Berliner Tiergarten ein Sicherheitsrisiko? - Obdachlose werden zum Spielball der Politik

Sie sind unübersehbar im Stadtbild und es werden immer mehr: Obdachlose. Viele von ihnen kommen aus Osteuropa. Droht der Berliner Tiergarten zu verwahrlosen? Obdachlose Arbeitsmigranten treffen auf minderjährige Flüchtlinge, die sich prostituieren. Seit ein grüner Stadtrat die "Abschiebung" der Obdachlosen gefordert hat, streitet die Politik über den Umgang mit europäischen "Armutsmigranten".

Anmoderation: Deutschland - Wohlstandsland. Kein Wunder, dass immer mehr Arbeitsmigranten. Gerade auch aus Osteuropa, zu uns kommen. Viele allerdings stranden in der Obdachlosigkeit, das sorgt zunehmend für sozialen Sprengstoff. Und das ausgerechnet in einer der Attraktionen der Hauptstadt, dem berliner Tiergarten: dort prallen jetzt viele Konflikte aufeinander - Obdachlose aus aller Welt, Drogenhandel und Prostitution. Manch ein Politiker schlägt harte Töne an. Es seien No-go Areas entstanden. Unsere Autoren Diana Kulozik, Christoph Rosenthal, Axel Svehla und Caroline Walter, haben sich auf Spurensuche gemacht.

Der Berliner Tiergarten – DAS Erholungsgebiet mitten in der Hauptstadt. Beliebtes Ausflugsziel von Touristen.

Doch der Park ist offenbar zum Brennpunkt sozialer Konflikte geworden.

Der grüne Bezirksbürgermeister schlägt jetzt medienwirksam Alarm. Es geht um die vielen Obdachlosen, die jetzt schon im Tiergarten hausen und Ärger machen würden. Sie sollen weg.

Stephan von Dassel (Bü‘90/Die Grünen), Bürgermeister Berlin-Mitte

"Im schlimmsten Fall müssen wir Menschen abschieben. Dass die Politik sich bis dato davor drückt, dass auch mal zu Ende zu denken. Und zu sagen, was machen wir denn, wenn wir noch einmal doppelt so viele Wohnungslose aus Ost- und Südosteuropa haben. Wie gehen wir damit um?"

Vor allem aggressive Osteuropäer seien zunehmend ein Problem, behauptet der Grüne.

Stephan von Dassel (Bü‘90/Die Grünen), Bürgermeister Berlin-Mitte

"Es waren die Beschäftigten, die sie gesagt haben, sie möchten morgens einfach nicht mehr zur Arbeit kommen. Sie laufen durch Fäkalien. Sie sind täglich dem Risiko ausgesetzt irgendwie eine  Bierflasche an den Kopf geworfen zu kriegen."

Dazu kam: Im September geschah ein Mord im Tiergarten: Auf diesem Weg wurde eine Passantin umgebracht – wegen 50 Euro und einem Handy. Der mutmaßliche Täter: ein 18jähriger obdachloser Asylbewerber aus Tschetschenien. Seitdem stehen alle Obdachlosen unter Generalverdacht – auch von manchen Medien.

Wir wollen mehr über die Menschen an diesem Ort erfahren und treffen auf ganz unterschiedliche Schicksale. Wie das von Christof aus Polen – er lebt unter der Bahnbrücke nahe dem Tatort. Dass er und andere Osteuropäer jetzt am Pranger stehen, bringt ihn auf.

Polnischer Obdachloser

"Was sollen wir machen? Was sollen wir jetzt sagen? Dass da haben wir nichts gemacht! Wir sind unschuldig."

Er erzählt, dass er selbst Angst hat seit dem Mord. Der Schlafplatz neben ihm wurde gerade in Brand gesteckt – das Gerücht: Es waren Deutsche.

Der 24Jährige ist seit fast einem Jahr auf der Straße. Seine polnische Familie hat ihn verstoßen, nur weil er schwul ist.

Polnischer Obdachloser

"Ich habe so geweint. Ich bin nach Deutschland gekommen, weil hier ein bisschen tolerant ist. Und das trotzdem bin ich hier nach Deutschland umgezogen. Und ich habe auch die Arbeit gesucht. Und dann haben mir alles gestohlen, meine Dokumente, Rucksack, alles."

