Victor Orban, Premierminister Ungarn. Bild: Beata Zawrzel/NurPhoto
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Mathias Corvinus Collegium - Orban, die Konrad-Adenauer-Stiftung und rechte Netzwerke

Die Ausbildung einer patriotischen Elite: das ist das Ziel des Mathias Corvinus Collegiums in Budapest. Das Bildungsinstitut soll über ein Milliardenvermögen zum Teil aus ungarischen Staatsgeldern verfügen und unterstützt damit eine Konferenz christlicher Nationalisten aus aller Welt in Brüssel. Ist diese Eliteschmiede eher Propaganda- statt Denkfabrik? Kontraste-Recherchen zeigen: Das Institut arbeitet eng mit der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zusammen.

Anmoderation: Viktor Orban hat sich gerade seine vierte Amtszeit gesichert und arbeitet weiter daran, Ungarn zu einer illiberalen Demokratie zu formen – so nennt er das sogar selbst. Und das kann noch ewig so weiter gehen: Denn der rechtskonservative Nachwuchs wird bereits in Stellung gebracht: In einer Eliteschmiede, für die Orban schon 1,4 Milliarden Euro ausgab. Ein Etat, der so groß sein soll wie das gesamte Hochschulbudget des Landes, ging damit an eine einzige Adresse. Die damit diesen Prachtbau errichten will - und an der kaum renommierte Wissenschaftler zu finden sind. Das Ganze scheint weniger eine Denk- als vielmehr eine Propagandafabrik zu sein. Aber all das hält die CDU-nahe Adenauer-Stiftung nicht von einer engen Zusammenarbeit ab. Andrea Becker, Silvio Duwe und Daniel Laufer.

Brüssel im März, die National Conservatism Conference. Hier kommen Akteure zusammen, die der Verdruss über die offene Gesellschaft eint – auch er: der Ungar Balázs Orbán

Balázs Orbán

„We say no to mass migration, and we keep up the commitment of defending our borders. […] And we will protect our children through referendum from the LGBTQ propaganda which already captured the kindergardens and elementary schools of some western societies.“

„Wir sagen Nein zur Massenmigration, und wir halten an der Verpflichtung fest, unsere Grenzen zu verteidigen. Und wir werden unsere Kinder durch ein Referendum vor der LGBTQ-Propaganda schützen, die bereits die Kindergärten und Grundschulen einiger westlicher Gesellschaften erobert hat.“

Balázs Orbán - nicht verwandt mit Regierungschef Viktor Orbán, als politischer Direktor aber dessen rechte Hand. Er sitzt für Viktor Orbáns Partei Fidesz im Parlament.

Und: Er ist Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung des Mathias-Corvinus-Collegiums in Budapest.

Das MCC: Es ist keine Universität, sondern eine Institution zur Elitenförderung. Kritiker sagen: wohl eher eine Kaderschmiede.

Im Netz verkauft sich das MCC als akademische Einrichtung, die moderne Bildung für mehr als 4000 Studierende bietet. Seine Vision:

Zitat MCC-Website

„Our goal is to prepare the next patriotic generation.“

„Unser Ziel ist es, die nächste patriotische Generation vorzubereiten.“

Ein Kuratoriumsvorsitzender, der gegen „Massenmigration“ und Homosexuelle agitiert – was sagt die Bildungseinrichtung dazu? Der Pressesprecher des MCC drückt sich vor einer Antwort.

Kontraste

„Drückt das sozusagen auch das Werteverständnis des MCC aus?“

Krisztián Erdei

„Ich bin nicht befugt, die Aussagen eines Politikers, eines Staatssekretärs als Kommunikationsdirektor von MCC zu kommentieren.“

Das Netz des MCC reicht auch in CDU-Kreise. Im vergangenen Jahr als Gastdozent in Budapest eingetroffen: der emeritierte Professor Werner Patzelt.

Der Politikwissenschaftler erlangte Bekanntheit als Pegida-Forscher. Patzelt ist CDU-Mitglied. 2019 machte er Wahlkampf für die Partei – und referierte am MCC über Menschen, die aus Kriegsgebieten nach Deutschland geflüchtet waren:

Werner Patzelt

„We tried to integrate them into our society, which is absolutely nonsensical. If we hope that refugees from wars go back home after the war has come to an end and help to reconstruct their countries, then it makes absolutely no sense to take them to far countries and to integrate them in these societies.“

„Wir haben versucht, sie in unsere Gesellschaft zu integrieren, was absolut unsinnig ist. Wenn wir hoffen, dass Kriegsflüchtlinge nach Beendigung des Krieges in ihre Heimat zurückkehren und zum Wiederaufbau ihrer Länder beitragen, dann ergibt es absolut keinen Sinn, sie in ferne Länder zu bringen und sie in diese Gesellschaften zu integrieren.“

Das Umfeld des MCC propagiert den Werteverfall einer verkommenen westlichen Welt, schwört sich ein auf einen gemeinsamen Feind.

