Der Intendant von dem Berliner Festspiele Thomas Oberender mit Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien und Landesvorsitzende der CDU Berlin bei der Eröffnung des Theatertreffen 2017 im Haus der Berliner Festspiele, Berlin, am 06.05.2017. Bild: imago/stock&people
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Arbeitsalltag am Theater - Schlaflosigkeit, Dauerstress, Gewichtsverlust

Sobald es um Machtmissbrauch geht, denken viele an körperliche Gewalt. Doch gerade im Kulturbetrieb geht es meist um psychische und verbale Übergriffe, häufig ausgeübt durch den Intendanten. Vieles davon bleibt im Verborgenen. Und so hieß es auch im Juni, als der Intendant der Berliner Festspiele überraschend seinen Rückzug antrat, lediglich: dieser wolle sich neu orientieren. Doch eine monatelange Recherche von Kontraste, rbb24 Recherche und rbb Kultur zeichnet ein anderes Bild: Mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprechen von erniedrigendem Führungsverhalten. Sie werfen ihm unter anderem psychischen Druck, verbale Abwertung und Drohgebaren vor. Offenbar konnte dieser über Jahre seinen Führungsstil aufrechterhalten und die Politik schaute nicht richtig hin. Der Intendant weist die Vorwürfe als falsch zurück.

Anmoderation: Ein Arbeitstag so ermüdend lang, dass Sie sich entscheiden müssen: Entweder kurz hinlegen - und sei es auf dem Boden - oder doch lieber was essen. Für beides bleibt keine Zeit. Ein Chef, der sie zwar nicht begrüßt - aber immer wieder anbrüllt. Das sind Arbeitsumstände, die Leiden schaffen: Burnout, Depressionen, Schlafstörungen. Im deutschen Kulturbetrieb vielerorts Alltäglichkeiten. Und: Ein gut gehütetes Geheimnis, denn wer redet, gilt als schwierig, nicht ehrgeizig genug – die Kultur-Impressarios dagegen, die so mit ihren Mitarbeitenden umgehen, allenfalls als "exzentrisch". Nach dem Motto: Ein großer Geist muss doch rücksichtslos sein. Wir haben gemeinsam mit den Kolleginnen von rbb24 Recherche und rbb Kultur einige Mutige getroffen, die ihr Schweigen brechen. Nathalie Daiber und Tina Friedrich.

Thomas Oberender beim Theatertreffen – als Intendant der Berliner Festspiele holt er jedes Jahr die Crème de la Crème der deutschsprachigen Bühnen in die Hauptstadt. Verantwortet verschiedene Musikfestivals. Eine Lichtgestalt im nationalen Kulturreigen eng verbunden mit der Politik – im Sommer kündigte Oberender seinen Rückzug an, um sich neu zu orientieren. Jetzt ermöglichen viele ehemalige MitarbeiterInnen einen Blick hinter die Kulissen. Sie sprechen über ihre Zeit bei den Festspielen:

Betroffene 1

„Es geht um psychische Ausbeutung, um verbale Übergriffigkeit, geringe bis gar keine Wertschätzung und das einfach über einen längeren Zeitraum ist so zermürbend."

Es gab Kolleginnen und Kollegen, die in ihren Büros geschlafen haben, weil sie so lange an der Umsetzung von Dingen gearbeitet haben, die ja Herr Oberender unbedingt bis nächsten Tag gemacht haben wollte, was aber fast unmöglich war.

Betroffene 2

„Ich konnte ewig nicht mehr richtig schlafen und dann habe ich eine Neuralgie im Gesicht gekriegt, was so wie ein Schraubstock ist, der sich dann ins Gesicht dreht. Ansonsten hat er das als persönlichen Affront gesehen, dass ich krank geworden bin. Er hat das auch in dem Wiederkehrgespräch dann sehr deutlich gesagt, dass ich wohl nur krank geworden bin, um ihm eins auszuwischen“

Thomas Oberender streitet das ab, er habe dies weder wörtlich noch sinngemäß gesagt. Auch seien ihm gegenüber in seiner gesamten Zeit weder in den Betriebsratsgesprächen noch in den persönlichen Feedbackgesprächen Beschwerden wegen seines Führungsstils geäußert worden.

