Bulgarien: Schaumparty am Goldstrand. Foto: Kontraste
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Urlaub in Corona-Zeiten - Feiern, als ob es keinen Virus gäbe?

Kontraste-Reporter waren am vergangenen Wochenende in vielen Urlaubsorten in Europa unterwegs – sie wollten wissen: wie klappt Urlaub in Zeiten der Pandemie? Im Corona-Hotspot Ischgl trafen sie auf Tourismus-Manager, die nicht über Verantwortung reden wollen und jetzt mit 100 Prozent sorgenfreiem Urlaub und kostenlosen Corona-Tests werben. Sie trafen Abiturienten, die am Goldstrand in Bulgarien sorglos feiern, als gäbe es kein Corona, Briten, die in Brighton am vollen Strand nur Sorgen um ihre Jobs haben und türkische Hotelmanager, die sich über die deutsche Reisewarnung ärgern. An der deutschen Ostseeküste hingegen ist alles durchorganisiert – doch wo bleibt die Erholung, wenn der ganze Tag durch Zeitfenster zum Baden und Essen bestimmt wird?

Nach den Balla-Balla-Parties am Wochende folgt jetzt: Basta am Ballermann: Die Behörden griffen durch und schlossen sämtliche Lokale entlang der Feiermeilen auf Mallorca. Schluss mit lustig.

Anmoderation: Und damit Hallo hier bei Kontraste. Klar, das wollen wir gerade alle gern: Für zwei Wochen mal Maske und alle Vorsicht hinter uns lassen. Urlaub vom Virus machen. Nur geht das eben nirgendwo wenn die Pandemie weltweit wütet. Unsere Reporter sind der Frage nachgereist: Wie geht Sommerurlaub im Coronajahr 2020? Und wo findet die nächste große Party statt, wenn nicht auf Mallorca?

Vergangenes Wochenende: Bulgarien macht das, was Mallorca nicht mehr darf. Schaumparty am Goldstrand. Feiern ohne Hemmungen - trotz Corona und rasant steigender Zahlen.

Schwimmreifen zum Abstandhalten, Fiebermessen am Eingang, ein Trinkbecher für jeden, Schaltücher statt Masken - die Maßnahmen, seuchenschutztechnisch eher hilflos, denn den Leuten hier gehts nicht um Abstand, sondern um Party.

Moritz und Leon sind mit ihren Freunden aus Münster angereist. Gebucht hatten Sie Anfang des Jahres – noch vor Corona.  Stornieren wollten Sie aber nicht. 

Moritz Brinck

„Hier sind kaum Fälle und mit dem Alkohol auf einmal interessiert es dich dann doch nicht mehr so viel.“

Leon Borgmeier 

„Ja, also sobald man in diesen Urlaubsflow reingekommen is, dann is das halt nicht mehr … aber man hat immer so ein bisschen Bedenken natürlich, ne?“ 

Moritz Brinck

„Für uns war das halt ganz wichtig, mal in die Sonne zu kommen, relativ günstig.“

Die Barfrau Stefanie März lebt vom Partytourismus - im Sommer arbeitet sie am Goldstrand und im Winter in den Skiorten in Österreich. 

Steffi März - Barfrau

„Es gibt für mich ein Recht auf Party, auf jeden Fall. Weil man sollte sich nicht total abschotten, man sollte weiterhin unter Leute gehen. Man sollte weiter das Leben genießen.“ 

In Bulgarien steigen die Neuinfektionen immer schneller und schneller. Allein die letzte Woche sorgte für 20 Prozent aller Corona-Fälle im Land. Doch die Veranstalter wollen auf keinen Fall auf das Geschäft verzichten. Geschmeidig schiebt Clubbesitzer Nikolai Velev den schwarzen Peter der Regierung zu – es gäbe schließlich keine offizielle Maskenpflicht.

Nikolai Velev - Clubbesitzer

„Ich meine, die Leute können sich das aussuchen! Ich kann sie nicht Rausschmeißen, solange mir die Regierung nicht sagt: schmeiß die ohne Masken raus!“

Stefanie März hat selbst keine Angst vor Corona und redet schon von berufswegen die Gefahr für ihre Gäste klein.

Steffi März - Barfrau

„Keiner braucht Angst haben, unter Leute zu gehen, raus zu gehen. Es wird alles desinfiziert, du kannst es genauso gut beim Einkaufen kriegen, du kannst es genauso gut in der Bahn kriegen.“

Die Corona-Verleugnung hier am Goldstrand hat selbst die Jungs aus Münster überrascht. Niklas und Marvin hatten deutlich weniger Party in ihrem Urlaub erwartet.  

