Abtreibung schwer gemacht - Immer weniger Ärzte bieten Schwangerschaftsabbrüche an

In ganz Niederbayern gibt es nur noch einen Arzt, der ungewollt Schwangeren hilft. Will eine Frau in Trier abtreiben, muss sie bis ins Saarland fahren. Immer öfter geraten Frauen in Not, weil immer weniger Ärzte Abtreibungen machen. Der Grund:  Die "Abtreibungsärzte" der 68er-Bewegung sind in Rente. Und die nächste Generation will den Kampf mit den Abtreibungsgegnern offenbar nicht mehr austragen. Denn sie werden bedroht und stigmatisiert.

Anmoderation: Guten Abend, liebe Zuschauer!
Mein Bauch gehört mir! Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ist eine der größten Errungenschaften der Frauenbewegung. Im liberalen Deutschland ist es heute kein Problem mehr, einen Arzt für eine Abtreibung zu finden. So denken jedenfalls Frauen, die wir danach gefragt haben.

 

Umfrage:

" Nicht so schwer, denke ich....
.... dass es möglich ist, anders als in anderen Ländern." HR
 

Anmoderation: Frauen, die aber tatsächlich ungewollt schwanger werden, machen häufig eine andere, bittere Erfahrung. In einigen Regionen Deutschlands findet sich kein einziger Arzt, der Abtreibungen vornimmt. Und da, wo es noch welche gibt, werden Mediziner  zunehmend unter Druck gesetzt durch radikale Abtreibungsgegner und sogenannte Lebensschützer - das berichten Diana Kulozik, Axel Svehla und Lisa Wandt

Michael Spandau arbeitet seit mehr als 40 Jahren als Frauenarzt. Er hat in seinem Leben schon vielen Kindern auf die Welt geholfen. Doch in letzter Zeit macht er nur noch Abtreibungen. Als einziger Arzt in Passau und ganz Niederbayern hilft er ungewollt Schwangeren.

Dr. Michael Spandau, Gynäkologe

"Mich hat kürzlich eine Frau aus Augsburg angerufen, das muss man sich vorstellen, Augsburg Passau, weil sie keinen Arzt in ihrer Umgebung hatten. Wenn ich aufhöre, dann ist niemand mehr da, der Abbrüche noch macht. Und ich kenne bisher auch niemand, keinen Kollegen, der sagt, ich würde das übernehmen."

Eigentlich ist der 70-Jährige seit drei Jahren in Rente. Doch weil viele Frauen ohne ihn aufgeschmissen wären, operiert er weiter. Einmal die Woche in der Praxis eines Kollegen. An diesem Tag hat Michael Spandau fünf Abtreibungen hintereinander.

Eine der fünf Frauen, eine Mutter aus der Region. Wir dürfen kurz nach dem Eingriff mit ihr sprechen.

Verdeckte Frau, Stimme nachgesprochen

"Mein Frauenarzt macht keine Abtreibungen. Und er wollte auch nicht, dass ich abtreibe. Er hat dann versucht, es mir auszureden. Aber wir haben doch schon vier Kinder und ein Fünftes – das hätte ich einfach nicht geschafft."

Frauen, die endlich einen Arzt gefunden haben, haben es trotzdem noch schwer. Sie müssen oft hundert Kilometer in eine fremde Stadt fahren, sich Fremden gegenüber outen, sind weitestgehend auf sich allein gestellt – eine große seelische und körperliche Belastung.

Dr. Michael Spandau, Gynäkologe

"Es sind teilweise sehr traurige Schicksale, die sie da miterleben. 13-jährige, die mit einer Schwangerschaft kommen. Wenn dieses junge Mädchen das Kind nicht haben möchte, dann sehe ich es als meine Aufgabe, dass ich ihr helfe. Wir wissen doch alle, wie viele Patientinnen ihr Leben gelassen haben bei illegalen Schwangerschaftsabbrüchen, die irgendwo in Hinterhöfen von Hebammen oder Kurpfuschern, oder auch Ärzten begangen wurden, mit unsterilen Instrumenten."

Deshalb macht er das, was immer weniger seiner Kollegen praktizieren. Sie fürchten um ihr Image, denn Abtreibungen sind selbst unter Gynäkologen verpönt. Dr. Spandau findet das scheinheilig.

