Ermittlungen wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen. Bild: SERGEI SUPINSKY/AFP
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Kriegsverbrechen - Putin auf der Anklagebank?

Die Hinweise auf Kriegsverbrechen durch russische Truppen in der Ukraine reißen nicht ab: Opfer und Behörden berichten Kontraste über Vergewaltigungen, willkürliche Erschießungen, Misshandlungen und Deportationen in sogenannten Filtrationscamps. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft ermittelt mittlerweile in mehr als 10.000 Fällen wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen, auch der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat ein Verfahren eröffnet. Expertinnen und Experten sind überzeugt: Angesichts des systematischen Charakters der Verbrechen könnte auch Russlands Oberbefehlshaber und Präsident Wladimir Putin auf der Anklagebank landen.

Anmoderation: Dass Putins Soldaten in der Ukraine Kriegsverbrechen begehen, ist unbestreitbar - aber was eigentlich heißt das für Putin als Oberbefehlshaber? Die Beweise jedenfalls sind erdrückend: Satellitenbilder, Handyvideos, sogar Facebook-Posts zeigen die Kriegsverbrechen quasi in Echtzeit - wohl noch nie war ein Krieg so vieldokumentiert - konnten die Ermittler so kurz nach den Taten die Arbeit aufnehmen. Sie durchsuchen das Netz, öffnen Massengräber, befragen Zeugen. Mittlerweile gehen sie von etwa 11.000 Kriegsverbrechen in der Ukraine aus. Die Frage aber bleibt: Wer wird am Ende für die Taten angeklagt - der einzelne Soldat - oder Putin selbst. Georg Heil, Chris Humbs und Markus Pohl.

Bilder eines Kriegsverbrechens: Russische Soldaten ermorden zwei Zivilisten.

An diesem Autohaus an einer Straße nach Kiew zeichnen Überwachungskameras Mitte März die Ankunft russischer Truppen auf. Auf dem Gelände treffen sie auf den Besitzer des Autohauses und einen Wärter. Die Soldaten befragen die beiden Zivilisten und durchsuchen sie. Dann entfernen sie sich.

Als die Ukrainer wieder davongehen, kehren zwei der Soldaten plötzlich zurück. Sie legen an - und schießen den Männern in den Rücken.

Der Wachmann kann sich wenig später noch einmal aufrappeln. Er schleppt sich in sein Wärterhäuschen, wo er noch um Hilfe ruft. Vergeblich.

Leonid Oleksijowytsch Plyats, 68 Jahre alt, stirbt an seinen Verletzungen.

Währenddessen zeichnen die Kameras auf, wie die russischen Soldaten miteinander anstoßen und beginnen, im Inneren des Autohauses zu plündern

Es ist einer der am besten dokumentierten Fälle wegen der die ukrainische Generalstaatsanwältin derzeit ermittelt. Insgesamt mehr als 11.000 Fälle mutmaßlicher Kriegsverbrechen zählt Iryna Wenediktowa bisher. Die ersten Täter sind bereits inhaftiert.

Iryna Wenediktowa, Generalstaatsanwältin Ukraine

"Im ganzen Land haben wir bisher 45 Verdächtige bezüglich Kriegsverbrechen identifiziert, und wir haben angefangen diese Leute anzuklagen. Sie ermordeten Zivilisten, sie bombten zivile Infrastruktur, Wohnhäuser, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, sie vergewaltigten ukrainische Menschen, sie plünderten."

Ein erster Fall wird bereits vor einem Kiewer Gericht verhandelt. Angeklagt ist der gerade einmal 21-jährige Russe Wadim S.

Andriy Sinyuk, Staatsanwalt

"Der Angeklagte hat in einem Dorf bei Charkiw einem unbewaffneten Zivilisten, der ihn nicht bedroht hat, mit einer Kalaschnikow in den Kopf geschossen."

Ukrainische Kämpfer konnten Wadim S. gefangen nehmen. Der geständige Unteroffizier sagt, die Erschießung sei ihm befohlen worden. Über die kleinen Soldaten erhalten die Gerichte Stück für Stück Informationen über die Befehlsketten.

