Hauptverwaltung, Von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel, Königsweg, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen, Deutschland. Bild: Bildagentur-online/Schoening
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Vergewaltigungs-Skandal - Neue Vorwürfe gegen Klinik-Leitung

Es ist eine der größten Vergewaltigungsserien Deutschlands: An einer Bielefelder Klinik konnte ein Assistenzarzt über mindestens zwei Jahre mehr als 30 Frauen betäuben und vergewaltigen. Nachdem er sich in der U-Haft das Leben nimmt, werden die Ermittlungen eingestellt. Und die Ermittler entscheiden: Die Frauen werden nicht informiert, als Zeuginnen fallen sie somit aus. Bis heute ist unklar: Wurden Hinweise von Patientinnen ernst genug genommen? Wie viel wusste die Klinik? Und: Hätte der Vergewaltiger früher gestoppt werden können? Wohl auch deshalb greift das NRW-Justizministerium nach einem Kontraste-Bericht zu einem ungewöhnlichen Mittel. Es weist eine andere Staatsanwaltschaft an, die Akten wieder zu öffnen. Inzwischen wissen viele weitere Frauen, dass sie vergewaltigt wurden. Im Gespräch mit Kontraste erheben einige von ihnen schwere Vorwürfe gegenüber der Klinik. Die Kontraste-Recherchen zeigen: Manche dieser Taten hätten wohl verhindert werden können, wenn man Hinweisen frühzeitig nachgegangen wäre.

Anmoderation: Es ist eine der Geschichten, die eigentlich nicht auszuhalten ist: Ein Arzt vergewaltigt Frauen, während seiner Nachtschichten ... er betäubt sie - das vielleicht einzig tröstliche: Sie bekommen davon nichts mit. Aber viele ahnen, das etwas nicht stimmt. Und: Er filmt die Taten. Die Ermittler sehen sie. Alles ist lückenlos beweisbar. Und dann entscheiden Sie, die Frauen doch nicht zu informieren. So geschehen im Fall der Bielefelder Bethelklinik. Im Frühjahr haben wir berichtet und seither hat sich tatsächlich etwas getan: Die betroffenen Frauen vertrauen den örtlichen Behörden jetzt noch weniger. Und inzwischen geht es der Landesregierung offenbar genauso, wie Simone Brannahl zeigt.

Bettina L.

"Ich gebe heute dieses Interview, weil man mich Anfang Januar darüber informiert hat, dass ich Opfer einer Vergewaltigung geworden bin von einem behandelnden Arzt im Bethel während meines Aufenthaltes und dass es auch darüber Filmmaterial gibt, und ich möchte einfach, dass darüber nicht weiter geschwiegen wird."

Diese Frau, wir nennen sie Bettina L., musste im Juli 2019 in die Klinik Bethel in Bielefeld. Dort wird sie von einem Arzt betäubt und vergewaltigt. Das teilen ihr die Behörden anderthalb Jahre lang nicht mit. Sie will den Opfern ein Gesicht geben.

Bettina L.

"...weil mich das Ganze tatsächlich so wütend macht - die Aufklärung, nach der man sich ja sehnt, eine Antwort zu bekommen. Wie konnte das sein über so einen langen Zeitraum? Was ist da passiert, was ist da vielleicht versäumt worden? Was hat man ignoriert?"

Rückblick. Kontraste berichtet im vergangenen April über eine der größten Vergewaltigungsserien Deutschlands: Mehr als 30 Patientinnen soll der Neurologe Philipp G. im Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld mit dem Narkosemittel Propofol betäubt, vergewaltigt und dabei gefilmt haben. Als er im Herbst 2020 festgenommen wird, bringt er sich in Untersuchungshaft um. Darauf wird das Verfahren gegen ihn eingestellt. Und die Behörden treffen eine folgenschwere Entscheidung: Die betroffenen Frauen werden nicht über ihre Vergewaltigungen informiert. Für Opfer-Anwältin Stefanie Höke ein Skandal. Denn es bleiben wichtige Fragen offen.

