Antigen-Schnelltest zum Nachweis von Covid-19. Foto: Sven Hoppe/dpa
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Corona-Schnelltests - Heilsbringer für den Winter?

Der Run auf die Corona-Schnelltests ist groß. Sie sollen ein Stück Normalität zurückbringen, so das Versprechen der Bundeskanzlerin. Erstmal sollten die Tests nur für Pflegeheime und Gesundheitseinrichtungen sein, doch längst decken sich offenbar auch Firmen auf dem freien Markt damit ein: in die Höhe getrieben werden Preise und Nachfrage. Fast 200 verschiedene Schnelltests stehen auf einer Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) - was wie eine Art Gütesiegel aussieht. Doch wie sicher diese Tests sind, ist unklar. Die Hersteller zertifizieren sich selbst, wirklich unabhängig geprüft sind bisher die wenigsten.

Anmoderation: Gut, dass sie da sind - hat sie sie auch schon - die PandeMü-digkeit? Dieses Gefühl, dass das alles nie enden wird, dass der Impstoff viel zu lange auf sich warten lässt. Aber: es gibt Hoffnung. Corona-Schnelltests könnten die Wende bringen. Ergebnisse in Minuten, ganz ohne Labor - und sogar: zuhause. Die Möglichkeiten sind wahnsinnig: Einmal schnell alle durchtesten am Einlass – und schon könnten wir wieder mit Tausenden ein Konzert besuchen, feiern, oder auf den Weihnachtsmärkten Schlangestehen - wie früher. Klingt zu schön, um wahr zu sein – und leider ist es das auch…wie Markus Pohl und Ursel Sieber herausgefunden haben.

Ein Baustoffhof am Rande Berlins: Hier bietet eine geschäftstüchtige Urologin schon die neuen Antigen-Schnelltests auf eine Corona-Infektion an. Auswertung direkt vor Ort. Wer 83 Euro bezahlt, bekommt innerhalb einer Stunde sein Testergebnis zugemailt. 

Anonym

„Wegen meiner Arbeit im Büro wollte ich einfach sicher gehen, ob ich im Moment Corona habe oder nicht.“

„Wir wollen morgen mit dem Auto durch Frankreich nach Spanien. Und die Franzosen, die verlangen, was ich weiß, einen Test.“

Diese Lehrerin hofft, mit dem Schnelltest wenigstens für einen Tag ein ganz normales Leben führen zu können – auch über das Erlaubte hinaus.

Lehrerin

„Ein Schüler von mir wurde gerade positiv getestet. Und bei meinem Kind zuhause steht gerade der Kindergeburstag an. Ich wüsste gerne, ob ich feiern darf. Eltern sind dabei, sollen dabei sein, deswegen.“

Auch die Lufthansa setzt auf die Schnelltests. Vergangene Woche startete auf ausgewählten Strecken ein Probelauf, bei dem direkt vor Abflug Personal und Passagiere getestet werden.

Christoph Leffers, Taskforce „Corona Testing“, Lufthansa

„Wir glauben, dass Testen eine Möglichkeit ist, das Reisen wieder zu ermöglichen und ein sicheres Reisen in Corona-Zeiten möglich zu machen.“

Die Antigen-Schnelltests nähren die Hoffnung auf mehr Normalität in der Pandemie. Weltweit läuft die Produktion derzeit auf Hochtouren. Zwar sind sie nicht so genau wie die bisherigen PCR-Tests aus dem Labor.

Infektiologen sehen den Schnelltest aber dennoch als sinnvolle Ergänzung an.

Dr. Claudia Denkinger, Infektiologin, Universitätsklinikum Heidelberg

„Zum einen ist es, dass der Test mit großer Sicherheit die detektiert, die eine hohe Viruslast haben und deshalb mehr Uebertragung verursachen als die, die nur eine geringe Viruslast haben. Zum anderen ist das Ergebnis sehr schnell da, und man kann die Personen informieren, so dass sie sich isolieren.“

Die Bundesregierung hat bereits 23 Millionen Schnelltests geordert, vor allem für das Gesundheitswesen. 

