Lunapharm-Skandal weitet sich aus - Neue Ermittlungsakten und das Behördenversagen

Der Skandal um gestohlene und möglicherweise unwirksame Krebsmedikamente aus Griechenland weitet sich aus. Kontraste liegen neue Ermittlungsakten aus Griechenland vor. Sie zeigen, wie international weit verzweigt das mutmaßlich kriminelle Netzwerk tätig war. Gleichzeitig wird das Ausmaß des Behördenversagens in Brandenburg immer größer. Viele betroffene Krebspatienten sind immer noch ahnungslos.

Anmoderation: Heute und gestern durchsuchten Fahnder Wohnungen und Büros in gleich mehreren deutschen Städten und der Schweiz. Der Pharma-Skandal, den wir kürzlich aufdeckt haben, zieht immer weitere Kreise. Im Juli hatten wir berichtet, dass gestohlene und unsachgemäß gelagerte Krebsmedikamente aus Griechenland über einen Brandenburger Pharmahändler nach Deutschland importiert und hier weiterverkauft wurden. Mit Kollegen vom Spiegel und vom Schweizer Rundfunk haben wir weiterrecherchiert und rausgefunden: Es geht um ein europaweites Netzwerk und wohl auch um Hehlerei im großen Stil. Die brandenburgische Gesundheitsministerin, deren Behörde bei der Kontrolle völlig versagte, gerät immer mehr unter Druck. Und Krebspatienten sind deutschlandweit verunsichert.  Caroline Walter und Ismahan Alboga.

Krebspatientinnen

"Natürlich hat man dann auch so das Gefühl, ok, wenn das jetzt mir passiert ist, meine Medikamente nicht wirken, ist  dann ein Todesurteil, habe ich doch dann eine verkürzte Lebenserwartung."

"Dass das über so eine lange Zeit auch läuft, das ist ja unglaublich, dass man das so lange auch vertuschen konnte."

"Wir haben einfach darauf vertraut und heute stehen wir vor einem gewissen Scherbenhaufen."

Wir sind bei einer Selbsthilfegruppe für Krebspatientinnen in der Nähe Berlins. Einige stecken mitten in der Behandlung. Die Verunsicherung ist groß.

Kontraste hatte aufgedeckt: Über Jahre wurden Krebsmedikamente in Griechenland aus Kliniken gestohlen und von dem in Brandenburg ansässigen Händler Lunapharm illegal vertrieben. Ihre Wirkung war nicht mehr sicher: Tausende Patienten sind in Deutschland davon betroffen.

Die Verantwortung für diesen Skandal liegt bei der Brandenburgischen Gesundheitsministerin Diana Golze. Nach der Kontraste-Sendung im Juli wiegelte sie erst einmal ab. "Ich finde diesen reißerischen Beitrag unverantwortlich." Und behauptet: "Die Sicherheit der Menschen war zu keiner Zeit gefährdet."

Ihr Abteilungsleiter legt nach.  

Thomas Barta, Abteilungsleiter Gesundheitsministerium  

"Zunächst mal bedauere ich, dass die Aufsicht in Brandenburg so hingestellt wird, als würde sie schlafen und schlampen. Das Gegenteil ist der Fall."

Kein Behördenversagen? Dabei konnte unter den Augen dieser Aufsicht, ein kriminelles Netzwerk empfindliche Krebsarzneien nach Deutschland schleusen. Drehscheibe des Handels war diese Apotheke in Athen: sie gehört dem Deutsch-Ägypter Mohamed Deyab Hussein. Der Schmuggel lief über einen Fischmarkt und viele abenteuerliche Wege und Lager in Europa – um Spuren zu verwischen. Die griechische Polizei fand bei den Verhaftungen noch einige Packungen:

Polizei Griechenland

"Die Räumlichkeiten, in denen wir die Medikamente beschlagnahmt haben, wurden als ungeeignet beurteilt,  so dass diese Medikamente gefährlich für die öffentliche Gesundheit sind."

