30 Jahre deutsche Einheit. In Abendlicht getaucht ist das Reichstagsgebaeude in Berlin mit dem Schriftzug: Dem Deutschen Volke. Bild: Winfried Rothermel/picture alliance
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Deutschland vor der Wahl - Der harte Kampf um jede Stimme

Selten war ein Bundestags-Wahlkampf so spannend und der Ausgang so unvorhersehbar wie diesmal, am Ende der Ära Merkel. Laschet oder Scholz, Jamaika oder Ampel – oder wird am Ende alles doch ganz anders? Der Wahlkampf ist in der heißen Phase angekommen und er wird eben nicht nur in Triellen und Vierkämpfen im Fernsehen ausgetragen, sondern auch im direkten Kontakt mit dem Wähler auf der Straße. Kontraste-Reporter waren in vielen Regionen des Landes unterwegs und konnten Politikerinnen und Politiker von allen im Bundestag vertretenen Parteien beim Kampf um das Direktmandat begleiten. Entstanden ist eine Momentaufnahme der Gemütslage einer Republik am politischen Scheideweg.

Anmoderation: Gut, dass sie da sind. 10 Tage noch. Nur noch zehn Tage. Dann wissen wir, wer vorn liegt - Laschet oder Scholz, Union und SPD trennen nach dem ARD-Deutschlandtrend heute nur noch vier Prozentpunkte - die Grünen derzeit abgeschlagen. Und während sich in den Fernseharenen die drei gut ausgeleuchtet beharken - gucken wir dahin, wo den Kandidaten keine Beratermeuten zur Seite stehen - sondern höchstens ein wackeliger Bistrotisch in der Fußgängerzone...in den 299 Wahlkreisen. Wir haben sie besucht, Kandidatinnen und Kandidaten getroffen, die mal mit der Konkurrenz kämpfen und mal mit ihrer eigenen Partei. Und genau da kommt man diesem Walhkampfdeutschland sehr sehr nah.

Wahlkreis 196

Der Problem-Wahlkreis der Union, er könnte idyllischer kaum sein. Hier in Südthüringen kandidiert Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans Georg Maaßen für die CDU. Ein Mann, der mit seinen Rechtsaußen-Parolen die Parteispitze immer wieder in Verlegenheit bringt. Für Maaßen selbst liegt das Problem bei den anderen.

Kontraste

"Herr Maaßen, warum steht die CDU gerade so schlecht da?"

Hans-Georg Maaßen, CDU-Direktkandidat

"Müssen Sie Laschet und Herrn Ziemiak fragen. Ich bin nur einfaches Parteimitglied und Kandidat in Südthüringen. Ich bin eigentlich ein gutes Gefühl für Südthüringen. Also ich habe sehr viel Zuspruch, sehr viel Unterstützung."

Kontraste

"Was halten Sie von Herrn Maaßen?"

Passant

"Nichts, weil er ein Zugezogener ist, der mit Thüringen nichts am Hut hat."

Passant

"Oh Moment, das ist doch, das ist doch ein Rechter. Maaßen? Also ich will mal so sagen, manche Ideen sind nicht schlecht."

Maaßens härtester Konkurrent: Frank Ullrich von der SPD. Er ist von hier. Zu DDR-Zeiten Biathlet, Olympiasieger und mehrfacher Weltmeister. Viele hier sehen in ihm immer noch das Sportidol. Ullrich gibt sich betont bürgernah, eckt nicht an, auch beim Bäckermeister in Schleusingen.

Frank Ullrich, SPD-Direktkandidat

"Guten Tag. Hallo. Ah, das riecht ja gut, das riecht ja wirklich lecker hier, oder?"

Bäcker

"Macht ab das Ding. Die kannste abmachen. Ihr könnt alle hier den Lappen abmachen."

Frank Ullrich, SPD-Direktkandidat

"Da schmeckt der Kuchen auch besser wieder. Da kann man den so durchstecken dann."

