Bild: rbb/Kontraste
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Arme Quartiere - Der Wohnort entscheidet über das Leben

65 Prozent arme Kinder in einem Wohnviertel – in der Berliner Rollbergesiedlung (Reinickendorf) ist das seit Jahren Realität. Experten sprechen von einem "gekippten Quartier". Es sind einfach zu viele Kinder mit Sprach- und Lerndefiziten, die Lehrer an den Schulen können das nicht mehr auffangen. Die Politik könnte gegensteuern, doch in der Hauptstadt wurde zu lange zugesehen, wie dieses und andere Viertel abgestürzt sind. Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick ins hessische Offenbach. Dort wurde viel Geld in soziale Projekte investiert – und auf teure Theater oder Opernhäuser verzichtet.

Anmoderation: Die Viertel haben viele Namen: Brennpunkt sagen wir Journalisten gern, "in dem Ghetto möchteste nicht wohnen" finden die meisten die drum rum leben – auf Amtsdeutsch aber heißen sie "Viertel mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf". Klingt nach: das müsste man sich mal genauer anschauen. Macht aber kaum jemand. Wir nehmen es fast als gegeben hin, dass dort mehr als jedes zweite Kind in Armut lebt. Selbst in der Hauptstadt, die sich drei große Opernhäuser und zwei Zoos leistet. Und genau da setzen die, die es besser machen dann an. Ute Barthel und Jana Göbel von rbb24 Recherche berichten davon.

Seit Monaten übt die Klasse von Angela Garling für das Schulfest im Berliner Norden. Ihre Schüler sind aufgeregt, aber das gemeinsame Singen gibt ihnen auch Selbstbewusstsein. Ihre Lehrerin ist besonders engagiert.

Angela Garling, Lehrerin Grundschule in den Rollbergen

"Ihr müsst das Publikum mitziehen. Die müssen alle so anfangen zu klatschen."

Denn die Kinder hier haben es nicht leicht. Sie gehen auf eine Brennpunktschule in der Rollberge-Siedlung. Hier ballt sich die Armut. Zwei von drei Kindern leben von Hartz IV. Lehrerin Garling ist seit 30 Jahren hier.

Angela Garling, Lehrerin Grundschule in den Rollbergen

"Ich habe schon wieder Kinder von Kindern, die ich früher hatte und da ist das gleiche Prinzip setzt sich fort. Dass sie aus der Armut nicht rauskommen, dass dann eigentlich schon wieder ein Stück tiefer rutscht. Dass die Eltern ja auch wieder kein Vorbild sein können und auch wieder von wenig Geld leben."

Die Lehrerein versucht gegenzusteuern, wo es geht. Aber es sind einfach zu viele Kinder, denen sie helfen muss. Manchmal bekommt sie Unterstützung von einer zweiten Lehrkraft, aber nicht regelmäßig. Dafür fehlt schlicht das Personal.

Angela Garling, Lehrerin Grundschule in den Rollbergen

"Es sind viele Kinder, die kein Deutsch können. Das sind einige Kinder mit Lern-Defiziten drin, die also diagnostiziert auch 'ne Lernbehinderung haben. Und dazu kommen dann noch Kinder, die im Verhalten sehr viel Aufmerksamkeit brauchen. Und das sind halt zu viele Probleme auf einem Haufen."

Diese Probleme prägen den Lebensweg der Kinder in der Rollberge-Siedlung. Aktuell liegt die Kinderarmut hier bei 65,2 Prozent. Im gleichen Berliner Bezirk nur fünf Kilometer weiter eine andere Welt: in Frohnau Ost leben weniger als 5 Prozent der Kinder in Armut. Ihre Chancen im Leben sind deutlich besser.

Denn in der dortigen Victor-Gollancz-Grundschule benötigen nur wenige besondere Unterstützung.

Und diese wenigen Kinder kann die Schule besser fördern. Stundenweise werden sie in Minigruppen unterrichtet, wo die Lehrer konkret auf ihre Bedürfnisse eingehen können.

Mädchen

"Ich melde mich nicht so oft, weil ich manchmal Angst habe, wenn ich was falsch sage. Ich finde es besser in der kleinen Gruppe, weil zu viele Kinder in meiner Klasse sind, da kann ich nicht mehr so gut arbeiten."

Die Schule hat nicht etwa mehr Mittel als die Brennpunktschule in den Rollbergen – die Kinder profitieren vor allem von der guten sozialen Mischung der Klassen.

Mario Grasse, Schulleiter Victor-Gollancz-Grundschule

"Das liegt daran, dass wir uns auf diese wenigen Kinder viel besser konzentrieren können und natürlich auch Unterstützung haben aus den Elternhäusern. Auch wenn materiell irgendetwas fehlt, sind auch andere Eltern da, die dann sagen, kommt, komm dann zahlen wir eben für dieses Kind mit."

Einige Eltern unterstützen schwächere Schüler auch beim Lesenlernen. Eine zusätzliche Hilfe.

Berlin Frohnau ist attraktiv für Familien. Die Häuser sind gepflegt, es gibt viele Läden und viel Grün. 75 Prozent der Kinder hier schaffen es aufs Gymnasium – dreimal so viel wie in der Rollberge-Siedlung.

Dort tummeln sich auf den Müllplätzen die Ratten. Die Häuser wurden seit Jahrzehnten nicht saniert. Die Soziale Mischung stimmt nicht mehr. Wer es sich leisten kann, zieht weg.

