Covid-19-Patientin. Foto: Kontraste
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Corona-Langzeitfolgen - Genesen heißt nicht gesund

Gedächtnis- und Sprechstörungen, Lähmungen, Lungen-, Herz- und Nierenschäden – wer eine Covid-19 Erkrankung hinter sich hat, muss vielleicht lebenslang mit schweren gesundheitlichen Folgen rechnen. Kontraste-Reporter haben Genesene getroffen, die trotzdem nicht gesund sind. In der Reha konnten sie den zähen Kampf zurück ins Leben beobachten und mit führenden Forschern über die neuesten Erkenntnisse zum COVID-19-Virus sprechen.

Anmoderation: Also: Es ist nicht alles anders in diesem Corona-Urlaubssommer. Immerhin. Für viele allerdings, die die Krankheit schon hatten, wird alles anders. Sie gelten als genesen - gesund sind sie aber nicht. Es gibt Patienten, die auch nach Wochen immer noch schwer Luft bekommen. Und bei anderen hinterlässt die Krankheit Spuren an ganz anderer Stelle, wie Susett Kleine und Daniel Donath in einer gemeinsamen Recherche mit t-Online.de herausfanden.

Karoline Preisler wohnt am Meer. Zum Strand geht sie aber nur wenn er leer ist.

Karoline Preisler, FDP-Politikerin

„Ich bin noch lange nicht da wo ich war, bevor ich krank geworden bin, es ist vier Monate her. Wer heute im Urlaub es übertreibt, der ist vielleicht in vier Monaten an meiner Stelle und wird sich darüber sehr ärgern.“

Auf Bildern ist erkennbar, wie das Virus ihr Äußeres verändert hat. Möglicherweise ein Ergebnis ihres angegriffenen Immunsystems.

Karoline Preisler, FDP-Politikerin

„Es hat mich total kalt erwischt. Drei Monate nach Corona fielen mir die Haare aus und zwar wirklich. Ich nadelte wie ein Weihnachtsbaum. Ich griff in die Haare, hatte büschelweise Haare in den Händen, und ich wurde an vielen Stellen kahl. So schlimm ist es nicht mehr. Sie gehen eben noch aus, und die, die nachwachsen, sind klein und drahtig und haben eine andere Farbe.“

Im März litt die FDP-Politikerin unter schwerer Atemnot.. Sechs Tage lang musste sie damals ins Krankenhaus. Bei Kontraste berichtete die 49-Jährige in einem Videotagebuch von ihren Erfahrungen. Auf einer Isolierstation braucht sie zusätzlich Sauerstoff, muss inhalieren.

Karoline Preisler, FDP-Politikerin

„Atemnot raubt einem den Verstand. Es ging mir sehr schlecht. Ich konnte nicht einatmen. Mein ganzer Körper rebellierte. Mein Puls schoss nach oben. Ich wollte atmen, atmete ein, holte Luft. Aber es kam nichts an.“ 

Auch nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus hat sie noch Atemprobleme. Selbst bei leichten körperlichen Belastungen braucht sie Pausen, ihr fehlt die Luft. Das wirkt sich auch auf ihre Stimme aus, erzählt sie in einer Talkshow.

Karoline Preisler, FDP-Politikerin

„Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich je wieder mit meinen Kindern singe oder beim Fussballspiel die Nationalhymne mitgröle, weil ich gerade nicht genug Luft habe, um zu singen.“

Eine weitere dramatische Folge merkt Karoline Preisler ganz plötzlich vor zwei Wochen. Sie kann nicht richtig sprechen, hat Probleme das zu sagen, was sie eigentlich sagen will.

Karoline Preisler, FDP-Politikerin

„Ich habe mir einen Satz vorgestellt, im Kopf gebildet. Es kam ein ganz anderer Satz heraus. Mein Nomen wurde ersetzt. Ich habe einen Tag lang ständig Brandenburg gesagt, statt des Nomens, was ich mir vorgestellt habe.“

Gerade das zentrale Nervensystem scheint öfter betroffen zu sein, als anfänglich von Medizinern vermutet. Corona Genesene berichten häufig von Erschöpfung, Schwindel aber eben auch Wortfindungsstörungen.

Welche dieser Folgen möglicherweise dauerhaft bleiben könnten, das wird gerade untersucht, erklärt Neurologe Prof. Berlit. Erste Hinweise gibt es aber schon jetzt.

Prof. Dr. Peter Berlit, Deutsche Gesellschaft für Neurologie

„Zu den häufigen Symptomen zählen Störungen. Die bilden sich 92 Prozent der Fälle innerhalb von vier bis fünf Wochen vollständig zurück. Wir wissen aber nicht, was mit den restlichen zehn Prozent ist, ob es hier womöglich zu dauerhaften Störungen kommen könnte. Wir wissen, dass ein Teil der Patienten Schlaganfälle erleidet. Auch Patienten, die keine Gefäße, Risikofaktoren haben, die jünger sind.“

Auch Demenz könnte eine neurologische Spätfolge sein. 

