: Denn seit gestern wissen wir: Die harten Corona-Maßnahmen, sie gelten weiterhin, mindestens bis Anfang Mai: Kontakt und Reiseverbote, die unsere Gesundheit schützen sollen, aber unser Leben - unsere Rechte massiv einschränken. Gleichzeitig zeigen Bewegungsprofile auf Basis unserer Handydaten: Wir wollen wieder raus! Und tun dies in den letzten Tagen auch wieder verstärkt! Die Ungeduld, der Bewegungsdrang wachsen messbar. Und die Grenzen von dem, was erlaubt ist und was nicht, das haben Silvio Duwe, Cosima Gill und Markus Pohl beobachtet, werden vielerorts täglich neu ausgetestet, von Bürgern und von der Polizei. 

Deutschland im Ausnahmezustand. Alltägliches ist verboten – und bleibt es wohl auch noch lange Zeit. Leipzig, Freitagabend. Die Bereitschaftspolizei bei der Durchsetzung der sächsischen Corona-Verordnung. Nachbarn haben sie wegen Partygeräuschen zu einer Wohnung gerufen.

Polizist

„Wer ist denn hier der Wohnungsinhaber? Einmal einen Ausweis, und die Party können sie gleich abblasen hier!“

Der Gastgeber versucht noch zu diskutieren.

Gastgeber

„Es gibt im Moment mehr Grippe-Tote als Corona-Tote. Warum macht man da so einen Hype drum um Corona und nicht um die Grippe-Toten?“

Es hilft nichts. Die Gäste werden mit der Aussicht auf 150 Euro Bußgeld nach Hause geschickt.

Gast

„Ich bin einfach mal mitgegangen, ich hab‘ schon mit dem Schlimmsten gerechnet, jetzt ist es so gekommen. Pech gehabt, ganz einfach.“ 

Kontraste

„Haben sie Verständnis für die Maßnahmen?“ 

Gast

„Na klar, auf jeden Fall. Ich meine, es ist dumm. Es war ne dumme Sache.“

Weniger reumütig zeigt sich dieser Gast.

Gast

„Sie gehen jetzt bitte nach Hause – Lassen sie mich in Ruhe – Hej!“

Für den offensichtlich angetrunkenen Mann endet der Abend mit einer Anzeige.

Die Corona-Krise bringt neue Verbote – und neue Grenzen. Vor der Peenebrücke nach Usedom hat die Polizei einen Kontrollposten errichtet. Nur noch Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns dürfen auf die Ostsee-Insel. Ein gestoppter Motorradfahrer wittert hinter den Maßnahmen eine groß angelegte Verschwörung.

Motorradfahrer

„Hier sind 60 Prozent selbständige Kleinunternehmer, die gehen kaputt durch so einen Scheiß!“ 

Kontraste

„Und sie glauben, da steckt aber irgendein großer Plan dahinter?“ 

Motorradfahrer

„Ja natürlich, sicherlich. Ein kleiner Virus, den haben wir jedes Jahr!“ 

Kontraste

„Und was sollte der Plan bezwecken aus ihrer Sicht?“ 

Motorradfahrer

„Tja, fragen sie mal Frau Merkel! Und ich denke mal nicht nur die Merkel, die Pharmaindustrie und die Industrie allgemein, die ja die Politik mehr oder weniger bestimmt.“

Die meisten Ansässigen hier aber begrüßen die Abschottung: Fremde und Viren sollen bitteschön draußen bleiben.

Einwohner

„Wir haben ja noch nicht mal 600 Infizierte. Und wenn man jetzt, ich weiß nicht, wenn jetzt Tausende und Abertausende Leute hier hochkommen, es ist gefährlich!“

Einwohner

„Eine gewisse Ordnung muss sein … es ist halt eben so … Man hat ja gesehen, wie viele sich auf der Insel noch versteckt haben, und jeder wusste, er soll die Insel verlassen, da haben sich im Inland mehr in Ferienwohnungen versteckt.“

Einwohner

„Also ich sag mal die Variante, dass man hier Reifen durchsticht und Leute beschimpft, die hier sind und die ein fremdes Kennzeichen haben, das geht gar nicht.“ 

Kontraste

„So etwas ist aber passiert?“ 

Einwohner

"Ja, natürlich.“

Selbst die Polizei beklagt sich über eine Flut unbegründeter Denunziationen aus der Bevölkerung.

Nicole Buchfink, Polizeioberkommissarin

„Das Notrufverhalten hat sich komplett geändert. Es sind ganz viele Bürger, die Hinweise geben, da und da hält sich jemand auf mit dem und dem Kennzeichen, der gehört nicht nach Mecklenburg-Vorpommern! Viele Bürger haben dann auch schon Zettel in ihre Fahrzeuge gelegt, nach dem Motto: Ich arbeite hier! Was sich einige auch anhören müssen und teilweise beschimpft werden, das ist nicht mehr schön, das ist nicht erträglich.“

So sind die Strände von Usedom in diesen Tagen wie leergefegt. Es gibt noch einige Auswärtige auf der Insel, zu sehen sind sie aber nicht.