Stefanie Höke, Opfer-Anwältin

"So hat man natürlich keinerlei Angaben dazu gehabt, welche der betroffenen Frauen hatte mit dem Klinikpersonal gesprochen? Hat mit einer Ärztin, einem Arzt gesprochen? All das hat man einfach nicht weiter ermittelt."

Wir wissen von zwei Patientinnen, dass sie Klinikverantwortliche bereits im Herbst 2019 über spätabendliche Besuche des Assistenzarztes, Infusionen und fehlende Erinnerungen informiert hätten.

Diese Frauen erstatten Anzeige gegen den Chefarzt und einen Oberarzt der Neurologie. Ebenso gegen die Klinikleitung. Der Vorwurf: Beihilfe zur Vergewaltigung durch Unterlassen. Das Verfahren wird im Mai 2021 von der Staatsanwaltschaft Bielefeld eingestellt – aus Mangel an Beweisen - obwohl alle weiteren Frauen nicht befragt wurden. Und: Obwohl die Obduktion des Täters ergab, dass er zwei Geschlechtskrankheiten hatte, die Unfruchtbarkeit auslösen können. Für den Kriminologen Prof. Christian Pfeiffer ungeheuerlich:

Prof. Christian Pfeiffer, Kriminologe

"Das war kein Opferschutz, sondern Klinik-Schutz. Als ob es nur um die Interessen dieser mit einem guten Ruf ausgestatteten uralten Klinik geht und nicht darum, dass die Opfer ihre Rechte wahrnehmen können. Habe ich mir eine Geschlechtskrankheit eingefangen? Welche Verantwortung hat die Klinik dafür, dass dieser Arzt nicht schon längst früher entlassen wurde und andere geschützt werden, denen das Gleiche später passiert ist?"

Gegen die Einstellung der Ermittlungen legen die Anwältinnen Beschwerde ein. Und fordern, dass alle betroffenen Frauen informiert werden. Doch die nächste diensthöhere Behörde, die Generalstaatsanwaltschaft Hamm, bestätigt die Entscheidung der Kollegen aus Bielefeld. Was dann folgt, ist außergewöhnlich: Der Justizminister aus NRW entzieht Bielefeld die Zuständigkeit, ordnet neue Ermittlungen an und gibt sie an die Staatsanwaltschaft in Duisburg. Eine schallende Ohrfeige.

Christian Pfeiffer

"Man behandelt die Staatsanwaltschaft wie ein Gericht als unabhängige Instanz und hält sich raus. Aber wenn so gravierende Fehler passieren, dann bleibt nur der Weg, den das Justizministerium dort eingeschlagen hat."

Das Ministerium begründet gegenüber Kontraste erstmals seine Entscheidung:

Es bestünde (…) Besorgnis einer möglichen Befangenheit auf Seiten der Generalstaatsanwaltschaft Hamm.

Beispiellos. Das Justizministerium von NRW misstraut seiner eigenen Generalstaatsanwaltschaft.

Christian Pfeiffer, ehemaliger Justizminister von Niedersachsen

"Der Gedanke der Befangenheit ist nicht ganz verkehrt, weil es kaum nachvollziehbar ist, dass Hamm die vollen Fakten bekommen und dann sagen die: Wir stellen es auch ein, die haben völlig richtig entschieden. Da denkt man sich: Ticken die noch richtig?"

Nach Kontraste-Informationen haben die Behörden inzwischen viele weitere Frauen informiert, die im Klinikum Bethel vergewaltigt wurden. Und nun wird klar: Das Krankenhaus hatte wohl viel frühere Hinweise auf ein Fehlverhalten seines Assistenzarztes.

Das zumindest sagt dieser Mann. Wir nennen ihn Manfred S. Er möchte seine Tochter schützen und anonym bleiben. Sie war bereits im Februar 2019 in Bethel, vor allen bisher bekannten Fällen. Seine Tochter veränderte sich stark nach der Zeit im Krankenhaus, ekelte sich vor sich selbst, beendete ihre Beziehung.