Dass Masken hier unerwünscht sind, scheint Ullrich nicht zu stören. Nicht der einzige Corona-Schutz, den Bäcker Maik Salzmann ablehnt. Auch impfen lassen will er sich nicht.

Maik Salzmann, Bäcker

"Es kann doch nicht sein, dass irgendeiner kommt und sagt, ich muss mir irgendetwas in meine Venen oder in meine Muskeln oder sonst irgendwie spritzen lassen."

Bäckerin

"Und dann noch die Kinder, die wollen und dann noch die..."

Maik Salzmann, Bäcker

"Die Kinder, die kleinen Kinder. Ja, ich hab' kleine Kinder. Das kann doch nicht sein. Oder?"

Bäckerin

"Und wie gesagt, wir leugnen kein Corona, um Gottes Willen. Also wir wissen, dass es das gibt."

Frank Ullrich, SPD-Direktkandidat

"Respektiert ihr diejenigen, die sich impfen lassen…"

Bäckerin

"Das machen wir!"

Frank Ullrich, SPD-Direktkandidat

"Ich sag ich jetzt mal, genauso wie ich respektiere, dass einer sagt: Hey, pass auf, ich habe früher mal ein Riesenproblem gehabt, mit der Grippe-Schutzimpfungen habe ich eine Hirnhautentzündung bekommen und so weiter und so fort. Und ich lasse mich hier nicht impfen, sondern ich möchte das gerne so."

Ullrich scheut den Konflikt, widerspricht Menschen nur ungern. Klare Kante ist seine Sache nicht.

Kontraste

"In den neuen Bundesländern ist die Impfquote relativ gering, also relativ wenige Menschen, die sich impfen lassen. Wie sehen Sie das, ist das ein Problem hier in den neuen Bundesländern? "

Frank Ullrich, SPD-Direktkandidat

"Was heißt Problem? Ich sag mal, jeder Mensch muss für sich entscheiden, inwieweit er was macht. Also ich bin auch jemand, der für die Impfungen ist, bin aber auch keiner, der jemanden hier vergewaltigt oder vorschreibt, was er zu tun und zu lassen hat."

Um Maaßen zu verhindern, rufen mittlerweile sogar führende Grüne zu Ullrichs Wahl auf.

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen

"In dieser Region ist es ja nicht ganz unerheblich, dass die Demokraten und Demokratinnen zusammenhalten."

Kontraste

"Zählen Sie den Maaßen auch dazu?"

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen

"Nein. Also ich finde, dass Herr Maaßen sich derartig jenseits des wirklich demokratischen Spektrums aufhält. Der ist demokratisch gewählt und das ist klar. Aber wer mit Verschwörungstheorien und So-Stark-Nach-Rechts-Blinken, wie das Herr Maaßen macht, unterwegs ist, dann sage ich: Nein."

Kontraste

"Die hat mir gerade gesagt, sie sieht Sie nicht im demokratischen Spektrum."

Hans-Georg Maaßen

"Ich glaube, die Frau, ich weiß nicht, die Frau, hat sie was gekifft?"

Wahlkreis 101

Maaßens Kandidatur hat in der Union Schockwellen quer durch die Republik geschickt. In NRW kämpft Serap Güler um ein Direktmandat: eine Vertraute Armin Laschets, Staatssekretärin für Integration in seinem Landeskabinett. Maaßens Ernennung kritisierte sie so deutlich wie sonst kaum jemand in der Union. Auf Twitter schrieb sie:

Zitat aus einem Tweet

"Ihr habt echt den Knall nicht gehört! Wie kann man so irre sein und die christdemokratischen Werte mal eben über Bord schmeißen?"

Jetzt in der heißen Wahlkampfphase ist ihr das Thema lästig.

Serap Güler, CDU-Direktkandidatin

"Meine persönliche Meinung zu Herr Maaßen ist bekannt. Ich glaube, die ist allseits bekannt, die habe ich kundgetan. So, die kann jeder nachlesen. Und da muss ich jetzt, ich muss mich doch nicht den ganzen Wahlkampf mit Herrn Maaßen beschäftigen."

