Rezept ohne Untersuchung - Das gefährliche Geschäft der Online-Ärzte

Man muss lediglich einen Fragebogen ausfüllen und schon stellt ein Arzt in Großbritannien oder Rumänien ein Rezept aus - für Viagra, Antibiotika, die Pille oder ein umstrittenes Malariamittel. Das Geschäft mit den Online-Sprechstunden boomt seit längerem. Kontraste macht den Test und bestellt unter anderem eine Antibabypille, die ein erhöhtes Risiko für Thrombosen birgt. Unverantwortlich finden das deutsche Ärzte.

Anmoderation: Dieses, liebe Zuschauer, sind: Antibiotika, eine Anti-Baby-Pille, ein Schmerzmittel, und ein Malaria-Prophylaxe-Mittel. Alles rezeptpflichtige Medikamente, die man in Deutschland eigentlich nur bekommen kann, wenn man einen Arzt aufgesucht hat. Aus gutem Grund: Denn so manches dieser Arzneimittel kann schwere Nebenwirkungen haben. Trotzdem war es für uns ein Leichtes, sie im Internet zu bestellen, ohne bei einem Arzt gewesen zu sein. Über Online-Behandlungen. Caroline Walter und Lisa Wandt zeigen, welche Risiken damit verbunden sind.

Beim Arzt kein Termin frei - wer kennt das nicht. Man braucht aber dringend ein Rezept. Unsere Suche beginnt im Internet – bekommt man dort Medikamente wie die Pille, die eigentlich ein Arzt verschreiben muss?

Wir werden schnell fündig. Erster Treffer: fernarzt.com.

Hier kann man unter verschiedenen Verhütungspillen auswählen und sich eine verschreiben lassen. Wenige Klicks, einen medizinischen Fragebogen ausfüllen – den ein Online-Arzt bewertet – und dann wird das Medikament nach Hause geliefert.

Wir sind bei der Frauenärztin Doris Scharrel. Dass ein Online-Portal unserer Test-Patientin so einfach die Verhütungspille verordnet hat, regt sie auf. Mit der Yaz ist es auch eine, die ein erhöhtes Thromboserisiko birgt.

Kontraste

"Wie finden Sie, dass wir die Pille so leicht bekommen konnten?"

Doris Scharrel, Frauenärztin

"Das finde ich schon sehr gefährlich und das stellt natürlich dieses ganze Sicherheitssystem, was wir aufgebaut haben, für eine Frau in Deutschland schon in Frage."

Ein Sicherheitssystem, das Frauenärzten bestimmte Untersuchungen sogar gesetzlich vorschreibt, bevor sie die Pille überhaupt verordnen dürfen. Urintest, einen Abstrich machen und Blutdruck messen. Wichtig vor allem: die Aufklärung über Thrombosen, deren Symptome viele nicht kennen.

Doris Scharrel, Frauenärztin

"In diesen Onlineportalen steckt ja auch die Gefahr, keiner fühlt sich verantwortlich und muss nicht um die Folgen fürchten, die dann aber eindeutig der Frau oder bei dem Patienten dann auch liegen. Sie steht nachher alleine davor."

Der Wirkstoff der Yaz steht im Verdacht, zahlreiche Todesfälle verursacht zu haben - junge Frauen, die lebensgefährliche Thrombosen erlitten. Es laufen Klagen gegen den Pharmakonzern.

In Deutschland ist die Verschreibung ohne direkten Arzt-Patienten-Kontakt bislang verboten. In England ist dieses Geschäftsmodell legal. Deshalb sitzen die Online-Doktoren von Portalen wie Fernarzt in London.

Wir treffen den Fernarzt-Gründer Eckart Weber in Berlin. Er sieht in der digitalen Gesundheit den Markt der Zukunft. Wir konfrontieren ihn damit, dass über sein Portal auch riskante Verschreibungen stattfinden – wie von Verhütungspillen.

Eckhardt Weber, Gründer von Fernarzt

"Ich glaube, da halten wir wirklich mit unserem Konzept alle Standards ein, die man einhalten kann. Und man muss halt einfach sicherstellen, dass man nicht etwas ausstellt, wo man sich unsicher ist. Insoweit aber genau vertrauen wir unseren Ärzten, die wirklich gut ausgewählt und auch an diese Prozesse gebunden sind."

Das Geschäft mit den elektronischen Rezepten boomt.

So hat DrEd, einer der größten Anbieter, nach eigenen Angaben bereits zwei Millionen Behandlungen durchgeführt. Auch 121doc wirbt mit steigenden Online-Sprechstunden. Die meisten Portale finanzieren sich über eine Gebühr für die Behandlung. Alle Anbieter haben ihren Sitz im Ausland.

Sie bieten diskrete, bequeme und schnelle Behandlung vor allem bei Potenzproblemen, Geschlechtskrankheiten oder Verhütungsfragen an.

Wir haben den Test gemacht und uns bei diversen Anbietern online behandeln lassen – wir mussten nur standardisierte Fragen beantworten.

