Bewaffnete Sicherheitskräfte im Irak. Foto: Kontraste
Kontraste
Bild: Kontraste

- Rechtes Netzwerk? Umstrittene deutsche Sicherheitsfirma

Eine private Sicherheitsfirma aus Deutschland wirbt hochspezialisierte Männer aus Polizei und Bundeswehr für den Personenschutz im Irak an. Kontraste-Recherchen zeigen: unter ihnen sind auch Männer, die aktuell noch im Dienst von Polizei und Bundeswehr stehen. Einem aktiven Polizeibeamten wird nun vorgeworfen, er habe sich bestechen lassen und Daten aus Polizeisystemen weitergegeben. Gegen einen Soldaten aus dem Umfeld der Firma wird ermittelt wegen Terrorverdachts. Womit haben wir es hier zu tun? Und welche Rolle spielt die rechtsradikale Gesinnung eines Geschäftsführers der Firma?

Anmoderation: Was ist da wieder los bei unseren Sicherheitskräften: In NRW erst gestern Razzia gegen 29 Polizisten, die im Chat Hitlerbilder und rechtsextremes Zeug austauschten und am Montag gab's im Raum Neubrandenburg ebenfalls eine Großrazzia: Ein Bundeswehrsoldat dort steht unter rechtem Terror-Verdacht. Und der ist ein alter Bekannter von uns. Wir recherchieren ihm und einigen anderen Soldaten schon seit Monaten hinterher. Gemeinsam mit unseren Kollegen vom Spiegel. Georg Heil und Lisa Wandt.

Ein Hinterhof im Zentrum der irakischen Hauptstadt Bagdad. Schwer gepanzerte Geländewagen und ein provisorisches Fitnessstudio für die Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsfirma. 

Die Dekoration im Inneren zeigt die enge Verbundenheit mit der Zeit der Wehrmacht: Über der Tür steht „Klagt nicht, kämpft“, eine Parole aus der NS-Zeit. Alles in Frakturschrift: auch die so genannte Operationszentrale mit Reichsadler. An der Wand im Aufenthaltsraum: die Reichskriegsflagge.

Das Video ist nur eines von vielen Dokumenten, die Kontraste und dem Spiegel zugespielt wurden. Sie zeigen das Innenleben der privaten, deutschen Sicherheitsfirma Asgaard. Diese wirbt hoch spezialisierte Sicherheitskräfte an, auch aus Polizei und Bundeswehr. Als Personenschützer sind sie dann vor allem im Irak tätig.

An der Spitze steht der Ex-Bundeswehrsoldat und Fallschirmjäger Dirk G.

Auf diesem Foto zeigt G. auf das eiserne Kreuz einer Wehrmachtsstatue. Auf einem weiteren Bild, das die Statue von Nahem zeigen soll, ist deutlich ein Hakenkreuz zu erkennen. Zeigt er auf dieses Hakenkreuz?

Bilaal Zaher, der Dirk G. kennt, behauptet, genau diese Hakenkreuz-Statue bei ihm gesehen zu haben. Zaher hat bis Anfang des Jahres für Asgaard gearbeitet, noch heute ist er Geschäftspartner der Firma im Irak. Nun will er nichts mehr mit G. zu tun haben. 

Bilaal Zaher, ehem. Mitarbeiter Asgaard

„Wenn man Mitarbeiter als Quotenneger bezeichnet oder den Compound als Wolfsschanze zu betiteln, das sind ja alles Begrifflichkeiten. Wenn sie dann auf Stube auch noch eine alte SS-Figur zu stehen haben mit einem Hakenkreuz. Das sind ja alles Dinge, die schon darauf hindeuten, dass jemand da ideologisch tief verankert ist.“

Will Zaher seinen Geschäftspartner verleumden?