Güler will ein moderneres Bild der CDU vermitteln: jung, weiblich, bunt. An diesem Abend lädt sie zu einer Diskussion in eine hippe Kölner Fußball-Halle. Das Thema: Aufstiegsgeschichten von Kindern von Migranten. Bestes Beispiel: Sie selbst, geboren als Tochter türkischer Gastarbeiter.

Serap Güler, CDU-Direktkandidatin

"Lasst uns doch einfach mal sagen: Ja, deutsches Wirtschaftswunder, super geklappt, auch dank der Gastarbeiter! Nicht ausschließlich der Gastarbeiter, aber dank auch der Gastarbeiter. So, die haben dieses Land mit aufgebaut."

Güler hat prominente Unterstützer: CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak ist eigens angereist, der Rapper Eko Fresh hat ihren Wahlkampfsong aufgenommen.

Musik:

"Made in Germany, made in Germany, Vielfalt ist unsere Stärke, hier in NRW."

Eko Fresh, Musiker

"Ich unterstütze Serap Güler. Ich unterstütze keine Partei."

Kontraste

"Aber indem sie Serap Güler jetzt im Wahlkampf ein bisschen unterstützen, so unterstützen sie natürlich auch die CDU."

Eko Fresh, Musiker

"Ja, mein Gott, das ist eine Volkspartei, ja. Das heißt ja nicht, dass ich jetzt unbedingt die wähle, was ich wähle, das halte ich geheim. Aber die Leute, die mich kennen, wissen: Ich bin so in der Mitte, vielleicht ein bisschen links von der Mitte."

Wenn sich aber selbst die eigenen Unterstützer nicht klar zur CDU bekennen, dann hat die Partei ein Problem. Das weiß auch Serap Güler.

Serap Güler, CDU-Direktkandidatin

"Ich glaube, am 26. wird es entweder eine krachende Niederlage für die Demoskopen oder tatsächlich für die CDU. Das ist die spannende Frage, die gerade bleibt."

Im Moment sieht es nicht gut aus für Güler. Auch im eigenen Wahlkreis. Denn dort gibt es einen Platzhirsch, der hier seit 2005 immer gewonnen hat.

Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitspolitiker und talkshow-affiner Corona-Erklärer. Und das muss er auch heute in Leverkusen tun:

Ladenbesitzer

"Ich bin mit der Existenz am Ende, wenn vierte Welle kommt, dann ist man schon gekillt."

Prof. Karl Lauterbach, SPD-Direktkandidat

"Vierte Welle wird kommen, aber wir machen keinen Lockdown mehr."

Ladenbesitzer

"Wissen sie, Sparbücher sind weg, alles ist weg, und ich verkrafte nicht mehr vierte Welle."

Prof. Karl Lauterbach, SPD-Direktkandidat

"Kein Lockdown, alles klar."

Ladenbesitzer

"Alles Gute wünsche ich Ihnen."

Zwei Bodyguards vom BKA weichen Lauterbach nicht von der Seite. Als beständiger Mahner in der Pandemie ist er bekannt wie nie – aber auch verhasst wie nie.

Kontraste

"Hat sich für Sie persönlich diese Bedrohungslage nochmal zugespitzt?"

Prof. Karl Lauterbach, SPD-Direktkandidat

"Ja, das auf jeden Fall. Weil ich halt also jetzt auch in den letzten Wochen und Monaten, also auf der Straße, häufiger ernsthaft bedroht worden bin. Das ist klar. Und ich werde auch tatsächlich in den sozialen Medien, aber auch über die Post-Zugänge und ähnliches werde ich also sehr regelmäßig bedroht. Das ist einfach etwas, was ich so nicht kannte."

Lauterbach im Straßenwahlkampf - für so manche Skeptiker die Gelegenheit, ihn mit ihrem Wissen aus dem Internet zu konfrontieren: etwa über angeblich verheimlichte Wunder-Medikamente.

Mann

"Was sagen Sie zu Ivermectin beispielsweise"?