Hier entlang des Bahndamms haben einige Obdachlose ihr Zelt aufgeschlagen – darunter auch diese beiden Deutschen. Sie befürchten, dass jetzt alle vertrieben werden.

Obdachloser

"Wir belästigen ja keine Leute oder so, so wie es eigentlich heißt, wir sind total aggressiv oder so. Das sind wir ja nicht. Und Drogen? Wir haben mit dem Zeug nichts zu tun. Wir leben hier einfach nur bis wir halt eine Wohnung haben."

Die beiden waren schon in Bayern obdachlos. Aber dort werde hart durchgegriffen. Wenn man nur eine Zigarette drehe, vermute die Polizei schon einen Joint. In Berlin fühlen sie sich wohler.

Obdachloser

"Ich kenn das ja von früher so, dass es hier eine Bahnhofsmission gibt. Unterstützung hast Du hier schon eigentlich, sag ich mal. Zum Essen kriegst Du genügend und alles Mögliche."

In eine Obdachlosenunterkunft wollen sie nicht, da würden die schlimmsten Krankheiten grassieren wie Krätze. Sie wollen eine Wohnung. Doch dafür müssten sie erst einmal Hartz IV beantragen.

Obdachloser

"Nee, mache ich nicht. Das kann ich nicht erklären warum, aber ich gehe nicht gern zum Arbeitsamt."

Es gibt zwar Sozialarbeiter, die sie unterstützen, aber es bleibt bei guten Ratschlägen.

Obdachloser

"Die sollen einen einfach an die Hand packen und sagen: Komm, jetzt gehen wir. Machen wir was. Und das macht keiner."

Wir treffen die zuständigen Sozialarbeiter vor Ort. Sie erzählen, es kämen immer mehr Obdachlose nach Berlin, aber die Hilfsangebote würden überhaupt nicht ausreichen.

Andreas Abel, Sozialarbeiter Gangway e.V.

"Hier in Berlin gibt’s exakt derzeit sechs Streetworker, die sich um wohnungslose Erwachsene kümmern, und das ist unser Team, in dem ich arbeite. Und von daher, wir haben Tausende von Obdachlosen, wir können leider nicht jeden an die Hand nehmen und mit zur Behörde begleiten."

Gleich neben den Deutschen übernachten Osteuropäer. Viele von ihnen arbeiten schwarz oft für nur 5 Euro die Stunde.

Anders Maria aus Polen. Sie hat einen legalen Minijob. Für 450 Euro putzt sie in einem schicken Hotel – oft mehr als die vereinbarten 25 Stunden. Aber das Geld reicht nicht, um eine Unterkunft für sich und ihren Mann zu bezahlen.

Maria

"Ich weiß nicht, wie lange ich das mit dem Job noch so durchhalte."

Duschen muss sie in der Bahnhofsmission. In die Heimat zurückgehen ist für sie dennoch keine Option.

Maria

"In Deutschland ist es Hundertmal besser als in Polen.  Dort gibt es einfach keine Arbeit."

Er sagt, in Polen dürfe man keinen Alkohol auf der Straße trinken, das koste 25 Euro Strafe und irgendwann lande man im Knast.

Was sie beide nicht wussten, Marias Minijob ist ohne Krankenversicherung.

EU-Bürger wie sie haben ein Recht hier zu arbeiten. Wer aber obdachlos ist und scheitert, erhält in Deutschland keine staatliche Hilfe.

Der grüne Bezirksbürgermeister findet, sie müssten dann auch ausgewiesen werden.

Stephan von Dassel (Bü‘90/Die Grünen), Bürgermeister Berlin-Mitte

"Irgendwann muss man konsequent sein und sagen: Wollen wir die polnische, die ungarische, die slowakische Regierung auch weiterhin ermuntern ihre sozialen Probleme dadurch zu lösen, dass sie Menschen in unsere Grünanlagen vertreibt? Das kann eben auch nicht Ziel sein."

Andreas Abel, Sozialarbeiter Gangway e.V.

"Einfach zu sagen, wenn jetzt einmal einer der hierhergekommen ist und hier arbeiten wollte, der es dann hier nicht geschafft hat und hier auf der Straße landet – den einfach abzuschieben, halte ich erst einmal praktisch überhaupt nicht für umsetzbar, denn die Grenzen sind offen, und besonders human finde ich es eigentlich auch nicht."

