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Corona wütet in Italien - Deutsche Krankenhäuser rüsten auf

Massenbeerdigungen in Bergamo, italienische Kliniken, die Patienten abweisen und nicht mehr behandeln können. Deutsche Kliniken scheinen besser vorbereitet, doch gut genug? Angesichts der Zustände in Italien und immer mehr Corona-Infizierter rüsten die Krankenhäuser hierzulande unter Hochdruck auf. Exklusive Einblicke auf eine Intensivstation in Nordrhein-Westfalen, wo es deutschlandweit die meisten Corona-Fälle gibt. 

Anmoderation: Na das macht doch Mut: Noch können Corona-Kranke wie Karoline Preissler also angemessen behandelt werden. Aber wie sind wir gewappnet auf das, was kommt? Hier in der Hauptstadt soll in den leeren Hallen der Berliner Messe in drei Wochen ein einsatzbereites Krankenhaus für eintausend Corona-Kranke stehen, in ganz Deutschland wird jetzt auf die Schnelle versucht, weitere Intensivbetten zu schaffen. All das, um zu verhindern, was in Italien gerade passiert. Kollabierende Krankenkäuser – die Corona-Patienten nicht mehr angemessen behandeln können: Cosima Gill, Usel Sieber, Luca Steinmann und Lisa Wandt.

Im St.-Antonius Klinikum Eschweiler vor zwei Tagen. Intensivpfleger Bernd Rütten bereitet sich auf die Versorgung eines Covid-19-Patienten vor. Er arbeitet schon seit 30 Jahren hier.

„Ich komme jetzt zu Ihnen rein, ja?“

Bernd Rütten, Pfleger Intensivstation, St.-Antonius-Hospital, Eschweiler              

„Wir haben natürlich Ängste, wir hoffen, dass wir nicht überrannt werden mit Patienten, ich hoffe und bete nur und habe so ein gewisses Urvertrauen, dass es alles wieder gut wird.“

Auf der Intensivstation liegt gerade ein schwer Erkrankter. Die Klinik liegt in Nordrhein-Westfalen, wo es mit über 4.200 Personen bundesweit die meisten Infizierten gibt.

Bernd Rütten, Pfleger Intensivstation, St.-Antonius-Hospital, Eschweiler

„Ein Beispiel, eine wirklich nette, ältere Dame, weit über 80. Die wusste ganz klar, dass sie versterben wird, und hat dann sich nur gewundert, dass überhaupt Pflegepersonal zu ihr reingekommen ist in die Isolation und hat dann nur gesagt: Kind, was machst du hier drin, geh doch raus, nicht dass du dich noch ansteckst."

Kurz danach ist sie an den Folgen des Virus gestorben. In Kürze werden Chefarzt Uwe Janssens und sein Team viel mehr Menschen behandeln müssen. Dafür bereiten sie jetzt mit Hochdruck alles vor.

Prof. Jannsens, Chefarzt Klinik für Intensivmedizin, St.-Antonius-Hospital, Eschweiler    

„Wir haben auf der Intensivstation dadurch Betten geschaffen, in dem wir eine andere Station eröffnet haben, wo auch Intensiv-Patienten behandelt werden. Und wir haben eine Station komplett zur Isolationsstation erklärt und eröffnen jetzt in der kommenden Woche in den nächsten Tagen eine zweite.“ 

Zeitgleich auf einem Friedhof im norditalienischen Bergamo. Den ganzen Tag über werden hier Opfer der Corona-Epedemie beigesetzt, meistens Ältere um die 80. Nur engste Angehörige dürfen dabei sein. Trauerfeiern sind derzeit untersagt.

In einer Kirche reiht sich ein Sarg an den nächsten, die Krematorien arbeiten 24-Stunden durch. In einem Facebook-Video vergleicht ein Italiener die Todesanzeigen vom 9. Februar – damals zwei Seiten lang – mit dem 13. März: zehn Seiten.

Codogno – eine Kleinstadt in der Lombardei. Hier wurden die ersten Corona-Infizierten Italiens gemeldet. Darunter auch Mitarbeiter aus Maria Falchettis Unternehmen. Bis gestern war auch sie in Quarantäne. An Covid 19 ist ihr Vater, der Firmengründer, vor wenigen Tagen gestorben.

