Deutsche Bahn - So groß ist die Krise im Fernverkehr wirklich

Exklusive Recherchen von Kontraste zeigen das wahre Ausmaß der Krise bei der Deutschen Bahn: nur einer von fünf ICE-Zügen fährt ohne Mängel durch das Land, es fehlen der Bahn akut mehrere Tausend Mitarbeiter, gleichzeitig ist die Pünktlichkeit im Fernverkehr auf einem dramatischen Tiefstand und  für dringend notwendige Investitionen in das Schienennetz fehlen viele Milliarden Euro. Zugbegleiter und Fahrgäste berichten bei Kontraste vom täglichen Chaos im Fernverkehr und Kontraste-Reporter erklären, was hinter den geänderten Wagenreihungen, Zugausfällen und Dauerverspätungen steckt.

Anmoderation: Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn tagt heute und morgen in Berlin, und dabei dürfte es vor allem ums eins gehen: um Krisenmanagement. Denn nach uns vorliegenden internen Papieren ist die Lage bei der Bahn noch verheerender als befürchtet. Tausende Mitarbeiter fehlen, es gibt zu wenig Züge und wenn, sind sie veraltet und fahren mit Verspätung. Leider wollte die Bahn keine unserer Nachfragen dazu beantworten. Also haben wir uns an die gewandt, die tagtäglich ihre Erfahrungen mit der Bahn machen: Die Reisenden.

"Hallo, liebes Team von der ARD, also wir sind knapp über 1,5  Stunden verspätet!"

"Ich stecke jetzt hier gerade im Frankfurter Hauptbahnhof fest"

"Nachmittag dann von München nach Frankfurt zurück, da fehlte ein Zugteil, dann sind die Wagennummern noch vertauscht"

"Ja, offenbar ist der Zug kaputt, weshalb wir jetzt eine Stunde warten dürfen auf den nächsten und der ist leider auch schon ausreserviert."

"Heute Abend ist tatsächlich etwas passiert, was ich in den letzten sechs Wochen nicht ein einziges Mal erlebt habe: ein zugesicherter Anschlusszug hat tatsächlich gewartet".

Patrick Bohlmann ist ein echter Bahnfan. Jährlich bringt er es auf 250.000 Kilometer.

Für Kontraste war der 25jährige Niedersachse, neben anderen Fahrgästen, bereit, ein Videotagebuch zu führen, denn die Bahn hatte KONTRASTE keinerlei Filmaufnahmen in Zügen und Bahnhöfen gestattet.

Patrick Bohlmann

"Soeben Bielefeld mit 22 Minuten Verspätung erreicht… losgefahren mit 14 Minuten, weiß nicht, was schon wieder los ist zwischendurch.

Für Pünktlichkeit hat die Bahn eine eigene Definition: Bis zu einer Verspätung von fünf Minuten und 59 Sekunden … ist ein Zug offiziell pünktlich. Geholfen hat das nichts.

Statt der angestrebten ohnehin schlechten 82 Prozent aller Züge kamen im Oktober nur magere 73 Prozent planmäßig an.

Verspätungen haben mitunter bizarre Gründe:

"Es wurde angesagt, dass die Wagenreihung umgekehrt ist, dass jetzt der erste hinten ist und vorne umgedreht, aber die Wagen stimmen auch nicht, also hier müsste die 31 sein, steht aber noch 21 drauf."

Die "umgekehrte" Wagenreihung" verwirrt die Kunden, sie finden ihre Plätze nicht. Chaotische Szenen,  das Einsteigen verzögert sich, die Verspätung nimmt ihren Lauf.

Eine Zugbegleiterin erklärt verdeckt, was dahinter steckt: Personalmangel.

Zugchefin

"Früher konnten die Bereitschaftslokführer in der Nacht eine Drehfahrt machen, so dass Züge wieder richtigrum stehen. Aber es gibt sie kaum noch, so kann es passieren, dass die Züge tagelang in der umgekehrten Wagenreihung durch Deutschland fahren."

An die umgekehrte Wagenreihung hat sich Patrick Bohlmann längst gewöhnt. Richtig ärgert ihn die Ansage: "technische Störung".

Patrick Bohlmann

"20.55: Die Fahrt endete vorzeitig in Neumünster, weil an den Achsen des Triebkopfes mehrere große Flachstellen an den Radreifen festgestellt worden sind."

Zwar schuften die Arbeiter in den Instandhaltungswerken seit einiger Zeit fast doppelt so viel, aber sie kommen nicht hinterher.

Die ganze Wahrheit steht in internen  Aufsichtsrats-Unterlagen, die Kontraste exklusiv vorliegen. Danach sind  nur "20 Prozent der Züge vollständig funktionsfähig".

Nur einer von fünf!

Die Instandhalter beseitigen oft nur sicherheitsrelevante Probleme, defekte Toiletten, Klimaanlagen, volle Abfalleimer, geschlossene Bistros nerven die Bahnkunden weiter.

Claus Weselsky von der Lokführergewerkschaft GDL findet drastische Worte:

Claus Weselsky, Gewerkschaft der Lokführer (GdL)

"Wir haben es damit zu tun, dass ein System, das über Jahrzehnte auf Sparen getrimmt worden ist und nunmehr kollabiert. Wir haben heute zu wenig Schlosser. Wir haben zu wenig Wagenmeister. Wir rationalisieren Bordtechniker weg. Wir haben zu wenig Lokführer und zu wenig Zugbegleiter."

