A military instructor teaches civilians holding wooden replicas of Kalashnikov rifles, as they take part in a training session at an abandoned factory in the Ukrainian capital of Kyiv on February 6, 2022. Bild: SERGEI SUPINSKY/AFP
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Ukraine-Krise - Zwischen Blutbad und Truppenabzug

Putins Truppen könnten jederzeit losschlagen – oder sich doch zurückziehen. Mit diesem Machtspiel zwingt der russische Präsident die ukrainische Bevölkerung seit Wochen in eine Habacht-Stellung. Und während der Westen seine Bürger auffordert, das Land zu verlassen, müssen die Ukrainer sich im Ernstfall selbst verteidigen. Mit Holz- und Plastikgewehren bereiten sich Banker, Models und Hausfrauen auf den nächsten Krieg vor. Der Ex-Boxweltmeister und Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko trainiert regelmäßig an echten Waffen. Im Kontraste-Interview befürchtet Klitschko ein Blutbad und fordert mehr politischen Druck von Deutschland gegenüber Putin. Kontraste-Reporter waren in der Ukraine unterwegs. Eine Reportage aus einem Land, das sich seit Jahren im Krieg befindet.

Anmoderation: In diesem eiskalten Krieg an den Außengrenzen der Ukraine: An Putins Truppen-Rückzug - glaubt inzwischen niemand mehr wirklich. Er pokert und die Welt hält den Atem an. Wir waren vor Ort in der Ukraine und zeigen das, worum es eigentlich gehen sollte: Die Angst der Bevölkerung vor dem was da kommt. Daniel Donath, Markus Pohl und Jan-Henrik Wiebe.

Russische Raketenwerfer vor wenigen Tagen im Manöver in Belarus, in direkter Nachbarschaft zur Ukraine. An den Grenzen des Landes findet der größte militärische Aufmarsch in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges statt. Rund 150.000 Soldaten habe Russland mobilisiert, glauben Analysten nach Auswertung von Satellitenbildern

Der Militär-Experte Gustav Gressel sagt heute im Interview mit Kontraste: Vom jüngst versprochenen Rückzug eines Teils der Truppen sei bislang nichts zu sehen - ganz im Gegenteil.

Gustav Gressel

„Im Gegensatz zu den Ankündigungen, dass Truppen abziehen, sehen wir eigentlich ein weiteres Einfließen von Kräften, vor allen Dingen in dem Raum Kursk, da hat es am letzten Abend noch einige Entladungen von militärischen Konvois gegeben. Aber es sind starke Verschiebungen in den russischen Kräften, und manche verlegen näher an die ukrainische Grenze heran. Vor allen Dingen der Raum nördlich von Charkiw ist hier zurzeit ziemlich betroffen.“

Charkiw, im Osten der Ukraine, wir sind hier am vergangenen Sonntag. Die Millionenmetropole liegt rund 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, im Kriegsfall wäre die Gefahr hier besonders groß. In einem Selbstverteidigungskurs trainieren hier Frauen den Umgang mit der Kalaschnikow. Unter ihnen: die 57-jährige Wirtschaftsingenieurin Elena Chachonina.

Elena Chachonina

„Bis 2014 war ich noch Pazifistin und froh, dass wir zu keinem Block gehören. Die Ukraine ist ein neutrales Land. Aber als Russland uns die Krim und den Donbass mit Gewalt genommen hat, hat sich unsere Einstellung geändert.“

Beim Gedanken an einen drohenden Krieg verliert sie die Fassung.

Elena Chachonina

„Wir wollen dass hier Frieden herrscht. Ich will nicht von hier weggehen. Ich will, dass meine Kinder und Enkel hier weiter leben können. Ich will nicht unter den Ruinen meines eigenen Hauses sterben. Daher, wenn uns die europäischen Staaten, Deutschland helfen könnt, dann helft uns, solange es nicht zu spät ist. Wenn hier Häuser zerstört sein werden und Zivilisten sterben, dann ist es zu spät, dann klebt das Blut der Zivilbevölkerung auch an euren Händen.“

Die Verteidigungsbereitschaft der Ukrainer ist hoch – viele Zivilisten und Reservisten melden sich derzeit freiwillig zu Militärübungen. Hier schreibt sich Wladimir Klitschko für den Dienst an der Waffe ein. Vor einer Woche treffen wir seinen Bruder, Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko. Er macht sich große Sorgen:

Kontraste

"Was wird denn passieren, wenn Russland jetzt die Ukraine angreift, die Truppen sind 200 Kilometer von hier?"

