Kontraste-Redakteur Sascha Adamek und Kontraste-Redakteurin Pune Jalilevand. Bild: Kontraste
Kontraste
Bild: Kontraste

Gendern - Gaga oder Gleichberechtigung?

Die einen halten gendergerechte Sprache für falsche Symbolpolitik und sprachlichen Zerfall – andere sehen darin die längst überfällige Gleichberechtigung in der Sprache. Um das Thema Gendern hat sich eine emotionale Debatte entfacht. In Politik und Gesellschaft – aber auch in der Kontraste-Redaktion. Braucht es konkrete Vorgaben? Welchen Einfluss hat Sprache auf Wirklichkeit und können dadurch Stereotype überwunden werden? Sascha Adamek und Pune Djalilehvand sind sehr verschiedener Meinung und treffen spannende Gesprächspartner.

Anmoderation: Und jetzt mal zu ihnen! Liebe Zuschauerinnen! Okay: Es sehen uns natürlich auch Männer zu - aber ganz ehrlich, sie muss ich jetzt ja nicht extra erwähnen, oder? Fühlt sich ziemlich blöd an, wenn man einfach nicht vorkommt, sich angesprochen fühlen soll – statt angesprochen zu werden. Trotzdem sollen wir bei Risiken und Nebenwirkungen immer noch unseren Arzt oder Apotheker fragen – obwohl in Apotheken fast 75 Prozent Frauen arbeiten – die männliche Form gilt trotzdem als Normalzustand. Es gibt Frauen, die finden das völlig in Ordnung – und Männer, die bestehen aufs gendern. Und es gibt auch in unserer Redaktion zwei, die sich da einfach nicht einig sind.

Ich bin Pune Jalilevand, 30 Jahre alt, Autorin bei Kontraste. Natürlich nenne ich Frauen und andere Geschlechtsgruppen, wenn ich schreibe und spreche. Alles andere fühlt sich für mich - nicht richtig an.

Pune Jalilevand, Kontraste-Redakteurin

„Ich finde nicht, dass man die männliche Variante nehmen kann und sich alle anderen einfach angesprochen fühlen sollen. Frauen, die Hälfte der Bevölkerung, sind nicht einfach eine Unterkategorie des Männlichen und müssen für mich genauso in der Sprache sichtbar sein.“

Ich bin Sascha Adamek, 53 Jahre alt und Redakteur bei Kontraste. Ich spreche Frauen schon immer an, wenn es um konkrete Menschen geht. Alles andere wäre unhöflich. Das Sternchen und diese Sprachverrenkungen lehne ich aber ab:

Sascha Adamek, Kontraste-Redakteur

„Ich finde das Gendern von Berufsgruppen überflüssig. Für mich ist selbstverständlich, dass wenn ich an den Beruf des Lehrers denke, dass da die Lehrerinnen auch mit dabei ist.“

Pune Jalilevand, Kontraste-Redakteurin

„Ich fühle mich nicht mit gemeint, wenn es um Journalisten geht zum Beispiel.“

Pune: Wir gendern, wenn wir Zuschauerinnen und Zuschauer sagen oder die männliche und weibliche Form durch ein Binnen-I verbinden. Der Unterstrich und andere Zeichen stehen stellvertretend für Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten. Ich sage dann zum Beispiel Zuschauer*innen. Für viele Menschen ist diese kleine Pause ein großes Problem!

Pune Jalilevand, Kontraste-Redakteurin

„Ich will verstehen, warum Menschen so vehement gegen das Gendern sind und dafür treffe ich jetzt Jan Fleischhauer – ein sehr lauter Gegner.“

Jan Fleischhauer. Journalist, Autor und leidenschaftlicher Konservativer. Als Kolumnist lebt er von Sprache. Und vom Streit. Gendern hält er für einen großen Irrtum. Klar, das bedeutet ja auch Platz machen - für andere.

Pune Jalilevand, Kontraste-Redakteurin

„Geht es auch um Macht?“

Jan Fleischhauer, Kolumnist

“Nee, geht es nicht um Macht. Es geht um Schönheit der Sprache. Das ist eine ästhetische Frage.“

Pune Jalilevand, Kontraste-Redakteurin

„Steht die Ästhetik über Gleichberechtigung?“

Jan Fleischhauer, Kolumnist

„Ja, natürlich auch klar für mich. Was denn sonst? (…) Ich will die Gesellschaft nicht zum besseren Platz machen.“

Pune Jalilevand, Kontraste-Redakteurin

„Aber sie so beschreiben, wie sie ist. Es gibt Männer und es gibt Frauen. Ja. Und warum sollten die nicht auftauchen in ihrer Sprache? Jetzt ignorieren sie ja über die Hälfte der Bevölkerung.“

Jan Fleischhauer, Kolumnist

„Nein, ich ignoriere auch nicht über die Hälfte der Bevölkerung, wenn ich von Studenten schreibe.“

Pune Jalilevand, Kontraste-Redakteurin

„Oh doch, Herr Fleischhauer! Studien belegen, wie wichtig Sprache ist: Mädchen trauen sich typisch männliche Berufe eher zu, wenn sie auch in weiblicher Form beschrieben sind. Frauen nicht zu benennen kann also weitreichende Folgen für unsere Gesellschaft haben.“

Sascha: Das überzeugt mich auch. Mädchen würde ich natürlich fragen, ob sie Ingenieurinnen werden wollen. Trotzdem spreche ich vom Ingenieurland Deutschland. Na und?