Prof. Karl Lauterbach, SPD-Direktkandidat

"Die Studien haben keine Wirkung gezeigt."

Mann

"Also ich hab' da andere Studien gelesen als Sie! Wirklich schwere Fälle mit Covid sind mit Chlordixid behandelt worden. Wir erfahren hier in Deutschland nichts davon."

Prof. Karl Lauterbach, SPD-Direktkandidat

"Da ist nicht so."

Mann

"Warum spricht man nicht von Vitamin D? Auch da gibt’s ganz viele Studien! "Meine Schwiegermutter glaubt beispielsweise…"

Mann 2

"Wen interessiert denn ihre Schwiegermutter mit ihrem Impfgeschwurbel. Den Scheiß, den sie da erzählen, den haben wir im Internet schon tausendmal gelesen, der wird auch nicht richtiger, wenn sie den wiederholen. Der einzige Scheiß, den wir hier haben, ist nur weil nicht alle zur Impfung gehen, wir könnten längst dänische Verhältnisse hier haben."

Prof. Karl Lauterbach, SPD-Direktkandidat

"Ich muss dem Herrn leider recht geben, der Herr hat sich etwas derbe ausgedrückt."

Mann 2

"Entschuldigung, aber ich hör mir schon seit Monaten an da: Ich geh nicht zur Impfung. Die gleichen Leute, die vor der Hütte stehen, sich eine Kippe nach der anderen reinziehen, erzählen mir was vom Risiko der Impfung!"

Ähnlich erbittert dürfte wohl nur an wenigen Wahlkampfständen der Republik gestritten werden.

Mann 3

"Ich hab' überhaupt keine Lust, Menschen hier dauernd zu trösten, die sich nicht impfen lassen wollen, die einem Staatsterror ausgesetzt sind unglaublicher Art. Und das haben sie mit zu vertreten."

Prof. Karl Lauterbach, SPD-Direktkandidat

"Das geht alles, solange es nicht auch eine gewisse Gewaltbereitschaft gibt. Da kann es auch eskalieren, das ist, leider muss man sagen, Teil des Geschäfts geworden."

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Pöbler sind eine kleine Minderheit. Viele Menschen dagegen wollen Selfies mit Lauterbach.

Mann

"Wenn ihre Gegenkandidatin, die Güler, wenn die gegen Sie gewinnen sollte, dann verkauf ich meine Wohnung und wandere aus".

Prof. Karl Lauterbach, SPD-Direktkandidat

"Ach Gott. Die Wohnung werden sie behalten können."

Lauterbach gibt sich siegesgewiss. Noch immer träumt er davon, Gesundheitsminister zu werden, am liebsten unter Rot-Grün. Eine Große Koalition lehnt er genauso ab wie ein Bündnis mit der Linkspartei.

Wahlkreis 84

In der Hochburg der Linken, im Berliner Wahlkreis von Gregor Gysi. Der denkt nicht daran, das Feld zu räumen.

Moderator

"Wollt ihr mitregieren?"

Gregor Gysi, Die Linke-Direktkandidat

"Bei allen Umfragen hätten im Augenblick SPD, Grüne und Linke eine Mehrheit im Bundestag. Früher, als es das mal gab, konnte man nichts mehr anfangen. Heute könnte man was mit anfangen. Wir werden dann sehen, ob SPD und Grüne Richtung FDP gehen oder Richtung Linke gehen.

Die Linke in der Bundesregierung - für ihn wäre es wohl ein krönender Abschluss seines Lebenswerks. Seit 30 Jahren sitzt Gysi fast durchgehend im Bundestag. Hat zahlreiche Wahlkämpfe mitgemacht:

Kontraste

"Was ist dieses Mal anders?

Gregor Gysi, Die Linke-Direktkandidat

"Es sind einige Dinge anders. Das erste was anders ist, ist, dass viel mehr jüngere Leute kommen, auch auf Kundgebungen. Das zweite, was anders ist, die Leute sind viel verunsicherter über das, was kommt."

Mit 73 Jahren tritt Gysi erneut an. Sein Direktmandat gilt als sicher.