Viele ehemalige Mitarbeiterinnen berichteten jedoch von willkürlichen Arbeitsaufträgen, Erniedrigungen, Schlaflosigkeit, Gewichtsverlust. Um sexuelle Übergriffe geht es dabei nicht. Eine entwickelte einen Tinnitus, ihr Arzt riet ihr zu kündigen. Einige hatten in wenigen Monaten Überstunden im dreistelligen Bereich angesammelt.

Mindestens drei Frauen beendeten ihre Tätigkeit mit Burn-Out Symptomen. Der Vorwurf: Verbaler und psychischer Machtmissbrauch – im deutschen Kulturbetrieb ein weit verbreitetes Problem.

Das bestätigt eine Studie zu Macht und Struktur am Theater von 2019, durchgeführt von Thomas Schmidt. 55 Prozent der Befragten schilderten missbräuchliches Verhalten, in zwei Drittel der Fälle durch den Intendanten.

Thomas Schmidt, Professor für Theater- und Orchestermanagement

"Bei der verbalen Macht geht es eben darum, durch unterschiedliche Formen, von nicht Kommunikation bis Schreien, die anderen Person klein zu machen, klein zu halten, ihnen zu zeigen, wie stark sie von mir abhängig sind, ihnen zu zeigen, dass ich sie jederzeit kündigen kann. Dass ich versucht sein werde, auch alle anderen 140 Intendanten anzurufen, dass sie nie wieder einen Job in der deutschen Theaterszene bekommen."

Viele Theaterschaffende arbeiten prekär. Verträge sind oft nur auf wenige Monate befristet. Das macht sie abhängig von der Gunst der Intendanten.

Uwe Gössel arbeitete zehn Jahre bei den Festspielen – neun Jahre leitete er das Internationale Forum beim Theatertreffen. Er war nicht einverstanden mit Oberenders Plänen für die Zukunft des Forums. Kurzfristig erfuhr er, dass sein Vertrag nicht verlängert werde:

Uwe Gössel, Dramaturg

"Es war unklar, was er dann mit dem Forum, mit dem Programm, dass ich verantwortete, vor hatte. Und dann kam das Festival und dann plötzlich gab es mal eine Situation da. Da kam dann der Intendant auf mich zu und hieß es, wenn du erzählst, dass ich hier das Forum abschaffe, dann kriegst du dir kein Bein auf den Boden. Beruflich."

Für Uwe Gössel eine Drohung. Auch das streitet Thomas Oberender ab. Eigentlich ist ein Job bei den Festspielen ein Jackpot, trotzdem hören zwölf Frauen in zehn Jahren im Intendanzbüro bei Thomas Oberender auf.

Betroffene 1

„Von meinen Kolleginnen sind viele vor mir gegangen, weil sie ihn nicht mehr ertragen haben.“

Betroffene 2

"Ich habe dann nach der Krankheit einfach nur gedacht, Du musst hier weg. Und ich hatte da nicht mehr die Kraft, irgendwas zu erkämpfen oder zu verändern."

Thomas Oberender gibt auf Anfrage zu bedenken, die Organisation von Kulturveranstaltungen sei nicht immer mit Arbeitszeiten zwischen 9 und 17 Uhr zu vereinbaren. Überstunden seien bezahlt oder abgebaut worden.

Zitat

„Wenn ich den Eindruck hatte, dass eine dauerhafte Überlastung drohte, habe ich versucht, diese in Zusammenarbeit mit der Personalabteilung zu lösen.“

Matthias Osterwold arbeitete auch bei den Festspielen und hat sich entschlossen, offen über Thomas Oberenders Führungsstil zu sprechen. Der ehemalige Leiter des Musikfestivals „MaerzMusik“ hatte sein Büro auf demselben Flur wie der Intendant.