Sascha Adamek, Kontraste-Redakteur

“Ich treffe jetzt hier die Linguistikprofessorin Gabriele Diewald, die hat das Buch geschrieben “Richtig gendern” und sagt, wenn ich das generische Maskulinum verwende, also zum Beispiel sage Touristen in Amsterdam oder Läufer oder Schwimmer am Strand, dann sei das sexistisch und frauenfeindlich.“

Sascha: Gabriele Diewald ist eine der wichtigsten Befürworterinnen geschlechtersensibler Sprache.

Sascha Adamek, Kontraste-Redakteur

„Verhalte ich mich sexistisch und frauenfeindlich, wenn ich so spreche?“

Prof. Gabriele Diewald, Universität Hannover

„Nein, natürlich nicht. Mein Gott. Das ist ein Schreibratgeber, das war vor allem für Textsorten im öffentlichen Raum.“

Sascha: Wir führen die Debatte zu Recht beinhart. Klar ist aber: eine Pflicht zu Gendern soll es in Deutschland nicht geben. Nur Empfehlungen. Keiner wird gezwungen! Was dennoch manch einer, der das Sternchengendern wie ich ablehnt, plötzlich an Hass gegen die Befürworter versprüht, ist wirklich ekelhaft.

Sascha Adamek, Kontraste-Redakteur

„Woher kommt diese Wut?“

Prof. Gabriele Diewald, Universität Hannover

„Ich weiß nicht, woher die Wut kommt bei den einzelnen Leuten, aber sie ist offenbar assoziiert mit der Erkenntnis, dass tatsächlich die Gesellschaft sich massiv verändert hat, dass die Gesellschaft in Richtung Gleichstellung von Männern und Frauen sich bewegt hat und dass da jetzt Ansprüche entstehen, die damit verbunden sind, dass bestimmte, niemals hinterfragte Privilegien einfach angegriffen werden.“

Pune: Eine Veränderung, die viele als Projekt einer Minderheit abtun wollen. Als Mann lebt es sich ja auch ziemlich bequem in dieser Welt?

Jan Fleischhauer, Kolumnist

„Ich halte das Ganze für ein Eliteprogramm (…) und wenn wir rausgehen, das ist, wenn man so will, auch die tröstliche Nachricht auf die Straße, wo normale Leute reden. Die werden also, es sei denn, man zwingt die mit vorgehaltener Waffe, werden die natürlich nie gendern in ihrer Sprache, weil es ich unsere Art des Sprechens so absolut zuwiderläuft, diesen Umweg zu gehen.“

Sascha: Mich stört an dem Elitenprogramm, dass wir noch nicht einmal darüber abstimmen dürfen. Überall muss ich jetzt das Gendersternchen lesen und hören. Auch hier bei Audi wurde nicht abgestimmt. Der Konzern legte einfach fest: aus den klassischen Audianern werden jetzt Audianer*innen. Aber wie finden die das eigentlich?

Vox-Pop

„Meine Meinung, dass wir andere Probleme haben. Das ist meine Meinung.“

„Wie finden Sie das? – Ja, nicht schlecht. Als Frau wird man ja sonst nicht immer so bevorzugt, sagen wir mal.“

„Also ich fühle mich nicht aufgewertet, das ist die Realität, die eigentlich bestehen sollte.“

Sascha: Laut einer aktuellen Umfrage ist die gendergerechte Sprache 62 Prozent der Deutschen unwichtig, nur 27 Prozent finden sie wichtig. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass der eigentliche gesellschaftliche Skandal, dass Frauen schlechter als Männer bezahlt werden, durch das Sternchen kein bisschen verbessert wird.

Pune: Ich finde 27 Prozent ganz schön viel für ein angebliches Elitenprogramm. Natürlich löst eine gendergerechte Sprache nicht alle Probleme. Den Anspruch hat niemand. Aber es ist ein Mosaikstein. Im Grundgesetz steht: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das muss auch in der Sprache so sein.

Sascha: Beide Geschlechter abzubilden, unterstütze ich auch. Aber das Sternchen steht ja für die angeblich vielen Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen.