Vitali Klitschko

„Ehrlich gesagt, ich möchte nicht darüber nachdenken, es wird ein Albtraum, Albtraum für unser Land, für unsere Stadt, für ganz Europa werden, weil das betrifft die ganze Region … Das kann blutig sein, das kann richtig ein Drama in der Ukraine, ein riesiges Drama werden, und davor habe ich Angst.“

Auch Klitschko hat mittlerweile angekündigt, im Kriegsfall selbst zur Waffe zu greifen. Am Tag darauf. Freitag, 11. Februar. Das Weiße Haus warnt öffentlich vor einem kurz bevorstehenden Angriff Russlands.

Jake Sullivan, Nationaler Sicherheitsberater der USA

„Eine Invasion könnte jetzt jederzeit beginnen, sollte Wladimir Putin den Befehl dazu geben.“

Sogar einen konkreten möglichen Angriffstermin streuen die US-Geheimdienste: den Mittwoch dieser Woche. Sonntag in Berlin: Je mehr sich die Lage zuspitzt, desto deutlicher werden die Botschaften. Der frisch wiedergewählte Bundespräsident richtet sich direkt an Putin:

Frank- Walter Steinmeier; Bundespräsident

„Ich kann Präsident Putin nur warnen: Unterschätzen sie nicht die Stärke der Demokratie! Lösen sie die Schlinge um den Hals der Ukraine!”

Doch längst ist die Ukrainekrise eine Belastungsprobe für die Bundesregierung um Kanzler Scholz. Für die Weigerung, das Land mit Waffen zu unterstützen, weil es sich um ein Krisengebiet handelt, hat sie viel Kritik einstecken müssen.

Verteidigungsministerin Lamprecht blamiert sich, als sie die angekündigte Lieferung von 5.000 Helmen ein „starkes Signal“ nennt – während die Verbündeten Deutschlands längst tonnenweise Munition und Waffen in die Ukraine schicken. Darunter die Panzerabwehrrakete Javelin, die im Kriegsfall russischen Panzern gefährlich werden könnte.

Gustav Gressel

„Die Waffenlieferungen, die die Ukraine jetzt bekommen hat, die würden sozusagen die Grund-Balance, dass die ukrainische Armee unterlegen ist, jetzt nicht ändern. Sie würden aber die Verluste und die Kosten für einen russischen Sieg nach oben schrauben. Das macht es schwieriger für Putin abzuschätzen, mit wie viel Verlusten komme ich davon? Und das sozusagen ist eine Stellschraube, wo er unter Umständen sagen wird, das ist mir jetzt aus innenpolitischen Gründen, das ist mir aus Prestigegründen jetzt zu riskant.“

Deutschlands kategorische Weigerung, Waffen in die Ukraine zu liefern, sorgt dort bei vielen für Unverständnis. In Kiew treffen wir den proeuropäischen Politiker Oleksij Hontscharenko, Mitglied in der parlamentarischen Versammlung des Europarats.

Oleksij Hontscharenko

„Es ist komisch, vor allem, wenn wir hören, dass Deutschland nie in Kriegsgebiete Waffen liefere, aber gleichzeitig Waffen für viel Geld in den Nahen Osten liefert. Dann fragt man sich: Stimmt das wirklich, hat Deutschland solche Prinzipien - oder ist es einfach eine bestimmte Haltung gegenüber der Ukraine, um bloß nicht Putin zu reizen?”

Befeuert wird dieses Misstrauen durch das deutsch-russische Prestigeprojekt Nord-Stream 2. Zur Zukunft der Ostsee-Pipeline vermeidet der Bundeskanzler jede Festlegung. Selbst in Washington, als US-Präsident Biden neben ihm das Aus für die Pipeline im Fall eines russischen Angriffes verkündet: von Scholz kein klares Wort dazu, nur die allgemeine Ankündigung:

Olaf Scholz (SPD), Bundeskanzler

„Dann wird es harte, gemeinsam vereinbarte und weitreichende Sanktionen geben, es wird sehr, sehr hohe Kosten für Russland haben, einen solchen Schritt zu tun“

Was dem Kreml aber konkret drohen könnte – das lässt die Bundesregierung offen. Denkbar wäre einiges, der Ökonom und Russland-Experte Alexander Libman aber gibt zu bedenken: Wirtschaftlicher Druck wirke in beide Richtungen.