Den Ernst der Lage erkennt offenbar auch die jetzige DB-Konzernleitung, Jedenfalls intern. Für Lokführer, Zugbegleiter oder Instandhalter aus dem sogenannten betriebskritischen Bereich waren laut internen Unterlagen ursprünglich im Budget 2018 nur 13.400 Mitarbeiter eingeplant – tatsächlich notwendig, so heißt es jetzt, sind aber 24.300. Macht 10.900 Mitarbeiter mehr.

Zu wenig Personal – und ein überlastetes Schienennetz, oft an der Kapazitätsgrenze - etwa, wenn der ICE ewig braucht, um in den Kölner Hauptbahnhof einfahren zu dürfen. Wenn er endlich ankommt, ist Patrick Bohlmann frustriert.

Patrick Bohlmann

20 Minuten. In jetzt 20 Minuten wird der Kölner Hauptbahnhof erreicht. Der Anschluss in Köln verpasst … nächster Weg!!!!

Dass sich oft Verspätung an Verspätung reiht, liegt an enormen Engpässen in vier großen Verkehrsknoten: Hamburg, Köln, Frankfurt und Würzburg sind laut DB-Internen Unterlagen verantwortlich für mehr als 50 Prozent der Verspätungen

Folge einer absurden Verkehrspolitik: Für 300 Stundenkilometer wurde die ICE-Strecke Frankfurt-Köln vor  Jahren ausgebaut. Doch die großen Verkehrsknoten werden seit Jahren nicht erweitert. Obwohl alle durch das Nadelohr durchmüssen:

Güterzüge, Regionalzüge, Fernzüge.

Der Fahrgast hört beim Stop die Ansage  "Störung im Betriebsablauf", berichtet eine Zugbegleiterin.

Zugbegleiterin

"Das sagen wir, wenn wir warten müssen, bis ein Gleis frei ist. Du stehst erstmal da, mit deinem ICE und verspätest dich. Und hinter dir steht der nächste Zug. Das geht seit Jahren so. Salopp gesagt: ich kenne es nicht anders."

Warten, immer wieder warten, das kostet zu viel Lebenszeit, sagt uns ein Vielfahrer.

Stephan Schack

"Wieviel da in einem Monat zusammen kommt, seit Anfang Juni mehr als 30 Stunden, das ist mehr als ein Lebenstag".

Seit über 10 Jahren weiß die Politik um die Engpässe in den Verkehrsknoten: Zuständig für die Infrastruktur ist der Bund - doch er gab zu wenig Geld, und setzte falsche Prioritäten, so Prof. Böttger.

Prof. Christian Böttger, Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin

"Und dass solche Effekte wie Knoten dabei eben dann auch schnell unter den Tisch fallen. Und also man hat lieber ein paar Prestigeprojekte gebaut. Das waren auch politische Symbole wie zum Beispiel der Aufbau der schnellen Verbindung zwischen Ost und West. Oder so etwas. Oder eben auch Projekte die eine bestimmte Region unbedingt haben wollte."

Denn da konnte man schöne Bändchen durchschneiden. Die gute Nachricht: Die Planung zum Ausbau der Knoten soll beginnen.

Denn die Politik will bis 2030 doppelt so viel Verkehr auf die Schiene bringen:

Andreas Scheuer (CSU), Bundesverkehrsminister

"Wir gehen einen Riesenschritt hin zu einer pünktlicheren, verlässlicheren Bahn und zum Wow auf der Schiene."

Wow-Effekt? Dabei ist bereits im Bundesverkehrswegeplan vermerkt, dass 19,7 Milliarden bis 2030 gar nicht finanziert sind. Und jetzt hat Minister Scheuer noch 27 andere Projekte für vordringlich erklärt!

Der Bahnexperte Prof. Böttger hat für Kontraste exklusiv nachgerechnet. Sein Ergebnis ist niederschmetternd:

Prof. Christian Böttger, Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin

"Jetzt haben wir also einen Betrag von rund 40 Milliarden Euro von Projekten die drinstehen in der Bundesverkehrswegeplanung bis 2030."

Für die derzeit keine Finanzierung vorhanden ist. Und das Ziel der Bundesregierung bis 2030 den Schienenverkehr zu verdoppeln, das ist möglicherweise gerade eben erreichbar wenn man bis dahin alle Projekte umsetzen würde. Aber mit der jetzigen Finanzierungslinie ist es jetzt völlig klar, dass man sagt: Wir werden dieses Ziel bei weitem verfehlen.

Unser Vielfahrer Patrick Bohlmann hat sich mit seinem Zorn zu einem Pressetermin mit Bahnchef Lutz und Verkehrsminister Scheuer eingeladen. Und er nutzt die Gunst der Stunde für eine Standpauke.

Der Bahnchef reagiert einsichtig:

Bahnchef Richard Lutz

"Wir wissen, dass wir mit der Pünktlichkeit nicht gut sind. Da gibt’s auch nichts herumzureden".

Der DB-Chef lädt Vielfahrer zum Date in seine Konzernzentrale.

Patrick Bohlmann

"Das Fazit für die Fahrt heute mit Bahnchef Lutz und dem Bundesverkehrsminister sehr ernüchternd, es wurde sich viel entschuldigt, auch diese Entschuldigungen hören wir jeden Tag mehrfach und können sie langsam nicht mehr hören. Tschüss Kontraste Team."

Abmoderation: Und das alles nun pünktlich zum Einbruch des Winters ...

Beitrag von Sascha Adamek, Susanne Opalka und Ursel Sieber

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