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Wahre Helden - Intensivpfleger unter Druck

Für Pfleger und Ärzte ist Corona eine besondere Herausforderung. Sie haben es mit einer tückischen, hochansteckenden Krankheit zu tun. Trotzdem müssen sie selbst teilweise mit fehlender oder mangelhafter Schutzausrüstung auskommen. In ihrer Arbeit dienen sie den Patienten und, wenn einer von diesen stirbt, versuchen sie trotz Besuchsverbot den Angehörigen einen würdigen Abschied zu gewährleisten. Ein Porträt über die wahren Helden des medizinischen Alltags.

Anmoderation: Mit Donald Trump übrigens liefert sich Deutschland seit Wochen einen beinharten Wettbewerb um medizinische Schutzausrüstung. Denn auch bei uns steigt die Zahl der Toten täglich. Und obwohl wir weiter freie Intensivbetten haben, wird mehr und mehr klar: Für Pflegepersonal und Intensivmediziner könnte der jetzige Ausnahmezustand auf Monate zum Normalzustand werden. Cosima Gill und Lisa Wandt unterwegs mit den wahren und wunderbar unaufgeregten Helden dieser Corona-Krise. 

Wenn Intensivpfleger Bernd Rütten seine Covid-19-Patienten versorgt hat, macht er ihnen ihre Lieblingsmusik an.

Bernd Rütten, Intensivpfleger, St.-Antonius-Hospital Eschweiler

„Läuft gerade Elvis Presley. Ja, wir interviewen die Angehörigen immer gerne, was hören die Patienten denn für Musik. Dass die dann zwischendurch, selbst im künstlichen Koma, ihre Musik hören dürfen. Man geht davon aus, dass es sein kann, dass Patienten was mitbekommen, aber grundsätzlich weiß man es nicht genau.“

Rütten ist schon seit 30 Jahren Pfleger im St.-Antonius-Hospital Eschweiler. Doch so eine schlimme Pandemie hat auch er noch nicht erlebt. 

Trotz allem versucht er, es den Schwerstkranken so angenehm wie möglich zu machen. Und auch ihren Angehörigen. Sie dürfen nochmal mit dem Patienten telefonieren, bevor er ins künstliche Koma versetzt wird.

Bernd Rütten, Intensivpfleger, St.-Antonius-Hospital Eschweiler

„Damit die sich auf jeden Fall schonmal, bevor er dann ins künstliche Koma versetzt worden ist, verabschieden können. Natürlich mit der Hoffnung, dass er es schafft.“

Bis vor kurzem haben Bernd Rütten und sein Team um das Leben dieser älteren Dame gekämpft. Doch sie hat es nicht geschafft.

Den vielen Covid-19-Opfern will der Pflegeleiter der Intensivstation einen würdevollen Abschied ermöglichen. Trotz allgemeinem Besuchsverbot dürfen die Angehörigen ihre Liebsten ein letztes Mal sehen.

Bernd Rütten, Intensivpfleger, St.-Antonius-Hospital Eschweiler

„Wir schauen, dass wir die Patienten dann wieder zurecht machen, also dass wir alle Zugänge ziehen, dass wir wirklich dann nochmal ein angenehmes Bild herstellen. Stellen ein Kreuz daneben, stellen eine Kerze daneben und stellen eine angenehme Stimmung nochmal her, dass die wirklich sich alle Zeit der Welt nehmen können, sich einfach nochmal zu verabschieden.“

Auch Yvonne Böger und Pouneh Engelmeyer kümmern sich Tag und Nacht um Covid-19-Patienten. Sie sind Oberärztinnen in der Notaufnahme der Uniklinik Essen.

„Und Luftnot hat auch zugenommen?“

„Ja.“

„Fieber hatten sie auch in den letzten Tagen.“

„Ja.“

Pouneh Engelmeyer, Oberärztin Notaufnahme, Uniklinik Essen

„Das ist ein Tumorpatient bei uns mit einer Lungenkrebsart wo er in Behandlung steht, allerdings jetzt wohl seit ein paar Tagen Corona-Ähnliche Symptome hat, korrekt?“

„Genau.“

Für uns haben die beiden ihre Arbeit mit dem Handy dokumentiert.

„Und jetzt hören wir uns die Übergabe vom Rettungsdienst an.“

„Dass ist der Herr XX, 81 Jahre. Vom Pflegeheim, das ist ein Risikopflegeheim gewesen, wo schon mehrere COVID-19-Patienten positiv getestet wurden.“

„Die Atemfrequenz gefällt uns nicht, er hat Fieber, er hat trockenen Husten gehabt. Der Patient ist älter und somit müssen wir Entscheidungen treffen gleich, wie weit es weitergeht.“

Wenn die Patienten nicht angegeben haben, ob sie lebenserhaltende Maßnahmen wünschen oder nicht, müssen die Ärztinnen diese schwere Entscheidung treffen - zusammen mit den Angehörigen.

