Restaurant am Limmatquai in Zürich. Foto: Manuel Geisser/imago images
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Corona in der Schweiz - Volle Restaurants und Intensivstationen

Wer bekommt ein Intensivbett, wer ein Beatmungsgerät – wenn alle Betten belegt sind? Eine schwierige Frage, die Ärzte auf Intensivstationen seit Corona vermehrt beantworten müssen. In der Schweiz, wo die Zahl der Corona-Kranken regelrecht explodiert ist, hilft nun die Armee aus. Denn Ärzte und Pfleger kommen nicht mehr hinterher. Eine Reportage von einer Klinik im Kanton Wallis.

Anmoderation: Und wie es läuft, wenn man aus Rücksicht auf die Wirtschaft alles erstmal weiterlaufen lässt, kann man gleich nebenan sehen. In der Schweiz. Während längst die zweite Welle über Europa rollte, blieb jenseits der Alpen fast alles beim Alten. Vielerorts will man sich seinen Schümli auf der Terasse immer noch nicht nehmen lassen - so wie hier gerade Gestern in Zürich. Und die Folgen sind heftig: Inzwischen gibt es in der Schweiz keine regulären Intensivbetten mehr - alle belegt. Cosima Gill war da, wo die Krise mit am härtesten zuschlug. 

Die Betten auf der Intensivstation im Spital Sitten sind belegt. Und Chefarzt Raymond Friolet hat zunehmend Probleme, die vielen Corona-Erkrankten zu versorgen. 

Dr. Raymond Friolet, Chefarzt Intensivmedizin 

„Wir haben Leute aus der Armee, die uns zur Verfügung gestellt wurden, um bei diesen Dreha-Abeiten zu helfen. Das kommt der Katastrophenmedizin nahe.“ 

Militärs helfen beim Patienten drehen. Während in Deutschland Soldaten bislang nur in Gesundheitsämtern unterstützen, ist in der Schweiz Anfang November die Armee in die Krankenhäuser eingerückt. Zu erschöpft und auch überfordert sind Pfleger und Ärzte offenbar inzwischen. Über 85 Prozent der Patienten hier auf der Intensivstation sind an Covid-19 erkrankt.

Dr. Raymond Friolet, Chefarzt Intensivmedizin Spital Sitten 

„Wie viele Betten wir auch öffnen mögen, ob es nun 2, 5 oder 10. Das ist wie ein Tropfen im Meer. Ich nehme das Beispiel einer Flutwelle, die vielleicht 30 Meter hoch ist und wir sind mit viel Mühe am Kämpfen,  dass wir von einer zwei Meter Mauer zu einer drei Meter Mauer kommen, aber so lange die Flutwelle nicht kupiert wird, werden wir nie stand halten können.

Es sind einfach zu viele Patienten für zu wenige Betten – und so kommt Krankenschwester Silvia Theiner in schwierige Situationen.

Silvia Theiner, Krankenschwester

„Von den Atmungsgeräten muss man manchmal entscheiden, wenn es zweien nicht gut geht und man hat das letzte Atmungsgerät in Verwendung, dann muss man schon diskutieren, wo ist das jetzt besser. Sollen wir das dieser Person geben oder der anderen.“

Für diese Fälle gibt es nun neue Regeln, die bald zum Einsatz kommen könnten:

Darin ein so genannter „Gebrechlichkeitsscore“: Was sperrig klingt bedeutet zum Beispiel im Ernstfall: Wer über 85 Jahre alt ist, würde nicht mehr intensiv behandelt – es sei denn, er ist fit und braucht wenig Betreuung. Ärzte als Richter über Leben und Tod:

Dr. Raymond Friolet, Chefarzt Intensivmedizin 

„Entscheidend ist die kurzfristige Prognose und dann das Alter, die Behinderung oder die Demenz sind keine Kriterien. Aber die Gebrechlichkeit ist ein wichtiges Kriterium und in einer Situation der Ressourcenknappheit zu berücksichtigen.“ 

Wir sind dabei, wie sich der Zustand eines Covid-19-Patienten auf der Überwachungsstation enorm verschlechtert. Und Raymond Friolet muss entscheiden: Künstliche Beatmung – Ja oder Nein? Aber ist überhaupt noch ein Bett auf der Intensivstation frei? 

Dr. Raymond Friolet, Chefarzt Intensivmedizin 

„Wir müssen jetzt notfallmäßig zwei Patienten aufnehmen und wir haben keine Plätze, jetzt müssen wir Verlegungsplätze suchen in ein anderes Spital.“ 

In letzter Sekunde klappt die Verlegung. 

Und Silvia Theiner ist erleichtert. Denn sie leidet besonders mit ihren Corona-Patienten mit. So Schwerkranke Patienten hatte sie vorher nicht in der Masse.

Silvia Theiner, Krankenschwester

„Zum Teil wissen die Patienten nicht, wo sie sind, sind aufgeregt und reißen sich die Kabel aus.“

Die Situation ist dramatisch - Binnen weniger Wochen hat sich die Schweiz zu einem Brennpunkt der Pandemie entwickelt. Rechnet man aber die Anzahl der Neuninfektionen der Schweiz auf Deutschland hoch, wären es aktuell bei uns nicht 22.609, sondern über 48.000. Letzte Woche hatte die Schweiz noch mehr Fälle.

Doch In der Schweiz dürfen Restaurants und Cafés öffnen, Veranstaltungen mit bis zu 50 Personen sind weiter erlaubt. Kantonal gibt es teils strengere Regelungen. Doch ein landesweiter Lockdown? Fehlanzeige: 

Dr. Raymond Friolet, Chefarzt Intensivmedizin 

„Die Gesundheit ohne Wirtschaft geht kaputt, die Wirtschaft ohne Gesundheit geht kaputt. Ich begreife, dass es sehr schwierig für die Politik ist hier einen Mittelweg zu finden. Und effektiv ist der Mittelweg jetzt hier zu stark auf Seite der Wirtschaft gewesen und deswegen haben wir jetzt diese sanitäre Krise.“

Eine Krise, die dazu geführt hat, dass die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin nun Risikopatienten rät, eine Patientenverfügung auszufüllen. Im Klartext bedeutet das: Nicht nur über 85-Jährige sollen sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob sie lebensverlängernde Maßnahmen wünschen oder nicht, sondern alle, auch jüngere Risikopatienten.

Trotz jahrelanger Erfahrung ist die Situation für Raymond Friolet sehr belastend. Innehalten geht nur selten. 

Dr. Raymond Friolet, Chefarzt Intensivmedizin 

„Das tut gut zwischendrin ein bisschen Musik zu hören, für uns auch.“ 

Auch der Blick in die Berge entspannt, dann geht der Kampf weiter an der Covid-19-Front des Alpenlandes. 

 

Beitrag von Cosima Gill

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