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- Wie Corona Deutschland verändert

Wir berichten aus verschiedenen Regionen in Deutschland: Ein Dorf unter Quarantäne in Brandenburg, eine Messebauerin aus Nürnberg, deren Firma bedroht ist, Schüler an ihrem letzten Schultag. Und schließlich – wie die Krise die Ärmsten der Armen trifft.

Anmoderation: Die Frage, ob die bei uns getroffen Maßnahmen übertrieben sind, die stellt sich nicht mehr. Aber so viele andere Fragen – die wir uns alle, jeder auf seine Weise - gerade stellen - bleiben in diesen Tagen unbeantwortet: Ist das Kratzen in meinem Hals, der Huster, Corona? Was mache ich über Wochen mit den Kindern zuhause? Was wird aus meiner Arbeit? Meiner Firma? Meinen Angehörigen, die ich nicht besuchen kann? Wie sehr die Corona-Krise das Leben von uns allen gerade jeden Tag auf s Neue auf den Kopf stellt, zeigen -  Bettina Malter, Markus Pohl, und Norbert Siegmund.

 

Türöffnen in Corona-Zeiten. Es ist der vorletzte Unterrichtstag bevor auch die Paula-Fürst-Schule in Berlin schließen muss. Schon jetzt ist die Pandemie für die Grundschüler allgegenwärtig. Das zeigt sich auch in kleinen Details.

Fabian, 11 Jahre

„Wir benutzen unseren Freund den Ärmel. Und für die Türklinke haben wir einen Gummi-Handschuh angebracht, damit man da nicht abrutscht mit dem Ärmel. Und das war eine Idee von einem Schüler.“

Schutzmaßnahmen, um sich nicht anzustecken. Die einzuhalten, darauf versuchen hier alle in der Klasse zu achten. Obwohl die 9- bis 11-Jährigen genau wissen: Für die meisten Kinder ist das Virus wahrscheinlich ungefährlich. Sorgen um sich selbst macht sich keiner. Dass sie aber den Erreger weitertragen könnten, beschäftigt sie sehr.

Edgar, 11 Jahre

“Meine Mutter und mein Vater machen sich schon ein bisschen Sorgen um meine Oma, weil sie alt ist und erkrankt. Deswegen besuchen wir die auch lieber nicht. Ja, ich habe schon ein bisschen Angst, dass irgendjemand, der mir nahesteht, daran stirbt.

Lydia, 9 Jahre

“Wir versuchen meine Oma davon abzuhalten, so viel zu verreisen, weil die sehr gerne verreist, aber schon recht alt ist. Und die ist aber eigentlich fast nie zuhause. Und wir versuchen Sie jetzt davon abzuhalten, so viel zu reisen. Und ich mache mir auf jeden Fall auch Sorgen um meine Freundin, weil die hat Krebs, und für die wär das jetzt sehr gefährlich.“

Die Kinder hier sind bemerkenswert reflektiert – im Gegensatz zu manchen, die nur ein paar Jahre älter sind. In einer Berliner Grünanlage feiert eine Gruppe Jugendlicher eine feuchtfröhliche Nachmittags-Party.

Kontraste

„Habt ihr nicht Angst, dass ihr euch irgendwie ansteckt?

Jugendliche

 „Nö.“

„Es wird so krass aufgespielt das Ding, meiner Meinung nach. Ich zum Beispiel, wenn ich das bekomme, würde ich nach zwei Wochen wahrscheinlich wieder gesund sein. Aber… Also die Medien machen Angst praktisch. Ich hab Angst, dass irgendwie die gesamte Welt, wie ich sie kenne, zusammenbricht. Das ist halt echt nicht gut.“

Während die einen feiern, versuchen die Behörden, mit der Ausbreitung des Virus Schritt zu halten. In Nürnberg ist Stadtrat Peter Pluschke auf dem Weg ins Gesundheitsamt.

Im Innenhof richten Mitarbeiterinnen eine improvisierte Corona-Teststation ein. Erkrankte können hier vorfahren und sich abstreichen lassen, ohne aus dem Auto auszusteigen. Die stellvertretende Amtsleiterin hofft, so die Lage ein wenig zu entspannen.

Andrea Brouer, stellv. Leiterin Gesundheitsamt Nürnberg

„Das Problem ist einfach, dass wir nicht hinterherkommen mit den Abstrichen. Es wären deutlich mehr Abstriche zu machen. Wir besprechen das täglich, priorisieren auch, welcher Abstrich vorgezogen wird.“

Die Autoabstriche erhöhen zwar nun die Zahl der durchgeführten Tests. Doch der nächste Flaschenhals droht bereits bei der Auswertung.

Peter Pluschke, Stadtrat für Umwelt und Gesundheit Nürnberg

„Da gibt es ganz klar in den Laboreinrichtungen, Engpässe. Die Zahl der Proben ist sehr hochgelaufen, und wir haben teilweise Wartezeiten bis zu fünf Tagen. Das ist für die betroffenen Personen, die ja dann in Quarantäne warten müssen, schon sehr belastend.“

An diesem Tag fährt auch ein Arzt vor, dessen Kind einen positiv getesteten Klassenkameraden hat. Die Familie ist deshalb schon seit Tagen vorsichtshalber in Quarantäne.

„Ich bin selbst Oberarzt an der Uniklinik Erlangen, genau, an der Medizin eins, was die Infektiologie ist, und war da eben auch jetzt schon mit Schutzmaßnahmen in Kontakt mit Patienten, die das auch haben. Das Krankheitsbild ist schon eindrucksvoll stark, und für jemanden, denke ich, der sag ich mal mit Vorerkrankungen da reingeht, wird´s ernst.“

„Also wir sollten alle sehr vorsichtig sein?“

„Ja, im Sinne der Mitmenschen.“

„Ja, es wird weitere Einschränkungen geben…“

Bislang ist die Zahl der Infizierten in Nürnberg noch überschaubar. Aber Pluschke ist klar: Sie wird massiv ansteigen.

Peter Pluschke, Stadtrat für Umwelt und Gesundheit Nürnberg

„Also ich fürchte mich nicht davor, weil wir durchaus noch viele, viele Handlungsmöglichkeiten haben. Aber es kann zu bitteren Stunden kommen. Das will ich absolut nicht ausschließen.“

„Was meinen Sie mit bitteren Stunden?“

„Bittere Stunden sind, wenn unsere Behandlungskapazitäten für schwere Fälle nicht mehr ausreichen, um jedem gleich auch diese entsprechende Behandlung anbieten zu können.“

Für die Wirtschaft der Stadt ist die Krise bereits jetzt ein Desaster. Sämtliche Messen bis Mai wurden langfristig verschoben oder gleich ganz abgesagt. Leere Hallen, wo sonst Millionen-Geschäfte abgeschlossen werden.

 

Beitrag von Silvio Duwe, Bettina Malter, Markus Pohl und Norbert Siegmund

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