Die geschmuggelten Arzneien wurden nicht sachgemäß gekühlt und transportiert, so wie es die Hersteller vorschreiben. Die Folge: die Wirkung geht verloren.

Zwei Wochen nach unserem Bericht  macht die Ministerin die Kehrtwende – bei einer Sondersitzung im Brandenburger Landtag räumt sie große Versäumnisse ein.

Diana Golze (Die Linke), Gesundheitsministerin Brandenburg

"Dass ich es zutiefst bedaure und mich auch entschuldige dafür, dass offensichtlich in diesem Fall, die Aufsichtsstrukturen die im Land Brandenburg dazu dienen sollen, solche Vorgänge zu verhindern, nicht funktioniert haben".

Die Ministerin verteidigt sich damit, dass ihre Mitarbeiter sie nicht informiert hätten.

Es stellt sich heraus: Der zuständige Kontrolleur hat eine entscheidende Inspektion 2017 bei Lunapharm vorher angekündigt – die Folge: man fand vor Ort keine Krebsmedikamente zur Auslieferung, die man sicherstellen konnte.

Diana Golze (Die Linke), Gesundheitsministerin Brandenburg

"Das ist aus unserer Sicht der große Fehler auch gewesen."

Das Kontrollversagen der Behörden hat offenbar System. Wir treffen einen Informanten: Er hat für einen anderen Pharmahändler in Brandenburg gearbeitet, der 2014 in einen ähnlichen Skandal um gefälschte Medikamente verwickelt war. Zuständig waren damals dieselben Kontrolleure wie bei Lunapharm.

Informant

"Die Kontrolle wurde damals sehr lasch gehandhabt. Man hat nur Fotos von Medikamenten gemacht, die Ware selbst wurde gar nicht untersucht. Dabei hat unser Einkäufer Medikamente auch schon mal auf einem Parkplatz in Rumänien übergeben bekommen. Wir dachten, unsere Firma würde geschlossen, aber der Kontrolleur meinte, das wird schon. Letztlich ist dann nichts passiert."

Die Patientensicherheit spielte, so erzählt der Insider, überhaupt keine Rolle. Wie im aktuellen Fall Lunapharm.

Das Brandenburger Gesundheitsministerium hat jetzt zwar Rückrufe von Medikamenten veranlasst – sich dabei aber nur auf die Angaben von Lunapharm verlassen, die Listen sind unvollständig.

Kontraste liegen neue Ermittlungsakten aus Griechenland vor. Sie zeigen: Lunapharm hat bereits viel früher von dem kriminellen Netzwerk Medikamente gekauft.

Wir konfrontieren die Ministerin:

Kontraste

"Ist Ihnen bekannt, dass Lunapharm bereits im Jahr 2013 für circa vier Millionen Euro Krebsmedikamente aus dieser griechischen Apotheke bezogen hat?

Diana Golze (Die Linke), Gesundheitsministerin Brandenburg

"Wir haben bis jetzt nur den Kenntnisstand für die Jahre, ich glaube, 2015 bis 2017. Diese Zahlen liegen uns derzeit vor."

Noch immer ist die Ministerin also nicht voll über die Dimension des Skandals informiert.

In den griechischen Akten finden wir Abhörprotokolle. Anfang 2018 hat die Polizei die Apotheke in Athen und den deutschen Besitzer Deyab Hussein am Telefon abgehört. Daraus geht hervor: Wohlwissend dass es illegal ist, hat Lunapharm 2018 weiter Geschäfte mit der Apotheke gemacht.

Am Telefon wird sogar um den Preis geschachert:

Deyab Hussein

"Wenn Du willst, kannst du an Luna die verfügbare Ware schicken. Zwei Packungen Perjeta."

Mitarbeiterin Apotheke Athen

"OK."

Deyab Hussein

"Welchen Preis haben wir das letzte Mal an Susanna für Perjeta geschickt."

Mitarbeiterin Apotheke Athen

"2.800 Euro ist der letzte Preis, den ich für Luna habe."