EU-Bürger kann man nur ausweisen, wenn sie Straftaten begehen.

Berlin ist mittlerweile zum Anziehungspunkt für Obdachlose geworden. Das Dilemma: Je mehr Hilfsangebote es für sie gibt, desto attraktiver wird es, hierher zu kommen.

Laut Polizei sei die Kriminalität im Park trotz der vielen Obdachlosen nicht gestiegen.

Thomas Neuendorf, Polizei Berlin

"Der Tiergarten ist kein Brennpunkt, es ist kein kriminalitätsbelasteter Ort. Deshalb ist die Straftatenlage dort so, dass die Polizei nicht mehr machen muss. Aber wir haben natürlich volles Verständnis dafür, dass sich Menschen unwohl fühlen, wenn dort gebettelt wird, Alkohol getrunken wird, rumgegröhlt wird."

Doch die Polizei ignoriert einen besonderen Brennpunkt im Tiergarten an dem die Situation längst gekippt ist. Rund um diese Kirche geht es um andere Probleme. Hier campieren vor allem Asylbewerber. Die beiden Afghanen wollen nicht mit uns reden, ihr Leben sei schon immer schlimm gewesen. Sie rufen:

Afghanische Flüchtlinge

"Verschwindet, wir brauchen keine Hilfe!"

Sie sind drogenabhängig. Überall liegen gebrauchte Spritzen herum, das ganze Areal ist vermüllt. Anwohner werden bedroht und belästigt.

Bürger

"Es würde nur zu Ende sein, wenn unsere Beamten konsequent durchgreifen. Aber sie verdrängen es dann anderswo hin. Und dann geht es dort wieder genauso los. Das sind zum Beispiel zwei Dealer, die da jetzt kommen."

Kontraste

"Can we ask you something?"

Bürger

"Sie kommen vier, fünfmal am Tag und bringen was und machen was und so weiter…"

Direkt neben der Kirche prostituieren sich junge Männer, überwiegend Asylbewerber. Während unserer Umfrage kommt gerade ein deutscher Freier aus dem Busch nach Sex mit einem Flüchtling.

In unmittelbarer Nähe vom Kinderspielplatz floriert dieser Schwulenstrich. Es geht den ganzen Tag: mit entsprechenden Hinterlassenschaften.

Passantin

"Das ist ja nicht nur der Strich, das ist überhaupt die ganze Obdachlosigkeit hier. Auch die Aggressionen im Park, ja. Also mir macht das immer weniger Spaß und ich habe auch natürlich, wenn ich abends spazieren gehen möchte, immer mehr Angst.

Wir lernen diesen pakistanischen Asylbewerber kennen – er zeigt uns seinen Abschiebebescheid. Eigentlich hätte er Deutschland längst verlassen müssen. Er versteckt sich im Park vor der Polizei. Nicht der einzige.

Viele, die sich an diesem Ort prostituieren, haben kein Geld mehr, sind gezwungen anzuschaffen. Wir kommen mit diesem afghanischen Flüchtling ins Gespräch.

Flüchtling

"Ich sehe hier viele, die noch minderjährig sind, das macht mich traurig. Für 10 bis 20 Euro machen die Jungs alles."

Auf dem Gelände der Kirche wurde mittlerweile aufgeräumt und abgeholzt – die Plätze der Obdachlosen sind nun versperrt.

Das Problem wandert im Park aber nur weiter.

Obwohl es hier um den Verdacht der Prostitution von Minderjährigen geht und um Ausreisepflichtige – hält sich die Polizei auch aus Political Correctness zurück.

Thomas Neuendorf, Polizei Berlin

"Des nächstens da mit großen Polizeirazzien reinzugehen in den Tiergarten wird dann auch schnell als Hatz gegen Schwule wahrgenommen, so dass wir auch da das Augenmaß wahren müssen."

Im Tiergarten prallen viele Probleme aufeinander. Bis jetzt hat keiner eine Lösung - damit der Park wieder das wird, was er sein soll – ein Erholungsgebiet für alle.

Beitrag von Diana Kulozik, Caroline Walter, Christoph Rosenthal und Axel Svehla

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