Balázs Orbán

„Today we see progressives trying to execute an ideological jihad on anybody who thinks differently.“

„Heute sehen wir, wie die Progressiven versuchen, einen ideologischen Dschihad gegen jeden zu führen, der anderes denkt.“

Das MCC bestreitet, radikal und nationalistisch zu sein – aber genau das ist es in den Augen der Konfliktforscherin Annika Brockschmidt. Sie hält es für ein Projekt der Regierung von Viktor Orbán – ein Vorbild für Nationalisten auf der ganzen Welt:

Annika Brockschmidt

„Die Blaupause beziehungsweise die Traumvorstellung eines Staates dieser Nationalist Conservatives ist quasi Viktor Orbáns Ungarn. Das heißt: ein christlich-nationalistisch geprägter oder ein ethno-nationalistischer Staat, autoritär regiert, wo rechte Christen in allen Bereichen der Gesellschaft eine Vormachtstellung innehaben.“

Eine Vormachtstellung auch in der Bildung, in die Viktor Orbán viel Geld investiert. Das MCC besteht seit 1996, in den vergangenen Jahren ließ die ungarische Regierung in eine neu gegründete MCC-Stiftung Staatsvermögen im Wert von rund 1,4 Milliarden Euro verschieben.

Das MCC hält jeweils 10 Prozent der Anteile am Ölkonzern MOL und dem Pharmariesen Gedeon Richter.

Öffentliche Gelder, die in einem privaten Trust verschwinden. Die EU-Kommission kritisiert diese Intransparenz in ihrem Bericht über die Rechtsstaatlichkeit – so auch die SPD-Politikerin Katarina Barley, Vizepräsidentin des EU-Parlaments:

Katarina Barley, SPD

„Das ganze System Orbán muss entflochten und quasi gesprengt werden. Das MCC ist eine Bildungseinrichtung und Bildung muss von ideologischer Indoktrinierung freigehalten werden. Deshalb muss diese Stiftungsstruktur aufgegeben werden.“

All das scheint die der CDU nahestehenden Konrad-Adenauer-Stiftung nicht zu stören. Mehrmals pro Jahr tritt sie als Partnerin des MCC auf. Fürs MCC ist sie ein Türöffner nach Deutschland.

Ein MCC-Termin im Februar in Budapest, veranstaltet mal wieder mit der Adenauer-Stiftung.

Gergely Gulyás – Mitglied von Fidesz, so etwas wie Viktor Orbáns Kanzleramtsminister – zieht über Deutschland her:

Gergely Gulyás

„Deutschland ist ein großes Land und entsprechend vielfältig – auch wenn diese Vielfalt in manchen Bereichen fehlt, zum Beispiel in der Presse in besorgniserregendem Ausmaß. In der deutschen Presse gibt es keine Vielfalt.“

Das Narrativ einer deutschen Einheitspresse, verbreitet von einem ungarischen Regierungsmitglied vor dem Logo der Adenauer-Stiftung – der Leiter des Budapester Büros Michael Winzer ließ das unwidersprochen geschehen – und rechtfertigt sich:

Michael Winzer

„Also wir waren ja da ein Veranstalter von vielen.“

Kontraste

„Haben Sie die Befürchtung, dass die Konrad-Adenauer-Stiftung sich als Feigenblatt in Ungarn missbrauchen lässt vom MCC für Fidesz-Propaganda?“

Michael Winzer

„Also dem Eindruck, dass bei unseren Veranstaltungen Fidesz-Propaganda verbreitet wird, dem Eindruck muss ich entschieden entgegentreten.“

Dabei ist die enge Verbindung zwischen Viktor Orbáns Partei Fidesz und dem MCC nicht zu leugnen. Ist das MCC womöglich selbst eine Fidesz-Einrichtung?

Krisztián Erdei

„Das ist falsch, denn wir betrachten uns so, dass wir partei- und ideologisch unabhängig sind, aber nicht Werteunabhängig.“

Parteiunabhängig? Werner Patzelt, der deutsche Gastdozent am MCC, behauptet allerdings:

Werner Patzelt

„Von der Sache her ist es so, dass ein großer Teil der am MCC Tätigen mit Fidesz sympathisiert oder Fidesz angehört.“

Die Zusammenarbeit mit ausländischen, vor allem deutschen Partnern sei Teil der Legitimationsstrategie von Viktor Orbán, sagt Katarina Barley.

Katarina Barley, SPD

„Man muss da schon hinschauen, wer dahintersteckt und muss aufpassen, dass man nicht Orbáns Spiel spielt.“

Trotzdem lässt sich ins Netzwerk des MCC nicht nur die parteinahe Adenauer-Stiftung einbinden, sondern auch der CDU-Vorsitzende höchstpersönlich: Friedrich Merz. Und das, obwohl seine Partei die Kontakte zur Fidesz weitgehend abgebrochen hat.

Anfang des Jahres erschien im MCC-eigenen Verlag die ungarische Ausgabe seines Buches „Neue Zeit. Neue Verantwortung.“ Es ist dessen einzige Übersetzung.

Im Angebot des Verlags MCC-Press steht Merz nun auch zwischen rechtsradikalen Autoren – wie David Engels – der schrieb:

„Das Ziel ist es daher auch nicht - oder: noch nicht -, einen 'Sturm auf die Parlamente' in die Wege zu leiten“

… und Rolf Peter Sieferle

„Hat man nicht gar die 'Auschwitzlüge' als eine Art Gotteslästerung mit Strafe bedroht?“

Ein angemessenes Umfeld für einen Parteivorsitzenden der CDU?

Fragen von Kontraste dazu will Friedrich Merz nicht beantworten.

Das Mathias-Corvinus-Collegium: Ist es eine Speerspitze in Viktor Orbáns Abwehrkampf gegen ein liberales Europa?

Beitrag von Andrea Becker, Silvio Duwe, Daniel Laufer

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