Er hat immer noch Gedächtnislücken - ebenfalls eine mögliche Langzeitfolge des Virus. Christian Kanisius gehört nicht zur Risikogruppe. Er ist 41, sportlich, ohne Vorerkrankung. Und dennoch lag der Feuerwehrmann wegen Corona 17 Tage im künstlichen Koma. Drei Monate später sind seine Wahrnehmungsfähigkeiten stark eingeschränkt.

Christian Kanisius, Feuerwehrmann

„Wenn viele Dinge auf einmal auf mich zukommen, die alle gleichzeitig zu verarbeiten. Das fällt mir im Moment noch schwer, das muss ich ehrlich zugeben. Es bringt mir nichts, da hinzukommen, aber vielleicht falsche Entscheidungen zu treffen, das hilft mir nicht, der Mannschaft nicht und den Patienten draußen schon gar nicht.“

Noch hofft er im September, ein halbes Jahr nach seiner Infektion, wieder als Einsatzleiter der Feuerwehr arbeiten zu können.

Doch Neurologe Prof. Dr Peter Berlit erklärt, bei einem Drittel der intensivpflichtigen Coronapatienten ist eine Diffuse Hirnschädigung aufgetreten, die länger anhalten könnte.

Prof. Dr Peter Berlit, Deutsche Gesellschaft für Neurologie

„Die zeigt sich typischerweise dadurch, dass die Patienten Gedächtnisprobleme haben. Aufmerksamkeits-, Konzentrationsschwierigkeiten. Sie können auch einen Dillier entwickeln, also verwirrt sein. Fehlwahrnehmungen zeigen, Halluzinationen zeigen.“

Wie sich nach und nach herausstellt, ist die Niere das Organ, dass das Virus am zweithäufigsten befällt. Bei schwer erkrankten Covid-19-Patienten brauchen sogar rund 35 Prozent eine Dialyse.  

Matthias Kreuziger ist einer dieser Erkrankten, dem während seiner Coronainfektion unter anderem die Nieren versagten. Er lag fast einen Monat im künstlichen Koma, wurde beatmet bevor er wieder aufwachen konnte.

Matthias Kreuziger 

„Riesen-Glücksmoment war das ich hatte. Ein Wald von Schläuchen und ringsherum acht Personen die gesagt haben er wacht auf. Da habe ich geheult.“

Nephrologe Dr. Jan Galle erklärt, mit hoher Wahrscheinlichkeit wird das Coronavirus bleibende Schäden in der Niere hinterlassen. Ein Grund kann der Niereninfarkt sein. Dabei stirbt ein Teil des Organs ab und hinterlässt totes Gewebe… Narben.

Dr. Jan-Christoph Galle, Nephrologe

„Das ist etwas, das ist irreversibel. Da kann zwar die Niere eine gewisse kompensatorische Leistung erbringen, dass man es nicht sofort merkt, aber trotzdem, wenn sie mal so viel Niere hatten. Und dann ist auf einmal die Hälfte Narbe. Dann wird sich das auf Dauer auswirken, weil diese Narbe erholt sich nicht mehr.“

Das Schlimme: Gerade junge Menschen merken erst einmal gar nicht, dass sie einen Teil ihrer Nierenfunktion verloren haben. Erst mit zunehmendem Alter werden die Konsequenzen spürbar. Das Risiko an die Dialyse zu müssen kann um ein Vielfaches steigen.

Mehr Dialyse, mehr Transplantation, wie das funktionieren soll, weiß heute noch keiner, sagt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Prof. Dr. Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte

„Bei denjenigen, die ein Nierenversagen haben. Werden wir später versuchen, durch eine Organtransplantation zu einer guten Lebensqualität zu kommen."

Tief einatmen, den Körper komplett mit Sauerstoff füllen. Was die Lunge der meisten Menschen selbstverständlich leistet, muss die von Matthias Kreuziger zwei Monate nach der Beatmung erst wieder lernen. Drei Wochen Reha sollen dabei helfen.

Matthias Kreuziger, Corona-Genesener

„Die Atmung fällt mir zum Teil noch schwer. Ich komme manchmal an bestimmte Leistungsgrenzen, aber durch diese Kurse lernt man wieder richtig atmen, bewusst atmen und das ist eigentlich sehr hilfreich.“ 

Die Lunge – das ist bekannt – ist besonders stark vom Coronavirus betroffen. Doch es gibt auch gute Nachrichten, denn sie hat eine große Chance auf Heilung.

Das zeigen erste Beobachtungen aus einer Studie der Klinik Stuttgart. Professor Götz Martin Richter vergleicht derzeit Tomografieaufnahmen der Lungen von 50 Coronapatienten - während und nach der Infektion.

Prof. Dr. Götz Martin Richter, Radiologe Klinik Stuttgart

„Schwere Spätfolgen glücklicherweise sehen wir in der Mehrzahl nicht. Also das können wir schon sagen. Die Lunge kann gut heilen auch bei Leuten die drei Wochen Intensivstation hinter sich haben, sieht man drei Monate später nicht mehr sehr viel Veränderung.“

Auch die Lunge von Karoline Preisler hat sich mittlerweile erholt. Endlich kann die dreifache Mama wieder zusammen mit ihrer Familie singen. 

Beitrag von Daniel Donath und Susett Kleine

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