Im schleppenden Wahlkampf der Linkspartei kocht er Suppe auf einem Marktplatz in Köpenick. Und gibt nebenbei zwei Stunden lang den Alleinunterhalter.

Gregor Gysi, Die Linke-Direktkandidat

"Wenn ich mit denen über die schwarze Null rede, hab' ich da keine Chance. Alle meine Argumente, von denen ich auch meine, die sind gar nicht so unvernünftig. Keine Chance. Und dann hab' ich überlegt, woran das liegt. Ich glaube, die haben zur schwarzen Null ein sexuell erotisches Verhältnis. Ich werde Ihnen das auch begründen: Wann in meinem Leben ich für Vernunft und logische Argumente nicht zugänglich war, überhaupt nicht zugänglich war, das war nur in den wenigen sexuell erotischen Momenten, wo der Verstand bekanntlich aufhört."

Hier kommt das an.

Kontraste

"Kommt die Linke für sie in Frage?"

Passant

"Ja, das ist die einzige, meine persönliche Meinung ist das, die einzige Partei, die in Deutschland noch ein Korrektiv ist."

Gregor Gysi, Die Linke-Direktkandidat

"Wir sind ja so unmöglich, weil wir den Austritt aus der NATO wollen. Erstens: Den Austritt aus der NATO haben wir noch nie gefordert. Das ist Quatsch, gar nicht real, sodass das mit jetzigen Sondierungen und Koalitionsgesprächen gar nichts zu tun hat. Nur werden wir ganz bestimmt nicht unterschreiben, dass unsere Soldaten an einen Krieg geschickt werden. Auf gar keinen Fall.

Gysi will in die Regierung – aber seine Partei schwächelt. Der ARD Deutschlandtrend von heute sieht sie bei nur sechs Prozent.

Wahlkreis 163

Die Frage einer Regierungsbeteiligung stellt sich im Erzgebirge für den Kandidaten Mike Moncsek nicht. Er tritt für die AfD an.

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Was machen sie denn beruflich?

Passant

"Gas, Wasser, Scheiße."

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Für dich habe ich etwas Richtiges, lass dir schmecken und danke für die Stimme."

Mike Moncsek gilt als Wahlstratege bei der AfD. Bei der letzten Bundestagwahl verhalf er Kandidaten in Sachsen zu Rekordergebnissen. Jetzt tritt er selbst an. Sein Spezialthema: Die Verkehrspolitik und der Bußgeldkatalog:

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Der jetzige Bußgeldkatalog ist genau, wie der geplante, wie der überzogene, so etwas von reformierfähig, den muss man eigentlich schreddern."

Kontraste

"Wo ist das Problem?"

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Das Hauptproblem ist, dass es in Deutschland mehrere Regeln gibt, die nicht fassbar sind. In der DDR gab es 0,0 pro Mille. Und heute, 0,5, 0,3. Sie fahren jemand an, sie haben einen Unfall, dann gelten ganz andere Sachen, als wenn sie keinen Unfall haben. Das gibt es nicht: 0,0 pro Mille."

Sein Hauptkonkurrent: Marco Wanderwitz. Er ist der Ostbeauftragte der Bundesregierung. Auch er setzt auf große Plakate. Der CDU-Kandidat sagt: Viele im Osten hätten ein Demokratieproblem und wählten deswegen Rechtsaußen.

Marco Wanderwitz, CDU-Direktkandidat

"Wir haben hier in den neuen Ländern deutlich mehr Menschen, die die Demokratie und ihre Institutionen grundhaft ablehnen. Und das ist eine demokratiegefährdende Situation. Und ich glaube, wenn man nicht darüber redet, wird nichts besser, auch wenn die Gespräche unangenehm sind, weil nämlich die allermeisten nicht der Meinung sind, dass sie rechtsradikal sind. Aber wenn man mal so durchdekliniert, was so das Führungspersonal der AfD jeden Tag von sich gibt, Kandidaten, die hier in Sachsen antreten, die mit der Hand auf dem Herz vor der Wolfsschanze posieren, die SA-Sprüche auf ihre Plakate schreiben, die demokratische gewählte Parlamentarier aus Parlamenten herausschlagen wollen, wie beispielsweise Herr Moncsek, was soll denn das anderes sein als die Sprache der Diktatur".

