Blick aus einem Flugzeug (Quelle: rbb)
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Doppelmoral - Die grünen Vielflieger und der Klimaschutz

Die Forderung des grünen Bundestagsabgeordneten Dieter Janecek schlägt Wellen. Jeder soll nur noch drei Auslandsflüge im Jahr haben, danach soll es teurer werden. Private und berufliche Flüge werden zentral erfasst und dann kontingentiert. Kontraste macht die Probe aufs Exempel.Wir fragten alle 67 Bundestagsabgeordneten an, wie oft sie wann 2018 geflogen sind. Und konfrontieren sie mit spannenden Reisen: so war Anton Hofreiter eigens nach Grönland geflogen, um dort wegen der Erderwärmung schmelzende Eisberge zu bestaunen.

Anmoderation: Und jetzt gönnen wir uns: Argentinien, Kalifornien, Grönland - allesamt wirklich schön. Und vor allem: wirklich viele Flugstunden weit entfernt. Wenn sich da ein schlechtes Co2-Gewissen einstellt, kann man das auf 10.000 Höhenmetern einfach unter sich zu lassen. Oder eben nicht: Ein Grünen-Politiker hat gerade vorgeschlagen, derartige Fernflüge zu rationieren - Und da war was los: Die einen holten das alte Klischee von der miesepetrigen Veggie-Day-Verbotspartei wieder raus. Und die Grünen selbst machten wirklich alles, damit dieser Vorschlag schnell wieder vergessen wird. Sascha Adamek und Norbert Siegmund tun was dagegen.

Wahlwerbung:

„Wir haben Stickoxide. Wir haben Feinstaub. Wir haben Menschen, die sterben vorzeitig. Das müssen wir ändern. Deswegen brauchen wir eine Wende.“

Dieter Janecek – ein Grüner, der die Umwelt schonen will. Soweit. So normal.

Die Idee: Jeder Bürger bekommt nur noch ein begrenztes Budget an Flugreisen, praktisch drei Klima-Joker pro Jahr. Wenn die aufgebraucht sind, kostet jeder weitere Flug Strafgebühren. Ziel – so Janecek in einem Zeitungsinterview wörtlich:

 „Die Lust-Vielfliegerei muss eingedämmt werden.“

Ein Vorschlag, der bei Janeceks Parteikollegen für Entsetzen sorgt. Nicht nur, weil er Wähler vergrätzen könnte. Sondern weil sie selbst gerne und regelmäßig fliegen, wie unsere Recherchen ergeben.

Janecek selbst, um in Peking über „alternative Antriebe“ zu sprechen.

Parteichef Robert Habeck nach Indien, um dort für die Klimawende zu werben.

Und Cem Özdemir, heute Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag, erwischen wir als Klima-Zorro in Südamerika.

„Stimmt, nach Argentinien rudere ich nicht, sondern wenn ich meine Familie besuche, fliege ich dahin. Das lässt sich nicht vermeiden.“

Flugbudgets hält Özdemir für – wörtlich – „nicht praktikabel“

Cem Özdemir (Bündnis90/Die Grünen), Bundestagsabgeordneter

„Jetzt beschäftigen wir uns eben mit der Frage: Wer fliegt wohin? Und wir beschäftigen uns nicht mit der Frage: Wie können wir eigentlich dafür sorgen, dass das Bahnfahren in Deutschland billiger ist, wie das fliegen.

Fraktionschef und Naturfreund Hofreiter flog ins ewige Eis nach Grönland und produzierte damit eben jene Gase, die das Eis schneller schmelzen lassen.

Hofreiter/Facebook

„Ich bin für drei Tage nach Grönland in die Arktis gereist. Es hat mich erschüttert, die Auswirkung des Klimawandels so mit eigenen Augen zu sehen.“

Kontraste

„Was haben die Gletscherberge davon, dass sie selbst dabei selbst Treibstoffimmissionen erzeugt haben mit diesem Flug?“

Anton Hofreiter (Bündnis90/Die Grünen), Fraktionsvorsitzender

„Man hofft dabei immer, durch das, was man politisch erreicht, durch den politischen Impact, deutlich mehr zu erreichen, als wie der eigene persönliche Lebensstil an CO2-Ausstoß bewirkt.“

Fliegen und Grüner Lebensstil. Das scheint zusammenzugehören. Mehr als Anhänger anderer Parteien sagen Grüne: „Ich fliege gern“. Sie fliegen auch am meisten. Und leisten sich dafür, der Umwelt zuliebe „ein richtig schlechtes Gewissen“ zu haben.

So auch der Ober-Grüne auf Klima-Tour in Grönland?

Kontraste

„Haben Sie gar kein schlechtes Gewissen, dahin zu fliegen?“

Anton Hofreiter (Bündnis90/Die Grünen), Fraktionsvorsitzender

„Ich will Ihnen das einfach beantworten: Wenn man transatlantisch in dem knappen Zeitkontingent das alles mit dem Schiff fahren könnte, würde der CO2-Ausstoß auch nicht optimal sein.“

… I want to fly away …

Weil der Vorschlag damit nicht nur an Grüner Lebenswirklichkeit scheitert, sondern auch Grüne Wähler vergrätzen könnte, versenken ihn die Parteichefs auf Kontraste-Nachfrage. Ohne Rücksicht auf Parteifreund Janecek.

Kontraste

"Wie stehen Sie zu der Forderung von persönlichen Flugkontingenten?"

Annalena Baerbock (Bündnis90/Die Grünen), Parteivorsitzende

„Ich halte das für keinen sinnvollen Vorschlag, weil die Frage, wie man unsere Wirtschaft ökologisiert, die muss nicht individuell geklärt werden, sondern der Rahmen muss richtig gesetzt werden. Deswegen brauchen wir eine Kerosinbesteuerung.

Das Fliegen also teurer machen will die Partei der besseren Besserverdiener. Mit solchen Vorschlägen bleiben die Grünen bei ihrer Klientel im Aufwind, laut Umfragen geradezu Überflieger. Abgetaucht dagegen ist Dieter Janecek. Er will er nun nichts mehr sagen. Die Angst vor einem Grünen Absturz sitzt tief.

Beitrag von Sascha Adamek und Norbert Siegmund

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