Matthias Osterwold, ehemaliger Leiter Musikfestival "MaerzMusik"

„Gelegentlich haben sie ganz schreckliche Geräusche gehört hinter den Türen. Zum Beispiel weinen.“

Oberenders Anwalt teilte dazu mit, nie habe jemand während Oberenders Zeit als Intendant wegen seines Verhaltens in seinem Büro geweint.

Matthias Osterwold nennt solches Führungsverhalten „machiavellistisch“:

Matthias Osterwold, ehemaliger Leiter Musikfestival "MaerzMusik"

„Damit meine ich also das Ausüben von Macht und die Darstellung von Macht. Ich bin der Kommandant. Ich will mich durchsetzen, egal wie, ich bin mich in jedem Fall durchsetzen.“

Verantwortlich für die Ernennung der Intendanten: die Kulturpolitik. Bei Thomas Oberender ist es die damalige Bundeskulturbeauftrage Monika Grütters. Sie war die Aufsichtsratsvorsitzende bei der KBB. Sie positionierte sich öffentlich mehrfach gegen Machtmissbrauch

Monika Grütters, damalige Kulturstaatsministerin

„Mehr Parität auf den Führungsebenen dürfte übrigens auch die beste Prävention gegen den schockierenden Machtmissbrauch im Filmbereich und in anderen Kulturbranchen sein.“

Der Aufsichtsrat unter ihrem Vorsitz verlängert den Arbeitsvertrag von Oberender zwei Mal. Dabei habe die Politik – so Thomas Schmidt - alle Hebel in der Hand, um das Grundproblem im Kulturbetrieb – die Allmacht der Intendanten - lösen zu können, das geschieht aber fast nie:

Thomas Schmidt, Professor für Theater- und Orchestermanagement

„Es passiert nur sehr selten, dass eine Intendantin oder ein Intendant tatsächlich auch entbunden wird von der Politik, von ihren Aufgaben. Und wenn das passiert, geht eben ein langer, langer Vorlauf des Leidens und auch des Streits voraus. Und selten wagt es die Politik dann auch, in den Streit mit dem Intendanten zu gehen“

Im Frühjahr 2021 lässt sich erneut eine Mitarbeiterin mit Burn-Out krankschreiben. Jetzt sammelt die kaufmännische Geschäftsführerin der Festspiele, Charlotte Sieben Erfahrungsberichte von mehreren ehemaligen Mitarbeiterinnen des Intendanten - für ein Treffen mit Monika Grütters

Betroffene 1

"Daraufhin wurde ein so Zoommeeting einberufen, wo mehrere Personen mit dabei waren. Ich glaube, es waren zehn oder so."

Dann wurde uns mitgeteilt, dass beabsichtigt wird, dass Herr Oberender seine Verlängerung nicht antritt, dass alles darangesetzt wird, dass das, dass es zu einer Absetzung kommt.

Auf unsere Anfrage zu diesen Vorgängen reagierte Charlotte Sieben überhaupt nicht. Auf unsere Anfrage an Monika Grütters antwortete ein Sprecher der Kulturstaatsministerin, erst als sie schon nicht mehr im Amt war: Thomas Oberender habe im Aufsichtsrat ausführlich erklärt, warum er seine Verlängerung nicht antreten wolle. Damit lässt Grütters offen, ob sie die Erfahrungsberichte vorgelegt bekam oder nicht.

Die Allmacht der Intendanten im Kulturbetrieb wird fast nie offen in Frage gestellt, deswegen haben Betroffene Angst öffentlich über ihren Leidensdruck zu sprechen:

Thomas Schmidt, Professor für Theater- und Orchestermanagement

„Es gibt mindestens noch ein Dutzend weitere solcher Fälle, die eben nicht gelöst werden können, weil sich dort die Mitarbeiterinnen nicht trauen, oder weil es eine gewisse Schweigepflicht gibt.“

Beitrag von Tina Friedrich und Nathalie Daiber

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