Wolfgang Schomburg war Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag – zuständig für die Kriegsverbrechertribunale Ruanda und Jugoslawien.

Prof. Wolfgang Schomburg, ehemaliger Richter in Den Haag

"Aus dem einen Fall werden mehrere werden und aus den mehreren Fällen wird man dann auch langsam herausfinden, wer sind die höher Verantwortlichen? Die höher Verantwortlichen werden sich dann natürlich auch wieder darauf berufen, dass sie auch ihrerseits ihre Weisungen hatten. Und man wird auch bei Herrn Putin ankommen."

Putin ist der Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte. Auch als Staatschef genießt er in Den Haag keine Immunität. Sollten die Belege ausreichen, könnte er also angeklagt werden.

Quer durch die Ukraine sichern internationale und einheimische Ermittler derzeit Beweise. Sie exhumieren Leichen, dokumentieren Spuren, befragen Zeugen.

Wir sind in Butscha, im Nordwesten Kiews, Sinnbild für das Grauen dieses Krieges.

In den Ruinen ihres Hauses treffen wir Iryna Abramowa. Am 5. März setzten Putins Truppen ihr Haus in Brand, erzählt sie uns. Einer der Soldaten, wahrscheinlich ein Tschetschene, habe sie mit einem Gewehr bedroht.

Iryna Abramowa

"Er sagte, wir seien alle Banderowszy, und fragte, wo die Nazis seien. Ich erwiderte, dass es hier keine Nazis gebe. Wo sind sie, gib mir die Adresse, sagte einer von ihnen, bei euch sind die Nazis an der Macht."

Währenddessen hatten Soldaten Irinas Mann Oleg vor das Haus geführt. Dort, auf dem Gehweg, erschossen sie ihn aus nächster Nähe. Irina kann schließlich fliehen, Olegs Leiche lassen die Besatzer auf dem Gehweg liegen.

Als die ukrainische Armee Ende März Butscha zurückerobert, zeigt sich: Oleg ist nur einer von Dutzenden ermordeten Zivilisten.

Die Ermittlerin Donatella Rovera war für Amnesty International vor Ort, um die Vielzahl der Gräueltaten zu dokumentieren.

Donatella Rovera, Ermittlerin Amnesty International

"Es ist schwer - oder besser - unmöglich für uns im Moment zu sagen, ob die Soldaten entsprechende Befehle erhalten haben, oder ob sie sich einfach so verhalten haben, weil sie den Eindruck eines Klimas der Straflosigkeit hatten, dass sie für die Verletzung von Menschenrechten und Kriegsverbrechen nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Wir haben keinerlei Hinweise darauf, dass Vorgesetzte sie in irgendeiner Weise zur Verantwortung gezogen hätten."

Offenbar wurden Täter sogar belobigt. Wir treffen Maria Konowalowa, eine gebrochene Frau. Anfang März ermordeten russische Soldaten in Butscha den jüngsten ihrer drei Söhne, Dmitriy.

Maria Konowalowa

"Wie soll man sich fühlen, wenn man dir ein Drittel deines Körpers abhackt. Es tut weh, wie eine unheilbare Wunde."

Dmitriy saß beim Rauchen auf der Kellertreppe des Hauses, als ihn unvermittelt ein russischer Soldat mit mehreren Schüssen niederstreckte.

Dmitriys Bruder Alexander zeigt uns Dokumente und Abzeichen russischer Soldaten, die er in Butscha eingesammelt hat. Offenbar gehörten sie zu einer Fallschirmjäger-Division, die nachweislich hier eingesetzt war. Eine Elite-Truppe aus Pskow, die regelmäßig an Militärparaden des Kremls teilnimmt. Und die laut russischen Medien für ihren Einsatz bei Kiew mit Orden ausgezeichnet wurde.

Die ukrainische Generalstaatsanwältin ermittelt wegen Butscha auch gegen die 64. motorisierte Infanterie-Brigade. Diesen zehn namentlich bekannten Mitgliedern der Einheit wirft sie Grausamkeit gegenüber Zivilisten und Kriegsverbrechen vor.