Aber ist alles, was da jetzt auf den Markt drängt, wirklich zuverlässig? Auf dem Berliner Baustoffhof ist das Vertrauen groß.

Anonym

„Also ich denke schon, in Deutschland wird das alles geprüft, wenn das nicht geprüft wird, wird das nicht stattfinden.“

„Die Tests sind gelistet, da habe ich im Internet nachgeguckt.“

Tatsächlich wirbt die Teststation im Netz: Man nutze nur Produkte, die vom „Bundesministerium“ für Arzneimittel und Medizinprodukte gelistet sind.

Gemeint ist das gleichnamige Bundesinstitut in Bonn, kurz BfArM. Die Behörde listet mittlerweile mehr als 200 zugelassene Corona-Schnelltests auf. Und die Angaben lesen sich beeindruckend: Bei der Sensitivität – also wie viele Infizierte vom Test erkannt werden – kommen fast alle Anbieter auf weit über 90%.

Die Infektiologin Claudia Denkinger aber warnt davor, diesen Werten pauschal zu trauen. Denn die Zahlen sind nicht etwa behördlich geprüft- sie beruhen einzig auf den Angaben der Hersteller.

Dr. Claudia Denkinger, Infektiologin, Universitätsklinikum Heidelberg

„Wir haben in unseren eigenen Untersuchungen festgestellt, dass die Herstellerangaben in den wenigsten Fällen letztendlich verifizierbar sind. Das heißt, die wurden geschönt mit einfachen Proben, die hohe Viruslasten haben.“ 

Kontraste

„Das heißt, es ist aber eigentlich auch ein Problem, dass eine Liste so in der Form veröffentlicht wird?“ 

Dr. Claudia Denkinger, Infektiologin, Universitätsklinikum Heidelberg

„Ich denke, dass es ein großes Problem ist. Und ich war da schockiert, als ich am Anfang die Liste gesehen habe.“

Denkinger befürchtet, die BfArM-Liste könnte als eine Art Gütesiegel missverstanden werden.

Dr. Claudia Denkinger, Infektiologin, Universitätsklinikum Heidelberg

„Dann wird hier eingekauft aufgrund von der Liste und wird teilweise sicherlich auch Schrott eingekauft, was unglaubliche Konsequenzen haben kann für die Personen, die sich dann drauf verlassen, dass sie jetzt negativ sind und ihre Mutter besuchen können im Pflegeheim.“

Warum also hat die Bundesregierung die Liste in dieser Form veröffentlicht? Wir fragen nach beim Gesundheitsmnister.

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

„Um es zügig zu machen, haben wir erstmal, mussten wir uns erst einmal auf Herstellerangaben verlassen. Gleichwohl haben wir ein Konzept, wie wir nach und nach und nach natürlich alle Herstellerangaben dann auch überprüfen.“

Für viele Pflegeeinrichtungen dürfte das aber zu spät kommen. Denn um Bewohner und Mitarbeiter besser zu schützen, haben die in den vergangenen Wochen bereits in großem Stil Schnelltests geordert. So wie auch Dennis Küper, Geschäftsführer eines Katholischen Altenheimes in Essen.

Dennis Küper, Leiter Katholisches Altenpflegeheim St. Georg in Essen

„Ich kenne ganz viele Kollegen, die sich darauf verlassen haben, dass diese Liste stimmt. Es sind auch große Verbände losgelaufen und haben nach dieser Liste entsprechend eingekauft, weil sie dachten, alles was draufkommt ist geprüft. Und wir kriegen immer wieder Rückmeldungen, wo es dann wirklich heißt, wir haben hier Tests, die allein von der Handhabbarkeit her sind die nicht nutzbar.“

Dennis Küper bleibt jetzt nur die Hoffnung, dass der von ihm gewählte Hersteller auch hält, was er verspricht. Heute werden die Mitarbeiter im Umgang mit den neuen Schnelltests geschult:

„Sobald ein Widerstand ist, geh ich zurück und änder meinen Winkel. Weiter, weiter, weiter rein.“

Die Wahl des Anbieters war auch eine finanzielle Frage. Denn die Heime bekommen von den Kassen nur 7 Euro pro Test erstattet.