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Wir wollen, dass dieser Wanderwitz nicht mehr als Mensch ein Mandat erringt. Und schon gar kein Direktmandat. So, und das ist das Ziel."

Und das will er vor allem mit sehr großen Plakaten erreichen. Zu DDR-Zeiten war Moncsek Mitglied bei der Block-CDU. 2015 trat er in die AfD ein. Der ehemalige Vertriebschef für Fahrzeuge vernetzte die Partei in Sachsen. Hier hat er eine Art Parteizentrale aufgebaut – Hier tagen auch Gauland und Co.

Kontraste

"Wie gehen sie mit Leuten wie Höcke um?"

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Ja, Björn Höcke ist ein Name. Genau wie Gauland und wie Meuthen. Und ich geh auf alle zu. Ich habe da weder Berührungsängste noch sonst etwas."

Kontraste

"Das heißt, sie müssen sich dann ankreiden lassen, sie machen gemeinsame Sache mit Rechtsradikalen?"

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Was sie jetzt gerne wollten, ist, dass sich mich jetzt distanziere von irgendwas?"

Kontraste

"Ich will gar nichts, ich bin nur da, um Fragen zu stellen."

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Ich gebe ihnen die Antwort nochmal, ich werde mich von niemanden irgendwohin drängen lassen…"

Kontraste

"Sie distanzieren sich nicht?"

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Nö, ich distanziere mich auch nicht von Meuthen seine Aussagen."

Moncsek hat wenig Berührungsängste. Das zeigt sich auch am Haus, in dem das regionale CDU-Büro ist.

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Dort oben ist das CDU-Büro und hier am Giebel 10 mal 6, da hängt der Monczek."

Kontraste

"Ein bisschen Größenwahn ist da schon auch dabei, oder?"

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Warum, ich habe doch nur die Hälfte des Hauses gemacht, ich bin doch bescheiden."

Kontraste

"Fanden sie es gut?"

Passant 2

"Ja."

Kontraste

"Die machen jetzt ein Neues ran, mit einer neuen Aufschrift."

Passant 2

"Mit dem selben Kandidat?"

Kontraste

"Ja."

Passant 2

"Einwandfrei, weiter so."

Das Plakat hing zwei Wochen. Es wird durch ein Neues ersetzt. Auffällig: Auf dem Plakat fehlt der Schriftzug AfD. Moncsek hat ihn weggelassen, denn manche schrecke die AfD ab, der Fokus soll lieber auf seinem Namen liegen, so der Wahlkämpfer.

Mike Moncsek, AfD-Direktkandidat

"Ich bin strategisch und schlau. Der Fuchs, der schläft nicht, der schlummert bloß. Manchmal machen wir Sachen, da wissen wir, was wir tun. Und ich denke, das war ein Gutes."

Abends treffen dann die Kandidaten aus dem Wahlkreis direkt aufeinander – bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung. Auch Marco Wanderwitz ist dabei. Und grenzt sich klar ab.

Marco Wanderwitz, CDU-Direktkandidat

"Ich habe 'ne ganz einfache Antwort, wie wir wieder miteinander sprechfähig können. Sie müssen aufhören, mit dem Presslufthammer am Fundament dieser Demokratie zu machen und die Leute aufzuhetzen. Sie sind diejenigen, die dieses Land spalten."

Moncsek gegen Wanderwitz – laut Umfragen wird es wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Wahlkreis 252

Sonntagabend bei der Jungen Union in Augsburg: Public Viewing des Triels der Spitzenkandidaten. Mit dabei: Volker Ullrich, Bundestagsabgeordneter und Direktkandidat der CSU.