Die Malerin Ulrike Seidenschnur pendelt zwischen Berlin und ihrem Haus an der Ostseeküste, ihrem Erstwohnsitz. Sie weiß aber von Menschen, die hier nur im Zweitwohnsitz leben und nun abgetaucht sind.

Ulrike Seidenschnur, Künstlerin

„Die sind sehr verstört, die haben auch Angst, sich zu zeigen. Sie verstecken die Autos. Es ist nicht schön. Die haben Angst, dass sie eben doch denunziert werden.“

Die Pandemie bedeutet für uns alle einen Verlust an Freiheit. Doch wie weit darf der Infektionsschutz reichen?

In Frankfurt am Main will sich eine Gruppe Flüchtlingsunterstützer das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit nicht nehmen lassen.

Karin Zennig, Protestbündnis „Seebrücke“

„Ganz grundsätzlich gehen wir davon aus, dass es trotz der Corona-Situation möglich sein muss, Artikel 8 des Grundgesetzes auszuüben - unter der Bedingung, dass alle Corona-Schutzbestimmungen eingehalten werden selbstverständlich - das haben wir immer angekündigt, das ist auch das, was wir explizit vorhaben, zu dem wir alle auffordern.“

Punkte am Boden sollen helfen, den Mindestabstand einzuhalten. Die meisten Demonstranten tragen auch Mundschutz. Doch aus Polizeisicht verbietet die Hessische Corona-Verordnung öffentlichen Protest ganz generell.

„Wir fordern sie deshalb auf, beenden sie die Versammlung, verlassen sie den Bereich des Mainufers!“

Die Polizei setzt die Auflösung schließlich gewaltsam durch. An Infektionsschutz ist jetzt nicht mehr zu denken: Nahkampf statt Abstandsgebot. 

Auch die Pressfreiheit geht im Getümmel unter:

Lotte Laloire, Journalistin

"Ich bin Presse, lasst mich meinen Job machen, ich hab‘ keine Gewalt ausgeübt!“

Gegen die Journalistin wird jetzt wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt ermittelt.

Wir treffen sie am Tag nach der Festnahme. Sie hat Angst, dass die Corona-Krise in unserer Gesellschaft nachhaltig Spuren hinterlassen könnte.

Lotte Laloire, Journalistin

„Ich befürchte nicht nur, dass die Polizei sich an ihre erweiterten Befugnisse gewöhnt, sondern eben auch, dass in der Bevölkerung eine Gewöhnung eintritt, weniger Rechte zu haben, und das als normal gilt irgendwann.“

Während die Polizei eine neue Machtfülle genießt, bedeutet der Corona-Lockdown für andere eine erschütternde Machtlosigkeit. In Remscheid trifft sich das Team der Kinderschutzambulanz zur Krisensitzung. Es herrscht allgemeine Ratlosigkeit.

Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land

„Mit einer Mutter, mit der ich jetzt gesprochen habe, wo es um Missbrauch geht von einem älteren jungen Cousin an seiner, also an ihrer siebenjährigen Tochter. Und dem Mädchen geht schlecht. Der Mutter geht es ganz schlecht. Ja, ich habe halt lange mit der Mutter telefoniert. Aber im Endeffekt kann ich der im Moment gar nichts anbieten.“

Denn hier steht alles still. Gewöhnlich werden in diesen Räumen misshandelte Kinder begutachtet und betreut, im Auftrag von Jugendämtern und Familiengerichten.

Gequälte Kinder öffnen sich erst langsam, etwa im gemeinsamen Spiel oder mittels Zeichnungen. Unter dem Kontaktverbot ist das unmöglich.

Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land

„Was wegfällt, ist, dass ein Kind im direkten Kontakt mit uns zum Beispiel die Möglichkeit hat, etwas aufzumalen, so etwas aufzumalen, was wir dann natürlich aufgreifen können, wo wir dem Kind signalisieren: Wir verstehen dich.

Ein achtjähriger Junge hat dieses Bild gemalt: Der Vater, mit Penis, rundherum die Kinder. Die Polizei hat den Jungen und seine drei Geschwister eingeschlossen im Kinderzimmer vorgefunden. 

Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land

„Ohne Möbel, ohne irgendwas. Die Kinder haben sich echt aus den Hundenäpfen der zwei Hunde, die es da gab, ernährt.“

Hier konnte geholfen werden. Die aktuellen Anfragen aber werden derzeit nur abgeheftet.

Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land

„Das ist eine Familie mit einem knapp fünfjährigen Mädchen. Dieses Mädchen hat laut Gerichtsmedizin schwerste körperliche Misshandlungen erfahren. Schnittverletzungen, die deutlich auf Misshandlung zurückzuführen waren. Auch Rippenbrüche. Diese Familie hat jetzt einen Säugling. Das Jugendamt hatte hier eine Einschätzung hinsichtlich der Risikofaktoren für den Säugling angefragt.“

Doch eine angemessene Begutachtung ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Der Fall bleibt jetzt liegen.

 

Beitrag von Silvio Duwe, Cosima Gill und Markus Pohl

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