Diese Familie kann es sich nicht leisten. Nadja Schubbel, Marcel Fuchs und ihre fünf Kinder leben von Hartz IV. Nadja Schubbel hat für ihre Tochter Lilly fünf Jahre einen Kita-Platz gesucht. Obwohl das Mädchen wegen einer Sprachbehinderung dringend Förderung braucht, bekam die Mutter dabei nicht die nötige Unterstützung.

Nadja Schubbel

"Ich habe auch gesagt, dass sie kein Wort spricht - gar nichts. Ja und immer wieder haben sie gesagt, es ist zu voll - Warteliste."

Jetzt geht die Sechsjährige zwar bis mittags in eine Kita und kann sich mittlerweile mit einem Sprachcomputer verständigen. Aber nun geht die Suche von vorne los. Denn der zweijährige Peppino hat das gleiche Problem und auch noch keinen Kitaplatz. Das erschwert es den Eltern, wieder einen Job zu finden.

Wie sich ein sozialer Brennpunkt zurückholen lässt, zeigt das Beispiel Offenbach bei Frankfurt am Main. Im Mathildenviertel war die Kinderarmut früher bei über 40 Prozent.

Doch die Stadt hat gegengesteuert und viel in neue Kitaplätze investiert. Mehr als 90 Prozent der Kinder haben Eltern mit Migrationsgeschichte. Deshalb gibt es in fast allen Kitas ein extra Sprachtraining.

Tuba Aydin, Elternbeirat Kita Mathildenviertel

"Meine Tochter hat nur türkisch gesprochen sozusagen. Aber mittlerweile spricht sie sogar mit mir jetzt Deutsch."

Obwohl Offenbach, wie Berlin, verschuldet ist, setzt die Stadt klare Prioritäten bei der Sozialpolitik.

Susanne Pfau, Leiterin Kommunales Jobcenter "Mainarbeit"

"Trotz der knappen Kassen wird im Grunde nicht gespart, jetzt an dem Aufbau von neuen Kindertagesstätten oder Ausbau. Also da wird wirklich jedes Jahr kontinuierlich das Geld hineingesteckt."

Nicht nur in Kitas, auch in den Kiez wurde investiert. Marcus Schenk war viele Jahre Quartiersmanager im Mathildenviertel.

Marcus Schenk, Quartiersmanager Offenbach

"Ein sehr gutes Beispiel auch wie sich ein Quartier entwickeln kann, ist eine Schule, die hier meines Wissens gute zehn Jahre leer stand. Und sich dann entwickelt hat, auch mit studentischem Wohnen eine ganz andere Facette von Leben hier ins Quartier gebracht wurde."

Bei Neuvermietungen wurde mehr auf die Mischung geachtet.

Marcus Schenk, Quartiersmanagement Offenbach

"Wir haben da aktiv vom Quartiersmanagement in die Mieterstruktur mit eingegriffen, weil wir verhindern wollten, das zum Beispiel zu viel von einer Gruppe, von einer Kulturgruppe oder sonst was in einem in einem Haus sind, die dann die Ordnung in einem Haus zerstören können."

Mitten im Kiez ist das Quartiersmanagement. Hier kann man sich treffen und Kurse besuchen. Menschen in schwierigen Lebenslagen macht die Stadt Offenbach besondere Angebote: Schulschwänzer werden in kleinen Gruppen betreut. Langzeitarbeitslose kümmern sich um die Sauberkeit im Quartier. Um sich wieder an regelmäßige Beschäftigung zu gewöhnen.

Dennis

"Und dann fang ich an im beruflichen Freiwilligendienst im Kindergarten. Mein Ziel ist, Erzieher zu werden."

Die Stadt Offenbach hat Prioritäten gesetzt. Und bewusst auf anderes verzichtet.

Susanne Pfau, Leiterin Kommunales Jobcenter "Mainarbeit"

Tatsächlich leistet sich Offenbach nicht mehr ein Theater, ein Hallenbad, die Straßenerneuerung - dafür steht auch nicht so viel Geld zur Verfügung, wie wir eigentlich bräuchten. Da wurde dann gekürzt.

Im Mathildenviertel ging die Kinderarmut so zurück – auf zuletzt 30 Prozent. Immer noch hoch – aber der Trend wurde umgekehrt. Im Rollberge-Viertel in Berlin liegt sie seit zehn Jahren über 60 Prozent. So lange hat die Hauptstadt-Politik hier weggesehen.

Die verantwortliche Staatssekretärin besucht das Quartier. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist ihre Partei, die SPD, in Berlin mit an der Regierung. Doch unseren vielen Fragen weicht sie aus. Etwa nach einem lange geplanten Familienzentrum samt Kita, dem noch immer das Geld fehlt.

Kontraste

"Wann soll es losgehen?"

Ülker Radziwill, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen

"Das ist immer die beliebteste Frage. Ich kann Ihnen heute noch kein Datum nennen, aber Sie können sicher sein, dass wir alle Anstrengungen unternehmen."

Ähnlich sieht es mit Aktionen des Quartiersmanagements aus, auch darauf warten die Menschen hier seit längerem.

Kontraste

"Wann geht es denn hier endlich mit der richtigen Arbeit los?"

Ülker Radziwill, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen

"Seit 2021 ist hier das Büro vor Ort und es braucht natürlich immer auch ein bisschen Zeit, bis sich das Team zusammenstellt, an einem Konzept, was jetzt umgesetzt werden soll, ist auch schon geschrieben worden."

Ankündigen, hinhalten, vertrösten. Das hat Tradition im Rollberge-Viertel. Genauso wie vererbte Armut. Dagegen ließe sich etwas tun. Es ist alles eine Frage der Prioritätensetzung.

Beitrag von Ute Barthel und Jana Göbel

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