FakeNews? - Wie die privaten Krankenversicherer gegen die Bürgerversicherung Front machen

Seit Monaten überziehen die privaten Krankenversicherer Deutschland mit einer Kampagne, in der sie vor der Einführung der Bürgerversicherung warnen. Dann würden Praxenschließungen drohen und Patienten müssten auf fortschrittliche Behandlungsmethoden verzichten, so die Privaten. Kontraste Recherchen zeigen: Eine Kampagne voller FakeNews, die aber zu wirken scheint.

Anmoderation: Die Bürgerversicherung, die die Zwei-Klassen-Medizin abschaffen soll, ist vorerst vom Tisch. Die SPD hat bei den Sondierungsverhandlungen nachgegeben. Das hat viele enttäuscht. Gegen die Bürgerversicherung kämpfen seit Monaten auch die privaten Krankenversicherer an. In einer aufwändigen Kampagne wird vor den angeblich negativen Folgen gewarnt. Doch als meine Kollegen Christoph Rosenthal und Caroline Walter diese Kampagne genauer unter die Lupe nahmen, stellten sie fest: Selten so viel Unsinn gehört!

"Bürgerversicherung – Nein Danke!":  Mitarbeiter der Privaten Krankenversicherer machen vor der SPD-Zentrale Druck auf die Politiker – die auf dem Weg zur großen Koalition sind.

In einer breit angelegten Kampagne warnt der PKV-Spitzenverband: "Vorsicht Einheitskasse" und fährt zahllose Lobbyisten auf:

"Die sogenannte Bürgerversicherung wäre schlecht für Deutschland."

"Es würde deutlich schlechter."

"Ich bin mir ziemlich sicher, dass das eine starke Rationierung der Versorgung bedeuten würde."

"Die Innovation im deutschen Gesundheitssystem würde vollkommen brach liegen."

Eine Werbekampagne im ganzen Land soll die Meinung beeinflussen. Nette Hebammen, Krankenpfleger und Ärzte verbreiten die Botschaft: ohne die Privaten Krankenversicherer wäre unser Gesundheitssystem am Ende.

Im Regierungsviertel groß plakatiert eine Hauptfigur der Kampagne: Der Hausarzt Martin.

Im Werbevideo der PKV stellt er seine Praxis auf der Nordseeinsel Spiekeroog vor. Er behauptet:

"Ich könnte ja ohne die Erlöse aus der privaten Krankenversicherung gar nicht überleben."

Inselarzt Martin ist Kronzeuge für das PKV-Schreckensszenario Nummer Eins:

"Tausende Praxen müssten schließen" – wenn die Bürgerversicherung kommt.

Wir wollen diese Aussage überprüfen und machen uns auf den Weg nach Spiekeroog, um den Inselarzt kennenzulernen.

Martin Schwarzwälder praktiziert gemeinsam mit seiner Frau, die auch Ärztin ist. Fast alle Insulaner sind Kassenpatienten. Nur in der Ferienzeit kommt so mancher Tourist, der privat versichert ist.

Müsste er seine Praxis schließen, wenn es keine Privatpatienten mehr gäbe?

Martin Schwarzwälder macht uns gegenüber ein überraschendes Geständnis:

Martin Schwarzwälder

"Das ich jetzt ja dann eben sagen. Ich verdiene auch mit der gesetzlichen Krankenversicherung genug Geld, auch ohne Private verdiene ich ordentlich Geld. Das ist überhaupt kein Problem."

Wir finden heraus: Damit die Versorgung auf der Insel gewährleistet ist, erhält seine Praxis eine Zulage von ca. 80.000 Euro jedes Jahr – und zwar von der Gesetzlichen Krankenversicherung. Weil es die einzige Praxis dort ist. Dazu kommen die Honorare für seine Behandlungen.

Und: Für jede Bereitschaftsstunde außerhalb der Sprechzeiten erhält er 40 Euro. Das macht oben drauf ca. 18.000 Euro jeden Monat – ebenfalls von den gesetzlichen Kassen.

Trotzdem behauptet Martin Schwarzwälder in der Kampagne der Privaten Krankenversicherer, er könne ohne Privatpatienten nicht überleben.

Kontraste

"Das ist ja nicht wenig Geld, das Sie von der Gesetzlichen kriegen. Warum wird das nicht gesagt in dem Video, warum sagen Sie das nicht im Video?"

Martin Schwarzwälder

"Das sind Details, die da einfach so nicht reingehören."

Kontraste

"Warum gehören die da nicht rein? Das ist ein Teil der Wahrheit?"

Martin Schwarzwälder

"Naja, die Zahlen, ich mein, ich kann auch Zahlen nennen, ist ja immer schwierig, gehört da so nicht hinzu."

Kontraste

" Das ist dann für mich eine Falschinformation?"

Martin Schwarzwälder

"Nö, würde ich so nicht sagen."

Kontraste

" Aber es ist irreführend?"

Martin Schwarzwälder

"Auch nicht."

Kontraste

" Sondern?"

Martin Schwarzwälder

"Na ja, es ist nicht ganz vollständig vielleicht."

Wir verlassen die Insel, deren Versorgung sichergestellt ist – und zwar dank der Gesetzlichen.

Wir konfrontieren den PKV-Verband damit – doch eine konkrete Antwort auf die unwahre Inselgeschichte erhalten wir nicht.