Armin Laschet beim Triel

"Sie müssen Klarheit haben, weil die Bürgerinnen und Bürger die Linke nicht in einer Bundesregierung haben will. Und dazu waren sie auch heute nicht bereit, deshalb ist es schon mal eine klare Aussage von Ihnen am heutigen Abend.

Bei der CSU glauben sie fest an einen klaren Punktsieg ihres Kandidaten.

Volker Ullrich, CSU-Direktkandidat

"Armin Laschet hat ähnlich wie auf dem CSU-Parteitag deutlich geliefert. Er hat die Unterschiede klar gemacht. Und ich finde, er hatte einen starken Auftritt."

Volker Ullrich hofft weiter auf den Wahlsieg - und darauf, sein Direktmandat verteidigen zu können.

Das wollen ihm in Augsburg die Grünen streitig machen – mit ihrer Frontfrau Claudia Roth

"Du machst die Diskokugel an am Montag früh." "Soll ich sie nicht anmachen?" "Doch. So bitte schön, kommen Sie rein in mein Wohnzimmer!"

Claudia Roth, Bündnis 90/Die Grünen-Direktkandidatin

"Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich das genieße, in so einem Tourbus unterwegs zu sein, und wie dankbar ich bin. Erstens weil es ein E-Bus ist, und es ist ein toller Sound, weil sie sehen ja… Ich habe ein bisschen dekoriert, zum Beispiel diese, muss ich ihnen zeigen, zeige ich auch der Kamera. Meinen Hund habe ich natürlich dabei. Ich weiß gar nicht, wie viel Bundestagswahlkämpfe, der schon mitgemacht hat.

Erster Termin heute: Stadtspaziergang mit dem Ortsverein Neuried.

Claudia Roth, Bündnis 90/Die Grünen-Direktkandidatin

"Ein Kollege von mir von der CSU. Was wir gemeinsam haben, ist die Leidenschaft für den Fußball. Wenn es dann um den Lieblingsverein geht, da sind wir schon wieder ganz weit auseinander. Er ist nämlich der Vorsitzende, oder war es, des FC Bayern Bundestagsfanclub, das sind natürlich die – Ich hab ne kleine Fanbasis, wir sind – ich, das bin ich vom FC Augsburg. Aber ja, Herr Hahn, kümmert sich sehr, dass Deutschland bei den Rüstungsexporten weit vorne ist."

Die Gemeinsamkeiten mit der Union sind begrenzt. Und doch hält Roth Vieles für möglich.

Kontraste

"Würden Sie auch einen Laschet, der auf dem zweiten Platz landet, zum Kanzler machen?"

Claudia Roth, Bündnis 90/Die Grünen-Direktkandidatin

"Also diese Frage. Ich würde alles dafür tun, dass wir eine Klimakoalition bekommen. Alles, wirklich alles."

Abends dann Großkundgebung in der Augsburger Innenstadt. Erwartet wird die Kanzlerkandidatin Anna-Lena Baerbock.

Claudia Roth, Bündnis 90/Die Grünen-Direktkandidatin

"Aufregend. Ah."

Dann kommt Baerbock, begleitet vom BKA - und einem gellenden Pfeifkonzert.

Die Grünen sagen hinterher, es hätten sich Menschen aus der Querdenker-Szene unter die Menge gemischt.

Anna-Lena Baerbock, Bündnis 90/Die Grünen, Kanzlerkandidatin

"Aus Respekt vor den Kleinsten hier auf dem Platz, wäre es vielleicht ganz nett, nicht dauerzupfeifen."

Proteste im Wahlkampf sind die Grünen gewohnt. Claudia Roth wendet es ins Positive.

Claudia Roth, Bündnis 90/Die Grünen-Direktkandidatin

"Also ich mein, dass da so viele waren, zeigt, wie ernst ihnen die Drohung zu sein scheint, dass Anna-Lena Baerbock Kanzlerin wird. Viel Ehr, viel Freund. Oder wie heißt´s? Viel Feind, viel Ehr."