Pouneh Engelmeyer, Oberärztin Notaufnahme, Uniklinik Essen

„Wenn man das Leben von den Patienten betrachtet, die Angehörigen dazu oder Geschichten hört, dass das ein Eheleben ist seit 60 Jahren, die jetzt gerade zu Ende geht, das nimmt mich emotional extremst mit. Ich hab‘ auch Eltern und ich weiß, wie schwierig es ist, wenn man sich verabschieden muss, allein der Gedanke fällt mir schwer.“

Und dann lauert da noch ständig die Gefahr, dass auch sie sich und ihre Familien mit dem Virus infizieren könnten. Da hilft nur Verdrängen. 

Yvonne Böger, Oberärztin Notaufnahme, Uniklinik Essen

„Ich bin ja selber Mutter dreier Kinder, natürlich machen die sich Sorgen, ja. Die fragen natürlich immer, ob wir uns auch ausreichend schützen. Ich persönlich tue das immer so ein bisschen ab, ja, ich mache hier einfach meine Arbeit.“

Auch Pfleger Rütten macht einfach seine Arbeit, die vielen Überstunden stören ihn nicht. Doch er sorgt sich, dass ihm und seinem Team irgendwann die Schutzausrüstung ausgehen könnte. Zum Teil bekommt das Krankenhaus völlig minderwertige Schutzmäntel geliefert.

Bernd Rütten, Intensivpfleger, St.-Antonius-Hospital Eschweiler

„Das sind natürlich jetzt hier diese Günstig-Varianten, die sind dann halt nicht mehr ganz so optimal. Die haben jetzt oben, wo das bei ihm jetzt noch wasserdicht ist, haben wir hier schon so ein Fließ, kann man eigentlich auch, kann man auch ohne irgendeinen Schutz reingehen.“

Diesen Kittel werfen sie weg, immerhin reicht der Vorrat noch für etwa zwei Wochen.

Bernd Rütten, Intensivpfleger, St.-Antonius-Hospital Eschweiler

„Wir arbeiten ja auch mit Sekreten, mit Blut und wenn Patienten abgesaugt werden müssen und wenn Aerosole in der Luft sind, dann müssen wir uns schützen. Wenn wir das nicht tun… Also wenn wir jetzt auch noch ausfallen, hier oben, dann haben wir ein Riesenproblem, ja.“

Seine Maske muss Bernd Rütten nun mehrfach tragen. Nach jedem Gang ins Patienten-Zimmer hängt er sie zum Trocknen an den Haken. Für jeden Pfleger gibt es namentlich beschriftet etwa eine Maske pro Tag.

Kontraste

„Wäre sowas vor Corona denkbar gewesen?“

Bernd Rütten, Intensivpfleger, St.-Antonius-Hospital Eschweiler

„Vor Corona auf gar keinen Fall.“

Rütten muss nun aufpassen, das Virus beim An- und Ausziehen nicht zu verteilen. Auch wenn die neue Handhabung einer Empfehlung des Robert Koch-Instituts entspricht, bedeutet es für ihn noch mehr Druck.

Wenn es dann endlich nach Hause geht, ist er dankbar für jede Kleinigkeit. Nach vielen Stunden in Schutzausrüstung, mit Brille, Haube und Maske.

Bernd Rütten, Intensivpfleger, St.-Antonius-Hospital Eschweiler

„Ich freu mich jetzt mal ohne Mundschutz laufen zu können, mal tief einatmen, Luft holen und auf’s Fahrrad setzen, freu ich mich jetzt drauf. Ja.“

Der 54-Jährige hat sich schon immer um Schwerstkranke gekümmert, schon immer ging es um Leben und Tod. Dass die Gesellschaft die harte Arbeit der Pflegekräfte nun wahrnimmt, tut ihm gut.

Bernd Rütten, Intensivpfleger, St.-Antonius-Hospital Eschweiler 

„Einkaufsläden und so weiter, also da ist gerade so eine nette Kooperation auch. Da habe ich mich als Intensivpfleger erkenntlich gezeigt und zack konnte ich dann mit zwei Pakete Milch mehr rausgehen als sonst. Also das ist schon enorm im Moment, was da passiert, also diese Wertschätzung. Und ich hoffe, dass es auch so ein bisschen anhält für danach, ja.“

 

Beitrag von Cosima Gill und Lisa Wandt

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