Ein Mann zeigt Ermittlern ein Grab mit zivilen Opfern des Krieges in der Nähe von Charkiw. Bild: SERGEY BOBOK/AFP
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Exklusiv - Unterwegs mit ukrainischen Ermittlern

Seit Wochen ermitteln Beamte der ukrainischen Nationalpolizei zu zahlreichen Kriegsverbrechen in den ehemals besetzten Gebieten nördlich von Kyjiw. Zerstörte Wohnhäuser, Folter, Mord und Vergewaltigungen – vielerorts offenbart sich den Ermittlern ein Bild des Grauens. Kontraste begleitete die Polizisten bei ihren Ermittlungen in einem Wohnkomplex in Irpin - zwei Tage bevor Bundeskanzler Scholz sich nun genau dort erstmals ein Bild der Lage gemacht hat. Irpin ist so wie Butscha und Borodjanka zum Symbol der Gräueltaten und Kriegsverbrechen geworden.

Anmoderation: Hier meldet sich Kontraste – schön, dass sie da sind! Den Ort, den Scholz da heute Mittag besuchte, den kennen wir sehr gut: erst vor zwei Tagen haben wir genau dort gedreht. Denn wir konnten exklusiv ukrainische Polizisten begleiten, die versuchen, mutmaßliche russische Kriegsverbrecher zu identifizieren. Über den langen Weg zur Wahrheit berichten Juri Petrushevskyi und Daniel Donath.

Dmitro Schewtschuk ist auf dem Weg nach Irpin. Der Ermittler der ukrainischen Nationalpolizei ist zuständig für die Aufklärung von Kriegsverbrechen. Heute geht es um einen Mordfall. Dieser Mann, Ewgeni Karlow, war ein ganz normaler Bewohner Irpins. Ende März soll er von russischen Soldaten ermordet worden sein.

Dmitrо Schewtschuk, Ermittler

"Wir wissen genau welche Truppen das waren. Diese Informationen haben wir vom ukrainischen Nachrichtendienst. Außerdem stützen sich diese Erkenntnisse auf Zeugenaussagen. Im Moment versuchen wir mit Hilfe von Handydaten herauszufinden, wer genau die Täter waren. "

Vielerorts haben die russischen Soldaten die Handys der Einheimischen gestohlen und damit Verwandte in Russland angerufen. Dadurch haben die Ermittler nun Zugriff auf Namen zahlreicher russischer Soldaten.

Der Polizeibeamte trifft heute eine wichtige Zeugin.

Olga Malach

"Das ist der Ort. Zhenja lag mit den Beinen in Richtung des Hauseingangs, sein Kopf lag neben der Rose. Sein Körper war verdreht. Was wir gesehen haben, deutete auf einen Kopfschuss hin."

Es ist der Morgen des 26. März als Olga Malach die Leiche ihres Nachbarn findet, hier im Hof ihres Wohnblocks. Zu diesem Zeitpunkt ist Irpin bereits seit mehreren Wochen unter russischer Besatzung. Zusammen mit mehreren Nachbarn hatte sich die Frau tagelang hinter dieser Tür versteckt.

Olga Malach

"In der Nacht vom 24. auf den 25. März hat es um unser Haus herum heftige Kämpfe gegeben. Am nächsten Tag waren die Russen außer sich. Zuvor haben sie einfach nur unsere Papiere kontrolliert, aber an diesem Tag zerstörten sie fast alle unsere Handys und durchsuchten gründlich unseren Schutzraum. Einige meiner Nachbarn wurden nach draußen abgeführt und man schoss ihnen zur Einschüchterung vor die Füße. Auch Ewgeni wurde abgeführt, aber er kam nicht zurück."

Am nächsten Morgen beerdigt Olga Malach gemeinsam mit anderen Nachbarn, die Leiche des 44-jährigen in diesem Park gegenüber ihres Wohnblocks. Diese Aufnahmen zeigen das provisorische Grab. Zwei Wochen lag Ewgeni Karlows Leiche hier, bis sie am 8 April zur Exhumierung wieder ausgegraben wurde.