Die russische Führung aber bestreitet all diese Verbrechen. Präsident Putin hat die beschuldigte Brigade sogar per Dekret für "Heldentum und Tapferkeit" ausgezeichnet – nachdem die Bilder von den Gräueltaten schon um die Welt gegangen waren.

Der Militärhistoriker Sönke Neitzel sagt, Putin habe damit ein Signal gesetzt: nach außen wie nach innen.

Prof. Sönke Neitzel, Militärhistoriker, Universität Potsdam

"Ich glaube, dass das eine Nachricht auch ist, um die Moral hochzuhalten dieser Truppen. Das Zeichen, was Putin nach außen sendet, ist natürlich verheerend: Ihr könnt mich mal, auf Deutsch gesagt. Es ist ein ganz klares Zeichen an die internationale Staatengemeinschaft, die sich ja alle überall unendlich empört zeigen über die Verbrechen, dass Putin sich um diese Empörung einen feuchten Kehricht schert."

Signale, die viele in der russischen Armee offenbar als Freibrief verstehen.

Anfang Mai postet ein russischer Propagandakanal dieses Video: Die Festnahme eines Ukrainers, der getötete russische Soldaten in der Nähe von Cherson ausgeplündert haben soll. Wenig später ein zweites Video: Offensichtlich misshandelt, mit einem Elektrokabel am Ohr, wird der Mann mit einem angeblichen Geständnis zur Schau gestellt:

Ukrainischer Gefangener

"An die Mütter und Ehefrauen der gefallenen Krieger: Ich bin bereit für meine Schuld mit Blut zu bezahlen."

Eine Brutalität, die Putin mit seiner Kriegs-Rhetorik mit befördert hat.

Prof. Sönke Neitzel, Militärhistoriker, Universität Potsdam

"Diese Debatte, die von Putin angestoßen wird, also die Ukraine ist ja eigentlich gar kein richtiger Staat und hat gar keine richtige Identität, es sind Russen, und die, die das nicht sind, sind ja eigentlich Nazis und sind gegen uns und sind Faschisten und die müssen dann auch entsprechend behandelt werden, das erleichtert auf jeden Fall die Kriegsverbrechen."

Vor allem die Bombardierung ziviler Ziele könnte dem Oberbefehlshaber Putin zur Last gelegt werden. Systematisch wurden ganze Wohnviertel ausradiert.

Selbst Krankenhäuser nahmen die russischen Streitkräfte offenbar gezielt ins Visier.

Und: Es gibt zahlreiche Belege für den Einsatz international geächteter Streumunition in Wohngebieten.

Hinzu kommen erschreckende Berichte aus sogenannten Filtrationslagern wie hier in Benzimenne bei Mariupol. Die Rede ist von Folter und Verschleppungen nach Russland.

Die Menschenrechts-Aktivistin Oleksandra Matwijtschuk versucht, diese Berichte zu bündeln. Sie sagt, die Russen würden in den Lagern mögliche Widerständler aussieben.

Oleksandra Matwijtschuk, Zentrum für Bürgerrechte Kiew

"Aber was passiert mit den Menschen, die ausgesiebt werden? Wir hören nur, dass sie verhaftet und in geheime Gefängnisse in Donetzk gebracht und dort isoliert werden. Aber wir können das im Moment nicht überprüfen. Wir haben auch Informationen erhalten, dass manche Menschen dort ermordet wurden."

Schon jetzt scheint klar: Ein internationaler Haftbefehl für Wladimir Putin könnte kommen.

Prof. Wolfgang Schomburg, ehemaliger Richter in Den Haag

"Früher hat man den Satz gesagt, tja, wenn die Waffen dröhnen, dann schweigt das Recht. Das ist nicht mehr so. Dass er nach Den Haag gehört, das steht für mich fest."

Bericht Olena Cherniakova, Georg Heil, Chris Humbs, Markus Pohl

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