Alexander Libman, Osteuropa-Experte, Freie Universität Berlin

„Bei allen Sanktionen, die wirklich erfolgsversprechend sind, wenn sie Erfolg als Schaden für die russische Wirtschaft definieren, bei all diesen Sanktionen gäbe es einen ziemlich hohen Preis für die deutsche Wirtschaft. Das ist aber die Natur der Sanktionen. Sanktionen sind nur dann wirksam, wenn sie so eingeführt werden, dass sie wirtschaftliche Beziehungen beeinflussen, die für beide Seiten bedeutend sind.“

Zurück in Charkiw: Am Sonntag, als westliche Regierungen ihre Bürger schon zur umgehenden Ausreise aufgefordert haben, ist Charkiws Bürgermeister Igor Terechow darum bemüht, Gelassenheit auszustrahlen.

Igor Terechow, Bürgermeister Charkiw

„Ich bin mir sicher, dass es keinen Krieg geben wird. Charkiw war ukrainisch und wird ukrainisch bleiben. Charkiw war friedlich und wird auch eine friedliche und kreative Stadt bleiben.“

Terechow nimmt uns mit auf einen Spaziergang durch die 1,5 Millionen Einwohner zählende Stadt. Die Nachrichten von einem drohenden Einmarsch haben schon jetzt Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Igor Terechow, Bürgermeister Charkiw

„Die Menschen sind nervös, die Wirtschaft wird destabilisiert, die Preise steigen. Die Menschen sind angespannt, manche wollen weg, andere trauen sich nicht aus dem Haus. Unsere Aufgabe ist es heute, die Menschen zu beruhigen, damit die Wirtschaft stabil bleibt.“

Selfies mit seinen Fans. Der Bürgermeister ist stolz auf seine wirtschaftlich aufstrebende Stadt. Doch eine ökonomisch erfolgreiche Ukraine wäre für Russlands Präsident Putin eine Gefahr – das meint die Osteuropaexpertin Gwendolyn Sasse:

Gwendolyn Sasse

„Wenn sich diese Perspektive realisieren ließe, dass nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich die Ukraine ein Erfolgsmodell ist, das sich stark von Russland unterscheidet, dann bestätigt das genau, warum Russland vor der Ukraine und diesem Weg Angst haben muss. Denn das ist genau das politische und wirtschaftliche Modell, was man in Russland unter Präsident Putin nicht zulassen will.“

Der Ukraine wirtschaftlich zu schaden - das gelingt Putin seit Jahren. Laut einer Studie im Auftrag der ukrainischen Regierung hat das Land seit der Annexion der Krim und mit dem Krieg im Donbass massiv an Wirtschaftsleistung verloren: Insgesamt entging dem Land eine Wachstumsleistung von 280 Milliarden Dollar.

Vergangener Montag: Während Bundeskanzler Scholz nach Kiew reist, eine überraschende Wendung im Kreml: ein öffentlich inszeniertes Gespräch von Putin mit seinem Außenminister Lawrow:

„Sehen Sie eine Chance, dass wir uns bei den wichtigsten Sorgen mit unseren Partnern einigen könnten?“, fragt Putin. Und Lawrow antwortet: „Eine Chance gibt es immer.“

Es ist ein erstes Signal der Entspannung. Am Dienstag ist der Bundeskanzler zu Gast in Moskau, wo Putin kurz zuvor einen Teil-Rückzug seiner Streitkräfte in Aussicht gestellt hat.

Olaf Scholz (SPD), Bundeskanzler

„Das wir jetzt hören, dass einzelne Truppen abgezogen werden, ist jedenfalls ein gutes Zeichen, wir hoffen, dass da noch welche folgen.“

Bislang aber folgen den Worten keine Taten.

Heute Morgen dann diese Bilder aus dem Osten der Ukraine. Ein Artilleriegeschoss trifft einen Kindergarten, mutmaßlich abgefeuert aus den Gebieten der von Russland unterstützen Separatisten. Zwei Personen werden leicht verletzt. Es sind Bilder aus einem kaum beachteten Krieg, der nun acht Jahre andauert und mehr als 14.000 Tote zählt.

Beitrag von Daniel Donath, Markus Pohl und Jan-Henrik Wiebe

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