Deyab Hussein

"Was hat sie akzeptiert?"

Mitarbeiterin Apotheke Athen

"In der Bestätigung hat sie für Perjeta 1900 Euro geschrieben. Aha, 1000 Euro weniger…"

Kontraste

"War Ihnen denn bekannt, dass Lunapharm noch 2018 in der Apotheke eigekauft hat und das hier vertrieben hat."

Diana Golze (Die Linke), Gesundheitsministerin Brandenburg

"Mir war das nicht bekannt."

Kontraste

"Aber wie kann das sein, dass das alles nicht bekannt ist, obwohl in Griechenland die Ermittlungen ergeben haben?"

Diana Golze (Die Linke), Gesundheitsministerin Brandenburg

"Das werden wir jetzt herausfinden müssen."

Unglaublich: Die Brandenburger Arzneimittelaufsicht hatte Lunapharm zwar Mitte 2017 untersagt, mit Griechenland zu handeln, aber überprüft wurde das nicht.

Die neuen Dokumente zeigen: Allein in den Jahren 2013 bis 2016 hat Lunapharm Krebsarzneien von der griechischen Apotheke für mehr als 20 Millionen Euro gekauft.

Lunapharm bezahlte direkt an Deyab Hussein und an dessen Firma Rheingold in Hessen. Gestern durchsuchte die Staatsanwaltschaft die Geschäftsräume und mehrere Wohnungen an sechs Orten in Hessen.

Thomas Meyer, Staatsanwaltschaft Potsdam

"Es besteht gegen fünf Beschuldigte der Verdacht der gewerbsmäßiger Hehlerei beziehungsweise Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz."

Hinter dem Skandal steht ein europaweites Netzwerk, das offenbaren die Abhörprotokolle. Beliefert wurde, neben Lunapharm, ein Händler in den Niederlanden.

Aber auch ein deutschen Pharmahändler in der Schweiz. In Telefonaten bezeichnet Deyab Hussein den Firmenchef schmeichelnd als "mein König".

Bilder von einer Razzia heute Morgen bei der Firma – die Schweizer Arzneimittelbehörde beschlagnahmt Unterlagen.

Eine Spur führt zudem nach Italien: zu einer Apotheke in Neapel. Auch sie treibt regen Handel mit Deyab Hussein. Und: Laut einem abgehörten Telefonat soll die italienische Apotheke Geschäfte mit gefälschten Medikamenten machen.

Patienten sind solchen Machenschaften ausgeliefert. Sie vertrauen darauf, dass die Arzneimittelüberwachung funktioniert, sagt Christine Färber. Sie ist Gesundheitsexpertin und war in Brandenburg SPD-Politikerin. Derzeit ist sie selbst an Krebs erkrankt. Sie ist wütend über das Versagen von Gesundheitsministerin Golze und fordert ihren Rücktritt.

Christine Färber, Gesundheitsexpertin

"Sie hat Mist gebaut, dafür muss sie geradestehen, sie hat ihre Organisation schlecht aufgestellt, dafür ist sie verantwortlich. So. Und sie kommt mir ein bisschen vor, wie eine Kapitänin auf einem Schiff, die wenn das Schiff ein Problem hat, sagt: Das erste Beiboot ist meins."

Die Gesundheitsministerin hat eine Task Force eingesetzt, die den Skandal aufklären soll. Aber die entscheidende Frage für Patienten kann sie nicht klären: Welche der illegalen Krebsmedikamente noch wirksam waren. Denn die tatsächlich ausgelieferten Mittel wurden nie untersucht - nur sogenannte Rückstellmuster, die man manipulieren kann. Für Patienten bleibt die Ungewissheit.

Christine Färber, Gesundheitsexpertin

"Dieses Gefühl, da kann was bei mir schief gelaufen sein. Das Suchen nach einer Schuld, das Suchen nach Informationen. Das macht einen fertig. Das ist schlimm."

Beitrag von Ismahan Alboga und Caroline Walter

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