Uns wurden zahlreiche Antibiotika verordnet – u.a.  gegen Blasenentzündung, ohne Urintest. Ein weiteres Medikament von Doktoronline kam sogar ohne Originalverpackung, es könnte gefälscht sein. Auch der verpflichtende Beipackzettel fehlte. Ein klarer Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz.

Wir zeigen der Stiftung Warentest das Ergebnis unserer Recherche.

Katrin Andruschow, Stiftung Warentest

"Aus unserer Sicht ist es nicht zu verantworten, wenn eine Behandlung über die Ferne stattfindet, bei Krankheiten, die einer anderen Diagnostik bedürfen. Der Patient weiß nicht, welche Risiken möglicherweise noch bestehen, welche Krankheiten auch dahinter stehen könnten, hinter seinen Symptomen, die nicht richtig diagnostiziert werden."

Gegen Reisedurchfall bieten manche Portale das Antibiotikum Ciprofloxacin an. Das würde Prof. Florian Eyer, Chefarzt am Klinikum rechts der Isar, nicht verordnen.

Prof. Florian Eyer, Toxikologe, Klinikum rechts der Isar

"Der Einsatz von Ciprofloxacin beispielsweise zu Behandlung von Reisedurchfällen, das halte ich für sehr bedenklich. Ciprofloxacin oder diese Gruppe Arzneimittel sind eigentlich Reserveantibiotika. Wir wissen auch, dass diese Medikamente auch Nebenwirkungen machen auf Knochen, auf Sehnen, auf Bindegewebsstrukturen und da muss der Patient entsprechend aufgeklärt sein."

Und zwar, dass es auch bleibende Schäden verursachen kann.

Warum dieses Antibiotikum so unbedarft verschrieben wird, fragen wir unter anderem bei fernarzt nach.

Eckhardt Weber, Gründer von Fernarzt

"Da müsste ich mich mit dem Einzelfall auseinandersetzen, halte ich als pauschale Aussage für uns und auch für andere Portale dann doch für etwas gewagt."

Kontraste

"Bei diesen Beispielen scheint einfach das Risikopotential bei Ihren Ärzten nicht bekannt zu sein?"

Eckhardt Weber, Gründer von Fernarzt

"Das würde mich sehr wundern. Weil sie dann eigentlich ja jedenfalls nicht ihrer ärztlichen und medizinischen Pflicht nachkommen – was ich mir nicht vorstellen kann."

Ein Online-Portal fällt uns besonders negativ auf: Sanix24. Unter dem Impressum finden wir keinen Verantwortlichen. Das ist illegal. Man kann über Sanix mehrere starke Schmerzmittel beziehen. So bekommen wir Pregabalin geliefert, das schnell zur Droge werden kann.

Prof. Florian Eyer, Toxikologe, Klinikum rechts der Isar

"Wir wissen, dass dieses Medikament gerade im Suchtbereich stark missbraucht wird und der Zugang zu diesem Präparat ist meines Erachtens viel zu lax."

Offenbar kontrolliert aber niemand diese Fernbehandlungsportale.

Pharmakologe Prof. Niels Eckstein und sein Team haben erstmals systematisch untersucht, wie leicht man sich über solche Portale auch Lifestyledrogen und sogar Dopingmittel besorgen kann.

Prof. Niels Eckstein, Pharamkologe, Hochschule Kaiserslautern

"Sie könnten sich zu einem Mann mit doppeltem Körpergewicht machen. Das würde niemand überprüfen. Genauso wie Sie den Angaben auf dem Portal glauben, dass das ein Arzt ist, glauben die ihnen, dass sie richtige Angaben machen. Das war ja die Zielrichtung der Studie, um zu ergründen, gibt es da ein Missbrauchspotenzial, kann solch ein Portal missbraucht werden. Ja kann es!"

Wir suchen einen Arzt: Dr. Adnan K, er hat uns bei Sanix24 mehrere kritische Arzneien verordnet. Wir finden ihn schließlich auf Facebook, er arbeitet angeblich in diesem Ort in Rumänien. Auf unsere Anfrage reagiert er nicht.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat gerade angekündigt, das elektronische Rezept – ausgestellt per Fernsprechstunde in Deutschland zu erlauben. Telemedizin beispielsweise in ländlichen Regionen ist eine gute Ergänzung – dabei kennt der Arzt meist den Patienten und verfolgt seine Behandlung.

Anders als bei dem Geschäftsmodell der Portale: sie verkaufen das Medikament gleich mit.

Spahns Vorstoß wird ihren Markt noch ausweiten.

Maria Klein-Schmeink sitzt im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Sie kritisiert, dass der Minister zu wenig den Schutz der Patienten im Blick hat.

Maria Klein-Schmeink (Bündnis 90/Die Grünen), Gesundheitspolitische Sprecherin

"Es nützt nichts, wenn Jens Spahn sehr schneidig jetzt das Rezept auf dem Smartphone ankündigt, wenn gleichzeitig die eigentliche Regulation fehlt. Wir brauchen eine ganz klare Regelung – wer darf überhaupt behandeln, wir brauchen Regelung für die Haftung und wir brauchen auch ganz klar auch eine Regelung dafür, wann Fernbehandlung nicht stattfinden darf."

Beitrag von Caroline Walter, Lisa Wandt und Maika Gomm

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