Sascha Adamek, Kontraste-Redakteur

„Seit Anfang 2019 können sich Menschen, die weder Mann noch Frau sein wollen, als divers anmelden beim Anwohnermeldeamt und ich habe mal beim Bundesinnenministerium angefragt, wie viele das denn sind: es sind gerade mal 1.600 Menschen – gerade Mal die Bevölkerung eines kleinen Dorfes. Selbst, wenn es mehr sind insgesamt find immer noch, dass es nicht geht, dass 83 Millionen Menschen in Deutschland ganz anders sprechen sollen.“

Von der nächsten Person, erfahre ich, dass sehr viel mehr Menschen divers seien, es aber schwer hätten sich als divers anerkennen zu lassen. Lann Hornscheidt, geborene Antje Hornscheidt, ist betroffen von dieser Debatte um den Genderstern, fühlt sich weder als Mann noch als Frau angesprochen.

Prof. Lann Hornscheidt, ehem. Gender Studies

“Ich freue mich sehr, dass das Gender Sternchen so viel öffentlichen Raum bekommt. Mittlerweile auch gerade in den Medien, was ja sehr wichtig ist, damit Menschen merken, ahh, es gibt mehr als Männer und Frauen. Ich halte es aber für immens wichtig, immer genau zu gucken und wann ist es sinnvoll zwischen verschiedenen Geschlechtern zu differenzieren und wann wäre es besser, wir würden eine neutrale Formulierung finden.”

Sascha: Auch wenn wir uns nicht einig werden, kann ich diese Meinung verstehen, aber ich wünsche mir auch Toleranz für meine Position.

Pune: Aber die Gesellschaft ändert sich und unsere Sprache eben auch. Das ist nur die logische Konsequenz.

Sascha: „Vielleicht ist das ja auch nur eine Mode, wie wieder an uns vorbei geht.“

Pune: „Das wird sich zeigen.“

 

Beitrag von Sascha Adamek, Pune Jalilevand und Susett Kleine

weitere Themen der Sendung

Impfstoff von AstraZeneca. Bild: Ifor Petyc / IPA
IPA / IPA

AstraZeneca

Morgen schon soll der AstraZeneca-Impfstoff schon wieder in Deutschland verimpft werden. Die Entscheidung, die Impfungen auszusetzen ist Minister Spahn nicht leicht gefallen, er berief sich dabei auf den Rat seiner Experten – und doch war die Entscheidung eine politische, denn andere Experten warnten vor dem Impfstopp. Was bleibt ist ein großer Vertrauensschaden, denn ob der Impfstoff in der Bevölkerung akzeptiert wird, ist offen.

Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen Karl-Josef Laumann, Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Präsident Robert Koch-Institut RKI, Bundesminister für Gesundheit Jens Spah. Bild: M. Popow via www.imago-images.de
www.imago-images.de

Deutschlands gefährlicher Corona-Kurs

Deutschland macht sich locker – und hebt den Lockdown schrittweise auf. Riskant, weil die Politik viel versprochen, aber wenig umgesetzt hat: Es gibt viel zu wenig Schnelltests, um systematisch und flächendeckend testen zu können; die Impfungen kommen nicht in Schwung, viel zu viel knapper Impfstoff bleibt liegen; und die Gesundheitsämter stolpern in Sachen Kontaktnachverfolgung weiter durch das digitale Zeitalter. Dabei warnen Experten: wir sind bereits in der 3. Welle.

Lkw mit dem Logo von Amazon Prime stehen vor einem Logistikzentrum des Versandhändlers Amazon. Bild: Rolf Vennenbernd/dpa
dpa

Kosten der Pandemie - Wer soll das bezahlen?

Unfreiwillige Geschäftsschließungen und einbrechende Umsätze: die Pandemie hat viele Unternehmen an den Rand des Ruins gebracht. Nur dank staatlichen Hilfen sind sie noch am Leben. Über 150 Milliarden Euro hat sich der Bund die diversen Rettungspakete bislang kosten lassen. Auf der anderen Seite stehen die Corona-Gewinner: Handelsunternehmen wie Amazon oder Kaufland, die ihren Geschäftsbetrieb aufrechterhalten und sogar ausbauen konnten. Sie könnten als Krisengewinnler die Kosten der Pandemie mitfinanzieren - rechnen aber dank komplexer Steuerkonstrukte ihre Gewinne klein. Andere Firmen wie Daimler haben in der Krise massiv vom Kurzarbeitergeld profitiert, hohe Gewinne eingefahren - und geben diese nun in Form von Dividenden an ihre Aktionäre weiter. Wer also zahlt für die Krise?

Grafik: Streitthema Gendern (Quelle: rbb)
rbb

Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich - Streitthema Gendern

Heiß diskutiert, polarisierend und umstritten: Beim Gendern verhärten sich in unserer Redaktion die Fronten – Eva Maria Lemke diskutiert mit Pune Jalilevand und Sascha Adamek. Professorin Bettina Hannover berichtet von ihren Studien.