Marvin

„Wir wollten einfach wieder feiern gehen und dann gleich der erste Abend war Hammer, so …“

Niklas

„Klar, das ist jetzt nicht so vorbildmäßig, so, dass man dann gleich in den Club geht, mit 200 Leuten oder so. Aber …“

Marvin

„Musste mal wieder sein …“

Niklas

„Jaa, irgendwie, keine Ahnung, ist man trotzdem halt reingegangen und das ist super! Die haben zwar vorher Fieber gemessen, am Eingang. Bringt jetzt zwar auch nicht so viel, aber …“ 

Marvin

„Wenigstens merkt man zumindest bisschen, dass die Fiebermessen.“ 

Niklas

„Manchmal hat man das Gefühl, das ist auch nur so alibimäßig, weißte: Ich mess Fieber – du hast kein Fieber – geh rein! Aber von dieser Inkubationszeit haben die noch nie was gehört, gefühlt. Das interessiert nicht so.“ 

Die meisten Partygänger wissen um die Ansteckungsgefahr, doch wenn’s ums Feiern geht, ist das nicht mehr wichtig – oder es ist ihnen schlicht egal.  

Im südenglischen Seebad Brighton geht es dieses Wochenende beinahe zu wie vor Corona. Dabei hat Großbritannien mit mehr als 45.000 Toten die mit Abstand höchste Opferzahl in ganz Europa. Erst seit ein paar Tagen ist der Lockdown aufgehoben, ausländische Touristen fehlen noch und so sind die Briten unter sich und feiern was das Zeug hält.

Hannah

„Die Zahlen gehen ja runter - ich hab‘ keine Angst.“

Elliot

„Gab‘s jemals eine Gefahr? Klar gab’s eine, aber die Frage ist schon, kennen wir die Wahrheit? Sollen wir glauben was die Regierung sagt? Wir wissen gar nichts.“

Wie viele seiner Landsleute hat auch Kirk Nailer den Lockdown nicht besonders ernst genommen, denn die Angst vor Corona, hält er für absolut übertrieben

Kirk Nailer 

„Wenn man früher ne Erkältung hatte oder ne Grippe konntest Du halt auch dran sterben und bevor die Chinesen dieses Covid gebracht haben, hat man halt einfach geschaut was passiert.“

Für Vanessa Crawley ist diese Haltung unverständlich. Ihre beiden Kinder sind heute das erste Mal nach dem Lockdown wieder draußen. Drei Monate lang waren sie zuhause und sehnten sich nach Sonne, Luft und Meer.

Vanessa Crawley

„Es ist so schön sie draußen zu sehen, nicht auf so engem Raum eingesperrt, sondern an der frischen Luft und am Meer. Es ist toll, dass sie rauszukommen und endlich ihre Freiheit genießen können.“ 

Der Gedanke, die Kinder möglicherweise wieder einsperren zu müssen, ist für Vanessa Crawley unerträglich. 

Vanessa Crawley

„Ich wäre wirklich frustriert, wenn das Verhalten der Leute uns in einen weiteren Lockdown führen würde und die sind dann schuld dran.“ 

Doch Großbritannien lockert was da Zeug hält, die Pubs und Restaurants haben wieder offen, Touristen sollen möglichst bald und zahlreich wiederkommen und bis es soweit ist, bleiben die Briten unter sich. 

Skiort Ischgl in Tirol gilt als Ursprung des Corona-Übels in Europa schlechthin. Viele Tausend Menschen infizierten sich - über Urlauber, die mit dem Virus nach Hause zurückgekehrt waren. Ein Imagedesaster für die örtliche Tourismusindustrie. Und so bemüht man sich zu Beginn der Sommersaison um Schadensbegrenzung. Seilbahnbetreiber Günter Zangerl versprüht nicht nur Unmengen an Desinfektionsmittel, sondern auch ganz viel Optimismus. 

Günter Zangerl, Seilbahnbetreiber

„Wir freuen uns sehr, dass es wieder losgeht. Wir freuen uns auch sehr, dass es wieder Richtung Normalität geht. Es tut uns auch leid um diese ganzen Infizierten, die sich bei uns irgendwie angesteckt haben, aber ich persönlich sehe das auch als Chance aus dieser ganzen Geschichte zu lernen und etwas für die Zukunft vielleicht mitzunehmen.“ 

Die Zukunft, findet der Seilbahnbetreiber, sollten nicht mehr so sehr der Sauf- und Feiertouristen sein, sondern möglichst ökologisch orientierte Wander- und Skifreunde, gerne auch aus Risikogruppen. Unter bei denen hat sich rumgesprochen, dass ein Urlaub auf Corona-verbrannter Erde durchaus Vorteile haben kann. 

Achim Großehelleforth, Urlauber

„Hier sind wahrscheinlich mittlerweile 60 Prozent der Bevölkerung immun. Der Ort ist leer.“

Claudia Großehelleforth

„Der Ruf ist schlecht im Moment und deshalb fährt keiner her.“ 

Achim Großehelleforth

„Die können ihr Image gar nich aufpolieren, das ist einfach weg das Image, die können im Grunde genommen nur warten.“ 

Herr und Frau Großehelleforth kommen aus der Nähe von Bielefeld und reisen antizyklisch, wie sie es nennen. Im Sommer in die wenig besuchten Wintersportorte und im Winter an die See. So entkommen sie dem Massentourismus, der, da sind sie sich sicher, durch Corona vor einer ungeahnten Herausforderung steht. - besonders hier in Ischgl. 

