Apotheken-Schild. Bild: Christoph Hardt/Geisler-Fotopres
Geisler-Fotopress
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Gesundheit - Gefährliche Homöopathie und die Rolle der Apotheker

Gute Beratung und wirksame Produkte - das erwarten Kunden von ihrer Apotheke. Doch verdeckte Kontraste-Recherchen zeigen: sogar bei schweren Erkrankungen wie Corona oder Krebs raten manche Apotheken zu unwirksamen homöopathischen Produkten. Das ist kein Zufall: in Fortbildungsseminaren der Apothekerkammern wird die längst als unwissenschaftlich entlarvte Homöopathie angepriesen.

Anmoderation: Angenommen, sie haben ein kleines Wehwehchen. Nichts, womit sie zum Arzt müssten, also: ab in die Apotheke. Aber bitte keinen Hammer, eher was Natürliches – gut möglich, dass ihnen dann Globuli über den Tresen geschoben werden. Im Gegensatz zur Pflanzensalbe und zum echten Arzneimittel enthalten die zwar kein einziges Molekül Wirkstoff aber: Der Glaube daran hilft schon mal. Placebo eben. Und dass die wirkungslosen hochverdünnten Homöopathika in Deutschland immer noch vielfach von den Krankenkassen erstattet werden, verstärkt den Glauben sogar noch. Nur: Glauben ist eben nicht Wissen. Und Wissenschaft schon gleich gar nicht. Da, wo sich die Apotheker von ihr abwenden, wird’s gefährlich, wie Silvio Duwe, Hinnerk Feldwisch-Drentrup und Chris Humbs zeigen.

Die Sonnen-Apotheke in Waiblingen bei Stuttgart. Der Inhaber macht gute Geschäfte mit homöopathischen Mitteln. Doch mit so manch medizinischem Standard tut er sich schwer.

Christoph Lauinger

"Ja, Sie müssen schon die Maske runtermachen."

Kontraste

"Ich lass sie sicherheitshalber auf."

Christoph Lauinger

"Warum?"

Kontraste

"Weil es sicherer ist."

Christoph Lauinger

"Vor was?"

Kontraste

"Vor Viren zum Beispiel…"

Apotheker Lauinger fertigt Homöopathika nach einem speziellen Ritual teils noch selbst an und ist sich sicher, dass sie gegen Krankheiten wirken.

Christoph Lauinger, Apotheker

"Mein Vater war naturheilkundlicher Arzt, da bin ich vielleicht voreingenommen, aber ich weiß, dass es wirkt."

Wir fragen ihn, wie genau die Mittel wirken:

Christoph Lauinger

"Keine Ahnung, ob man da jetzt mit energetischen Wirkungen weiterkommt oder mit quantenphysikalischen, weiß keiner."

Kontraste

"Sehen Sie da keinen Konflikt mit der Berufsordnung? Da Sie am Stand der Wissenschaft auch beraten sollen."

Christoph Lauinger

"Hallo, was ist Wissenschaft? Wer bestimmt den wissenschaftlichen Standard?"

Fakt ist: Es gibt klare Kriterien für wissenschaftliche Studien zu Arzneimitteln. Und das weltweit. Fritz Sörgel ist Pharmakologe – er kennt die Studienlage zur homöopathischen Medizin. Und die sei eindeutig: Hochverdünnte Homöopathie wirkt nicht - zumindest nicht besser als ein Placebo, ein Scheinmedikament.

Prof. Fritz Sörgel, Institut für biomedizinische und pharmazeutische Forschung

"Das ist allgemein bekannt, wenn man es aus naturwissenschaftlicher Sicht sieht. Und da gibt es keinen Zweifel. Und es gibt auch keine Studien, die das Gegenteil belegen.

Deshalb müssen Apotheker – nur sie dürfen Homöopathika verkaufen - auch klare Regeln zur Werbung damit beachten:

Christiane Köber, Wettbewerbszentrale

"Apotheker dürfen für homöopathische Arzneimittel nicht mit Anwendungsgebieten werben. Das heißt, sie dürfen zum Beispiel nie sagen, ein homöopathisches Arzneimittel wirkt für oder gegen diese Krankheit. Denn tatsächlich wurde das ja auch nie in einem Zulassungsverfahren nachgewiesen."