Mehr als 60.000 Einwohner zählt Irpin im Nordwesten Kyjiws, so wie Butscha ist die Stadt zum Synonym für die Brutalität des russischen Angriffskriegs geworden. 24 Tage dauerte die Besatzung im März – die Spuren des Krieges, der Beschüsse und Straßenkämpfe – sie sind hier noch überall zu sehen. Der Krieg kostete mehr als 300 Menschen das Leben.

Dabei behauptet die russische Führung immer wieder keine Zivilisten anzugreifen, sondern ihre Angriffe nur gegen das ukrainische Militär zu richten. Dass die russischen Streitkräfte gezielt Zivilisten töteten, so wie hier in Butscha, seien Fake News - von der Ukraine inszeniert.

Auch deshalb legt die Ukraine großen Wert auf eine akribische Aufklärung der russischen Verbrechen. Im Interview mit Kontraste betont die ukrainische Generalstaatsanwältin den hohen Stellenwert der Ermittlungen im ganzen Land, die seit mehreren Wochen laufen.

Iryna Wenediktowa, Generalstaatsanwältin

"Wir verstehen, dass die gesamte Welt auf uns, auf unsere Staatsanwälte, Ermittler und Richter schaut. Deswegen tun wir alles unter der Maßgabe der höchsten Standards des humanitären Völkerrechts”

Willkürliche Morde an Zivilisten, Folter und Vergewaltigungen – davon berichten die Bewohner der besetzten Gebiete. Polizeibeamter Viktor Gunko ermittelt derzeit auch zu mehreren Sexualstraftaten.

Wiktor Gunko, Ermittler

"In der Nachbargemeinde haben russische Soldaten zwei Frauen vergewaltigt. Diese Frauen haben bereits ausgesagt, (...) Zudem hat einer der Ehemänner der vergewaltigten Frauen versucht sie zu beschützen und wurde von den Soldaten einfach erschossen."

Mehr als 16.000 Strafverfahren laufen derzeit bei ukrainischen Behörden zu möglichen Kriegsverbrechen. Dabei geht es immer wieder auch um den Beschuss ziviler Ziele. Roman Kutscherows Drei-Zimmer-Wohnung in Irpin etwa ist nur noch ein Trümmerhaufen:

Roman Kutscherow

"Hier rechts war das Wohnzimmer, vor uns ist das Badezimmer und die Küche.”

Am 16. März wurde sein Wohnblock von mehreren Brandbomben getroffen. Vor dem zerstörten Haus erzählt uns Ermittler Schewtschuk etwas zu den laufenden Untersuchungen.

Dmitrо Schewtschuk

"Wir haben Hülsen, Geschosse und Technikspuren analysiert. Wir haben ermittelt, dass die Angriffe aus Butscha kamen. Dort stand die russische Technik. Wir wissen genau, welche Einheit sich dort befand.”

Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, kann der Polizeibeamte nicht mehr dazu sagen. Doch schon jetzt sei klar, dass das Vorgehen der russischen Truppen System hatte, sagt er.

Dmitrо Schewtschuk

"Wir haben zahlreiche Beweise, die belegen, dass die zivile Infrastruktur, darunter auch Wohnhäuser gezielt beschossen wurden, womöglich um die Bevölkerung einzuschüchtern und den Widerstand zu brechen. Es gab auch Flächenbeschuss. In bestimmten Fällen erfolgte dieser nach klaren Befehlen der obersten militärischen Führung. Zum Zeitpunkt der Kämpfe befand sich hier keine einzige Einheit der ukrainischen Streitkräfte oder Territorialverteidigung. Und genau das macht es zu einem Kriegsverbrechen der russischen Streitkräfte.”

Bundeskanzler Scholz war heute genau an diesem Ort zu Besuch. Der Beschuss der Wohnhäuser von Irpin macht ihn sichtlich betroffen.

Olaf Scholz (SPD), Bundeskanzler

"Das sagt sehr viel aus über die Brutalität des russischen Angriffskriegs, der einfach auf Zerstörung und Eroberung aus ist."

Beitrag von Daniel Donath und Yurii Petrushevskyi

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