Auf Anfrage teilt G. jedenfalls mit: „Zu keiner Zeit haben Mitarbeiter meiner Firma sich in meiner Gegenwart wohlwollend über Symbole des NS-Unrechtsstaates geäußert. Auch ich selbst habe dies nie getan.“

Doch wir stoßen auf den Fotografen Daniel Etter, der Ähnliches über Dirk G. zu erzählen hat. Im journalistischen Auftrag fotografierte er ihn und seine Männer 2014 in Erbil im Irak. Über zwei Wochen begleitete er die Truppe bei dem Versuch, im Irak Fuß zu fassen.

Daniel Etter, Fotograf

„Der war sehr stolz auf seine deutschen Wurzeln. Das Thema deutsches Blut wirklich, deutsche Vergangenheit, das kam immer wieder in verschiedenen Formen auf. Auf der einen Seite waren das im direkten Umgang umgängliche, nette Menschen. Aber es kam dann halt immer wieder wirklich zutiefst rassistische Äußerungen, wo ich dachte: Oh Gott, wo bin ich hier gelandet?“

Mit Sturmgewehr, deutscher Flagge und Kampfanzug sind die Asgaard-Mitarbeiter hier im Irak im Einsatz zu sehen. Als Personen- und Objektschützer bewachen sie ausländische Diplomaten „einer arabischen Großmacht”, wie G. uns mitteilt.

Der Stützpunkt befindet sich zur Zeit der Aufnahme im Jahr 2017 inmitten der sogenannten Grünen Zone. In der Nähe der Vereinten Nationen und von Regierungsgebäuden. Ein lukratives, legales Geschäft.

Die Linke Innenpolitikerin Martina Renner findet Asgaards militärisches Auftreten im Ausland dennoch hochproblematisch.

Martina Renner (Die Linke), Bundestagsabgeordnete

„Wenn Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma wie Asgaard in Bagdad auf der Straße mit einem deutschen Hoheitszeichen unterwegs sind, dann halte ich das für sehr fragwürdig, weil das muss den Anschein erwecken, dass Sie dort in offizieller Mission sind.“

In Deutschland hat Asgaard seinen Sitz in diesem Flachbau im nordrhein-westfälischen Hamm. Die Firma und ihr Umfeld wecken aktuell das Interesse mehrerer deutscher Sicherheitsbehörden. 

Mitte Juli fand hier ein Treffen statt, wie dieses uns zugespielte Überwachungsvideo zeigt. Mit dabei auch ein aktiver Polizist aus Hessen, neben mehreren ehemaligen und auch aktiven Soldaten. Nach Kontraste-Recherchen war der Polizist schon seit einiger Zeit für Dirk G.s Firma tätig.

Auf der Asgaard-Homepage wurde noch bis vor kurzem mit einem Foto des Polizisten geworben. Hier ist er in Bagdad zu sehen, mit einer Asgaard-Uniform.

Bilaal Zaher, ehem. Mitarbeiter von Asgaard

„Er wurde durch Herrn G. mehrmals eingesetzt, als Kommando-Führer im Einsatz.“

Hessischen Polizei-Beamten ist es im Allgemeinen nicht erlaubt, einer bewaffneten Nebentätigkeit im Ausland nachzugehen.

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Frankfurt gegen den Polizisten. Es geht um den Verdacht der Bestechlichkeit sowie der Verletzung des Dienstgeheimnisses. Der Beamte soll: 

Staatsanwaltschaft Frankfurt: „einer nicht angemeldeten und somit auch nicht genehmigten Nebentätigkeit für eine (mutmaßlich rechtsextremistisch beeinflusste) private Sicherheitsfirma aus Nordrhein-Westfalen, unter anderem auch im Ausland, nachgegangen sein”. 

Außerdem besteht der Verdacht, dass er:

Staatsanwaltschaft Frankfurt: „unrechtmäßige Abfragen aus polizeilichen Datenbanken durchgeführt hat, um sich mit den daraus gewonnenen Informationen im Rahmen seiner nicht genehmigten Nebentätigkeit persönlich zu bereichern”.

Am 20. August wurden nach Kontraste-Recherchen mehrere Durchsuchungsbeschlüsse vollstreckt. Am Arbeitsplatz des Beschuldigten und am Sitz der Sicherheitsfirma.