Wir sind in mehreren Bundesländern unterwegs und testen, ob sich Apotheker an den Stand der Wissenschaft und das Werbeverbot halten. Gedreht wird mit versteckter Kamera. In dieser Apotheke heißt es etwa: Ein homöopathisches Spray soll vor einer Corona-Ansteckung schützen:

Apotheker

"Das ist ein Mittel, das formal homöopathisch ist. Da sind Bestandteile von bestimmten Erregern, von Bakterien, Viren und so weiter drin. Hier geht es auch ums Vorbeugen oder auch im akuten Fall kann man das einsetzen."

Laut Werbeflyer aus der Apotheke basiert die Flüssigkeit auf Antigenen und Antikörpern von Viren und Bakterien – so extrem verdünnt, dass faktisch keine Spuren mehr davon zu finden sind. In der Broschüre wird mit einer "sehr spezifischen Wirkungsweise" geworben. Das Mittel wehre "grippale Infekte" ab.

Prof. Fritz Sörgel, Institut für biomedizinische und pharmazeutische Forschung

"Das ist natürlich jetzt auch wieder eine wirklich absurde Geschichte. Dass man da Antitoxine und Antigene verabreicht, also es gibt da keine Basis dafür."

Christiane Köber, Wettbewerbszentrale

"Das wäre in diesem Fall unzulässig und wettbewerbswidrig."

Mehr als eine halbe Milliarde Euro setzen Apotheken jährlich mit homöopathischen Präparaten um. Ein Rechercheergebnis: Immer wieder klären Apotheker ihre Kunden nicht wissenschaftlich auf – aus Glaubensgründen oder um mehr Umsatz zu machen. Das steht im Widerspruch zur Berufsordnung.

Ein Fall aus Rheinland-Pfalz: Eine Apotheke verkaufte Globuli aus Resten von Corona-Impfstoffen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte. Verdacht: Verstoß gegen das Heilmittelwerbegesetz. Gegen Geldauflage wurde das Verfahren eingestellt.

Auch in dieser Apotheke geben wir uns als Kunden aus und fragen nach diesen Globuli.

Apothekerin

"In den leeren Impf-Fläschchen bleibt ja immer noch ein kleines bisschen was drin. Daraus haben wir homöopathische Zubereitungen hergestellt. Und dann wurde uns vorgeworfen, wir hätten gesagt, wir hätten Kügelchen, die impfen. Die impfen nicht, die sind zusätzlich zur Impfung, um die Verträglichkeit zu verbessern."

Die Apotheke darf ihre Globuli mit Impfstoffresten nicht mehr verkaufen. Nun empfiehlt uns die Apothekerin ein Herstellerset, mit dem wir selbst Impf-Homöopathika anmischen können:

Apothekerin: "Das ist nicht so schwer, im Prinzip macht man so eine Verdünnungsreihe. Dann geht es von einem Fläschchen zum nächsten. Und dann immer wieder schütteln."

Kunden vertrauen oftmals den Empfehlungen der Apotheker. Das wird bei Homöopathika besonders gefährlich, wenn es um schwere Krankheiten geht, weiß eine angestellte Apothekerin – sie möchte unerkannt bleiben.

Ihr ehemaliger Chef verkaufte regelmäßig Homöopathika, sogar an Krebspatienten. Das hielt sie nicht mehr aus und kündigte.

Whistleblower-Apothekerin

"Ich habe zum Hintergrund recherchiert und gesehen, dass die Patienten alle anderen Therapien absetzen sollen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten dem Kunden dann ins Auge zu gucken und zu wissen: Der wird da jetzt betrogen und ihm wird gesundheitlich geschadet, während ich 500 Euro einkassiere."