Auch in den Städten gibt es viele Praxen, die kaum Privatpatienten haben. Wie in diesem einkommensschwachen Viertel in Berlin-Neukölln. Hausarzt Michael Janßen gehört einem Verein von 600 Ärzten an, die sich für die Bürgerversicherung stark machen. Die PKV-Kampagne hält er für Angstmacherei.

Michael Janßen, Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte VDÄÄ

"Es wird kein Praxissterben geben. Das ist wirklich Unsinn. Die Mehrheit der Praxen in Deutschland lebt von Kassenpatienten und den Einnahmen über die Kassenleistungen. Das ist jetzt schon so. Und die Mehrheit ist nicht angewiesen auf private Einnahmen. Und das wird auch weiter so bleiben. Und der durchschnittliche Gewinn nach Abzug der Praxiskosten in Deutschland von einem Praxisarzt beträgt immerhin 160.000 Euro."

Das PKV Schreckensszenario Nummer 2:

"Die Einheitskasse bremst den medizinischen Fortschritt."

Innovationen kämen dann nur langsam ins Versichertensystem.

Michael Janßen dagegen sieht kritisch, dass bei vielen Privatpatienten neue Methoden sofort eingesetzt werden, nur damit die Ärzte sie abrechnen können.

Michael Janßen, Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte VDÄÄ

"Häufig sehen wir privatversicherte Patientinnen und Patienten, die überversorgt sind. Und Überversorgung, Überdiagnostik ist keine Lappalie, weil sie Patienten verunsichern kann, weil sie Folgeuntersuchungen, vielleicht Folgeeingriffe, Probeentnahmen beispielsweise, nach sich ziehen kann und damit auch gefährlich sein kann."

Um das bei Kassenpatienten zu vermeiden, gibt es das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Hier prüft man den Nutzen von neuen Arzneimitteln und Behandlungsmethoden. Es wird bewertet, wie gut sind die Belege und Studien, was bringt die Innovation dem Patienten wirklich.

Prof. Dr. Jürgen Windeler, IQWIG Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen

"Solange die Dinge noch nicht in der gesetzlichen Krankenversicherung sind, wird eben sehr viel versprochen von vielen Beteiligten, von den Herstellern und von anderen auch. Und die gesetzliche Krankenversicherung hat dann eben ein System um diese Versprechen zu überprüfen."

Dieses Kontrollsystem existiert in der Privaten Krankenversicherung überhaupt nicht.  Sie wirbt im Gegenteil damit, dass sie Innovationen schnell einführt und bezahlt.

Jürgen Windeler, IQWIG Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen

"Die Idee dass immer mehr, immer neuer, immer schneller das Neue, irgendwie für die Patienten besonders toll ist, das ist schlicht nicht so. Und dieser ganze Mythos, wenn man den mal als Mythos bezeichnen will, führt dazu, muss dazu führen, dass wir Dinge ins System bekommen, die für Patienten nicht gut sind, im besten Falle überflüssig, im schlimmsten Fall schädlich."

Doch die PKV-Lobby verbreitet weiter ihre Mythen wie das Schreckensszenario Nummer Drei:

"Alle Länder mit Einheitskasse leiden unter Zwei-Klassen-Medizin."

"…in anderen Ländern mit Einheitsversicherungen, wo sie lange Wartezeiten haben, wo sie lange Wartelisten haben, wo viele, teure Eingriffe rationiert sind."

Nur Reiche könnten sich dann wieder Zusatzversicherungen leisten.

Als Beispiel dafür nennt die PKV: Die Niederlande.

Wir fahren ins Nachbarland, um uns ein eigenes Bild zu machen. Hier ist das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Kasse schon seit langem abgeschafft. Sind die Niederländer mit ihrem "Einheitssystem" zufrieden?

"Jeder hat den gleichen Zugang und die Qualität ist auch sehr hoch."

 "Alles was wir bis jetzt gebraucht haben, hat meine Familie bekommen. Wir hatten nie Probleme."

Kontraste

"Müssen Sie lange warten, um einen Termin beim Facharzt zu bekommen?"

"Nein, nein."

Wir sind am renommierten Erasmus Medical Center in Rotterdam. Dass die Niederlande als Schreckensszenario benutzt werden, darüber kann der Klinikdirektor nur lachen.

Prof. Ernst Kuipers, Direktor Erasmus Medical Center, Rotterdam

"Ich kenne die Diskussion und diese Behauptungen. Ich denke aber, dass das niederländische Gesundheitssystem sehr gut mit dem deutschen mithalten kann. In den letzten zehn Jahren lagen wir in einem unabhängigen EU-Ranking immer vor Deutschland."

In der Krankenversicherung ist auch eine Grundversorgung an Zahnbehandlungen und Physiotherapie enthalten. Die Holländer zahlen viel niedrigere Beiträge als die Deutschen  – trotzdem sind die Leistungen umfänglich.

Prof. Ernst Kuipers, Direktor Erasmus Medical Center, Rotterdam

"Die Krankenversicherung hier bezahlt alles, was die Patienten brauchen – vom Hausarzt bis zur Herztransplantation. Das bedeutet: Wenn ein Patient sehr teure Medikamente oder aufwändige Operationen braucht, muss der Arzt hier nie danach fragen,  welche Versicherung der Patient hat – die Versicherung deckt alles ab."

Das niederländische Gesundheitssystem gilt als sehr effizient.

Zurück in Deutschland: Hier hat sich Politik von der Kampagne der PKV-Lobby beeinflussen lassen – trotz fragwürdiger Behauptungen.

Beitrag von Christoph Rosenthal und Caroline Walter

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