Aussenbereich eines von der Schließung betroffenen Restaurants in Mannheim. Foto: Daniel Kubirski
Daniel Kubirski
Bild: Daniel Kubirski

Trotz Milliardenhilfen - Verschuldet, Pleite, Entlassen

Die Bundesregierung hilft mit Milliarden gegen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise. Ständig wird nachgelegt und noch mehr Geld bereitgestellt. Trotzdem geben Soloselbstständige auf, so mancher Mittelständler muss trotz Kurzarbeitergeld seine Leute entlassen und Leiharbeiter verlieren ihre Jobs. Kontraste hat drei Menschen begleitet, die besonders stark unter den wirtschaftlichen und auch sozialen Folgen der Pandemie zu leiden haben.

Anmoderation: Lässt sich also doch nicht einfach mal eben wegtesten, die Pandemie. Aber immerhin: Was die Folgen angeht, haben wir gerade sowas wie einen milden Verlauf: Dank milliardenschwerer Hilfen vom Staat blieb die ganz große Pleitewelle bisher aus. Aber: Wie lange geht das noch gut, wenn in der kommenden Woche - wie angedroht - weitere Maßnahmen beschlossen werden? Und wenn schon jetzt einige trotz der Hilfen um ihre Existenz kämpfen - und sie manchmal auch verlieren. Cosima Gill, Susett Kleine und Franziska Wieland.

Es war ihr Lebenstraum: Ein eigener Brautmodenladen. Doch seit März hat Ramona Wegemann kein einziges Kleid mehr verkauft, der geplante Umsatz von 50.000 Euro ist dahin. Stattdessen heißt es Kisten packen. 

Ramona Wegemann

„Das ist es ja. Ich verlier hier nicht nur einfach ein bisschen Stoff mit Glitzer dran. Es ist wie ein Abschied von jedem einzelnen Kleid und ein Abschied vor meiner Zukunft.“ 

Nach dem ersten Lockdown hat sie ihr großes Geschäft schließen müssen, ihre Hoffnung setzt sie auf eine kleinere Boutique.

Ramona Wegemann

„Ich habe mich noch durchgekämpft und gehalten bis jetzt, habe mit Optimismus dieses zweite verkleinerte Geschäft nochmal ins Leben gerufen, wo ich dachte komm, ich baue das jetzt nochmal auf. Und jetzt kommt der zweite Lockdown und den überlebe ich jetzt nicht mehr.“

Ihr Laden dürfte zwar trotz Lockdown offen bleiben - Ihr Geschäftsmodell fußt aber auf etwas, das gerade nicht stattfindet: kaum Hochzeiten, kaum einer kauft Kleider – und auch für die nächsten Wochen sind keine Lockerungen in Sicht. 

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Wir schränken ein bei privaten Feiern, das betrifft insbesondere Hochzeiten, Beerdigungen, Geburtstagsfeiern.“ 

Als Ausgleich für die Betroffenen stellte die Bundesregierung im Frühjahr Soforthilfen in Höhe von 50 Milliarden Euro zur Verfügung.

Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister

„Wir haben ein Programm für Soloselbstständige und Kleinunternehmer aufgelegt.

Peter Altmaier (CDU), Bundeswirtschaftsminister

„Den Betroffenen wollen wir helfen, so unbürokratisch und so schnell wie möglich.“

Ramona Wegemann ist eine von rund 2,2 Millionen Soloselbständigen, die die Krise mit am härtesten trifft. Sie hat Soforthilfen bekommen, drei Monate konnte sie damit ihre Fixkosten decken – mehr aber auch nicht, denn die Hilfen sind nicht für ihren Lebensunterhalt – und genau das ist ein Problem. 

Laut einer Umfrage der Schufa unter Soloselbstständigen haben 66 Prozent nichts vom Topf abbekommen.

Ramona Wegemann

„Wenn ich der Regierung Vorwürfe machen würde, würde puncto A niemand hören und Punkt B, wenn sie jemand hört, gar nicht interessieren. Ich bin ein sogenanntes Einzelschicksal, auf dessen Rücken halt eben das jetzt alles ausgebadet wird.“

Der Traum vom Brautmodenladen ist nach fünf Jahren geplatzt, das Gewerbe meldet Ramona Wegemann heute ab. 

Mit der Unterschrift ist es jetzt besiegelt und das geht jetzt zum Amt. Und dann? 

Ramona Wegemann

„Dann schließt sich dieses Kapitel für mich.“

Auch Katja K. hat die Krise hart getroffen: Gleich zweimal verlor sie ihren Job. Nach mehreren Jahren Arbeitslosigkeit arbeitete sie für eine Reinigungsfirma am Flughafen, doch wegen der Reisebeschränkungen gab es hier kaum mehr etwas zu tun.

Katja K. 

„Das war natürlich ein Schlag ins Gesicht, um es deutlich zu sagen und hat uns jetzt auch in finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Man hat ja jetzt immer mit einem festen Gehalt gerechnet, 1.400, 1.600, lief auch super, wir konnten uns jetzt mal was leisten.“ 

Im Sommer ein Hoffnungsschimmer: Die Infektionen gehen zurück, Katja K. wird bei derselben Firma erneut eingestellt. Doch mit dem Lockdown light wird ihr zum zweiten Mal gekündigt - und sie droht die Wohnung zu verlieren.