Maria Falchetti

„Das Virus hat ihn nicht verschont. Es fing mit einem kleinen Fieber an, er wurde am Mittwoch den 4. März ins Krankenhaus gebracht, und am 6. März ist er gestorben. Das was für uns wirklich schrecklich ist, dass wir uns nicht verabschieden können. Die Familien trennen sich und sehen sich nie wieder.“

Aufnahmen aus dem öffentlichen Krankenhaus „Maggiore“ in Cremona in der Lombardei. Die Ärzte sind völlig am Limit. Sie berichten, wie sie Patienten wie in Kriegszeiten aussieben müssen. Die Schwerkranken liegen auf dem Bauch, weil das das Atmen erleichtert. Die Zahl der Todesfälle steigt drastisch. Inzwischen sind es fast 3.000.

Dieses Foto wird zum Sinnbild der Epidemie in Italien: Die Pflegerin Elena Pagliarini ist an ihrem Schreibtisch völlig erschöpft eingeschlafen.

Elena Pagliarini, Pflegerin Krankenhaus Maggiore           

„In dieser Nacht kam alles zusammen, viele schwerkranke Patienten, eine Nacht mit Notfällen, ein Patient nach dem anderen. Was soll ich Ihnen sagen... Die Menschen, ihre angstvollen Blicke, sie bangen um ihr Leben. Ja, ich habe Angst, große Angst. Ich sehe diese Angst auch in den Augen der Patienten. Sie bitten mich um Hilfe. Sie wissen nicht, was auf sie zukommt.“

Es sind vor allem ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen, die so schwere Verläufe haben, dass sie an den Folgen des Virus sterben. Doch auch junge und gesunde Menschen können schwer erkranken.

Francesca Mangiatordi, Ärztin  

„Heute musste ich einen 23-jährigen Mann intubieren. Einen 23-Jährigen mit einer schlimmen Lungenentzündung, mit einer sehr schwachen Atmung, er musste dringend intubiert werden.“

Die Krankenhäuser in Norditalien stehen kurz vor dem Kollaps. In Deutschland gibt es noch genug Kapazitäten. So hat es auch Karoline Preisler in ihrer Isolierstation erlebt. Die Pfleger konnten sich um sie kümmern, auch wenn die Angst wieder hochkam.

Karoline Preisler              

„Atemnot raubt einem den Verstand. Es ging mir sehr schlecht. Ich konnte nicht einordnen, mein ganzer Körper rebellierte. Mein Puls schoss nach oben. Ich wollte atmen. Atmete ein, holte Luft, aber es kam nichts an.“

Auf ein Intensivbett war sie nicht angewiesen. Doch immer mehr Menschen werden auch hierzulande schwer erkranken. Reichen dann die Betten aus?

Ein großer Unterschied: In Italien kommen auf 100.000 Einwohner nur 8,4 Intensivbetten. Während es in Deutschland fast 34 Betten sind. Also viermal so viele.

Auch deshalb sieht Uwe Jannsens, der auch Präsident der Gesellschaft für Notfall- und Intensivmedizin ist, Deutschland besser vorbereitet als Italien.

Prof. Janssens, Chefarzt Klinik für Intensivmedizin, St.-Antonius-Hospital, Eschweiler     

„Die haben nicht die Kapazitäten gehabt und die konnten nicht die Menschen, die schwerkrank waren, nicht in die Intensivmedizin bringen, ich denke mal, hier in der Region, in anderen Regionen, ist die Dichte der Krankenhäuser so, dass wenn wir so schwerkranke Patienten haben, tatsächlich mit gegenseitigen Verlegungen diesen Leuten schnell helfen können.“

Allerdings: etwa 80 Prozent der Intensivbetten sind immer ausgelastet, weil in Deutschland besonders viel operiert wird. Bund und Länder haben die Krankenhäuser letzte Woche daher aufgefordert:

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Es müssen OPs, soweit sie im Moment nicht medizinisch notwendig sind, nach hinten geschoben werden, damit Platz und Möglichkeit besteht für zu erwartende Intensivpatienten die wir wegen Corona bekommen werden.“

Zwingend nötig sei das, findet Prof. Janssens. Um Beatmungsgeräte und auch Pflegepersonal freizusetzen.