Das kann auch tödlich enden, wie der Fall von Anita B. zeigt. Obwohl bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde, riet ihr ein Apotheker und Heilpraktiker auf Homöopathie zu setzen. Sie starb qualvoll mit nur 46 Jahren. Nach ihrem Tod kam es zum Prozess gegen den Therapeuten Wolfgang S. Der Vorwurf: Vorsätzliche Körperverletzung.

Vor Gericht war Wolfgang Eiermann Gutachter und hat den Fall intensiv studiert:

Prof. Wolfgang Eiermann, Brustkrebsexperte und Gutachter

"Das wird schon wieder, das kriegen wir schon hin", so ging es fünf Jahre und nach fünf Jahren ist sie gestorben an Metastasen. Diese Erkrankung hätte man mit einer Operation und eventuell noch medikamentösen Nachbehandlung … zu 100 Prozent heilen können."

Das Gerichtsverfahren in Regensburg wurde letztes Jahr eingestellt, weil der Angeklagte verstorben ist.

Wir wollen wissen, wie die Apothekerkammern zur Homöopathie stehen. Regelmäßig bieten sie Schulungen zu dem Thema an. Wir nehmen an einer Online-Fortbildung teil.

Unser Referent: Dr. Wiesenauer, er ist Apotheker, Arzt und bekennender Homöopath.

Er fragt in die Runde, ob Homöopathie bei Atemproblemen mit starker Verschleimung eine wirksame Zusatztherapie sein kann – und antwortet selbst:

Dr. Markus Wiesenauer, Apotheker

"Die Antwort lautet ja. Ob das Covid ist oder ob es Erkältungsviren sind. Mit einer gewissen Atemnot, dann denken Sie an Antimonium, Tartarikum vier Mal täglich, fünf Mal täglich eine Tablette."

Wir Teilnehmer sollen für Homöopathika werben, erzählt uns Dr. Wiesenauer, damit sich die Sache weiter verbreitet:

Dr. Markus Wiesenauer

"Was Sie da gewissermaßen für ein Image aufbauen, im Sinne von: Die Eltern, die Mutter erzählt es weiter."

Nach dem Seminar erhalten wir wie alle Teilnehmer von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe ein Zertifikat. Stimmt die Kammer also mit diesen Inhalten überein?

Wir legen ihr Auszüge aus ihrem Seminar vor – daraufhin wird uns erklärt:

1) Wir werden ab sofort keine Refresher-Seminare zum Thema Homöopathie mehr anbieten.

2) Herr Wiesenauer wird für uns nicht mehr als Referent tätig sein.

3) Wir werden unsere Fort- und Weiterbildungsangebote noch einmal einer vollständigen Revision dahingehend unterziehen, ob sie … einer evidenzbasierten Wissensvermittlung entsprechen.

Ob Apotheker immer über den Stand der Wissenschaft aufklären müssen, ist rechtlich umstritten. Selbst der Chef der Bundesapothekerkammer Thomas Benkert räumt ein, immer wieder darauf zu verzichten.

Kontraste

"Wenn Sie hinterm Tresen stehen und jemand will ein homöopathisches Mittel – sagen Sie dann ganz klar dazu: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg, dass dieses Mittel wirkt."

Thomas Benkert, Präsident der Bundesapothekenkammer

"Das sage ich nicht jedes Mal dazu. Ja, mit Sicherheit nicht. Dann komme ich aus dem Beraten überhaupt nicht mehr raus. Und dass Homöopathie eine Glaubenssache auch mit ist, glaube ich, das ist selbstverständlich. Aber ich kann nicht bei jeder Abgabe von dem sagen, das verkaufe ich Ihnen jetzt, aber das ist mit Sicherheit wissenschaftstechnisch nicht wirksam. Das kann ich ja so nicht sagen, dass es nicht, nach den Standard, wie soll ich sagen, nach den Standardmethoden wissenschaftlich nicht erwiesen."

Mit transparenter Aufklärung tut man sich wohl auch an der Spitze der deutschen Apothekerschaft schwer.

Beitrag von Silvio Duwe, Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Chris Humbs

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