Wahlkreis 83

Über mangelnden politischen Gegenwind kann sich auch diese Frau nicht beklagen. Ann Cathrin Riedel kandidiert in Berlin, in der links-alternativen Hochburg Friedrichshain-Kreuzberg– ausgerechnet für die FDP.

Kontraste

"Ich sehe viele Wahlplakate, aber keins von ihnen."

Ann Cathrin Riedel, FDP-Direktkandidatin

"Ist mir auch gerade schon aufgefallen."

Kontraste

"Wie kommt's?"

Ann Cathrin Riedel, FDP-Direktkandidatin

"Also wahrscheinlich müssten wir ja nochmal nachhängen, ist aber auch immer eine Ressourcen-Frage. Wir haben in Kreuzberg, ich muss lügen, 80 Mitglieder. Und Mitglieder heißt ja noch nicht, dass die aktiv sind."

Das erste Plakat von ihr, das wir finden, ist dann gleich mal mit einer Beleidigung beschmiert.

Kontraste

"Woran liegt es, dass die FDP hier im Kiez keine Chance hat?"

Ann Cathrin Riedel, FDP-Direktkandidatin

"Gute Frage, also wir haben immer scherzhaft gesagt, sag ich auch, der Bezirk ist eigentlich wahnsinnig liberal, wissen nur noch nicht, dass sie da die FDP wählen müssten."

Davon will Riedel nun die Kreuzberger überzeugen. Wir treffen sie nach einer Podiumsdiskussion an einer Gesamtschule. Mit dabei war auch die Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe von der SPD.

Cansel Kiziltepe (SPD), Bundestagsabgeordnete

"Sehr sympathisch, muss ich sagen. Sie ist auch sehr überzeugend. Aber ich frage mich bei Frau Riedel, in der SPD wäre sie besser aufgehoben als in der FDP, was ihre Position angeht."

Ann Cathrin Riedel (FDP), Bundestagskandidatin

"Ich fühle mich schon richtig aufgehoben bei den Freien Demokraten. Aber klar, es sind viele Themen, wo wir uns da glaub ich einer Meinung sind."

An Riedel würde eine Ampelkoalition nicht scheitern.

Weniger harmonisch: das Aufeinandertreffen mit der Kandidatin der Klima-Liste. Es geht um den Kampf gegen die Erderwärmung:

Marit Schatzmann, Klimaliste Berlin

"1,5 Grad Ziel ist sowieso eine glatte Lüge. Damit hat die FDP überhaupt nichts zu tun."

Ann Cathrin Riedel, FDP-Direktkandidatin

"Die steht in unserem Wahlprogramm. Wir bekennen uns dazu. Dass wir damit nichts zu tun haben, das ist jetzt eine Lüge.

Marit Schatzmann, Klimaliste Berlin

"Aber Bekennen ist doch keine Maßnahme. Mit welchem Budget arbeiten Sie?"

Ann Cathrin Riedel, FDP-Direktkandidatin

"Wir haben ja auch Maßnahmen drinne."

Marit Schatzmann, Klimaliste Berlin

"Mit welchen Budget arbeiten Sie?"

Ann Cathrin Riedel, FDP-Direktkandidatin

"Klimapolitik ist nicht mein Fokus-Thema. Wir können auch jetzt…"

Marit Schatzmann, Klimaliste Berlin

"Das habe ich gemerkt."

Ann Cathrin Riedel, FDP-Direktkandidatin

"Ja, aber das ist auch nichts Verkehrtes dran. Ich meine, es kann nicht jeder Klima-Politikerin sein."

Riedel selbst ist Expertin für Digitalisierung, sie will Bürgerrechte stärken, sich für eine weiblichere FDP einsetzen. Auch wenn sie in Kreuzberg einen schweren Stand hat: Mit Platz fünf auf der Landesliste hat sie eine reelle Chance, in den Bundestag einzuziehen. Und wäre dann mit ihrer Fraktion womöglich wieder einmal das Zünglein an der Waage.

Beitrag von Chris Humbs, Kaveh Kooroshy, Markus Pohl und Daniel Schmidthäussler

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