Demonstranten in Berlin. Foto: REUTERS/Axel Schmidt
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- Wenn die Corona-Angst das Leben bestimmt

Die Angst vor Corona hat viele Gesichter: während die einen sich aus Sorge um ihre Gesundheit seit Monaten kaum mehr aus der Wohnung trauen, werden andere krank, weil sie fürchten, andere anstecken zu können. Wieder andere werden aus Angst gleich zu Pandemie-Leugnern, um sich nicht mit den Gefahren durch das Virus auseinandersetzen zu müssen. Kontraste hat Menschen in ganz Deutschland getroffen – und gesehen wie unterschiedlich sie mit der Angst vor dem Virus umgehen.

Anmoderation: Lieber tot als ein Leben in Angst, hat diese Anti-Corona-Demonstrantin sich aufs Plakat geschrieben. Auch wenn viele der Logik nicht folgen: Dass sie mit Angst vor Ansteckung leben, geben 40 bis 50 Prozent hierzulande an - seit Monaten unverändert viele - egal wie hoch die Infektionszahlen sind. Nur gehen wir eben ganz unterschiedlich mit dieser Angst um: Die einen lähmt sie, die anderen treibt sie an. Und wieder andere verleugnen ihre Angst und die Gefahr gleich ganz. Daniel Donath und Silvio Duwe.

Wir sind die ersten Gäste, für die Petra Grosche wieder ihre Tür öffnet. Seit einem halben Jahr verlässt sie kaum noch das Haus – aus Angst vor Corona. Grosche ist 54 Jahre alt, hat bereits zwei Herzinfarkte überlebt und hat Diabetes. Sie gehört zur Risikogruppe. Mit Maske und genügend Abstand dürfen wir sie filmen.

Der Selbstschutz führt zur völligen Isolation. Ihre Freunde und Verwandten hat sie im Februar zum letzten Mal gesehen.

Petra Grosche

„Wie häufig gehe ich raus? Zwei Mal im Monat vielleicht, wenn überhaupt.

Alles wie Friseur, Einkäufe und so weiter ist halt gestrichen. Das sind alles Sachen, die müssen warten, bis es vorbei ist.“

Ihr Partner ist ihr einziger sozialer Kontakt. Er schränkt sich ein, verlässt die 35 Quadratmeter Wohnung nur für kleine Einkäufe oder zum Joggen – alles aus Rücksicht seiner Frau gegenüber. Das gesamte Leben der Beiden dreht sich um Krisenvorsorge. Der Keller ist mit Vorräten gut gefüllt.

Peter Hartmann

„Wir können jederzeit für zwei Wochen sagen: wir leben von unseren Beständen und müssen nicht rausgehen. Damit ist kein Kontakt vorhanden und wir sind geschützt.“

Nachdem kurzen Besuch in der Wohnung, führen wir das Interview dann ohne Maske draußen.

Petra Grosche

„Ich gehe davon aus, dass ich Corona nicht überleben würde, und von daher habe ich mich eben so weit es geht zurückgezogen. Einen anderen Weg gibt es für mich nicht.“

Doch wie viel Selbstschutz ist gesund und ab wann kann Angst zu einem gesundheitlichen Problem werden?

Wir treffen Simone E. Die Lehrerin meidet Menschen, auch sie hat ihre Kontakte auf das Nötigste reduziert. Ihre größte Sorge: krank zu werden und ihre Schüler anzustecken – zur Superspreaderin zu werden. Eine Angst, die mittlerweile ihren ganzen Alltag bestimmt.

Simone E.

„Ich bin regelrecht zusammengebrochen. Wenn ich esse und nicht essen kann, dann bleibt es auch nicht drinnen. Dann muss ich mich übergeben. Ich habe schon Angst vor dem Bett, weil ich schon weiß, ich schlafe wieder stundenlang nicht ein, wälze mich dann, drehe mich um meine eigene Achse und in der Regel ist es dann so: Wenn ich eingeschlafen bin, dann klingelt der Wecker.“

Sie fühlt sich ungeschützt und durch die mangelnden Hygienemaßnahmen an den Schulen Corona ausgeliefert. Simone E arbeitet auch an Berufsschulen, hat Kontakt mit bis zu 100 Personen pro Woche. Die Angst ist mittlerweile so groß, dass sie von ihrer Ärztin wegen Erschöpfung krankgeschrieben wurde. Noch in den Ferien macht sie sich Sorgen, denn die Klassen werden wieder so voll sein wie vor Corona. Für sie ein Albtraum.

Simone E.

„Und das verstärkt diese Angst, die immer schon da war. Man konnte sich noch irgendwie schützen und das geht in Baden-Württemberg ab nächster Woche nicht mehr.“

Laut der Psychologin Ulrike Lüken könnten durch Corona ausgelöste Angststörungen in Zukunft zunehmen.

