- Millionenfach unnötige Personenkontrollen durch Gesichtserkennung?

Als großen Erfolg wertete Bundesinnenminister Seehofer den Pilotversuch zur automatisierten Gesichtserkennung an einem Berliner Bahnhof. Eine breite Einführung der Technik sei möglich, so Seehofer. Und tatsächlich hören sich die Zahlen beeindruckend an: 80 Prozent der Gesuchten werden erkannt und nur in 0,1 Prozent der Fälle wird ein Fehlalarm ausgelöst. Doch was heißt das in der Konsequenz? Kontraste hat die Statistik mit Wissenschaftlern unter die Lupe genommen und herausgefunden: die Zahlen bedeuten, dass das System, deutschlandweit eingesetzt, Millionen Personenkontrollen jährlich aufgrund von Fehlalarmen auslösen könnte.

Anmoderation: An Bahnhöfen könnten deutschlandweit bald Kameras die Menschenmassen scannen. Mithilfe automatischer Gesichtserkennung sollen mögliche Terroristen ausfindig gemacht werden - meint zumindest Horst Seehofer.  Datenschützer laufen dagegen Sturm. Der Innenminister aber hält an seinen Plänen fest. Er sieht sich durch einen Testlauf in Berlin bestätigt. Doch Kontraste zeigt: Seine Rechnung geht nicht auf. Markus Pohl

Es ist der Traum der Sicherheitsbehörden: mit moderner Computer-Technologie Terrorverdächtige und andere Gesuchte aufspüren. Zuverlässig und in kürzester Zeit. So versprechen es die Anbieter von Systemen zur automatischen Gesichtserkennung.

Ob die Technik wirklich für den Polizei-Alltag taugt, hat die Bundesregierung ein Jahr lang am Berliner Bahnhof Südkreuz testen lassen. Geprüft wurde, wie zuverlässig die Kameras rund 300 Freiwillige in der Menge identifizieren.

Die Ergebnisse: "positiv, sehr positiv sogar", findet Innenminister Horst Seehofer. Eine breite Einführung der Technik sei jetzt möglich, sagt er zu Kontraste.

Horst Seehofer (CSU), Bundesinnenminister

"Ich bin für jede Maßnahme, die auf dem Boden unseres Grundgesetzes ist und den Sicherheitsbehörden ihre Arbeit erleichtert. Also auch da!"

Kontraste

"Also auch bei der Gesichtserkennung?

Horst Seehofer (CSU), Bundesinnenminister

"Ja!"

Seehofers Ministerium wirbt mit scheinbar imposanten Werten: Das beste getestete System habe "über 80 Prozent" der Gesuchten erkannt. Die Rate der falschen Treffer dagegen: "unter 0,1 Prozent".

Und das sei doch kaum der Rede wert, meint der Innenminister offenbar:

Horst Seehofer (CSU), Bundesinnenminister

"Wenn die Politik nur 0,1 Prozent Fehler machen würde, dann wären wir gut, hihi."

Fakt aber ist: Diese klitzekleine Fehlerrate würde bei einem flächendeckenden Einsatz auf Bahnhöfen zum großen Problem. 0,1 Prozent falsche Treffer bedeuten im Klartext:

Von allen Überprüften wird jeder tausendste vom System zu Unrecht als gesucht eingestuft. Und bei 12,7 Millionen Reisenden täglich wären das eine ganze Menge.

Es ist eine simple Rechnung, die der Risikoforscher Gerd Gigerenzer für uns aufstellt.

Prof. Gerd Gigerenzer, Risikoforscher, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin

"Eine Falschalarmrate von 0,1 Prozent bedeutet, dass dann 12.700 falsche Alarme pro Tag stattfinden. Das heißt, dass 12.700 Personen, nach denen nicht gefahndet wird, dennoch als verdächtig angesehen und untersucht werden müssen."

Drohen an den Bahnhöfen also bald massenhaft Polizeikontrollen unbescholtener Bürger? Und das jeden Tag? Ein permanenter Ausnahmezustand, weil vermeintlich gesuchte Terroristen entdeckt wurden? Die Bundespolizei wiegelt ab:

Falsche Treffer des Systems könnten durch - Zitat - "visuellen Abgleich" von den Polizeibeamten an den Monitoren korrigiert werden.