Achim Großehelleforth

„Ich bin mir ganz sicher, dass das ganz ganz große Probleme gibt für diese Orte, die davon leben dass die Menschen so eng aufeinander sind und feiern und fröhlich sind, das wird ganz ganz schwierig.“ 

Andi Steibl leitet den Tourismusverband von Ischgl und muss sich mit genau diesem Problem herumschlagen. Wie kann man coronasicheren Massentourismus anbieten ohne dabei den lukrativen Feiertourismus abzuwürgen? Die Antwort: man tut einfach so als ginge beides. 

Andi Steibl, Leiter Tourismusverband Ischgl

„Naja, Man muss unterscheiden. Es gibt die Covid 19 als Thema und dann gibt es die Marke Ischgl. Marke Ischgl wird sich ja in dieser Form, sollte sich auch nicht ändern. Es ist ja auch ein Erfolgskonzept.“ 

Das Mittel der Wahl, um die Gegensätze zu vereinen, sind kostenlose Corona-Tests für jeden Besucher, der einen haben will - wichtig dabei: es soll sich anfühlen wie ein Wellnessangebot – doch so ganz ausgereift ist das Konzept wohl noch nicht. 

Andi Steibl, Leiter Tourismusverband Ischgl

„Es geht einfach so wie man in ein Fitnesscenter geht und sich die Herzrhythmuszahlen ansieht oder den Blutdruck messen lässt. So ist es auch in dieser Form vorgesehen und so haben es auch die Gäste jetzt auch schon angenommen.“ 

Kontraste

„Was würde passieren, wenn hier jemand positiv getestet würde?“

Andi Steibl, Leiter Tourismusverband Ischgl

„Das wird jetzt auch noch von den Behörden, das wird jetzt auch noch vom Bund nochmal im Detail noch ausgearbeitet im Augenblick.“ 

Ehepaar Großehelleforth genießt den Aufenthalt im leeren Ischgl. Ihr Mitleid für die örtlichen Gastronomen und Geschäftsleute hält sich in Grenzen, selbst wenn das ganze Jahr über kaum Touristen kommen sollten.

Achim Großehelleforth

„Die hatten ja auch Jahre, wo es hier wirklich gebrummt hat. Wenn sie dann mal ein paar Jahre ein bisschen kürzer treten müssen glaube ich nicht, dass … Also wer hier in Ischgl nicht zum Millionär geworden ist, der hat irgendwas falsch gemacht. Das kann man wirklich nur sagen.“ 

In Deutschland sind an Nord- und Ostsee Hotels und Ferienanlagen ausgebucht. Wie hier am Weissenhäuser Strand in Schleswig-Holstein sind die Urlauber froh, überhaupt einen Platz bekommen zu haben. 

Ansage

„Es herrscht die allgemeine Maskenpflicht in allen Bereichen des Abenteuerdschungellandes. Bitte halten sie immer den Mindestanstand von 1.50 m ein.“ 

Lisa und ihr Mann sind seit zehn Tagen mit ihren Kindern in der Ferienanlage. Die Familie kommt aus dem Kreis Warendorf und alle mussten einen Coronatest vorlegen bevor sie überhaupt anreisen durften. 

Kontraste

„Ist das noch schöner Urlaub? Oder es ist einfach anstrengend.“ 

Lisa

„Alles im Rahmen. das war jetzt noch alles nett. Wir könnten überall hingehen und wenn man frühzeitig weiß, dass man die Zeitpunkte reservieren muss, wo man hingehen kann, dann ist das auch ok.“ 

Im größten Restaurant der Anlage sieht es derzeit so aus: Trennwände wohin man schaut. Die Gäste müssen Handschuhe tragen, alles wird regelmässig desinfiziert. Matthias Dobrew ist der Restaurantleiter und leidet vielleicht mehr als seine Gäste unter den Maßnahmen.

Matthias Dobrew 

„Wir versuchen es so gemütlich zu machen für unsere Gäste wies geht, aber es ist natürlich nicht wie zu normalen Zeiten.“

Coronabedingt sollen die Gäste voneinander ferngehalten werden. Deswegen werden Zeitfenster vergeben und man hat ganau eine Stunde Zeit zum Essen. 

Kontraste

„Was ist wenn die einfach sitzen bleiben?“

Matthias Dobrew 

„Na dann müssen wir ein bisschen drängen, aber unsere Gäste sind da wirklich sehr vernünftig und halten sich dran. Und sind wahrscheinlich dankbar, dass sie überhaupt Urlaub machen können.“

Nicole und Raphael aus Kassel sind mit Sohn und Nichte seit zwei Wochen in der Anlage und das nicht ganz freiwillig.

Raphael Dachek

„Wir sind jetzt hier, das ist unser Sommerurlaub. Sommerurlaub machen wir in Deutschland eigentlich nie, weil wir einfach im Ausland viel besseres Wetter haben. Eigentlich sind wir Froh, dass wir überhaupt Sommerurlaub noch machen können. Aber wenn es nächstes Jahr ginge, wäre schön, wenn wir im Ausland machen können.“ 

Zuhause schön brav und im Ausland die Sau rauslassen  - Eigentlich also alles wie immer.

Beitrag von Konrad Bott und Marcus Weller

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