Dr. Michael Spandau, Gynäkologe

"Also ich würde nicht diese Drecksarbeit – nicht falsch verstehen – würde ich jetzt jemanden anderen machen lassen und ich wasche meine Hände in Unschuld. Das finde ich ist keine saubere Haltung."

Es ist ein Dilemma: Denn jeder Arzt darf selbst entscheiden, ob er Abbrüche macht oder nicht. So will es das Gesetz. Doch der Unwille vieler niedergelassener Ärzte ist nicht der einzige Grund für das Versorgungsproblem in der streng katholischen Region.

Selbst das städtische Klinikum in Passau führt nur Abbrüche durch, wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Eine Farce: In Bayern sind das nur fünf Prozent der Fälle.

Dr. Michael Spandau, Gynäkologe

"Ich finde es eine Schweinerei. Um es ganz deutlich zu sagen."

Die Stadt verantwortet das Nein zu Abtreibungen, als Träger des Klinikums. Dazu will sich SPD-Oberbürgermeister Jürgen Dupper partout nicht äußern. Er kuscht offenbar vor seinen konservativen Wählern.

Nicht nur in Passau gibt es immer weniger Abtreibungsärzte. Es ist ein bundesweites Problem. Die Zahl der Praxen und Kliniken, die Abbrüche durchführen, ist nach einer für Kontraste erstellten Berechnung des Statistischen Bundesamtes seit 2003 um 40 Prozent gesunken: von 2.000 auf 1.200 Stellen.

Wie gehen die Länder mit diesem Problem um? Wir schicken über 100 Anfragen raus, an Beratungsstellen, Ärztekammern, Gesundheitsämter. Und die zuständigen Landesministerien. Wir wollen wissen, wie viele Ärzte an welchen Orten tatsächlich Abbrüche durchführen.

Konkrete Antworten bekommen wir kaum. Nur Berlin und Hamburg antworten uns detailliert. Sie stellen die Listen von Ärzten online zur Verfügung. Bremen arbeitet gerade daran. Fünf Bundesländer nennen uns die Anzahl von Ärzten, veröffentlichen aber keine Kontaktdaten. Fast die Hälfte aller Länder erhebt keine eigenen Daten. Dabei wäre es ihre Pflicht, schließlich haben sie einen gesetzlichen Versorgungsauftrag. Frauen in Not werden also in vielen Regionen im Stich gelassen.

Was ihre Situation noch verschärft: Immer öfter versuchen militante Abtreibungsgegner, die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Wer Abtreibungen praktiziert, wird zum Mörder, wer sich zum Abbruch entschließt, zerstört Familie und Gesellschaft.

Die Bundesärztekammer beklagt, dass der massive Druck zunehmend Ärzte einschüchtert.

Zitat Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident Bundesärztekammer

"(…) Wir haben großes Verständnis für jeden Arzt, der unter den derzeit herrschenden Bedingungen keine Schwangerschaftsabbrüche vornehmen möchte."

Auch junge Menschen propagieren einen Wertewandel. Die Gruppe "Jugend für das Leben" marschierte in den vergangenen Wochen von München nach Salzburg, um bedingungslose Mutterschaft zu preisen.

Kontraste

"Viele Frauen sehen als Errungenschaft an, dass sie dieses Recht haben, über ihren eigenen Körper zu bestimmen. Was würden Sie denen sagen?"

Veronica Ehrenberger, Jugend für das Leben

"Genau deswegen ist es uns sehr wichtig, jetzt als Jugendverein einfach in die Gesellschaft zu gehen, ihnen zu erklären, dass es Alternativen gibt, dass es immer eine bessere Lösung gibt für das Leben."

Sie wollen Frauenrechte abbauen, für die die Generation ihrer Großmütter auf die Straße gegangen ist.

Denn die hat sich unter dem Slogan "Mein Bauch gehört mir" das Recht auf Selbstbestimmung hart erkämpfen müssen. Bis Mitte der 70er Jahre waren Abtreibungen in Deutschland komplett verboten. Erst seitdem bleiben sie in der Regel straffrei.

Doch dieses Recht wird faktisch ausgehöhlt, wenn kein Arzt und keine Klinik Abtreibungen durchführen – wie zum Beispiel in Trier mit seinen 115.000 Einwohnern.

