Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen Karl-Josef Laumann, Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Präsident Robert Koch-Institut RKI, Bundesminister für Gesundheit Jens Spah. Bild: M. Popow via www.imago-images.de
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- Deutschlands gefährlicher Corona-Kurs

Deutschland macht sich locker – und hebt den Lockdown schrittweise auf. Riskant, weil die Politik viel versprochen, aber wenig umgesetzt hat: Es gibt viel zu wenig Schnelltests, um systematisch und flächendeckend testen zu können; die Impfungen kommen nicht in Schwung, viel zu viel knapper Impfstoff bleibt liegen; und die Gesundheitsämter stolpern in Sachen Kontaktnachverfolgung weiter durch das digitale Zeitalter. Dabei warnen Experten: wir sind bereits in der 3. Welle.

Anmoderation: So und jetzt müssen sie ganz stark sein. So nämlich sehen Corona-Besieger aus: Auf den Straßen von Tel Aviv ist man in Partylaune - nach nur drei Monaten Impfprogramm sonnt man sich im guten Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, während er gerade die versammelte CDU-Spitze bat, sich doch bitte auf die positiven Pandemie-Geschichten zu konzentrieren … ja, wenns die doch nur gäbe: ein Jahr nach dem ersten Lockdown haben wir erstaunlich wenig dazugelernt – Beispiele gefällig? Daniel Donath, Markus Pohl und Ursel Sieber hätten da mal ein paar.

Deutschland im März. Kinder strömen zurück in die Schulen, vor den Gartencentern und den Einkaufsmeilen drängeln sich die Menschen, die Osterflüge nach Mallorca sind schon wieder ausgebucht.

Und die Corona-Zahlen – steigen.

Der Pandemieforscher Thorsten Lehr warnt: Wir rauschen gerade mit Volldampf in die dritte Corona-Welle.

Prof. Thorsten Lehr, Pharmazeut, Universität des Saarlandes

„Das hat zwei Gründe: Zum einen haben wir Lockerungen, die jetzt seit dem 8. März gültig sind. Zum zweiten haben wir natürlich auch noch die Mutanten, die sich gerade relativ stark ausbreiten. Und da haben wir natürlich eine sehr explosive Mischung, die hier zusammenkommt und wirklich das Ansteigen dann sehr rasant vonstattengehen lassen wird.“

Nach Lehrs Modellierungen reißen wir die 100er-Inzidenz in Kürze. Anfang April – zu Ostern – droht bereits ein Wert weit über 200.

Prof. Thorsten Lehr, Pharmazeut, Universität des Saarlandes

„Also diese dritte Welle, die jetzt kommt, die könnte heftiger werden als alles, was wir bis jetzt gesehen haben.“

Ein Szenario, das absehbar war. Dennoch einigten sich Bund und Länder Anfang März auf abgestufte Öffnungen. Die Pandemie könne man trotzdem kontrollieren, hieß es damals.

Armin Laschet, CDU, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen, 03.03.2021

„Weil wir neue Mittel hinzunehmen, und das ist das Testen, das Impfen, die digitalen Möglichkeiten.“

Testen, Impfen, Digitalisierung – drei zentrale Punkte, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Und in allen hat die Politik sträflich versagt:

1.  Zu wenig Schnelltests:

Die neue Testoffensive begann mit einem vollmundigen Versprechen:

O-Ton Jens Spahn, CDU, Bundesgesundheitsminister, 17.02.2021

„Nämlich ab März, jedem der möchte, auch einen Antigen-Schnelltest anbieten zu können, kostenlos.“

Daraus wurde bekanntlich nichts. Jens Spahn hat es schlicht versäumt, ausreichend Tests zu besorgen. Bis heute mangelt es vor allem an den Selbsttests für die Schulen – so wie an der Mittelschule in Sonthofen. Direktor Reinhard Gogl überbringt seinen Klassen vergangenen Freitag die schlechte Nachricht.