Der Informatik-Professor Florian Gallwitz, Experte für Gesichtserkennung, hält das für abwegig.

Prof. Florian Gallwitz, Medieninformatiker, Technische Hochschule Nürnberg

"Das Problem ist, dass diese Gesichtserkennungssysteme viel genauer sind als Menschen, also der Beamte kann das überhaupt nicht entscheiden, wenn die sich ausreichend ähnlich sehen, dann hilft es nichts da raufzugucken. Das ist naiv zu glauben, dass da der Beamte die Entscheidung treffen kann."

Offiziell heißt es, die Gesichtserkennung solle helfen, die etwa 600 islamistischen Gefährder, die auf freiem Fuß sind, zu überwachen.

Nehmen wir an, pro Tag betreten hundert von ihnen einen Bahnhof. Bei der angegebenen Trefferquote von 80 Prozent erkennt das System also 80 Islamisten. Aber eben auch sehr, sehr viele andere Menschen.

Und das führt zu einem desaströsen Gesamt-Ergebnis.

Prof. Gerd Gigerenzer, Risikoforscher, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin

"80 Treffer, also 80 werden richtig erkannt. Auf der anderen Seite werden 12.700 falsch erkannt. Das heißt wenn wir jetzt alle Fälle ansehen, wo ein System anschlägt, dann sind 0,6 Prozent richtig und über 99 Prozent falsch."

Kontraste

"Das heißt, wenn das System einen Alarm auslöst, ist es in aller Regel ein Fehlalarm?"

Prof. Gerd Gigerenzer, Risikoforscher, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin

"Richtig."

Eine gezielte Fahndung nach Terrorverdächtigen wäre so wohl kaum möglich. Auch weil sich die Gesichtserkennung ganz grundsätzlich aushebeln lässt.

Prof. Florian Gallwitz, Medieninformatiker, Technische Hochschule Nürnberg

"Wenn ein gesuchter Terrorist weiß, dass da so ein System installiert ist, dann wird er halt auf den Boden gucken oder auf sein Handy. Und wird vielleicht noch den Mantelkragen ein bisschen hochschlagen oder wird eine Sonnenbrille aufsetzen und dann kann der gar nicht mehr erkannt werden." – "Also da versagen dann auch die Systeme?" - "Genau."

 

 

Beitrag von Markus Pohl

weitere Themen der Sendung

Deutsche Bahn - So groß ist die Krise im Fernverkehr wirklich

Exklusive Recherchen von Kontraste zeigen das wahre Ausmaß der Krise bei der Deutschen Bahn: nur einer von fünf ICE-Zügen fährt ohne Mängel durch das Land, es fehlen der Bahn akut mehrere Tausend Mitarbeiter, gleichzeitig ist die Pünktlichkeit im Fernverkehr auf einem dramatischen Tiefstand und  für dringend notwendige Investitionen in das Schienennetz fehlen viele Milliarden Euro. Zugbegleiter und Fahrgäste berichten bei Kontraste vom täglichen Chaos im Fernverkehr und Kontraste-Reporter erklären, was hinter den geänderten Wagenreihungen, Zugausfällen und Dauerverspätungen steckt.

Rezept ohne Untersuchung - Das gefährliche Geschäft der Online-Ärzte

Man muss lediglich einen Fragebogen ausfüllen und schon stellt ein Arzt in Großbritannien oder Rumänien ein Rezept aus - für Viagra, Antibiotika, die Pille oder ein umstrittenes Malariamittel. Das Geschäft mit den Online-Sprechstunden boomt seit längerem. Kontraste macht den Test und bestellt unter anderem eine Antibabypille, die ein erhöhtes Risiko für Thrombosen birgt. Unverantwortlich finden das deutsche Ärzte.

Parteienfinanzierung - Weniger Stimmen, aber mehr Geld vom Staat

In Rekordzeit haben CDU/CSU und SPD im Juni die Reform der staatlichen Parteienfinanzierung durch das Parlament gebracht. Der Topf  für die Parteien wird um satte 25 Millionen Euro zusätzlich aufgefüllt. Größte Nutznießer des Geldsegens: SPD und CDU, die unter sinkenden Wahlergebnissen leiden, nun aber je rund 8 Millionen Euro mehr vom Staat bekommen.