Impfstoff von AstraZeneca. Bild: Ifor Petyc / IPA
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- AstraZeneca

Morgen schon soll der AstraZeneca-Impfstoff schon wieder in Deutschland verimpft werden. Die Entscheidung, die Impfungen auszusetzen ist Minister Spahn nicht leicht gefallen, er berief sich dabei auf den Rat seiner Experten – und doch war die Entscheidung eine politische, denn andere Experten warnten vor dem Impfstopp. Was bleibt ist ein großer Vertrauensschaden, denn ob der Impfstoff in der Bevölkerung akzeptiert wird, ist offen.

Anmoderation: Fragt sich nur, wer dann noch zum Impftermin kommt, nach der miesen PR für Astra Zeneca - und damit: Gut, dass sie da sind! Klar, diese Entscheidung hätte dem Bundesgesundheitsminister wohl niemand gern abgenommen. Aber Astra Zeneca erst  zu stoppen und jetzt wieder an den Start zu bringen ... das ist so ziemlich das, was die ohnehin schon stockende Impfkampgane gerade nicht braucht. Spahn beruft sich auf den Rat von Experten - aber fiel der wirklich so eindeutig aus? Cosima Gill, Pune Jalilevand und Lisa Wandt haben die Antworten.

Nur zwei Stunden nachdem Claudia Winkler am Montag mit AstraZeneca geimpft wurde, stoppte Deutschland völlig überraschend die Impfungen damit.

Claudia Winkler, Integrationserzieherin

„Ich hab‘ gedacht, das darf doch wohl nicht wahr sein. Da, am Sonntag macht, wird noch im Fernsehen erzählt, nein, das ist alles unbedenklich. Und dann auf einmal wird es doch runtergenommen.”

Die 46-Jährige hat Vorerkrankungen - und diese Impfung sehnlichst erwartet. Jetzt ist sie verunsichert.

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

„Aufgrund einer aktuellen Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts setzt die Bundesregierung die Impfung mit AstraZeneca vorsorglich aus.“

Denn: In Deutschland hatten zu diesem Zeitpunkt sieben Personen nach der Impfung mit Astra Zeneca eine seltene Hirnvenenthrombose erlitten. Sieben von 1,6 Millionen Geimpften. Mehr als statistisch erwartet, hieß es vom Paul-Ehrlich-Institut.

Spahn stand vor einer schwierigen Entscheidung. Und berief sich auf die Experten: 

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

„Für mich war immer klar, das war eine fachliche Entscheidung und keine politische.“

Für den Arzt und Arzneimittel-Experten Wolf-Dieter Ludwig hingegen war es eine politische Entscheidung. Die er für falsch hält:

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

„Aus ärztlicher Sicht ist sie nicht nachvollziehbar, weil wir bisher davon ausgehen müssen, dass es eine extrem seltene Nebenwirkung ist. Ich denke, das war sicherlich ein sehr wichtiges Sicherheits-Signal, was gründlich untersucht werden muss. Aber ein Impfstopp zu verhängen, ohne zu wissen, ob das eine nun etwas mehr als sehr seltene Nebenwirkung ist, halte ich nicht für richtig.“

Wie groß ist das Risiko, nach einer Corona-Infektion zu sterben? Bei einem 50-jährigen Mann liegt die Wahrscheinlichkeit bei etwa 1:1000. 

Ist der Nutzen der Impfungen für die Gesamtgesellschaft also höher zu bewerten als das geringe Risiko für Einzelne? 

Ja, sagt Karl Lauterbach. Er habe der Bundesregierung daher von einem Impfstopp abgeraten.

Karl Lauterbach (SPD), Bundestagsabgeordneter

„Die Nebenwirkungen selbst kommt bei einer oder bei einem von 250.000 Geimpften vor. Somit steht das in keinem Verhältnis. Der Nutzen ist dramatisch höher als die Nebenwirkungen.”

Nach der WHO gestern - empfahl heute auch die EMA sofort weiter mit Astrazeneca zu impfen.

Emer Cooke, EMA-Chefin

„This is a safe and effective vaccine.“ 

Der Impfstoff ist sicher und wirksam.

Und vor zwei Stunden hat auch Spahn verkündet, dass ab morgen wieder Astrazeneca verimpft wird.

Dennoch: Der Ruf des Impfstoffs dürfte durch den Stopp nun noch weiter beschädigt worden sein. Der Vertrauensverlust ist immens.

Claudia Winkler, Integrationshelferin

„Also meine drei Freundinnen, die sind alle in Schulen und Kindergärten tätig, die werden sich nicht mehr impfen lassen.“ 

Damit der Impfstoff jetzt nicht in den Regalen liegen bleibt, sollte er nun sofort allen älteren Menschen angeboten werden.

Karl Lauterbauch (SPD), Bundestagsabgeordneter

„Es muss uns gelingen, die 50- bis 80-Jährigen jetzt noch zu impfen. Die werden im Rahmen der dritten Welle besonders hart getroffen werden. Das können sich die allermeisten noch nicht vorstellen.“  

Beitrag von Pune Jalilevand, Cosima Gill und Lisa Wandt

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