Katja K.

„Ich hatte ja auch schon die Kündigung hier liegen und hätte ich meine Eltern nicht gehabt, dann hätte ich ein richtiges Problem. Dann würde ich am 31.12 auf der Straße sitzen, mit Kind.“

So wie Katja K. geht es bislang trotz aller Befürchtungen nur wenigen. Die Arbeitslosigkeit ist nicht dramatisch gestiegen. Das liegt am Kurzarbeitergeld. Im April hat es knapp sechs Millionen Arbeitnehmern geholfen. 

Peter Altmaier (CDU), Bundeswirtschaftsminister

„Wir wollen erreichen, dass die Hilfen möglichst schnell zur Verfügung stehen, um das Wegbrechen von Strukturen, das Wegbrechen von Arbeitsplätzen zu verhindern" 

Das Kurzarbeitergeld ist Teil eines großen Konjunkturprogramms, ebenso wie rund 25 Milliarden Euro Überbrückungshilfen, die an Unternehmen gehen sollen. 

Peter Altmaier (CDU), Bundeswirtschaftsminister

„Sie wird vielen Mittelständlern helfen die Krise zu überstehen.“

Dass Markus Erdenkäufer noch einen Job hat, verdankt er genau diesen Staatshilfen. Der 38-Jährige arbeitet als Staplerfahrer in einem Messebauunternehmen, seit März hat er das quasi nicht mehr gemacht. Er ist in Kurzarbeit und das Ganze belastet ihn sehr. 

Markus Erdenkäufer

„Also ich kann nachts nicht schlafen. Richtig halten. Weil. Weil ich es halt wirklich so. Ist. Wie geht es weiter? Was muss ich mir jetzt irgendwie neuen Job suchen, oder? Oder überlebt die Firma überhaupt? Das ist das schlimmste.“ 

Ob die Firma überlebt weiß hier keiner.  

Bereits im März, mitten im ersten Lockdown, haben wir die Geschäftsführerin Iris Wörnlein-Herbke besucht. Damals hatte sie fast alle ihre 90 Mitarbeiter gerade in Kurzarbeit geschickt. 

Iris Wörnlein-Herbke

„Ich habe letzte Woche am Donnerstag meinen Leuten mitteilen müssen, dass sie nach Hause gehen müssen. Ich habe wahnsinnig viel geweint in dieser Situation, und ich würde es auch jetzt immer noch und mir tut es wahnsinnig weh.“ 

Jetzt – über acht Monate später gibt es den Betrieb noch – auch, weil der Staat mit viel Geld unterstützt. 

Bis November hofft sie, so ihre eigene Rechnung, auf 350.000 Euro Sofort- und Überbrückungshilfen. Die Fixkosten sind deutlich höher - 300.000 Euro – pro Monat, etwa: Miete, Versicherungen, Löhne oder Instandhaltung.

Iris Wörnlein-Herbke

„Uns hat die Pandemie zirka 2,5 bis drei Millionen bis jetzt gekostet. Es kommt einfach daher, dass wir sehr, sehr hohe Fixkosten haben.“

Mehr Einsparungen als aktuell geht nicht: Die Autos abgemeldet, fast alle Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. 

Iris Wörnlein-Herbke

„In dem Moment, wo wir die Kurzarbeit nicht mehr bezahlt bekomme, ist dieses Unternehmen de facto insolvent.“   

Die staatlichen Maßnahmen haben eine Pleitewelle bisher verhindert. Doch die Frage ist, wie lange der Staat die Hilfen aufrechterhält.

Vor Herbst nächsten Jahres rechnet Iris Wörnlein-Herbke nicht mit großen Messen. Mit den wenigen Mitarbeitern, die aktuell noch da sind, baut sie nun Katzenmöbel und hat einen Werkstatt-Verkauf eröffnet. Das große Geld bringt das nicht. 

Iris Wörnlein-Herbke

„Es ist einfach auch Mutmachen. Es ist gedanklich fit bleiben und innovativ bleiben. Das ist, finde ich es, ganz wichtig. Man darf jetzt nicht in eine Starrheit zurückfallen und warten, bis alles vorbei ist.“ 

Sie und ihre Mitarbeiter hoffen, dass sie noch so lange durchalten bis die Pandemie unter Kontrolle ist. 

Markus Erdenkäufer

„Ich habe immer noch Hoffnung, dass der Impfstoff wirkt und auch die Pandemie sich verkleinert. Halt ne, ganz weg wird es wahrscheinlich nicht gehen. Aber ich habe auf jeden Fall Hoffnung.“ 

Ein bisschen Licht am Ende des Corona-Tunnels – zumindest bei ihm. Doch für manche kommt das möglicherweise zu spät.  

 

Beitrag von Cosima Gill, Susett Kleine und Franziska Wielandt

 

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