In der Bistumsstadt unterhält die Kirche alle Krankenhäuser. Ihnen ist die Haltung des Vatikans wichtiger, als die Notlage der Frauen.

Elke Kirsch, Klinikoberin Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen Trier

 "Wir machen keinen Schwangerschaftsabbruch, weil wir für das Leben stehen und weil wir uns im Grunde für die Lobbyisten oder als Lobbyist für das ungeborene, oder vor allem auch für dieses ungeborene Leben sehen. (…) Und eine Grundaussage der Kirche ist, dass sie prinzipiell lebensbejahend, lebensfördernd ist und dass es zunächst mal nicht mit einem Schwangerschaftsabbruch einhergehen kann."

Der Druck auf Ärzte wirkt sich auch auf liberale Großstädte wie Bremen aus.

Monika Börding betreibt eines der vier Medizinischen Zentren von pro familia in Deutschland. Hier wurden vergangenes Jahr 1.800 Schwangerschaftsabbrüche gemacht. Weil sie keine Ärzte findet, müssen die Frauen immer länger auf einen Abbruch warten und geraten so unter Druck.

Monika Börding, Geschäftsführerin pro familia Landesverband Bremen e.V.

"Weil natürlich die Zeit zählt. Also Abbrüche können nur gemacht werden bis zur 10. Woche nach der Empfängnis und wenn dann eben kein Termin zur Verfügung steht, wäre quasi eine Frau ungewollt gezwungen eine Schwangerschaft auszutragen, die sie nicht möchte."

Sie sucht händeringend nach neuen Ärzten. Befürchtet, ihren Betrieb einstellen zu müssen.

Monika Börding, Geschäftsführerin pro familia Landesverband Bremen e.V.

"Wir haben über die Homepage des Bundesverbands der pro familia ein Gesuch geschaltet, wir haben Ärzte über einen Mailverteilter angeschrieben, insgesamt 645 Personen, wir haben über die Agentur für Arbeit gesucht."

Kontraste

"Mit welchem Erfolg?"

Monika Börding, Geschäftsführerin pro familia Landesverband Bremen e.V.

"Null. Mit gar keinem Erfolg."

Auch dieser Arzt aus Münster hat schon viele Anfeindungen erlebt. Deshalb sollen wir seinen Namen nicht nennen. Er macht trotzdem weiter. Vorerst hilft er in Bremen aus, obwohl auch er vor kurzem in Rente ging.

Arzt   

"Die Leute sind mehr oder weniger militant. Es gibt hässliche Post, die man im Briefkasten findet und, und, und."

Kontraste

"Aber das hat sie auch noch nicht davon abgehalten weiterzumachen?"

Arzt

"Nein, das hat mich nicht davon abgehalten, das hält mich auch nicht davon ab. Das bringt mich auf die Palme eher. Wir wollen den, oder wir wollen ein, eines darstellen. Ich bin kein absoluter Freund des Schwangerschaftsabbruches, aber ich denke, dass er in gewissen Situationen notwendig ist und als eine Art Notbremse muss er existieren."

Doch die unerschrockenen Ärzte von einst gehen.

Und für die Zukünftigen ist das Thema Schwangerschaftsabbruch im Studium noch immer kaum vorgesehen. Dagegen wehren sich nun einige Berliner Studentinnen. Alicia Baier hat eine Gruppe gegründet, um den Lehrplan zu verändern.

Alicia Baier, "Medical Students for Choice"

"Das kann doch nicht sein, das ist doch so ein relevantes Thema, das betrifft so viele Frauen, und das sind 100.000 Eingriffe im Jahr in Deutschland und wir haben 6 Jahre Studium und es kommt einfach nicht vor. Also was ist da los?"

Aus Protest organisieren sie seit einiger Zeit eigene Praxiskurse. Das wirkt: Künftig sollen die Studenten an der Berliner Charité besser auf die Notlage von Frauen vorbereitet werden. Immerhin ein Anfangserfolg – über 40 Jahre nachdem sich Frauen ein Recht auf Abtreibung erkämpft haben.

Beitrag von Diana Kulozik, Axel Svehla und Lisa Wandt

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