Inzwischen ist dem Polizisten die Ausübung seiner Dienstgeschäfte untersagt worden. Anhaltspunkte für eine rechtsextreme Motivation gebe es laut Staatsanwaltschaft bisher nicht.

Über seinen Anwalt lässt uns der Polizist mitteilen, dass er sich zu unseren Fragen nicht äußern werde.

Es gibt einen weiteren Teilnehmer des Treffens in der Asgaard-Zentrale, gegen den aktuell ein Ermittlungsverfahren läuft: Diesen 40-jährigen Bundeswehr-Soldaten aus Mecklenburg-Vorpommern.

Anfang der Woche fand bei Neubrandenburg eine großangelegte Razzia statt. Rund 70 Beamte durchsuchten die Wohn- und Büroräume des Soldaten. Der Verdacht: Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Harald Nowack, Staatsanwaltschaft Rostock

„Er hat mehrere Funktionäre eines Geheimdienstes damit bedroht, dass er ihnen das Leben nehmen würde. Diese Drohungen wurden ernst genommen aufgrund der besonderen Umstände der Tat insgesamt oder des Beschuldigten selber auch.“

Es handelt sich um diesen Soldaten, der nach Kontraste-Recherchen Mitarbeiter des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) mit dem Tod bedroht haben soll. In seiner Freizeit betreibt er Kampfsport, war schonmal Kickboxweltmeister.

Exklusiv erfahren wir, dass der Soldat seit 2018 wegen Rechtsextremismus-Verdachts im Fokus des MAD stand, der ihn aktuell als „nicht verfassungstreu“ einstuft. 

Eine Anfrage von Kontraste ließ der Soldat unbeantwortet.

Eine Sicherheitsfirma, mit einem rechtsradikalen Geschäftsführer, der gute Kontakte zu Polizisten und Soldaten pflegt. Und nach Kontraste-Informationen auch in deutsche Sicherheitsbehörden hinein. Handelt es sich um ein weiteres gefährliches Netzwerk?

Bilaal Zaher befürchtet das. Dirk G. habe immer wieder von einem Tag X gesprochen, an dem man ihm unliebsame Politiker erschießen werde. Allen voran die Abgeordnete Martina Renner.

Bilaal Zaher, ehem. Mitarbeiter von Asgaard

„Herr G. hat sich in einem Gespräch, an das ich mich erinnern kann, dazu geäußert, dass Frau Renner eliminiert werden müsste. Wenn es zu einem Umsturz der Regierung kommt, dann wäre sie, wäre sie sozusagen erste Wahl.“

Diese Aussage versichert er uns eidesstattlich.

Eine schwere Anschuldigung, die auch ein weiterer ehemaliger Asgaard-Mitarbeiter erhebt. Er will nicht erkannt werden, hat Angst um sein Leben.

Informant

„Ich halte Dirk G. für unberechenbar und gefährlich. Er hat mehrmals von einem Tag X gesprochen, an dem es auch Frau Renner treffen werde.“

Wir spielen Frau Renner diese Aussagen vor.

Kontraste

„Was denken Sie, wenn Sie das hören?“

Martina Renner (Die Linke), Bundestagsabgeordnete

„Ja, also das lässt einen schon nicht kalt…“

Dirk G. erklärt dazu, Frau Renner genieße selbstverständlich seine Achtung. Er verweist auf geschäftliche Zerwürfnisse mit Herrn Zaher. Und betont:

„Ich habe zu keiner Zeit zu kriminellen Handlungen gegen Dritte, auch nicht soweit sie Mitglieder von Regierungen sind, aufgerufen oder diese befürwortet.“

Martina Renner (Die Linke), Bundestagsabgeordnete

„Die sind professionell ausgebildet. Die können jederzeit über Waffen verfügen, die sind auch soweit abgeklärt und ich würde auch sagen abgehärtet, dass für sie irgendwie das Gewalttätige, vielleicht auch tödliche Vorgehen gegen Menschen vorstellbar ist.“

Beitrag von Georg Heil und Lisa Wandt

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