Prof. Jannsens, Chefarzt Klinik für Intensivmedizin, St.-Antonius-Hospital, Eschweiler    

„Wir können uns das im Moment nicht erlauben, also ausgesuchte Eingriffe durchzuführen, die dazu führen, dass Patienten eventuell danach auf einer Intensivstation weiter behandelt werden müssen.“

Doch ob alle Kliniken planbare Eingriffe wirklich verschieben, ist fraglich. Denn sie verdienen vor allem am Operieren. Freiwilligkeit bringt hier nicht viel.

Prof. Jannsens, Chefarzt Klinik für Intensivmedizin, St.-Antonius-Hospital, Eschweiler    

„Das wird schon sehr divergierend, unter Umständen von Haus zu Haus gehandhabt. Wir brauchen an dieser Stelle klare Anordnungen, dass es auch umgesetzt wird.“

Jannsens fordert eine Verpflichtung für die Kliniken, gekoppelt mit einem finanziellen Ausgleich. Sonst könnte auch Deutschland auf so genannte italienische Verhältnisse zusteuern, fürchtet er.

Im italienischen Cremona werden die Corona-Patienten in Zelten behandelt. Hier wird nach Schweregrad entschieden, wer einen Platz im Krankenhaus bekommt.

Diese orthopädische Klinik in Mailand hat umgerüstet und gerade 14 Corona-Patienten bei sich liegen. Ständig bekommt Direktor Fabrizio Pregliasco neue Anfragen, die er abwimmeln muss.

„Nichts, tut mir Leid. Wie bitte? Ich bin Fabricio Pregliasco, Direktor hier.“

Als einer der führenden Virologen in Italien hat er schon früh vor der raschen Ausbreitung des Virus gewarnt.

Prof. Fabrizio Pregliasco, Virologe           

„Es scheint mir, dass Deutschaland dieselbe Situation erlebt wie wir, nur 10 Tage versetzt. Denn die Zahl der Fälle wächst langsam in den ersten Tagen und dann wächst sie exponentiell, wie in Italien.“

Dieses exponentielle Wachstum zeigt sich an der rasant wachsenden Zahl der Infizierten. Stand heute haben wir rund 11.000. Ohne die einschneidenden Maßnahmen jetzt hätten wir in zwei Wochen 160.000 Infizierte.

Prof. Lothar H. Wieler, Präsident Robert Koch-Institut  

„Wenn wir es nicht schaffen, die Kontakte unter den Menschen wirksam und über einige Wochen nachhaltig zu reduzieren, dann ist es möglich, dass wir in zwei bis drei Monaten bis zu 10 Millionen Infizierte in Deutschland haben.“

Die drastischen Eingriffe ins öffentliche Leben sollen und werden das verhindern. Wie wichtig es zudem ist, ausreichend Schutzkleidung für Ärzte und Pfleger zu haben, hat Karoline Preisler jeden Tag erlebt.

Karoline Preisler             

„Die Sorge hier die Pflegekräfte anzustecken ist allgegenwärtig. Dieses Isolationszimmer ist die größte Mahnung. Alles hier aus diesem Zimmer verlässt diesen Raum entweder in einem Müllsack oder einem Container.“

In Italien haben sich auch wegen fehlender Schutzkleidung bislang rund 2.000 Ärzte und Pfleger infiziert. Das sind zwölf Prozent des gesamten Personals.

Elis Kraja, Direktor, Krankenhaus Codogno         

„Leider haben wir heute erfahren, dass zwei Ärzte gestorben sind. Das war sehr schwer. Sie waren quasi an der Frontlinie mit uns zusammen.“

Ihre Kollegen waren 66 und 57 Jahre alt.

Twitter-Video

„Wir sind hier für euch - und ihr bleibt zuhause.“

Aus dem Krankenhaus heraus rufen sie die Italiener auf, zuhause zu bleiben. Einen ersten Hoffnungsschimmer gibt es:

Die Zahl der täglichen Neuerkrankungen steigt in der Lombardei nicht mehr steil an, sondern nur noch mäßig.

 

Beitrag von Cosima Gill, Usel Sieber, Luca Steinmann und Lisa Wandt

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Quelle: picture alliance/ZUMA Press
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