Reinhard Gogl, Direktor Mittelschule Sonthofen

„Es wurde angekündigt, dass demnächst Selbsttest kommen sollen. Aber momentan sind die Tests noch nicht da. Es tut mir leid, da müssen wir noch warten. Wann sie eintreffen, keine Ahnung.“

Das Konzept: erst einmal Präsenzunterricht, die Tests werden dann schon noch kommen – überzeugt hier weder Kollegium noch Schülerinnen.

Laura Benz, Schülerin

„Sie wollen halt auch, dass die Schüler wieder in die Schule gehen und sie schicken. Sie aber haben keinen Plan, wie es mit Tests machen oder sonst irgendwas.“

Barbara Nuss, Lehrerin

„Wir erfahren das ja aus der Presse. Es gibt eine Öffnungsstrategie mit Tests. Und dann kommt man hierher und denkt sich: Wo sind die Tests? Welche Strategie?“

Laut nationaler Teststrategie ist künftig vorgesehen: Ein Test pro Woche für jeden Schüler. Aber nur freiwillig, für jeden, der will.

Das bringt wenig, sagt die Infektiologin Claudia Denkinger. Um Ausbrüche zu verhindern, müssten Schnelltests systematisch und mindestens zwei Mal pro Woche erfolgen.

Claudia Denkinger, Leiterin Tropenmedizin Universitätsklinikum Heidelberg

„Mit zweimal Testen, und das sagen die Modellierungen sehr klar, kann man Infektionen früh erkennen und die weitere Übertragung verhindern. Wenn man das nur einmal macht, dann hat es keine große Konsequenz.“

In Sonthofen gibt es während unserer Dreharbeiten doch noch eine gute Nachricht: Wenigstens eine erste Lieferung Tests soll bald kommen

„260 Tests. 350 Schüler, 260 Tests. Und wer kriegt welche? Müssen wir jetzt überlegen.“

Im benachbarten Österreich sind die Selbsttests schon seit Wochen im Einsatz. Grundschüler müssen sich zweimal die Woche testen, sonst dürfen sie nicht am Präsenzunterricht teilnehmen.

Bei uns hat sich der Gesundheitsminister lange gegen Tests für die Eigenanwendung gesträubt. Erst Anfang Februar erlaubte er eine Sonderzulassung.

Allerdings: Dass Laien mit den Tests umgehen können, müssen die Hersteller zunächst in aufwändigen klinischen Studien nachweisen. Und das dauert. 

So hat das zuständige Bundesinstitut für Medizinprodukte erst 15 Anbietern eine Zulassung erteilt. Mehr als 160 Anträge werden noch geprüft.

Bürokratische Hürden und Zögerlichkeit rächen sich jetzt, sagt Claudia Denkinger.

Claudia Denkinger, Leiterin Tropenmedizin Universitätsklinikum Heidelberg

„Man kann nicht von Herstellern erwarten, dass man ihnen sagt: Nein, nein, nein, nein, nein, wir wollen das nicht. Und dann: Aber jetzt wollen wir es, und am besten in Millionen-Kapazität.“

2.  Zu langsames Impfen

Im Wettlauf mit der dritten Welle bringt das Impfen bislang kaum Entlastung. Selbst von den Über-80-Jährigen ist erst die Hälfte geimpft.

Hauptproblem: Es gibt viel zu wenig Impfstoff. Doch der Mangel wird auch noch schlecht verwaltet.

Bislang hat Deutschland rund zwölfeinhalb Millionen Impfdosen erhalten. Schon vor dem Astra-Zeneca-Stopp blieben die Impfungen aber weit dahinter zurück. Momentane Lücke: 2,5 Millionen gelieferte, aber nicht genutzte Dosen. 

Noch immer halten die Zentren große Mengen für Zweitimpfungen zurück, obwohl in den kommenden Wochen stark ansteigende Impfstoff-Lieferungen zu erwarten sind.

Janosch Dahmen war als leitender Notarzt in der Pandemiebekämpfung eingesetzt. Seit wenigen Monaten sitzt er als Gesundheitspolitiker im Bundestag – und verzweifelt.

