Hitlerglocke - Alles wie gehabt in Herxheim?

Die Hitlerglocke in Herxheim hat über Deutschlands Grenzen hinaus für Aufsehen gesorgt. Nachdem der damalige Bürgermeister in Kontraste verkündete, er sei Stolz auf diese Glocke, musste er abtreten. Die Gemeinde versprach, einen Beschluss zu fassen, was mit der Glocke geschehen soll. Das war vor vier Monaten. Und wie sieht es heute in Herxheim aus? Wir haben nachgefragt.

Anmoderation: Natürlich machen wir weiter -  Die Geschichte mit der Hitlerglocke zum Beispiel hat uns einfach nicht losgelassen. In Herxheim am Berg hängt seit 83 Jahren eine Kirchenglocke, auf der Hakenkreuz und Führerspruch prangen. Wir wollten im vergangenen Sommer wissen, wie die Gemeinde damit umgeht und bekamen eine erstaunliche Antwort:

Ronald Becker
"Wir sind stolz eine Glocke mit solcher Inschrift zu haben. Diese Glocke jetzt als Hitler-Glocke zu bezeichnen, das ist immer so negativ."

Anmoderation 2: Wenige Tage später ist der Bürgermeister wegen seiner Äußerungen zurückgetreten. Viele forderten, die Glocke abzuhängen. Das tat die Gemeinde nicht, stellte den Glockenton aber zumindest ab. Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Das erlebten Diana Kulozik und Lisa Wandt, als sie jetzt nochmal dort waren.
 

Georg Welker

"Ich schwöre Treue dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland …"

Wir sind bei der Vereidigung des neuen Bürgermeisters von Herxheim am Berg. Georg Welker, 71 Jahre, pensionierter Pfarrer. Seit Montag dieser Woche gibt es einen Neuanfang, könnte man meinen.

Doch gewonnen hat die Wahl mit Georg Welker ausgerechnet einer, der dafür ist, die Hitler-Glocke im Kirchturm hängen zu lassen.

Georg Welker, Bürgermeister Herxheim am Berg

"Ich denke, dass die Glocke hängen bleiben kann, weil wir drohen zu verlieren die Erinnerung an diese Zeit, die, so habe ich es zumindest mal gelernt, vor allem auch visualisiert, also sichtbar irgendwo sein muss."

Dass die Glocke hängen bleiben kann, hat Georg Welker kurz vor der entscheidenden Wahl öffentlich betont. Danach haben sich die Herxheimer für ihn entschieden.

Kontraste

"Und Sie sind froh, dass der neue Bürgermeister gesagt hat, die kann hängen bleiben?"

Bürger/-innen

"Ja natürlich, deswegen haben wir ihn ja gewählt."

"Der will das, was wir alle wollen. Wir wollen, dass es Ruhe gibt und dass unsere Glocke da hängen bleibt, wo sie hängt."

"Die Glocke haben wir bezahlt und die gehört der Gemeinde."

Viele Herxheimer wollen ihre Glocke offenbar um keinen Preis hergeben. Inzwischen hat sogar die Evangelische Landeskirche der Gemeinde das Abhängen der Glocke nahe gelegt. Und dafür bereits im Oktober ein Angebot gemacht.

Michael Gärtner, Oberkirchenrat ev. Landeskirche Pfalz

"Der Kirchengemeinde ist angeboten worden, alle Kosten zu übernehmen, für das Herausnehmen dieser Glocke, für den Transport an einen Ort, an dem sie ausgestellt werden kann, für das Gießen einer neuen Glocke und für alle Kosten, die damit zusammenhängen, diese Glocke wieder im Glockenstuhl zu installieren und funktionsfähig zu gestalten."

Dennoch: Bis heute hat der Gemeinderat nichts zur Zukunft der Glocke entschieden. Es soll wohl genug Gras über die ganze Debatte wachsen. So hoffen die Herxheimer vielleicht, ihre Hitler-Glocke behalten zu können. Unsere Nachfragen stören da nur.

Bürger/-innen

"Von wo kommt ihr genau?"

Kontraste

"Von der ARD, wir kommen vom Rundfunk Berlin-Brandenburg."

Bürger/-innen

"Naja, dann habt ihr was mit den Juden zu tun, nicht?"

Kontraste

"Mit den Juden?"

Bürger/-innen

"Ja."

"Wir wollen, dass sie bleibt, die hat keinen gestört über 80 Jahre hat keinen Menschen gestört und jetzt kommt ihr alle hier die Glocke muss weg. Was soll der Quatsch?"

Kontraste

"Ich sage ja gar nicht, dass sie weg muss, sondern da sollte vielleicht mal eine Gedenktafel hin und dann …"

Bürger/-innen

"Nein auch nicht."

An der Kirche findet sich bis heute nicht mal ein kleiner Hinweis auf die Hitler-Glocke.

Das immerhin will Bürgermeister Georg Welker nun ändern. Er wünscht sich eine Mahntafel an der Kirche. Dafür würde er die Glocke nicht nur hängen, sondern auch wieder läuten lassen.

Georg Welker, Bürgermeister Herxheim am Berg

"Wenn ich diese Glocke höre, höre ich natürlich auch die Leute, die damals Böses bewirkt haben, aber ich sehe auch vor allem die Leute, die da drunter gelitten haben."

Danach konkretisiert der Bürgermeister seine Idee:

Georg Welker, Bürgermeister Herxheim am Berg

"Natürlich kann ich nicht sagen, ich setze mich dafür ein, dass diese Glocke für jüdische Opfer läutet, das ist nicht meine Aufgabe, dazu habe ich auch kein Recht dazu. Ich sage nur: Ich höre die Opfer, das waren auch deutsche Bürger, also nicht nur die jüdischen."

Alles für’s Vaterland – Adolf-Hitler. Die Herxheimer Glocke mit Hakenkreuz soll nun also für die Opfer des NS-Regimes läuten, auch für die jüdischen.

Abmoderation: Die Hitler-Glocke ... Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat dafür kein Verständnis. Er schreibt uns: Für ihn komme dieses Läuten einer Verhöhnung der NS-Opfer gleich.

Beitrag von Diana Kulozik und Lisa Wandt

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