Dennis Küper, Leiter Katholisches Altenpflegeheim St. Georg in Essen

„Wir kriegen sehr viele Angebote, die sind deutlich da drüber, die sich dann fast schon mehr an die Industrie richten, weil die haben natürlich die Budgets, und das Kapital steht da zur Verfügung.“

Allein die Lufhansa hat 250.000 Tests geordert. Nach Kontraste-Informationen haben sich auch andere große Unternehmen eingedeckt.

Und auch Privatleute mischen mit: Wir machen die Probe bei einem Versandhändler und behaupten - wie vorgeschrieben - professioneller Anwender zu sein. Nachgeprüft wird das nicht.

Nach wenigen Tagen kommen die Tests eines Schweizer Herstellers bei uns an. Für 12 Euro 50 das Stück. Fast das doppelte dessen, was Altenheime zahlen können.

Die Nöte der Pflegeheime erstaunen: Immer wieder hat die Bundesregierung betont, gerade sie sollten von den Schnelltests profitieren.

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin

„Wir können jetzt mit Schnelltests im Grunde Besucher, die in Altenheime und Pflegeheime gehen, testen.“

Doch das bleibt ein frommer Wunsch, meint Heimleiter Küper. Denn Testen darf nur medizinisches Personal – und das kann er nicht für die Besucher entbehren.

Dennis Küper, Leiter Katholisches Altenpflegeheim St. Georg in Essen

„Im Prinzip wären dann zwei, drei bis vier Pflegekräfte den ganzen Tag damit beschäftigt, nur noch zu testen, wenn wirklich jeder Besucher getestet werden würde. Und das fehlt einfach an Personal letzten Endes.“

Vieles wäre einfacher, wenn die Schnelltests auch zum Eigengebrauch freigegeben wären. So wie das Stefanie Vietor jeden zweiten Morgen macht.

Stefanie Vietor, Oberstudienrätin

„Das bleibt unangenehm. Also das ist immer so ein Moment morgens, wo man froh ist, wenn es wieder vorbei ist.“

Die Lehrerin nimmt an einer Studie der Frankfurter Uni teil. Herausgefunden werden soll, ob auch solche Selbsttests zu einem sicheren Schulunterricht beitragen können. Vor Dienstantritt wertet Vietor jetzt den Test im heimischen Wohnzimmer aus. Das Ergebnis liest sie ab wie bei einem Schwangerschaftstest.

Stefanie Vietor, Oberstudienrätin

„Ich sehe glücklicherweise keinen zweiten roten Strich. Das heißt, der Test ist negativ. Und damit bin ich mit ziemlicher Sicherheit nicht mit dem Corona-Virus infiziert. 

Vietor kann heute also beruhigt zum Unterricht. Der an Hessens Schulen eingesetzte Test ist bereits unabhängig geprüft: Er erkennt 96 Prozent aller Infizierten mit hoher Viruslast. Stefanie Vietor hofft, dass solche Selbsttests künftig massenhaft eingesetzt werden können – auch über die Schule hinaus. 

Stefanie Vietor, Oberstudienrätin

„Wir können uns eine größere Sicherheit verschaffen, dass die Menschen, die zusammenkommen, auch zu einem hohen Prozentsatz Covid-negativ sind und wir somit beispielsweise wieder so Dinge machen können: Wir können ins Konzert gehen, ins Theater, wir können Fitnessstudios besuchen und so weiter. Wir können natürlich in die Schule gehen und damit ein Teil unseres Lebens wieder zurückbekommen. Und trotzdem das Virus in Schach halten.“

Ein Leben fast wie damals – vor Corona. Aber nur mit geprüften Tests, die auch verfügbar sind.

 

Beitrag von Markus Pohl und Ursel Sieber

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