Ulrike Lüken, Psychologin

„Psychische Störungen fallen nicht vom Himmel, Sie wachen nicht morgens auf mit einer Depression, sondern sie haben eine Inkubationszeit von mehreren Monaten, manchmal auch Jahren. Das heißt: den Anstieg an psychischen Störungen, die aus diesem erhöhtem Stresserleben kommen werden wir möglicherweise erst in der zweiten Jahreshälfte oder in 2021 erleben.“

42 Prozent der Deutschen geben aktuell an, Corona als eher beänstigend zu empfinden. Während manche sich zurückziehen, verleugnen andere die Gefahr des Virus.

Frau

„Es gibt den Virus definitiv halt, aber nicht in seiner Gefährlichkeit, die Grippe 2018 mit 25.300 Toten, das haben wir alle gar nicht mitgekriegt.“

Frau

„Auch das Coronavirus ist ein Virus das mutiert und damit kann unser Körper, mein Gott, wir haben ein Immunsystem, recht gut umgehen.“

Verharmlosen, relativieren, leugnen – Professor Borwin Bandelow ist Angstforscher und erklärt, dass das Leugnen der Pandemie für manche auch eine Strategie ist, mit ihrer Angst umzugehen.

Borwin Bandelow

„In der Krise schaltet der Mensch automatisch von Vernunft auf Angstgehirn um. Und dieses Angstgehirn, das lässt sich leicht beruhigen, in dem man ihm sagt: Es gibt kein Corona oder Corona ist gesteuert. Und diese vereinfachte Darstellung, das entlastet dieses Angstsystem. Und dabei wird natürlich die Logik und Vernunft ausgeschaltet.“

Welche Rolle spielt das Phänomen Angst bei den Demonstrationen gegen die Corona Maßnahmen? Wir fragen den Veranstalter der Querdenken Demos – IT-Unternehmer Michael Ballweg. Noch im März retweetete er einen Aufruf zuhause zu bleiben.

Im Kontraste Interview gibt der Mann, der der Bundesregierung vorwirft, unnötig Freiheiten einzuschränken, zu, sich im März freiwillig eingeschlossen zu haben.

Michael Ballweg

„Ich hatte sehr frühzeitig die Bilder aus China gesehen und gedacht: Hoffentlich kommt sie nicht nach Europa rüber. Die Bilder waren ja schon sehr beeindruckend. Und dann habe ich gesehen, dass es nach Italien ging und was wir gemacht haben: Ich habe mich mit meiner Familie letztendlich tatsächlich zwei Wochen eingeschlossen oder quarantänisiert.“

Freiwillige Quarantäne?

Ballweg sagt aber auch, dass die Angst vor Corona nicht der treibende Faktor für sein Engagement gewesen sei. Es sei die Angst vor dem Staat, der laut Ballweg gezielt Angst schürt, um die Bevölkerung beherrschen zu können.

Angebliche Verschwörungen, die Angstunternehmer wie Ken Jebsen auf ihren Kanälen im Netz verbreiten. Sie wandeln die Angst vor Corona in eine andere um – nämlich in die Angst vor einer vermeintlichen Corona-Diktatur, die die Grundrechte für immer massiv einschränken wolle.

Ken Jebsen

„Die Angst ist in unseren Köpfen und wird getriggert von außen“

Angstforscher Bandelow erklärt, dass Verschwörungsideologen wie Jebsen die Pandemie nutzen um aus Angst und Verunsicherung gezielt Kapital zu schlagen.

Borwin Bandelow

„Es ist klar, dass er mit den Ängsten der Menschen spielt. Er möchte möglichst viele Anhänger auf seine Seite bringen und sucht sich eben Leute aus, die sehr suggestive sind. Er versucht den charismatischen Anführer zu spielen und den Retter aus der Not.“

Ihr Beispiel zeigt, dass Angst auch Kräfte freisetzen kann. Isabell Schick setzte ihre Angst vor Corona in Tatendrang um. Weil viele Selbsthilfegruppen für Angstbetroffene in der Pandemie nicht mehr stattfinden konnten, hat sie innerhalb kürzester Zeit den Rettungsring ins Leben gerufen – eine Art moderierte, virtuelle Selbsthilfegruppe.

Bis zu fünf solcher Rettungsringe finden täglich statt. Einstige Betroffene moderieren mittlerweile ihre eigenen Selbsthilfegruppen.

Isabell Schick

„Angst setzt unglaublich viel Energie frei. Und diese Energie kann man dann nutzen, etwas zu machen. Und so habe ich dann auch gedacht Okay, ich muss jetzt schaffen, die Angst zu kanalisieren. Jedes Mal, wenn ich einen Ring moderiere und über die Ängste spreche der Teilnehmer. Ich helfe mir selber auch, weil ich weiß, ich bin mit meiner Angst nicht alleine und das gibt Mut.

Beitrag von Daniel Donath und Silvio Duwe

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