Manfred S.

"Das zwar richtig schlimm, weil sie hatte sich so gefühlt, als wäre sie in einem Trauma, in einer richtigen Depression. Sie fragte: Wovon und wieso denn? Sie konnte sich das nicht erklären."

Manfred S. beobachtet beim Klinikaufenthalt seiner Tochter, dass sie kaum ansprechbar ist, erbricht, Nierenschmerzen und Schüttelfrost hat. All das erst, nachdem sie eingeliefert wurde. Nebenwirkungen des Betäubungsmittels Propofol, wie er heute vermutet. Er wendet sich verzweifelt an den Chefarzt der Neurologie, der dann gesagt haben soll.

Manfred S.

"Das ist schon alles korrekt, sie ist in guten Händen. Ich sagte ja, aber Herr Doktor, das kann doch nicht wahr sein. Dass sie jeden Morgen aufwacht, sich an gar nichts mehr erinnert und irgendwie kommt der Arzt immer mit der Infusion. Wofür? Weswegen? Nee, nee, ist alles okay. Das ist alles medizinisch angeordnet."

Heute weiß der Vater von den Behörden, dass seine Tochter mehrfach narkotisiert, vergewaltigt und gefilmt wurde. Er glaubt: Hätte der Chefarzt der Neurologie damals gehandelt, wären womöglich viele weitere Vergewaltigungen verhindert worden.

Wenig später gab es nach Kontraste Informationen ähnlich lautende Hinweise, direkt von Patientinnen. Die Klinik teilte aber auf Anfrage mit, dass sie erstmals im September 2019 über den Verdacht einer falschen Medikamentengabe informiert wurde.

Zu dieser Zeit kursierten Gerüchte in der Pflegschaft über unangeordnete Infusionen durch den Assistenzarzt. Zur angeblichen Reaktion des Chefarztes schreibt uns eine Mitarbeiterin: "Auf dem Flurfunk hörte ich, dass der Chefarzt der Neurologie dem Personal gesagt habe: Wir müssen die Klinik und den jungen Neurologen schützen, dem nicht die Zukunft verbauen, weil der übernimmt auch so viele Nachtdienste und entlastet uns."

Gegenüber der Neuen Westfälischen gab der Neurologie-Klinikchef an, Phillip G. habe ihn und alle Kollegen getäuscht und ihr Vertrauen missbraucht.

Zu den neuen Vorwürfen möchten sich Chefarzt und Klinik Kontraste gegenüber nicht äußern. Das Krankenhaus teilt aber mit, dass "der Wille zur Aufarbeitung und zur Hilfe für die Opfer" allumfassend weiter gelte.

Stefanie Höke, Opfer-Anwältin

"Die neuen Erkenntnisse belegen, dass der Chefarzt informiert war, dass das Klinikpersonal informiert war, dass die Ärzteschaft informiert war. Dementsprechend gehen wir so weit, dass wir sagen sie haben ganz klar hier den Assistenzarzt gedeckt, so dass hier das Strafverfahren in einer Anklage mindestens enden muss."

Kurz vor dieser Sendung meldet sich eine weitere Frau. Sie erzählt uns, dass sie gerade von der Polizei über die Vergewaltigung und die Geschlechtskrankheiten des Täters informiert wurde. Sie ging sofort zum Frauenarzt. Dort die niederschmetternde Diagnose: Sie ist infiziert. Die Krankheiten können Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten auslösen. Zusammen mit ihrer Anwältin Stefanie Höke hat die Frau heute Strafanzeige gegen die Verantwortlichen der Staatsanwaltschaft Bielefeld gestellt. Insbesondere wegen fahrlässiger Körperverletzung.

Denn: Die Verantwortlichen wussten seit über einem Jahr von den Geschlechtskrankheiten des Täters und hatten die Frau nicht informiert.

Beitrag von Simone Brannahl

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