Janosch Dahmen, Bündnis90/Die Grünen, Bundestagsabgeordneter 

„Wir müssten jetzt impfen, impfen, impfen, die ganze Zeit. Und es wäre ein gutes und richtiges Signal, wenn wir sagen: Aller Impfstoff ist verimpft, es ist nichts mehr da und wir warten. Es ist absolut inakzeptabel, dass Impfstoff rumliegt, während gleichzeitig über 2.000 Menschen die Woche sterben.“

Der Stopp der Astra-Zeneca-Impfungen hat das Tempo noch weiter gedrosselt. Für die Intensivstationen heißt das, die Dritte Welle wird sie voll treffen:

Prof. Thorsten Lehr, Pharmazeut, Universität des Saarlandes 

„Die Fallzahlen werden auch in den Krankenhäusern wieder ansteigen und auch die Todeszahlen werden wieder ansteigen. Das bringt einfach die Steigerung der Infektionszahl mit sich. Und nur dadurch, dass wir die Ältesten geimpft haben, ist noch lange keine Entwarnung.“

3.  Digitales Scheitern

Dass die Gesundheitsämter eine Dritte Welle aufhalten könnten, bleibt ein frommer Wunsch. In Nordfriesland demonstriert man uns den derzeitigen Stand der Digitalisierung: ein Wirrwarr aus verschiedenen Programmen und Eingabemasken.

Peter Tinnemann, Leiter Gesundheitsamt Nordfriesland

„Wenn wir die Meldedaten von den Laboren bekommen, Name, Vorname, Adresse, Telefonnummer, ist es so, dass wir die zehn- und mehrmals, zum Teil bis zu 16-mal in verschiedenen Umgebungs-Datenbanken eintragen müssen. Wir müssen sie in unserer eigenen Access Datenbank eintragen, an die Kassenärztliche Vereinigung übermitteln und dann am Ende natürlich auch ans Robert-Koch-Institut.“

Eigentlich sollten alle Gesundheitsämter längst voll vernetzt mit einem einheitlichen Programm arbeiten: Sormas. Es erlaubt, Corona-Cluster über Kreisgrenzen hinweg zu erkennen. Eine in Deutschland mit Steuergeldern entwickelte Software, die im Ausland schon reibungslos läuft.

Bei uns verbreitet die Regierung Zweckoptimismus:

Helge Braun, CDU, Kanzleramtsminister, 28.02.2021

"Wir arbeiten ja jetzt intensiv daran, dass alle Gesundheitsämter zur Kontaktnachverfolgung die gleiche Software nutzen, dieses Sormas-System, was jetzt endlich Fahrt aufgenommen hat, muss man Gott sei Dank sagen."

Tatsächlich arbeitet aber nach Kontraste-Recherchen nur ein Viertel der rund 400 Gesundheitsämter mit Sormas. 

Auch in Nordfriesland hat man das neue System zwar installiert, nutzt es aber nicht. Die Mitarbeiter sind schlicht überfordert.

Peter Tinnemann, Leiter Gesundheitsamt Nordfriesland 

„Im Grunde genommen sind wir Mediziner. Wir sind keine IT-Experten, die die Einführung einer Software planen und durchführen können. Und das machen wir als Nebengeschäft. Da braucht man Unterstützung. Wir brauchen Leute, die uns an die Hand nehmen, die uns sagen, wie es geht.

Das Gesundheitsministerium hat für die Ämter bei Fragen zu Sormas eine Hotline einrichten lassen. Eine engmaschige Betreuung bei der Einführung aber gibt es nicht. 

Und weil auch die mit viel Eigenlob eingeführte Corona-Warn-App eine einzige Enttäuschung ist, bleibt die digitale Bändigung der Pandemie vor allem eines: Wunschdenken.

Armin Laschet, CDU, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen, 03.03.2021

„Das Testen, das Impfen, die digitalen Möglichkeiten.“ 

In allen drei Bereichen hat die Politik versäumt, Grundlagen für die lang ersehnten Öffnungen zu schaffen. Nun müsste sie Wort halten – und bei schnell steigenden Infektionszahlen die Notbremse ziehen.

 

Beitrag von Daniel Donath, Markus Pohl und Ursel Sieber

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